Springer, seine Nazis und Israel

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Solche Juden will er nicht

Springers Konzern trommelt gegen eine Ausstellung über sein Verhältnis zu den Juden, weil diese auch die antisemitischen Naziberater des Zeitungszaren erwähnt

Von Otto Köhler
Paul Karl Schmidt, hier im Mai 1939 mit Reichsaußenministe
Paul Karl Schmidt, hier im Mai 1939 mit Reichsaußenminister Joachim von Ribbentrop (Mitte, sitzend) auf der Fahrt von Mailand nach Berlin, brachte es während der Nazizeit zum SS-Obersturmbannführer

 

 

Die Lektüre fiel mir schwer, ich mußte mich tief hinunterbeugen, schließlich kniete ich vor dem DIN-A4-Blatt hinter Glas und notierte mühsam, was ich las: »Es widerstrebt uns, in der Kritik großer Zeitungsunternehmen dadurch behindert zu sein, daß das Unternehmen Millionenbeträge für Zwecke aufwendet, die unserem Herzen nahestehen. Wir wollen einem Verleger, dessen Tüchtigkeit und finanzielle Potenz sich dadurch zeigen, daß er Vorhaben wie den Bau eines Wolkenkratzers an der Sektorengrenze mit all den damit verbundenen Risiken und Kosten auf sich nehmen kann, in Freiheit und Unbefangenheit gegenüberstehen …«

Das schrieb 1966 der Jüdische Pressedienst des Zentralrats der Juden in Deutschland. Damals hatte Axel Springer mit einer hohen Summe das Israel-Museum in Jerusalem gefördert. Der Jüdische Pressedienst aber wollte auch weiterhin »antijudaistische Artikel« in Springers Illustrierter »Kristall« frei und unbefangen kritisieren dürfen.

Noch heute, 27 Jahre nach Axel Springers Tod, haben Juden in Deutschland um ihre Freiheit und Unabhängigkeit von dem großen Mäzen Israels und der Juden zu kämpfen. »Bild dir dein Volk! Axel Springer und die Juden« heißt die Ausstellung des Jüdischen Museums in Frankfurt, die letzten Mittwoch eröffnet wurde (sie läuft noch bis 29. Juli). Sie stieß sofort auf heftige Kritik durch Springers Qualitätsblatt Die Welt: Museumschef Raphael Gross und Kurator Dmitrij Belkin hätten sein selbstloses Engagement zugunsten Israels und der Aussöhnung über den Abgrund des Rassenwahns hinweg schlicht würdigen können. Statt dessen rückten sie eine ›Ambivalenz‹ in den Vordergrund, die zwar existiert, deren Bedeutung aber durchaus relativiert werden muß.«

Ambivalenz? Zu den vier Grundsätzen, auf die Axel Springer seine Redakteure verpflichtete – und das steht auch heute noch in den Arbeitsverträgen – zählt: »das Herbeiführen einer Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen; hierzu gehört auch die die Unterstützung der Lebensrechte des israelischen Volkes.«

Formuliert hat Springers schöne Sätze über die Aussöhnung mit den Juden der SS-Obersturmbannführer Paul Karl Schmidt (Paul Carell), ein wütender Antisemit. Er war bis zu Springers Tod – immer im Verbund mit dem BND – dessen engster Vertrauensmann. Auf ihn kommen wir noch.

Die Attacke gegen das Jüdische Museum und seine mangelnde Relativierung führt der zuständige Zeithistoriker von Welt und Berliner Morgenpost, Sven Felix Kellerhoff, kompetent und zuverlässig. Er steht wegen seines Reichstagsbrandbuches, das die Unschuld der Nazis festschreibt, unter dem besonderen Schutz des Bundestagspräsidenten Norbert Lammert (siehe jW vom 27.2.2012). Und er besitzt hohe Fachkunde beim Fälschen von Zitaten aus Büchern, die ihm mißfallen (siehe jW vom 26.2.1011). Selbst Bild kann mit einem solchen Klitterkünstler nicht mithalten und verzichtete lieber auf eine Kritik der Ausstellung, in der dieses Blatt doch so häufig vorkommt.

