Selektive Wahrnehmung

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Vergangene Woche und schon einige Zeit vorher waren die bürgerlichen Medien voll von "Berichterstattung" über einen bevorstehenden "Marsch der Millionen" in Moskau. Nach Polizeiangaben kamen zu der Veranstaltung dann 18 000. Das mag untertrieben sein, aber die Veranstalter selbst waren bezüglich der Teilnehmerzahlen ziemlich einsilbig - die Sache war eher ein Flop.

 

Heute haben in Rom 200 000 Menschen gegen die Regierung demonstriert. Das wurde von den selben Medien weder vorbereitend erörtert, noch wird es nachträglich ein Thema sein. Es ist schon journalistische Kühnheit, die Tatsache als solche zu melden.

 

So viel zu den "freien Medien". Sie bauschen auf, wo es politisch opportun ist, sie schweigen, wo politisch Unangenehmes für die Herrschenden passiert. - Lakaien der Macht; Speichellecker und Manipulateure: Das ist, was man völlig zu Unrecht "freie Medien" nennt. Damit formen sie das Bewusstsein der Medienkonsumenten, das westliche Weltbild in den Köpfen. Wirklichkeit und Wahrnehmung klaffen inzwischen so weit auseinander, dass sich allgemeines Unbehagen ausbreitet.

 

Die "Politikverdrossenheit" ist ein Symptom dafür. Sie ist ein Zwischenstadium. Die Wirkung der alten Manipulationsmethoden lässt nach. Die Journaille zahlt für sie einen Preis. - Ihre Reputation geht zugrunde. "Die Politik" ist ein Sumpf von Verlogenheit. "Die Medien" sind es auch. Das westliche Weltbild wackelt, zerbröselt. Ein neues, der Wirklichkeit besser entsprechendes formt sich erst tastend bei den kritischsten Elementen der Gesellschaft aus, während die Masse das Alte nicht mehr glaubt und das Neue noch nicht wahrnehmen will.

 

Die Realität ist aber ein unerbittlicher Lehrmeister.

Veröffentlicht in Medien

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Inson 06/19/2012 10:55


Ich war der Annahme, daß Brecht-Zitat spreche für sich und bedarf keiner Interpretation?! Die Aussage, in ihrer einfachen und zwingenden Logik, bedeutet im Bezug auf den Artikel "Selektive
Wahrnehmung", daß um das bürgerliche Meinungsmonopol zu brechen möglichst viele Menschen die Wahrheit verbreiten müssen, damit möglichst viele Menschen die Wahrheit antizipieren um damit
letztendlich der Vernunft zum Durchbruch zu verhelfen.


Das Sein bestimmt das Bewußtsein. Das manipulierte Bewußtsein verdrängt das gesellschaftliche Sein. Die Realität wird verzerrt und selektiv wahrgenommen. Roland M. Schernikau sagte auf dem
Kongress der Schriftsteller der DDR vom 01.bis zum 03. März 1990: "Die DDR hat sich wehrlos gemacht, systematisch, mit offenen Augen. Endlich können wir auch die
Erfahrungen der Linken im Westen verwerten!, das heißt: Wir werden sie bitter nötig haben. Wer die Gewerkschaft fordert, wird den Unternehmerverband kriegen. Wer den Videorekorder will, wird die
Videofilme kriegen. Wer die Buntheit des Westens will, wird die Verzweiflung des Westens kriegen. Wer Bananen essen will, muß die Neger verhungern lassen. Wer die Spaltung
Europas überwinden will, muß den Westen siegen lassen."


Ich sehe keinen anderen Weg, als die Menschen immer wieder mit der Wahrheit zu konfrontieren und ihnen zu sagen worauf der relative Reichtum hier basiert. Und dazu leistet
dieser Blog einen ausnehmend guten Beitrag!

gkb 06/17/2012 16:56


Es war eine Bewegung, und die Massen der Prekarisierten und Proleten haben sich in bislang kaum gekanntem Umfang beteiligt und "dazu verhalten", ebenso wie - in weiterhin fortbestandskritischer
Unterschiedlichkeit - der DKP-Anhang.


 


Zu weiter oben: Soweit ich überblicke, hat hier niemand gesagt, dass die Entwicklung der Rifondazione in Italien zwangsläufig war, vielmehr das Gegenteil - Ergebnis der Entscheidungen ihrer
Mitglieder.

gkb 06/17/2012 15:46


Zum Bewusstsein in Deutschland: Man muss nicht "vermutlich" sagen, sondern es liegt ja eine Entwicklung auf dem Tisch: Die demonstrative Terrorisierung und Verelendung eines Fünftels der
"arbeitsfähigen" Bevölkerung mit Hartz IV hat vor sieben Jahren zur Entwicklung einer neuen politischen Bewegung und dann Partei geführt. Sogar die Parteienlandschaft ist gegen alle medialen
Widrigkeiten durcheinander gebracht worden.


 


Erst hieß es sinngemäß "Hartz IV ist scheiße!", was ich ausbaufähig fand. Jetzt heißt es - durch die eigene, selbst redigierte Entwicklung dieser Bewegung/Partei - "Hartz IV ist scheiße gemacht",
also nicht mehr ein Problem für die Leute, sondern für den politischen Apparat.


