Vor 70 Jahren: Die Schlacht um Moskau

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Charlotte Rombach: Ein wichtiger Jahrestag

 

7. November 1941 – 2011

Es breche über sie
der Zorn wie finstre Flut herein.
Das soll der Krieg des Volkes,
der Krieg der Menschheit sein.*

Am 7. November 2011 marschierten russische Soldaten und Offiziere in Original-Uniformen der Roten Armee in Anwesenheit vieler betagter Kriegsveteranen über den Roten Platz in Moskau. Sie gedachten damit des 94. Jahrestages der Oktoberrevolution, aber auch der historischen Militärparade der Roten Armee vom 7. November 1941. Damals wurde am Roten Platz in Moskau, in Kujbischew und Woronesch auf Befehl von Josef Stalin die traditionelle Truppenparade zum 24. Jahrestag der Oktoberrevolution abgehalten. Sie war eine Demonstration der Kampfentschlossenheit und Moral des sowjetischen Volkes und der Moskauer Bevölkerung in einem der schwersten Momente des Krieges gegen Hitlerdeutschland. Von hier aus marschierten die verschiedenen Kampfgruppen direkt an die Front – welche gefährlich nahe, nämlich nur dreißig Kilometer von Moskau entfernt verlief.


Militärparade in Moskau 7. November 1941


Die Lage war damals sehr kritisch. Die Truppen der Deutschen Wehrmacht überfielen die Sowjetunion ungeachtet des Ribbentrop-Molotow Vertrages am 22. Juni 1941; trotz erbittertem Widerstand der Roten Armee drangen sie rasch nach Osten vor, sie jubelten bereits und waren nach der Eroberung Kiews vom Fall Moskaus in ihrem „Blitzkrieg“ überzeugt. Am 8. September 1941 hatten sie mit finnischen Truppen den Belagerungsring um Leningrad geschlossen – den sowjetischen Truppen gelang es erst am 27. Jänner 1944, die Hungerblockade (etwa 1,1 Millionen zivile Opfer waren zu beklagen) zu sprengen.

 

Höchste Gefahr

 

Trotz ihrer ungeheuren Übermacht an Soldaten, Waffen, Panzern, Flugzeugen usw., trotz der langen Frontlinie von Leningrad bis in den Süden und der versuchten Umzingelung Moskaus wurde die Deutsche Wehrmacht in die Knie gezwungen. Während äußerst schwerer und verlustreicher Kämpfe gegen den immer wieder die Verteidigungslinien um Moskau durchbrechenden Gegner gelang es den sowjetischen Generälen durch taktisch richtige Manöver und Aktivierung aller Kräfte eine Wende herbei zu führen: Reservearmeen wurden aufgeboten; die Rote Armee wurde verstärkt durch Budjonny’s Reiterarmee, durch sibirische Freiwilligenverbände, die Moskauer Volkswehr, Verbände Moskauer Kommunisten, Kadetten und Studenten verschiedener Militärakademien u.a.. Ende November-Anfang Dezember ging die Rote Armee schließlich zum Gegenangriff über. Ihre Versorgung mit Waffen und Munition war zwar anfangs ungenügend – die Umstellung der in Moskau verbliebenen Fabriken auf Waffenproduktion war mühsam, gewann nur langsam an Tempo, und der Transport aus dem Hinterland nahm viel Zeit in Anspruch. Aber die sowjetischen Menschen und die Soldaten der Roten Armee hatten den festen Willen, die Hitlertruppen vor den Toren Moskaus zu vertreiben – sie waren moralisch und politisch als Verteidiger ihres Landes im Vorteil. Das war schließlich auch ausschlaggebend. Denn Ende Dezember 1941 – Anfang Jänner 1942 wurde die Deutsche Wehrmacht 150-250 Kilometer weit von Moskau nach Westen zurück getrieben.

 

Schlacht um Moskau

 

