Über kommunistischen Antikommunismus

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

In den Politischen Thesen haben führende DKP-Genossinnen und -Genossen festgestellt, dass das Leben ein Lernprozess ist, der Klassenkampf zumal. Das ist nicht so ganz neu. Neu daran ist nur, das als etwas Neues hinzustellen. Die Kommunisten sprechen seit jeher von der Schule des Klassenkampfs und handeln auch nicht selten danach. Das hilft ihnen nichts. Sie müssen jetzt endlich lernen, was sie schon immer gemacht haben. Lehren und Lernen schliessen einander nicht aus, sondern seien bloss verschiedene Aspekte des selben Prozesses, nämlich zu versuchen, die Welt zu verstehen. Dafür sei sogar die "geistige Arbeit der ganz konkreten Menschen" erforderlich, erfahren wir in den Politischen Thesen, und dass der Frontalunterricht veraltet ist. Gut, Genossinnen und Genossen, es kann ja nichts schaden, wieder einmal aufzuschreiben, was seit hundert Jahren gedacht und gemacht wird.

 

Aber wozu behauptet Ihr, das sei was Neues ?

 

Die Methodik in den Politischen Thesen besteht darin, eine angeblich veraltete kommunistische Theorie und Praxis zu denunzieren und zu verfälschen:

   

"... dass Klassenbewusstsein nicht durch eine Praxis entsteht, die mit dem vereinfachten Bild vom „Hineintragen des Klassenbewusstseins" umschrieben werden kann. ... nicht in erster Linie in einer platten „ideologischen Aufklärung" ... Es muss vom bestehenden tatsächlichen Bewusstseinstand der Menschen ... ausgegangen werden."

Wann haben Kommunisten sich auf das Predigen von Klassenbewusstsein und Aufklärung beschränkt ? Wann hätten die Kommunisten nicht versucht, am tatsächlichen Bewusstseinsstand anzuknüpfen ? Tun sie das nicht täglich in Betrieb und Gewerkschaft, im Wohnumfeld ?

 

Dass ständig an der Qualifizierung von Agitation und Propaganda gearbeitet werden muss, um Unzulänglichkeiten, Plattes, Schablonenhaftes zu überwinden, ist eine Sache. Eine andere ist, Unzulänglichkeiten als das bisher Typische hinzustellen und diesem Popanz "etwas Neues" entgegenzustellen.

 

Wie entsteht ein kommunistischer Standpunkt ?

 

Er entsteht aus der Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, der in ihnen vorkommenden Interessen, und zwar - weil wir Kommunisten sein wollen - aus dem Blickwinkel der Interessen der Arbeiterklasse; - der objektiven, aus den Verhältnissen abzuleitenden, nicht etwa aus den verbreitetsten Meinungen. Er entsteht nicht aus betrieblichen und gewerkschaftlichen Erfahrungen. Daraus entsteht auch bei Kommunisten nicht mehr als bei anderen, nämlich im besten Fall ein trade-unionistisches Bewusstsein. Die Methodik und die Grundstruktur der gesellschaftlichen Verhältnisse haben wir von Marx, Engels, Lenin - das, was man Historisch-dialektischen Materialismus und Politische Ökonomie nennt. Das ist eine geschlossene, zu allen anderen abgegrenzte Weltanschauung.

 

Das bedeutet nicht, die Erkenntnisse anderer zu ignorieren. Unsere "Klassiker" führen beispielhaft vor, wie solche aufzunehmen sind: sie aufhebend im marxistischen Sinn, also ihre - wenn es sich nicht um mit marxistischer Methodik erworbende Erkenntnisse handelt - notwendigerweise fehlerhaften Seiten kritisierend und ihren Wahrheitsgehalt unserem Wissen einverleibend. Das ist etwas anderes als das eine mit dem anderen zu einem "globalisierungskritischen" Brei zuvermantschen.

 

Wie revidiert man einen kommunistischen Standpunkt ?

 

Zum Beispiel so wie Konrad Schuhler:  

"In den alten Tagen des Marxismus hat man gesprochen von der materiellen Basis einer Gesellschaft, der wirtschaftlichen Produktion, einerseits und andererseits vom politisch-kulturellen Überbau, der nichts anderes sein könne als die komplementäre Entsprechung der Basis. ...

... Statt Basis und Überbau: Akkumulationsmodell und Regulationssystem

Diese grobe Vorstellung von Basis und Überbau gilt mittlerweile auch unter Linken als überholt. Die materielle Basis hat der Denkfigur des Akkumulationsmodells Platz gemacht und der Überbau der Vorstellung vom Regulationssystem. Danach gilt im Akkumulationsmodell eine bestimmte Funktionslogik, im Kapitalismus die des Höchstprofits, aber wir haben in der Politik ein Regulationssystem, worin je nach den vorhandenen Kräfteverhältnissen der verschiedenen Klassen und Gruppen die Prämissen und insbesondere die Ergebnisse der Akkumulation korrigiert werden können. So mag zwar die Einkommensverteilung im Akkumulationssektor außerordentlich zu Ungunsten der Beschäftigten ausfallen, aber eine ausgleichende Sozialpolitik würde dann den Subalternen kräftig zu Hilfe kommen und die Ergebnisse der „primären Verteilung" korrigieren. Je nach den verschiedenen Kombinationen von Akkumulationsmodell und Regulationsweise haben wir es mit „varieties of capitalism" zu tun, mit verschiedenartigen Kapitalismen."
( http://www.ag-friedensforschung.de/rat/2009/schuhler.html )

 

DAS ist es, was wir neu lernen sollen. Wir sollen lernen aufzuhören, Kommunisten zu sein. Das ist kaum weniger schwierig, als Kommunist zu sein. Es braucht Übergangsformen. Eine hilfreiche ist, den Marxismus erstmal "neu zu interpretieren". Linkspartei-kompatibel.