Kellerhoff rügt, daß schon in den Eröffnungsreden »die Zurückhaltung bemerkenswert« gewesen sei, »die Hauptperson der Ausstellung zu loben«. Zu mächtig seien noch immer »die Vorurteile gegen den deutschen Patrioten Axel Springer«. Ihn schlicht würdigen, alles andere relativieren, unter den Tisch fallen zu lassen, das ist das Gebot. Gewiß, die zwei »ehemaligen Nazis« an der Verlagsspitze, Horst Mahnke und Paul Carell (Kellerhoff schreibt konsequent Carrell), die hier »relativiert« werden sollen, lassen sich relativieren – quantitativ: Es sind nur zwei in einer ganzen Fülle einstiger Nazijournalisten, die neben wenigen jüdischen Remigranten zu Springers Lebzeiten im Konzern arbeiteten.

Gärstoff der Zersetzung

Und ihre Bedeutung für das Verlagshaus läßt sich nicht herunterspielen. Allenfalls insofern, als sie beide nach Hitlers Ende zunächst für den Spiegel gearbeitet hatten. Paul Karl Schmidt, der erst bei Springer den Namen Paul Carell annahm, und Gestapo-Chef Rudolf Diels haben dort als erste das Dogma von der Unschuld der Nazis am Reichstagsbrand verkündet, das später in einer ganzen Spiegel-Serie verbreitet wurde.

Paul Karl Schmidt – Christian Plögers gründliche Dissertation vermittelt seinen Lebensweg »Von Ribbentrop zu Springer« (Tectum Verlag) – trat schon als Oberprimaner der NSDAP bei, hielt 1933 die Festrede zur Bücherverbrennung in Kiel, trat in die SS (zuletzt Obersturmbannführer) ein und wurde 1939 Pressechef in Ribbentrops Auswärtigem Amt, wo er in Konkurrenz zu Goebbels ein eigenes europäisches Pressereich, den Mundus-Konzern, aufzog. In seiner täglichen Auslandspressekonferenz bedrohte er auch schon mal ungehorsame Schweizer Korrespondenten mit dem Tod. Das »Judentum« betrachtete Schmidt als »Krankheitserreger«, als »Gärstoff für die Zersetzung und den Tod eines jeden nationalen Organismus«. Dementsprechend regte er im Mai 1944 in einer »Notiz für Herrn Staatssekretär« anläßlich der bevorstehenden Deportation der Budapester Juden an, man möge doch zur Vorbeugung gegen das Geschrei der Gegner »Sprengstoffunde in jüdischen Vereinshäusern und Synagogen« arrangieren: »Der Schlußstein unter eine solche Aktion müßte ein besonders krasser Fall sein, an dem man dann die Großrazzia aufhängt.«

1959, als Schmidt unter dem Decknamen Paul Carell Serien über die anständige Wehrmacht im Osten in Springers Landserillustrierter Kristall schrieb, versuchte die Frankfurter Rundschau, diese mörderische Schmidt-Notiz an die Öffentlichkeit zu bringen. In Hamburg vergebens. Dort erschienen in Springers Auftrag Männer mit Rucksäcken an den Kiosken und kauften alle Exemplare zusammen. Nachdem Kristall endlich wegen Leserschwunds eingestellt werden mußte, stieg Schmidt-Carell zu Springers engstem Berater und zum persönlichen Sicherheitsbeauftragten auf. Er schrieb ihm auch seine Reden, in denen er sich unentwegt zur »Versöhnung mit dem Judentum« bereit erklärte.

