Über die Listen der Geschichte

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Sozialistische Revolution heute ?

 

Die Frage zu stellen, erscheint am Beginn des 3. Jahrtausends auf den ersten Blick abwegig, ja laecherlich. Nach dem Untergang der SU und der osteuropaeischen sozialistischen Gesellschaften wird der Kapitalismus erst recht fuer unueberwindbar gehalten. Die revolutionaere Arbeiterbewegung ist in Europa und Nordamerika auf kleine Reste reduziert. Die Masse der Lohnabhaengigen waehlt hier sozialdemokratisch oder "rein buergerliche" Parteien und verhaelt sich auch ansonsten in ihrer grossen Mehrheit als kommentierende, maulende Masse von "Betroffenen", die zusehen, wie andere ueber ihr Schicksal bestimmen.

 

Aber die Geschichte ist listig. Sie neigt zu grausamen und absurden Kapriolen, zu Camouflage und Verwirrspielen - und doch sind das nur die Schnoerkel und Arabesken eines solide reissfesten historischen Wirkungsstrangs. Als die Pariser Marktweiber, die 1789 die Barrikaden errichteten und diese mit den erbeuteten Kanonen armierten, zur Marianne mit entbloesster Brust romantisiert wurden, zur Marianne, die sich heldenhaft mit der Trikolore in der Faust auf den feudalen Feind wirft; als die Manufakturarbeiter und die Stiefelputzer der Adeligen enthusiastisch die Parole Freiheit-Gleichheit-Bruderlichkeit bruellten und die von den Haelsen rollenden Koepfe ihrer Schinder beklatschten - wer hat da schon bedacht, was die Trikolore und die Zentralparole der buergerlichen Revolution wirklich bedeuteten ?

 

In England war es zur selben Zeit schon zu besichtigen. Die buergerliche Freiheit des zum Proleten verwandelten ehemaligen Hoerigen war gleich doppelt: Freiheit von Eigentum und Freiheit, das einzige zu verkaufen, was er besass: seine Arbeitskraft. Die freien Buerger, die Kapitalisten geworden waren, kauften Frau und Kinder gleich mit dazu und vernutzten alle zusammen fuenfzehn Stunden am Tag an der Werkbank. Das war die buergerliche Freiheit fuer die Menschen, denen in der neuen buergerlichen Gesellschaft bloss neue Fesseln angelegt wurden: anstatt der unentrinnbaren feudalen Standeszugehoerigkeit die des Arbeitsmarkts und der Lohnarbeit.

 

In ihren Flegeljahren ruinierte die Bourgeoisie, endlich von der feudalen Vormundschaft befreit und endlich auf dem Boden der eigenen Gesellschaftsordnung, auch in den heute so professionell menschenrechtsgeschminkten "Westlichen Demokratien" Generationen von Maennern, Frauen und Kindern in den Fabriken und Bergwerken, und wer dort nicht gebraucht wurde, musste unmittelbar verhungern oder, wenn er Glueck hatte, auswandern. Und doch war die buergerliche Revolution ein riesiger Fortschritt.

 

- So grausam ist die Geschichte, bis heute. Sie ist aber keine Persoenlichkeit. Sie ist ein anderes Wort fuer den Verlauf der gesellschaftlichen Verhaeltnisse. Gesellschaftliche Verhaeltnisse: Das sind die Verhaeltnisse zwischen den Menschen. Sie sind es, die grausam sind, bis heute. Sind die Menschen also grausam ? Ja - unter den gegebenen Verhaeltnissen zwischen ihnen. Nach einem OECD-Bericht aus dem Jahr 2007 sterben in unseren modernen Zeiten jaehrlich 25 Millionen Kinder an Nahrungsmangel und laeppischen Krankheiten, die mit ein paar Medikamenten zu heilen waeren. Ein kleiner Krieg von heute, der im Irak, kostet eine halbe oder ganze Million Menschen das Leben, verstuemmelt eine mehrfache Zahl, zwingt ein Viertel der Bevoelkerung zu Flucht von ihren Wohnsitzen und macht von den Uebrigen die Haelfte arbeitslos. Man ist zutiefst betroffen.