 


Da hat sich das konstruktiv zum Ideal der Demokratie stehende Bewusstsein nationalistisch weiterentwickelt, viele Menschen mit gründlicherer Vorbildung haben sich daran beteiligt, um "was zu
bewirken". Das ist geschehen. Heute wird jede Flexibilisierung und Niedriglohnisierung in jeder Branche hier und jede Regelsatz-Streichung dort unter dem Gesichtspunkt und der Parole der
Gerechtigkeit durchgesetzt.


 


Das ist der Verlauf bis hierher, sehr aktiv gestaltet von den Geschädigten, die sich erstmals seit Jahrzehnten in Deutschland, ausdrücklich als ökonomisch Geschädigte politisch aufgemacht hatten.
Sie haben "besseres Leben" und "politische Anerkennung" verwechselt. Das sollte man ihnen ausreden. Schwierige Sache.

Sepp Aigner 06/17/2012 16:38



Mit der Partei/Bewegung meinst Du, nehme ich an, die Linkspartei. Aber die ist ja gerade nicht Ergebnis einer Bewegung von unten, etwa von Prekarisierten. Die sind bloss ein Teil ihrer
Wählerklientel und werden als solche betreut. Dass kleine Gruppen von Prekarisierten via Linkspartei zu politischen Aktivisten werden, heisst eben nicht, dass sie die Führung einer wirklichen
Massenbewegung sind. Sie sind bloss ds Verbindungsglied für die politische Verwertbarkeit. Die Masse der Leute macht garnichts, ausser zu mosern und allenfalls Kreuzchen bei der Linkspartei zu
machen.


Dieser Masse muss man weniger etwas ausreden als etwas "einreden": Selbst ist der Mann und die Frau.



gkb 06/17/2012 15:32


Zu dem, was "als nächstes" kommt, trägt man eben in einem saubescheidenen Umfang selber bei - als Kommunist: Entweder sagt man in Rom rum "So einen Blödsinn lasst Ihr Euch von der CGIL
auftischen?! Die Frau redet ja wie der Monti selber." Oder man hält hoch, was von was der Anfang sein könnte. Soll die Rifondazione damit "wieder anfangen"?

gkb 06/17/2012 14:52


Ohne meinen müßigen Einwurf zu einem angeblichen Mainstream in diesem Blog fortsetzen zu wollen, was zum vorliegenden Artikel:


 


Die "Entwicklung der Wirklichkeit" in Italien ist so, dass an den Lebensbedingungen der Leute um der Krisenbewältigung gespart wird, wo es nur geht. Gleichzeitig lässt eine wie man hört ziemlich
große Menge von Geschädigten einer Vertreterin der Arbeiterschaft einfach so durchgehen, "Wachstum für Italien" als eine Hauptforderung an die Regierung zu formulieren.


 


Das hat meiner Meinung nach eine beträchtliche Schnittmenge mit dem nationalistischen Taumel, der EM-üblich derzeit besonders bunt ausblüht.


 


Im Italien der 90er Jahre in eine Kommunistische Partei einzutreten hätte für Sepp geheißen, sich der Rifondazione anzuschließen. Ich würde sagen, deren Billigung solchen sparsamen Denkens in
Bezug auf Renten, Löhne, flexible Beschäftigung unter dem Titel "Sonst kommt Berlusconi zurück" hat nicht nur Berlusconi zurückgebracht, sondern maßgeblich zur nationalistischen Verblödung der
vormals durchaus organisierten Arbeiterschaft beigetragen.


 


Schön ausgeblüht hat dies dann in der Endphase der vorerst letzten Berlusconi-Ära, als kaum mehr jemand dem Cavalliere Caimano anderes vorzuhalten wusste als seine Weibergeschichten. Bezüglich
der "Sachzwänge" und der bösen Signora Angela in Berlino war und ist man sich im paese di merda  ja weitgehend einig.

Sepp Aigner 06/17/2012 15:21



Vermutlich läuft das so ähnlich wie in Deutchland. Die Unzufriedenheit und die Angst vor der Zukunft nehmen zu - und die Reaktion ist zunächst die irreale Hoffnung, es handele sich bei der
gegenwärtigen Lage um etwas Vorübergehendes. Die unsinnigen Appelle an die Regierung haben wohl deshalb in der Arbeiterklasse und bei sonstigen Gebeutelten Unterstützung oder werden jedenfalls
hingenommen. Aber was kommt als nächstes ? Es wird die Erfahrung gemacht werden, dass es sich nicht um etwas Vorübergehendes handelt. Man kann sich natürlich auch unter den mistigsten Umständen
irgendwie einrichten. Aber die Gründe für Umdenken werden jedenfalls stärker.


Dss Rifondazione sichso entwickelt hat, wie sie es nun mal getan hat, war zwar in ihr angelegt, aber trotzdem nicht zwangsläufig. Jetzt muss man halt ziemlichweit unten - nicht gerade bei Null,
aber ziemlich weit unten - wieder anfangen.