Der zweite, der Springers Verhältnis zum Judentum jene »Ambivalenz« verleiht, die zu relativieren geboten ist, war SS-Hauptsturmführer Horst Mahnke aus dem Reichssicherheitshauptamt. Er betreute dort in der Abteilung »Gegnerforschung« das Referat »Marxismus«. Um die Praxis nicht zu vernachlässigen zog er als Adjutant seines Vorgesetzten Franz Alfred Six im Vorauskommando Moskau der »Einsatzgruppe B« zum Morden insbesondere der jüdischen Intelligenz bis fast vor Moskau. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis schrieb er mit seinem Kollegen vom SS-Sicherheitsdienst (SD) Georg Wolff eine antisemitische Spiegel-Serie über die Untaten der Auschwitz entkommenen jüdischen Kaffeeschmuggler im Nachkriegswestdeutschland. Beide wurden darauf Ressortleiter des deutschen Nachrichtenmagazins. Mahnke zog später zu Springer und betreute als Kristall-Chefredakteur seinen SS-Kollegen Schmidt-Carell. Zugleich spionierte er mit Hilfe seines SD-Freundes Georg (»Der Deutsche«) Wolff, der geblieben war, den Spiegel für Springer aus.

In der Zeit der Studentenbewegung macht Axel Springer den erfahrenen Gegnerforscher des SD zum Leiter seines politischen Büros: Als Überchefredakteur koordinierte er die Berichterstattung über den »immatrikulierten, mobilisierten Mob« (Die Welt). »Störenfriede ausmerzen« (Berliner Morgenpost), hieß die Parole, die dann auch – Ohnesorg, Dutschke – in die Tat umgesetzt wurde.

»Zwei ehemalige Nazis im Verlag« – Kellerhoffs Welt findet das nicht so schlimm: Diese »beiden früheren NS-Funktionäre« konnten doch »reibungslos mit einem anderen engen Vertrauten des Verlegers zusammenarbeiten«, dem heimgekehrten Emigranten Ernst Cramer«. Und der habe schließlich »seine Eltern und seinen Bruder im Holocaust verloren«. Er habe zwar »nach eigener Aussage die Zusammenarbeit mit Carrell und Mahnke nie ›sehr angenehm‹« gefunden, aber eben »auch nicht unerträglich«.

Hitler überhitlert

Inspiriert von Rommels Wüstenfüchsen: Axel Springer (M
Inspiriert von Rommels Wüstenfüchsen: Axel Springer (Mitte links) und der Bürgermeister Jerusalems, Teddy Kollek, bei einem Spaziergang durch das »Berlin des Nahen Ostens« (14.6.1967)
In Kellerhoffs Anklage gegen das Jüdische Museum heißt es weiter: »Zu den Schwächen der Ausstellung gehört, daß sie auf der Suche nach weiteren Beispielen für die ›Ambivalenz‹ auch zwei weitere führende Mitarbeiter des Verlages in eine Kontinuität zum Nationalsozialismus stellt, die das gewiß nicht verdienen. Weder Hans Zehrer, Anfang 1946 der ›Erfinder‹ der Welt und 1953 bis 1966 ihr Chefredakteur, noch Eduard Rhein von der HörZu! kann man als NS-Journalisten bezeichnen.«

Schon Carl von Ossietzky, falls Kellerhoff mal von ihm gehört haben sollte, – er konnte. Über die Tat-Redakteure Hans Zehrer und Friedrich Zimmermann schrieb der Weltbühnen-Herausgeber drei Monate, bevor er nach dem Reichstagsbrand ins KZ kam: »Hier wurde also mit vereinten Kräften das Chaos angesagt, hier wurde Hitler überhitlert und der Nationalsozialismus in eine moderne Bildungssprache übertragen, ohne aber in dieser Verkleidung etwas von seinem natürlichen Charme einzubüßen.«

Überhitler Zehrer allerdings stolperte zu Beginn seines »Dritten Reiches«. Er hatte auf Kurt von Schleicher und eine Reichswehr-Diktatur gesetzt und den Führer hochmütig in den Reservestand versetzt: »Es würde eine Verkennung seiner Aufgabe sein, wollte er sich und seinen Mythos heute durch die Übernahme eines Amtes gefährden.«

Obwohl Zehrer sich gleich nach der Übernahme redlich für eine »Ausschaltung des jüdischen Einflusses« einsetzt, insbesondere den der Konkurrenz, nämlich der Weltbühne und des Tagebuchs, mußte er die Chefredaktion der Tat an seinen Freund Friedrich Zimmermann alias Ferdinand Fried abgeben. Der hatte sich 1932 nicht Schleicher, sondern Heinrich Himmler zum Freund gemacht. Zehrer ging erst mal ins innere Exil nach Sylt, wo er Springer kennenlernte und sein väterlicher Freund wurde.