 

 

 

Veröffentlicht in Kommunisten

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kucaf 07/21/2011 19:26



Ja Sepp,


so ist es, oder auch nicht, wie auch immer, kommunistische Bewegtheit wird heute oft über die gesellschaftlichen Verhältnissen gestellt. Mit anderen Anschauungen ist es nicht anders und so wird
gelegentlich gar auf Faden weltanschaulichen Idealismus gewandelt, einen Materialismus vorgebend. Das traurige daran ist, das es kommunistisch Bewegte gibt, denen dieses nicht einmal bewusst zu
sein scheint. Es gibt eine scheinkommunistische Bewegung, welche ihre Wurzeln, nun ja, wer weiß wo auch immer, wahrscheinlich in den Wolken, nicht aber auf dem Boden gesellschaftlicher
Realitäten, wohl kaum in der Arbeiterklasse hat. Dem Schein der Bewegung folgt der Schein des Einflusses und der Schein des Erfolges, so zum Schein, weniger zum Sein, was ist. Aus diesem Grund
können im Verhältnis zur Arbeiterklasse auch nur mäßige Erfolge erzielt werden. Es wird zum Teil ein theoretischer Kommunismus betrieben, gelegentlich sogar religiös verbrämt. Im Gegenzug kommt
es aber auch zu rein pragmatischen Bewegungen, die notwendige Einheit von Theorie und Praxis ist hingegen selten zu finden. Dialektik, was ist das schon? In diesem Zusammenhang sei z. B. an die
Vorgänge in Libyen erinnert und sein wir doch einmal ehrlich, in Blog`s im Internet wurde sich zum Teil von Anfang an positioniert, das konnte nicht nur auf Deiner und meiner Seite beobachtet
werden. Konsequente Positionierung und Reaktionen von „offiziell“ kommunistisch Bewegten gab es erst als die Aggression der NATO begann. Gab es etwa Angst seinen Standpunkt zu äußern, sich zum
libyschen Volk zu bekennen, wurde gar die Meinung vertreten, die „Rebellen“ würden im Interesse des libyschen Volkes handeln?


Nun sei unterstellt, dem ist nicht so gewesen, nur warum haben Reaktionen solange auf sich waren lassen? Da klafften Theorie und Praxis extrem auseinander, oder hat eine neue Theorie eine neue
Praxis gezeugt? Wobei die Praxis kapitalistischen Seins sich nicht verändert hat! Oder hat sie es doch und ich habe es verschlafen? Nun ja, erst nach der offenen Inversion der NATO gab es die
ersten Proteste und Aufrufe, natürlich lasse ich mich auch gern eines Besseren belehren.


Vielleicht hat eine solche Vorgehensweise auch seine Ursachen in veränderter Begrifflichkeit, nicht mehr Basis und Überbau, wie zu lesen, sondern Akkumulations- und Regulationsphase und am besten
beides getrennt, unabhängig von einander, sich nicht bedingend, aber beeinflussend! In der Akkumulationsphase akkumuliert das Kapital wie es ihm beliebt und in der Regulationsphase wird den
Götzen (deren Namen ich hier nicht nennen möge) gehuldigt, in der Hoffnung sie können die Folgen des zügellosen Akkumulieren mildern.


Übrigens sind Basis und Überbau Kategorien des historischen Materialismus, wer da auf idealistischen Faden wandelt,
kann schon mal darüber hinweg sehen. Aber nicht nur in diesem Sinne ist es wichtig Begrifflichkeiten in den verschiedenen Zusammenhängen zu klären, der Kampf um Begriffe, ist ein Kampf um
Inhalte!


Warum wird ein Mensch eigentlich Kommunist?


Gruß



Sepp Aigner 07/21/2011 19:55


Hallo Thomas. "scheinkommunistische Bewegung" etc.: Das ist ganz normal nach einer grossen Niederlage und im Zustand eines "letzten Restes", auch das sich selbst etwas vormachende "mehr Scheinen
als Sein". Jedenfalls ist das nur zu drehen dadurch, dass wir uns wieder in die Lage versetzen, uns wieder mit den wirklichen HEUTIGEN Problemen der Arbeiterklasse zu verbinden. Ob wir dazu noch
die Kraft aufbringen, wird darüber entscheiden, ob wir zu was Nützlichem taugen und "die Stafette weitergeben" können. Wenn nicht, wird kein Hahn nach uns krähen, und mit Recht. Libyenkrieg: Ganz
zu Anfang war ich mir auch nicht ganz sicher über die Aufständischen. Es wurde aber recht bald klar - übrigens (das hat mich gefreut) auch erstaunlich vielen Bloggern, die ich eher zu den
kleinbürgerlichen Demokraten zählen würde. Dass Organisationen auf sowas träger reagieren als Einzelpersonen ist m. E. nachvollziehbar. Sie haben eine grössere Verantwortung als Einzelne und müssen
also sorgfältiger abwägen. Das wäre nur anders, wenn wir noch Parteiabteilungen für internationale Angelegenheiten mit weitreichenden Verbindungen hätten, die solche Ereignisse dann blitzschnell
einschätzen könnten. Auf dem Stand sind wir aber leider nicht. Immerhin haben sich nach einigem Zögern alle Organisationen mit kommunistischem Anspruch in Deutchland richtig positioniert und ist
keine auf die Menschenrechts-Lügenpropaganda der Aggressoren hereingefallen. Damit, dass der Kampf um die Begriffe ein Kampf um Inhalte ist, hast Du sehr recht. - Keinen Millimeter der bürgerlichen
Ideologie !