Die Verteidigung Moskaus wäre nicht gelungen, hätte nicht auch die Moskauer Bevölkerung einen unglaublich hohen Beitrag dazu geleistet. Viele Menschen meldeten sich freiwillig zur Armee, Mütter mit Kindern und alte Menschen wurden in sichere Orte evakuiert. Die zurück bleibenden Frauen, Männer, Arbeiter, aber auch Schauspieler und Intellektuelle arbeiteten fieberhaft, hoben aus der bereits gefrorenen Erde drei Schutzwälle um Moskau aus, stellte Panzersperren auf, legten Bombenbunker an. Unter der Leitung der Kommunistischen Partei wurden Abwehrmaßnahmen organisiert, die Stadt wurde mit dem Heranrücken der deutschen Truppen in den Ausnahmezustand versetzt. Sie wurde total verdunkelt, die wichtigsten Gebäude und Plätze wurden mit Tarnfarben bestrichen, die Moskwa durch dunkle Flöße getarnt, es wurden Luftschutzbunker eingerichtet (u.a. die Metro), Kampfstände für Geschütze aufgestellt, Maschinengewehrnester aus Beton errichtet, die Zufahrtsstraßen und Eisenbahnlinien mit Panzergräben versehen und vermint, viele Luftabwehrraketen aufgestellt. Mehr als 12.700 Löschkommandos wurden gebildet, Kranken- und Verwundetentransporte organisiert, Reserve-Wasserreservoirs angelegt. Viele Fabriken wurden auf die Produktion von Munition, Granaten, Minen, Sprengstoff, Flugzeugen, aber auch von warmer Kleidung, Stiefeln, Zwieback und Lebensmittelkonzentraten für die SoldatInnen umgestellt. Immer mehr Truppen und Kriegsmaterial wurden heran geschafft und die Verteidigungslinien um die Stadt wurden verstärkt.

 

Bereits am 22. Juli 1941 begann die deutsche Luftwaffe mit dem Bombardement Moskaus, das sie bis Oktober fort setzte. Sie warf unzählige Bomben, darunter mehr als 100.000 Brandbomben ab, wodurch Tausende Brandherde entstanden. Aber die Bevölkerung der Stadt leistete heldenhafte Verteidigungsarbeit, die Brände wurden vom Luftschutz sofort gelöscht und die Elektro-, Gas- und Wasserversorgung sowie der Transport wurden nicht einen Tag unterbrochen. Es gab jedoch viele zivile Opfer durch die Bombardierung.

In den ersten Oktobertagen 1941 durchbrachen Truppen der Deutschen Wehrmacht die sowjetischen Verteidigungslinien. Ab 15. Oktober wurde ein Großteil der Industrie-Betriebe, wissenschaftliche Forschungsinstitute und Hochschulinstitute von Moskau ins Hinterland verlegt. In dieser unübersichtlichen Situation wehrten sich die Arbeiter einiger Betriebe anfangs gegen die Evakuation, da sie Moskau nicht im Stich lassen wollten. Provokateure verbreiteten Gerüchte über den baldigen Fall Moskaus, und in der Nacht auf den 16. Oktober entstand kurzzeitig Panik in der Stadt. Die Menschen versuchten, in der Dunkelheit in Richtung Osten zu fliehen, Saboteure und Marodeure verstärkten das Chaos, das aber schließlich durch das Eingreifen der so genannten „Volkswehr“ aufgelöst wurde.

 

Am 6. November 1941, am Vorabend der Parade zur Oktoberrevolution, fand in der Moskauer Metrostation Majakowskaja ein Festakt des Stadtsowjets statt, auf dem Josef Stalin in seiner Rede alle SowjetbürgerInnen dazu aufrief, nicht nur Moskau sondern die ganze Sowjetunion zu verteidigen. Zur selben Zeit versuchten deutsche Flugzeuge, in den Moskauer Luftraum einzudringen, sie wurden aber abgewehrt.

 

Partisanen**

 

Eine wichtige Rolle für die Verteidigung Moskaus spielte die Partisanenbewegung, die dem Feind in seinem Hinterland, auf okkupiertem Territorium mit starker Unterstützung der Bevölkerung kleine und größere Schläge versetzten. Vorwiegend Kommunisten aus Moskau hatten sich gleich nach dem Überfall der Deutschen Wehrmacht freiwillig als Fallschirmspringer in der Umgebung von Leningrad und über den weißrussischen Wäldern abwerfen lassen. Bis Kriegsende leisteten sie unter unglaublich schweren Bedingungen und großen Opfern einen bedeutenden Beitrag zum Sieg der Roten Armee. Im Gebiet von Witebsk in den schwer zugänglichen Beresina-Sümpfen schlugen die ständig von SS-Einsatztruppen verfolgten Partisanengruppen vorerst ihr Hauptlager auf. Mit der Zeit stießen viele versprengte Sowjetsoldaten sowie Dutzende Bauern aus den von den Deutschen besetzten Dörfern, geflüchtete Kriegsgefangene und andere kampfbereite Gegner der deutschen Okkupanten zu ihnen. Die Partisanen führten Sabotageakte und Diversionsakte durch, sprengten Brücken und Eisenbahnen, und verhinderten dadurch Panzer-, Waffen- und Truppentransporte der Wehrmacht nach Osten.