1942 kam er zurück und machte aus dem Buchhaus Stalling einen ordentlichen Nazi-Verlag. 1946 wurde er dank eines unwissenden Besatzungsoffiziers Chefredakteur der damals noch britischen Welt. Als herauskam, wer er war, flog Zehrer schnell und beschäftigte sich dann erst einmal mit der Ausarbeitung eines Parteiprogramms für die DRP, unserer heutigen NPD. Springer kaufte 1953 die Welt den Briten ab und holte Zehrer vom Sonntagsblatt, wo er zwischengelandet war, in die Chefredaktion seines neuen Flaggschiffes. Zehrer brachte seinen alten Freund Ferdinand Fried als Wirtschaftsredakteur mit, der sich schon 1937 mit dem antisemitischen Buch »Der Aufstieg der Juden« als finsterer Experte qualifiziert hatte. Und als SS-Sturmbannführer mit eigener Professur im besetzten Prag. Wie viele Nazis Springer-Freund Zehrer sonst noch beschäftigte, läßt sich kaum mehr ergründen.

Auch der HörZu!-Chefredakteur und Springerfreund Eduard Rhein, den das Jüdische Museum laut Kellerhoffs Gebot, ebenso wenig wie Zehrer einen NS-Journalisten nennen darf, beschwor in der europäischen Nazi-Illustrierten Signal bis zuletzt antibolschewistische »Kraftreserven« und das germanische »Gemeinschaftsgefühl«.

Kellerhoff rügt, daß die Ausstellungsmacher Gross und Belkin »nicht auf einen Raum zu ›1968‹ verzichten konnten«. Das sei »der schwächste Raum der gesamten Ausstellung« und habe mit dem Thema »Axel Springer und die Juden« fast nichts zu tun: »Allein man glaubte vielleicht, diesen Raum dem Anti-Springer-Vorurteil in Frankfurt schuldig zu sein.« Und den Studenten. »Deren Antizionismus bleibt ausgespart.« Das ist falsch. Plakatwände über studentischen Antizionismus stehen mitten in der Ausstellung.

Richard Herzinger in der Welt am Sonntag versuchte, etwas anders der Ausstellung beizukommen: Springer erweise sich als »Motor und Vorkämpfer konsequenter Aufarbeitung deutscher Vergangenheit in einer Frühzeit der Republik, da das ›kollektive Beschweigen« der epochalen NS-Verbrechen noch Standard war – und lange bevor die 68er mit ihrem angeblich originären Antifaschismus die Bühne betraten.«

Doch an der »Frage, inwieweit deren militanter, von verkappten antisemitischen Ressentiments strotzender ›Antizionismus‹ ein wesentlicher Auslöser für die erbitterte Gegnerschaft Springers war, und nicht nur sein kompromißloser Antikommunismus, wagte sich die Frankfurter Ausstellung freilich (noch) nicht heran.«

Unsere Araber

Es war ein klein wenig anders, ich habe vor 45 Jahren gleich nach dem Sechstagekrieg 1967 zu beschreiben versucht, wofür Springer der Motor war. Und das beantwortete auch die Frage: Wie konnte es dazu kommen, daß aus deutschen Studenten, die sich bei »Aktion Sühnezeichen« für die Arbeit in den Kibbutzim begeistert hatten, heftige, ja manchmal auch brutale Kritiker Is­raels wurden. Und was hinter dem wie ein Sturm ausgebrochenen Philosemitismus der tonangebenden Springer-Blätter und der gleichgesonnenen »freiwilligen Springer-Presse« – so nannten wir das – steckte. Ich war damals beim Spiegel Medienkolumnist. Voller Wut jubelte ich:

***

Wahrlich, es war eine große Stunde. Die Israelis haben sich in die Herzen der Deutschen hineingesiegt, und wir alle sind fest entschlossen, den Juden unseren Antisemitismus von gestern nicht länger nachzutragen.

