Wider das Zerrbild von der DDR

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

In der jungen welt vom 2. Oktober ist diese Stellungnahme ehemaliger DDR-Repräsentanten zu ihrem untergegangenen Land abgedruckt.

 

Wider das Zerrbild von der DDR

  

 

»Die DDR taugt nicht als Aschenputtel deutscher Geschichte. Denunziation und Dämonisierung sind keine Aufarbeitung der Geschichte.«

 

Wortmeldung zum 20. Jahr der größer gewordenen Bundesrepublik



»Auferstanden aus Ruinen und der Zukunft zugewandt, laß uns dir zum Guten dienen, Deutschland einig Vaterland.«

 

War das nicht der Ruf der aus der Emigration und den Konzentrationslagern zurückgekehrten Antifaschisten, der illegalen Kämpfer, der Kriegshinterbliebenen, der Opfer, aber auch der zur Besinnung gekommenen Mitläufer? »Deutschland über alles« - inzwischen Alptraum der Geschichte. »Laß uns dir zum Guten dienen« dagegen ein Versprechen, Deutschland zu einen und zu bessern. Als das in der DDR zur staatlichen Hymne wurde, war der Traum schon brüchig geworden zwischen Restauration im Westen und Bruch mit Krieg und Faschismus im Osten, zwischen Fütterung der alten Eliten dort und Mangel an allem hier, zwischen zwei Währungen, zwei Systemen, zwei Blöcken, zwei Staaten, zwei Idealen, zwei Entwürfen für die Zukunft.

 

Wer sich für die DDR engagierte, tat dies in der Überzeugung, dem Guten in Deutschland zu dienen, hat der jungen Republik viel von seiner Lebenskraft gegeben. Bausteine dieser Politik waren Enteignung der Nazi- und Kriegsverbrecher, Bodenreform und Neulehrer, Arbeiter- und Bauernfakultäten, Volkseigentum, freie Gewerkschaften, gleiche Rechte für jung und alt, für Frauen und Männer.

 

Die DDR brach das Bildungsprivileg. Von der Vorschuleinrichtung bis zum Abschluß der allgemeinen Schulbildung für die Kinder aller sozialen Schichten gemeinsamer Unterricht, Erwerb von Wissen und sozialer Kompetenz. Der Staat schuf Bildungseinrichtungen aller Stufen, förderte die Wissenschaften, subventionierte Theater und andere Kultureinrichtungen. Er steckte Geld in Arbeitsplätze statt in Arbeitslosigkeit. Die DDR duldete keinen Neofaschismus und keinen Fremdenhaß. Die Jugend ging nach der Ausbildung zur Arbeit und nicht zum Arbeitsamt.

 

Die DDR ließ keine Brücken in Jugoslawien oder Tanklastzüge in Afghanistan bombardieren. Sie führte nie einen Krieg. So lange sie existierte, ging von ganz Deutschland kein Krieg aus. Diese Friedensperiode wirkte über ein halbes Jahrhundert bis zum Jahr 1999. Niemand kann uns, die an diesen Umwälzungen bewußt mitgewirkt haben, den Stolz darauf nehmen. Ostalgie, als Modewort genutzt, soll heute Erinnerung und Besinnung auf die Werte der DDR denunzieren.

 

Die DDR ist in der Zeit des kalten Krieges, im Kampf der Systeme zerbrochen. Der Traum vom sich entwickelnden Sozialismus zerschellte auch an zu geringer Arbeitsproduktivität, an unterentwickelter Demokratie und beschränkter Möglichkeit zur Selbstbehauptung des Einzelnen in der Gesellschaft. Die Wirklichkeit entfernte sich vom Ideal mehr, als viele Bürger hinnehmen wollten. Vertrauensverlust verhinderte die Prüfung der Alternative »Für unser Land«. Unsere Mitschuld an dieser Niederlage haben wir zu tragen.

 

Die DDR starb in den Werbesendungen von Politik und Medien aus dem Westen. Gorbatschows Politik gab ihr zusätzlich den Todesstoß. Mit der Einverleibung der DDR glitt Helmut Kohl vor 20 Jahren auf den Einheitsthron; die DDR allerdings nicht in die von ihm versprochenen blühenden Landschaften.

 

Dafür sorgten in erster Linie die durch die Treuhand umgesetzten Profitinteressen des Kapitals, durch Deindustrialisierung der Wirtschaft, Vernichtung großer Teile der Landwirtschaft und Abwicklung wissenschaftlicher Institutionen, Forscher und Gelehrter.

Seit die DDR als soziales Korrektiv ausfiel, steigt die soziale Kälte in der Bundesrepublik. Unbehelligt von staatlicher Politik reißen globalisierte Ausbeutung und skrupellose Finanzspekulation, Kriegs- und Umweltschäden und die daraus resultierenden Staatsschulden die heutige vor und künftige Generationen in den Abgrund. Die Schere zwischen Arm und Reich wird immer unerträglicher. Klientelparteien veruntreuen die Kassen des Gemeinwohls. Aber der Widerstand wächst. Soziales Interesse aus fast allen Spektren der Gesellschaft drängt die bürgerlichen Parteien zur Diskussion über die gröbsten Auswüchse ihrer Politik. Würden diese nur so energisch geführt wie die Entwertung von DDR-Biographien samt der pauschalen Hatz gegen Mitarbeiter von Sicherheitsorganen der DDR, mit denen Dampf aus der eignen Problemküche umgeleitet wird.

 

Bundeskanzlerin Merkel verkündete am 9. November 2009, man könne keinen Schlußstrich unter die DDR-Geschichte setzen. Nichts dürfe vergessen werden.