 

Anfangs war die Bevölkerung durch die Sabotagetätigkeit der Partisaneneinheiten beunruhigt und hatte Angst vor den Vergeltungsmaßnahmen der SS-Straftrupps, aber je öfter durch Sprengung von Brücken und Eisenbahnschienen der Nachschub der Deutschen in ihrem Hinterland unterbrochen wurde und je mehr diese verunsichert wurden, desto mutiger und selbstbewusster wurden die Bauern. Sie fühlten sich durch die Partisanen beschützt und waren in immer größeren Ausmaß bereit, sie zu unterstützen, damit der Krieg schneller beendet werden konnte. Immer mehr schlossen sich ihnen in den Wäldern an, nahmen auch ihre Familien mit. Ohne die Hilfe der örtlichen Bevölkerung hätten die Partisanen nicht so große Erfolge verzeichnen können.

 

Der ständige Zustrom von Freiwilligen zwang die Partisanen zu noch strafferer Organisation – sie bauten in den Wäldern versteckt außer dem Zentrallager noch viele kleine Nebenlager, dazwischen so genannte Familienlager auf. Für die Verköstigung und Versorgung dieser vielen Menschen wurden unter großer Gefahr Lebensmittel- und Viehtransporte sowie Lager mit requirierten Getreide-, Fleisch- und anderen Lebensmittelvorräten der deutschen Besatzer überfallen. Die Bauern aus den umliegenden Dörfern brachten ihnen zusätzlich ihre Vorräte.

 

Die laufend hinzu stoßenden kampffähigen Menschen wurden von den Kommandeuren im Partisanenkrieg ausgebildet – Disziplin, Konspiration, Minenlegen, Sprengen, Waffenübungen u.v.m. waren wichtige Voraussetzungen für einen erfolgreichen Widerstand. Mit Kleidung, Stiefeln, Literatur, Sprengstoff, Funkgeräten und Batterien, Waffen usw. wurden die Partisanen durch Moskauer Piloten, welche die Front unter höchster Gefahr überflogen, versorgt. Auch die zusätzliche Verstärkung durch Mitglieder der Luftlandetruppen geschah mit Flugzeugen. Als im Frühjahr 1942 bereits Tausende freiwillige Kämpfer zu den Partisanen gestoßen waren, dehnte sich ihr Aktionsradius aus, ein Teil der Kampftruppen übersiedelten in die Pinsker Sümpfe im Gebiet von Brest am Bug.

 

Ein gerechter Krieg

 

Trotz anfänglicher Erfolge scheiterte die Operation „Taifun“ (mit dem Ziel der Eroberung Moskaus). Die Rettung Moskaus war der erste große Sieg der Roten Armee in ihrem gerechten Krieg gegen die Truppen der faschistischen deutschen Armeen, welche in ihrem Eroberungswahn keine Lehren aus der Geschichte gezogen hatten.

Anmerkungen

 

* Refrain aus dem Lied „Swjaschtschennaja woina“, das von A. Alexandrow 1941 vertont wurde ** Informationen aus „Die unsichtbare Front“, G. Linkow, dt. Ausgabe 1956, Verlag Volk und Welt, Berlin

 

Quelle: http://www.kominform.at/article.php/20111201162028201

 

 

Veröffentlicht in Geschichte

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A
<br /> Wahrscheinlich schon der eigentliche Wendepunkt des Krieges, trotzdem es bis Stalingrad dauerte, bis die ersten Deutschen diesen Gedanken an sich heranliessen?<br /> <br /> Übrigens, Sepp, der zweite Teil des Satzes "...Trotz ihrer ungeheuren Übermacht an Soldaten, Waffen, Panzern, Flugzeugen<br /> usw., trotz der langen Frontlinie von Leningrad bis in den Süden und der versuchten Umzingelung Moskaus wurde die Deutsche Wehrmacht in die Knie gezwungen...<br /> Ich finde es müsste heissen "wegen" dieser genannten Gründe, denn sie waren für die Deutschen ja kein Vorteil, sondern ein Nachteil?<br />
Antworten
S
<br /> <br /> Frontlinie: Das ist mir auch als fraglich aufgefallen. Ich weiss nicht, ob das "militärtheoretisch" stimmt. Als Laie denke ich mir: Die Frontlinie war für beide Seiten gleich lang. Ein Nachteil<br /> für die Wehrmacht war wahrscheinlich, dass diese lange Frontlinie in einem feindlichen Umfeld lag, während die Rote Armee Partianen und dergl. nicht zu fürhten brauchte.<br /> <br /> <br /> Nach allem, was ich gelesen habe, war Moskau der Wendepunkt des Krieges. Stalingrad hat den Faschisten dann das Genick gebrochen.<br /> <br /> <br /> <br />