Freudig verkündete Die Welt die altvertraute Metapher: »Wie ein reinigendes Gewitter« sei »der Krieg im Nahen Osten« in die »drückende Atmosphäre« gefahren. Und siehe, »der Vormarsch der israelischen Truppen« wurde von den »meisten Menschen« bei uns als »begeisternd empfunden, als sei es der Kampf eines Brudervolkes«.

Denn jetzt, da Israel Krieg führt, erkennen wir endlich mit der Welt die »Wahrheit über die Juden«. Jetzt endlich sind »in wenigen Tagen 1900 Jahre Lüge und Verleumdung widerlegt und ad absurdum geführt worden«, jetzt endlich glauben wir, was wir vor wenigen Tagen noch nicht ahnten«, daß nämlich die Juden – die Welt enthüllt es – nicht »ein Volk von feigen Leisetretern« sind. Die Juden haben – welches Herz des deutschen Brudervolkes schlägt da nicht höher – einen »Blitzsieg« errungen.

Dieser Sieg ist unser. Denn wenn auch die Rheinische Post selbstkritisch unsere »Bierbank-Strategen« ermahnte, nicht den Aufmarsch der Panzerkolonnen auf nasse Wirtshaustische zu malen, eines ließ dieses Blatt doch unangetastet: »das Selbstbewußtsein, das der Gedanke an Rommel und an seinen Schüler Mosche Dajan« in deutschen Gemütern weckte.

Deshalb verlieh die Neue Revue den kämpfenden Israelis jenen Ehrennamen, der bisher Hitlers Soldaten in Nordafrika vorbehalten war, und überschrieb ihre Reportage: »So siegten die Wüstenfüchse«.

»Blitzkrieg – Blitzsieg« jubelt auch die Überschrift der Bunten, und bevor es noch soweit war, formulierte die begeisterte Welt: »Israels Panzer rollen dem Sieg entgegen.« Führten wir einst den totalen Krieg – so errang Israel heute den »totalen Sieg« (BZ).

»Welch ein Mann! Welch ein Volk!« jauchzt Bild über den Rommel-Schüler Mosche Dajan. Und Bild erkennt: »Unsere wirkliche Wiedergutmachung hat (…) erst jetzt begonnen. Und zwar genau in dem Augenblick, als Herr Maier in Bayern, Herr Lehmann in Düsseldorf und Herr Schulze in Berlin sagten: ›Donnerwetter, diese Juden (…)‹ Viele Deutsche, unter denen es einst viele Antisemiten gab, wollen nun auch nach Israel reisen.« Israel hat unseren Antisemitismus bewältigt, wir können den Juden endlich verzeihen. Mit Grund. Denn Israel hat uns auf eine feine Idee gebracht. Bild: »Die Soldaten der Israelis haben den Frieden gerettet. Durch ihren schnellen militärischen Vormarsch.« Ihr Erfolg: »Es gibt keine Grenzen mehr im Berlin des Nahen Ostens« (Bild am Sonntag).

Was läge näher, als das israelische Blitzsieg-Rezept auf das Jerusalem des allernächsten Ostens anzuwenden und auch dort durch Vormarsch den Frieden zu retten. Die Welt jedenfalls findet angesichts des wiedervereinigten Jerusalems spontan: »Man muß unwillkürlich an Berlin denken.« Bild erläutert für alle, die zu langsam begreifen: »Unsere Araber«, das sind: »Ulbrichts Volksarmee oder die Tschechen oder die Polen oder alle drei.«

Was hilft es da, daß diese drei die Bundesrepublik noch niemals so mörderisch bedrohten wie die Araber Israel, für die Welt am Sonntag ist jede Vergleichsmöglichkeit gegeben: »Der Aufstand in der Zone gehört heute schon der Geschichte an, und das bedeutet leider für viele Deutsche Vergessen. Den Israelis ist die Freiheit nicht geschenkt worden. Und auch den Deutschen wird sie nicht geschenkt werden.«