 

Aber, was soll man denn machen ?!

 

Diese Frage gibt es, aber sie ist natuerlich bloss rhetorisch. Man will nichts machen und wird nichts machen, so lang es irgend noch geht, und die zu den modernen Schrecklichkeiten abgesonderte Moral ist der Ablass, den es bei den einschlaegigen NGOs preiswert zu kaufen gibt. Auch das Mitleid und das ein wenig gutgemachte schlechte Gewissen nimmt marktfoermige Gestalt an: Dauerauftrag fuer Aerzte ohne Grenzen.

Aber weil die Geschichte listig ist, wird es nicht dabei bleiben. Die historischen Gesetzmaessigkeiten nehmen ihren Verlauf, die gesellschaftlichen Verhaeltnisse entwickeln sich weiter, und der Uebergang vom denkfaulen Mitleid und der heuchlerischen Metropolenmoral zu ernsthaftem kritischen Denken und zur eigenen Tat braucht gluecklicherweise nicht vom unzuverlaessigen und ziemlich schwaechlichen Mitleid mit den armen Negerkindern erzwungen zu werden. Er wird erzwungen von der eigenen Lage.

Auch in Hinsicht auf diese ist vorlaeufig noch von allerhand Tiefsinnigkeiten die Rede - von Postmoderne und Globalisierung, von Sachzwaengen und Umweltbewusstsein, von Positivdenken und Mentaltraining, vom innersten Ich und demokratischen Grundwerten, vom Bewussterleben und neuer Bescheidenheit. Aber es wird schon werden. Der Stachel der eigenen Interessen piekt viel unangenehmer als das schlechte Gewissen. Dem Pieksen ist mit der Watte der modischen Flausen nicht zu entkommen. Der Stachel arbeitet sich durch zum Fleisch und reizt das Hirn zum Denken an.

 

Was ist denn eigentlich los ? Wieso ist denn das Leben nicht besser und wird eher schlechter ? Wieso macht der Modemuell, von dem die Supermaerkte ueberquellen, nicht zufrieden ? Wieso sind alle gefrustet, gestresst, haengen vor der Spielkonsole, fressen die BigMacks in sich rein, blaehen jedes Muskelchen auf, sparen sich die Hypothek vom Mund ab, nehmen selbst fuer die Woche DomRep-all-inclusive noch einen Kredit auf, wechseln den Partner wie das Hemd, ... wieso sind so viele so schlecht drauf ?

 

Ja, freilich, es ist immer noch unvergleichlich besser als im Senegal. Aber dass es anderen Leuten noch viel schlechter geht, ist ein zerbrechlicher Massstab. Metropolenfrust und -ueberdruss haben eine eigenstaendige Wirkung, die auf Dauer nicht von Vergleichen verschluckt werden kann. Die von der wirklichen gesellschaftlichen Entwicklung hervorgerufene Spannung zwischen Sein und Bewusstsein, zwischen Realitaet und ihrer medial vorgestanzten Abbildung in den Koepfen wird groesser, das Potential der energieableitenden ideologischen Hirngespinste erschoepft sich, das nackte eigene Interesse will heraus - begriffen und in Handeln umgesetzt werden.

 

Wo das akut wird, steht die Frage: Wo stehen wir historisch ? Welche Handlungsmoeglichkeiten gibt uns dieser geschichtliche Ort ? Wieviel Zwang kann ueberwunden werden ? Wieviel Freiheit ist moeglich ? Um wieviel menschlicher koennen wir werden ?

 

In dem Zusammenhang ist, ob es gefaellt oder nicht, von Sozialismus die Rede. Ja, von der Gesellschaftsordnung, die einen Stalin hervorgebracht hat ! Wie gesagt: Die Geschichte treibt Arabesken aus, die durchaus nicht zierlich sein muessen, und sie schlaegt Kapriolen. Aber waehrend und indem sie taenzelt oder droehnend aufstampft, geht sie voran.

 

Sepp Aigner, 2008

 

 

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