Wahnsinn und Sachzwang

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Nach den furchtbaren Anschlägen demonstrierten in Norwegen hundertausende Menschen mit Blumen in der Hand im Gedenken an die Opfer. Das Entsetzen über die Bluttat ergreift Menschen in ganz Europa. Es ist spontan, jeder Mensch, der nicht gänzlich verroht ist, spürt es. Etwas anderes ist es, sich über die Wahnsinnstat zu wundern. Überrascht kann nur sein, wer krampfhaft versucht, über gesellschaftliche Entwicklungen hinwegzusehen, die seit mindestens zwei Jahrzehnten im Gang sind und das gesamte gesellschaftliche Klima in Europa verändert haben.

 

Sicher kann "so etwas" überall passieren und können Psychopaten jede beliebige Ideologie oder Politik zur Rechtfertigungslegende eines Massenmords missbrauchen. Aber es handelt sich ja gerade nicht darum, dass diese Tat verübt wurde, obwohl alle in der Gesellschaft verbreiteten Ideale, das geistige und kulturelle Leben, das alltägliche Zusammenleben konträr dazu stünden. In vielen Kommentaren wird geschrieben, der bisher bekannte Täter komme aus der "Mitte der Gesellschaft". Daher kommt er, nicht nur im Sinn seiner durchaus nicht randständigen sozialen Existenz, sondern auch im Sinn der ideologischen Versatzstücke, die er, seinen Bekenntnissen zufolge, im Kopf hat. Was jeden Tag durch die Medien geistert, an den Stammtischen und in den Arbeitspausen im Büro geredet wird, handelt sehr oft von den selben Themen, die den Mörder auch umtreiben. Die angeblichen Terrorgefahren, die angeblichen Probleme, die mit der Immigration verbunden sind, die angebliche Rückständigkeit der Muslime spielen im öffentlichen "Diskurs" eine so aufgeblasene Rolle, dass man grossen Teilen der Gesellschaft einen bedenklichen Geisteszustand attestieren muss. Im Fall des Massenmörders ist dieser Wirklichkeitsverlust in Wahn und Raserei umgeschlagen. Aber die Themen seines Wahns und seiner Raserei hat er sich nicht in irgendwelchen obskuren Nischen suchen müssen. Er hat sie aus der "Mitte der Gesellschaft".

 

Die Beschwörung der eigenen moralischen Überlegenheit über ein solches Monster hat einen schalen Beigeschmack. Im Namen der sogenannten westlichen Werte werden immerhin grausame Kriege geführt. Sie zu führen ist nur möglich, weil der westliche Dünkel, der Spleen angeblicher auch moralischer Überlegenheit über jede andere politische Ordnung als die der "westlichen" Demokratie so weit verbreitet sind.Und während dieses verrückte moralische Überlegensheitsgefühl gepflegt wird, herrscht gleichzeitig eine wirkliche moralische Gleichgültigkeit, die beschämend ist. Tag und Nacht wird Libyen unter windigen Vorwänden gebombt, die jedes Kind durchschauen kann, die eine Beleidigung für ein urteilsfähiges Publikum sind - Schweigen der schweigenden Mehrheit. Jeden Tag werden in Afghanistan Menschen ermordet von westlichen Armeen, die dort absolut nichts zu suchen haben - Schweigen der schweigenden Mehrheit. Während die westliche Kriegspolitik unter dem verlogenen Titel "Krieg gegen den Terror" eine wirkliche Bedrohung für Dutzende Länder ist - fantasiert diese schweigende Mehrheit die eigene Bedrohung durch "islamistische Terroristen".

 

Die imaginierten Bedrohungen sind die phantastische Widerspiegelung von Gefahren, die aus den westlichen Gesellschaften selbst aufsteigen. Sie sind die logische Konsequenz der "Ellenbogengesellschaft", der bedingungslosen Unterordnung unseres Lebens unter "die Märkte" und "den Sachzwang". - Jeder gegen jeden, bedeuten sie, Unterordnung der menschlichen Bedürfnisse und Fähigkeiten unter blinde Zwänge, jeder ist seines Glückes Schmied und die letzten beissen die Hunde - ganz sachzwangsgerecht, die haben eben versagt. Lebensuntaugliches Leben in der postmodernen de-luxe-Ausführung Hartz IV. Die Hinnahme eines solchen "Modells" hat die eigene Brutalisierung und Abstumpfung zur zwangsläufigen Folge - gegen sich selbst und erst recht gegen andere. Wir müssen deshalb nicht zwangsläufig Massenmörder werden. Aber dass der eine oder die andere es wird, ist wirklich kein Grund zum Wundern und zum "fassungslosen Entsetzen". Wundern müsste man sich vielmehr, wenn solche Personen nicht auftauchen würden.