In der WamS-Kolumne, in der der klare Hausquell am klarsten sprudelt, werden eindeutige Lehren gezogen: »Die erste Lehre dieses außerordentlichen Feldzuges (…) ist die komplette Widerlegung der modischen These, daß Kriege nicht mehr »ein Mittel der Politik« seien. Sie sind es mehr denn je (…) Auch die kleinste Nation (kann), wenn sie nur ihren moralischen Anspruch mit ihrer ganzen Kraft zu vertreten bereit ist, Geschichte machen.«

Wir aber haben seit mehr als zwei Jahrzehnten nicht mehr Geschichte gemacht: Darum: »Niemand hat von Israels Haltung mehr zu lernen als Deutschland.«

Israel hat, wie Bild lehrt, durch Vormarsch den Frieden gerettet. Jetzt ist es – laut WamS -- an uns, den Friedenskampf fortzusetzen: »Ein Deutschland, das sich mit ruhiger Courage für seine Lebensinteressen einsetzt, wird den Weltfrieden retten.«

***

So war das 1967. Geschichte machen, durch Soldaten den Weltfrieden retten und die deutsche Einheit herstellen. Das war Springers Aufruf zum Krieg. Er machte aus den Israelis edle Nazis, die endlich das tun, was uns bisher gegen »unsere Araber« in der Zone noch nicht möglich war.

Und das ist Springers Schuld. Mit seiner Gleichsetzung von Israels Soldaten und der Naziwehrmacht, von Rommel und Dajan, hat er in die 68er Studenten, die gegen das Regime der alten Nazis in der Bundesrepublik aufstanden, jenen Antizionismus implantiert, der viele noch heute einseitig und absolut stets gegen Israel Partei ergreifen läßt.

Springer war selbst kein Nazi, wenn er auch noch so viele Nazifreunde hatte. Was ihn zum verordneten Philosemitismus für den Konzern voller Antisemiten trieb, ist schwer zu klären. Vielleicht war es – dazu immerhin war er fähig – das schlechte Gewissen gegenüber seiner leidenschaftlich geliebten ersten Ehefrau, einer – nach Globkes zoologischen Bestimmungen – »Halbjüdin«. Von ihr trennte sich der für das Politik­ressort der Altonaer Nachrichten zuständige Redakteur vor dem Amtsgericht. Damals 1938, »als jeder Schuft sich von seiner nichtarischen Frau scheiden ließ« (Carl Zuckmayer). Selbst Freund und Überhitler Zehrer ließ sich von seiner jüdischen Frau wegen »rassischer Verschiedenheit« erst dann scheiden, als sie in London den Nazis entkommen war.

Vorurteile gegen alte Nazis hatte Springer allerdings auch hier nicht: Seine dritte Frau Rosemarie war die Tochter des SS-Obergruppenführers Werner Lorenz, der als Chef der Vomi, der Volksdeutschen Mittelstelle, die Umsiedlung von 900000 Volksdeutschen samt Vertreibung und Ermordung der ansässigen, meist jüdischen, Bevölkerung durchführte. Springer stand diesem Schwiegervater und Massenmörder bei, als der in Nürnberg zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde. Und erst recht, als er schon nach sechs Jahren wieder frei kam.

Ullstein rearisiert

Über eines aber freut sich Kellerhoff: »Mehrere Exponate sind der Beziehung Springers zum deutsch-jüdischen Ullstein-Verlag gewidmet. 1959 übernahm der damals noch Hamburger Verleger die Mehrheit an dem an seine rechtmäßigen Eigentümer restituierten, aber finanziell angeschlagenen Traditionsverlag. Zugleich versprach er, den Namen Ullstein zu bewahren.«

Er versprach es. Aber das ist nun wirklich ein Manko der Ausstellung, die sich ihre Freiheit und Unbefangenheit gegenüber dem edlen Spender bewahrt hat: Sie unterrichtet nicht, was aus dem Versprechen geworden ist. Kellerhoff muß das wissen, hält aber den Mund. Gegen Ende seines Leben teilte Springer den Ullstein-Verlag mit dem rechtsradikalen Vertriebenenpolitiker Herbert Fleißner, der schon den Langen-Müller-Verlag in seinen Besitz gebracht hatte.

Nach Springer Tod wurde der Ullstein-Verlag rearisiert. Der junge Geschichtsumschreiber Rainer Zitelmann – Autor von »Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs« – machte jetzt das Programm von Ullstein/Propyläen. Zusammen mit seinen Freunden Uwe Backes und Eckhard Jesse, die sich inzwischen Lehrstühle in Dresden und Chemnitz erobert haben, gab Zitelmann den Sammelband »Die Schatten der Vergangenheit« heraus, der als geschichtsrevisionistisches Manifest mit antisemitischen Sentenzen berüchtigt ist. Viele einschlägige Werke folgten. Als Zitelmann aber Hans Mommsen vor die Tür setzte, der den Band über die Nazizeit des Sammelwerkes »Die Deutschen und ihre Nation« schreiben sollte, und als er statt Mommsen den Rechtsextremisten Karlheinz Weißmann mit dem Abfassen dieses Bandes beauftragte, da kam es zum Skandal. Die Springer-Kooperation mit Fleißner wurde aufgelöst. Zitelmann wurde als Ressortleiter zur Welt versetzt. Und auch da mußte er gehen, er hatte antisemitische Artikel ins Blatt gehoben. Der Ullstein Buchverlag aber wurde verkauft. Der jüdische Traditionsverlag ist schließlich beim Bonnier-Konzern gelandet.

Das alles ist in der Ausstellung und im Begleitbuch nicht zu finden. Von Kellerhoff keine Rüge. Obwohl er es sehr genau wissen muß. Denn er ist Nachfolger Zitelmanns im Zeitgeschichtsressort der Welt geworden, ein würdiger Nachfolger.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung für Deutschland besprach die Springer-Ausstellung in ihrem Regionalteil und spekulierte: »Wie hätte sich Deutschland entwickelt, wenn seine größte Boulevardzeitung und sein mächtiger Medienkonzern den in der NS-Zeit dem Volk eingetrichterten Antisemitismus nicht bekämpft, sondern bedient hätten?«

Anders? Die Antwort steht seit vorletztem Donnerstag bei Welt online. Kaum war Kellerhoffs Artikel ins Netz gestellt, kamen zwei Leserbriefe. Beide antisemitisch. Der letzte:

»aaaaaaaaaa……. jetzt ist zu verstehen, warum W.O. [Welt online] keine ›ehrliche u.o. negative berichterstattung‹ ueber die juden zulaeßt…….«

Da stellte Welt-Online – dort kennt man seinen Leserstamm – schleunigst die Kommentarfunktion ab.

Katalog: »Bild dir dein Volk!«, Wallstein Verlag, Göttingen 2012, 224 Seiten, 19,90 Euro,

http://www.jungewelt.de/2012/03-23/021.php

 

 

Veröffentlicht in Gegen Rechts

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antagonistica84 24/03/2012


Hallo Sepp!Toller Artikel,ich möchte nur hinzufügen,daß Mahnke und Schmitt alias Carrell


Ihre Karriere beim Nachrichtenmagazin-Der Spiegel-starteten.Mein Parteibuch hat einen


beeindruckenden Kommentar verfaßt über das deutsch-israelisch-amerikanische Ver-


hältnis.Matthias

antagonistica84 24/03/2012


Hast Du das Video gesehen Sepp?Zwei orthodoxe Juden besaßen sie Chuzpe


einmal Tacheles zu reden.Matthias

antagonistica84 24/03/2012


Nimm mir bloß meinen letzten bissigen Kommentar über die DDR nicht übel,


da ist noch allerhand Spielraum für tabula rasa.Wir Linken müssen endlich


einmal eine propere Diskussion hinbekommen was war,und zwar ungeschönt.


Matthias