 

Ein paar Tage sind jetzt vergangen. Der "öffentliche Aufschrei" klingt schon ab. Nächste Woche gibt es vielleicht eine neue Sensation, ein Erdbeben, einen Putsch irgendwo, eine zerplatzende Währung. Sensationen as usual, darunter ab und an eine besonders blutrünstige.

 

Joachim Guilliard schreibt heute in junge welt: "In der Nacht zum 17. Juli erschüttern zwei Stunden lang die Abwürfe von rund 70 Bomben mehrere Wohnviertel in Tripolis. Die Hochhäuser in der ganzen Stadt erzittern wie bei einem Erdbeben, viele Anwohner flüchten voller Angst auf die Straße. Zahlreiche Gebäude werden zerstört und die Bewohner unter den Trümmern begraben – seit 120 Tagen ist dies nun Alltag in Libyen. Das besonders schwere Bombardement an diesem Sonntagmorgen war offenbar die Antwort der NATO auf die Großdemonstration vom Freitag, wo erneut Hunderttausende gegen den NATO-Krieg protestierten und ihre Unterstützung für die Regierung demonstrierten." (http://www.jungewelt.de/2011/07-27/021.php )

 

- Na und ? Das ist ja noch nicht mal in Europa passiert. Es sind ja bloss Libyer, die sich in ihrem Blut wälzen, keine Norweger. Es könnte aber sehr wohl sein, dass eine norwegische Mordmaschine daran beteiligt war, mit einem Hauptmann als Piloten, der natürlich kein wahnsinniger Massenmörder ist ...

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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A
<br /> <br /> "...Ich habe eine Botschaft für die Leute, die uns angegriffen haben und diejenigen die hinter ihnen stehen. Das ist eine Botschaft von ganz Norwegen: Sie werden uns nicht zerstören! Sie werden<br /> unsere Demokratie nicht zerstören und unseren Einsatz für eine bessere Welt. Wir sind eine kleine aber stolze Nation! Niemand wird uns zum Schweigen bomben oder zum Schweigen schiessen! Niemand<br /> wird uns ängstigen Norweger zu sein!" (Norwegischer Ministerpräsident Stoltenberg)<br /> <br /> <br /> Jetzt können wir uns jemand aussuchen: Die USA, die NATO, die Libyer, die Europäer, die Israelis, die Russen und, nein, die Chinesen wohl nicht?<br /> <br /> <br /> Stoltenberg klingt nicht so wie jemand, der an den "durchgeknallten Einzeltäter" zu glauben scheint, soviel ist klar...<br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> "Stoltenberg klingt nicht so wie jemand, der an den "durchgeknallten Einzeltäter" zu glauben scheint".- Eben, das sagt er ja direkt. Ausführlicher, wie hier von Dir, zitiert, klingt das noch<br /> brisanter.<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> <br /> Es könnt nicht nur sein, Sepp, laut wikipedia war Norwegen maßgeblich beteiligt an der Bombardierung Libyens:<br /> <br /> <br /> <br />  NOR: The Royal Norwegian Air Force has deployed six F-16AM fighters to Souda Bay Air Base.[80][81][113] On 24 March, the Norwegian F16s were assigned to<br /> the US North African command and Operation Odyssey Dawn. A number of the aircraft have<br /> participated in operations over Libya.[80][81] Prime minister Jens Stoltenberg also stated that Norway will participate in the humanitarian aid to follow.[114] It has also been reported that Norwegian fighters along with Danish<br /> are the ones that have bombed most targets in Libya in proportion to the number of planes involved.[115]<br /> <br /> <br /> <br /> <br />
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S
<br /> <br /> Hallo almabu.<br /> <br /> <br /> Danke. Dass die mitbomben, ist mir schon klar. Ich meinte "könnte sein" für diesen konkreten Angriff, von dem bei Guilliard die Rede ist.<br /> <br /> <br /> Mir geht übrigens noch immer dieser seltsame Satz von Stoltenberg im Kopf um. Bin gespannt, ob die norwegische Luftwaffe tatsächlich zum Monatsende aufhört, sich an den Agriffen zu beteiligen.<br /> Vielleicht gibts da ja einen Zusammenhang ?<br /> <br /> <br /> <br />