 

Dem stimmen wir ausdrücklich zu. Aber: Denunziation und Dämonisierung der DDR sind keine Aufarbeitung ihrer Geschichte. Sie verdecken vielmehr die zukunftsrelevanten Lehren der Nachkriegsentwicklung beider deutscher Staaten.

 

Sie sollen vergessen machen, daß der kalte Krieg auch in der alten Bundesrepublik seine Opfer forderte. Wir haben das Verbot der KPD und anderer demokratischer Organisationen sowie die berufliche Ausgrenzung ihrer Mitglieder nicht vergessen.

 

Es ist an der Zeit, die Lebensleistung von DDR- und Altbundesbürgern in gleicher Weise zu respektieren. Das heißt auch: gleicher Lohn für gleiche Arbeit, Rentenangleichung zwischen Ost und West, Abschaffung aller Strafrenten, Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen.

 

Im Jahre 20 einer größer gewordenen Bundesrepublik sind die Blicke nüchterner geworden. Die DDR taugt nicht als Aschenputtel deutscher Geschichte. Ihre Werte sind lebendiger als ihr Zerrbild vorgibt. Umbesinnung auf ihre tatsächliche geschichtliche Bewertung wäre ein Weg zur gelebten Einheit.

 

Und der Zukunft zugewandt.

 

Unterzeichnet von: Repräsentanten der DDR

 

R. Berthold, Botsch. a.D.

Dr. K. Blessing Staatssekr.

F. Bochow, Botsch. a.D.

Prof. Dr. habil. E. Buchholz, Dekan HUB

H. Bühl, Sekretär FDGB

J. Chemnitzer, 1.Sekr. BL. SED

Prof. Dr. G. Dieckmann, Rektor Parteihochschule SED

H. Eichler, Sekr. Staatsrat

Prof. Dr. sc. H-H. Emons, Vizepräs. Akad. Wiss.G.

G. Erbach Staatssekr.

M. Flegel, Stellv. Vors. Min. Rat

Stellv. Vors NDPD

Prof. G. Fischer, Mitgl. Präs. Hauptvorst. CDU

O. Fischer, Außenminister

Roswitha Garling, Meisterin VEB Fernsehelektronik

Der Generalstaatsanwalt H. Bauer

K.H. Bösel

K.-H. Borchert

E. Gierke

Dr. H. Harrland

Dr. H.-J. Joseph

G. Seidel

Prof. Dr. M. Gerlach, Vors. Staatsrat

Vors. LDPD

W. Grossmann, Stellv. Min.

W. Heilemann, Mitgl. Präsidium Volkskammer

L. Helmschrott, Mitgl. Staatsrat

Dr. H.-J. Heusinger, Stellv. Vors. Min. Rat

Dr. F. Hilbert, Stellv. Min.

Prof. H. Hörz, Vizepräs. Akad. d. Wiss.

H. Hinz, Sekr. BL SED

Prof. Dr. Helga Hörz, Mitgl. UNO-Komm. »Status der Frau«

Th. Hoffmann, Admiral a.D., Min. Nat. Verteidigung

W. Herzig, ehem. OB Magdeburg

Prof. Dr. sc. D. Joseph, HUB

H. Kessler, Armeegeneral a.D., Min. Nat. Verteidigung

K. Köste, Olympiasieger Turnen

Prof. Dr. Kolditz

W. Konrad, LPG-Vorsitzender Hausneindorf

W. Konschel, Botsch. a.D.

Prof. Dr. sc. H. Kreibich, Präs. Gesellsch. f. Hygiene

E. Krenz, Vors. Staatsrat, Generalsekr. SED

E. Lange, Vors. LPG Hohenzieritz

H. Langer, Botsch. a.D.

Dr. W. Leupold, Staatssekr.

Prof. Dr. E. Lieberam

Elke Lieberam

S. Lorenz, Mitgl. PB SED

Dr. G. Maleuda, Volkskammerpräs. Vors. DBD

W. Mäder, Hauptvorst. CDU

Prof. Dr. med. M. Mebel

Prof. Dr. Sonja Mebel

Prof. Dr. S. Mechler, Wirtschaftswiss.

Dr. J. Mitdank, Botschafter a. D

Dr. H. Modrow, Ministerpräsident, Ehrenvorsitzender PDS

H. Nestler, Handelsrat

Erich Postler, Sekr. BL. SED

Prof. Dr. Putensen, Nordeuropawissenschaftler

Dr. H. Reichelt, Stellv. Vors. Min. Rat

Prof. Dr. Röder, Vize. Präs. DTSB

W. Rudelt, Senatsvors. Arbeitsrecht Oberstes Gericht

Dr. G. Sarge, Präs. Oberstes Gericht

Prof. Dr. G. Schirmer, Stellv. Min.

G.-A. Schur, mehrfacher Weltm. Straßenradsp. u. Friedensfahrtsieger

Dr. W. Schwanitz, Ltr. Amt Nat. Sicherheit

H. Semmelmann, Abtl. ZK SED

Gisela Steineckert

Dr. K. Steiniger Auslandskorrespondent ND

A. Spengler, Dir. VEG Memleben

F. Streletz, Gen. Oberst a.D., Stellv. Min.

Dr. H. Watzek, Min. i. Reg. Modrow

Prof. Dr. Wekwerth, Regisseur

Dr. H. Weitz, Stellv.Vors. Min. Rat

Dr. R. Wernicke, Ltr. vet. hyg. Überw. Dienst.

D. Winderlich, Chefinsp. a.D., Chef DVP

R. Wötzel, 1. Sekr. BL SED

Heidi Zeidler, Agraringenieurin. Mit der Wortmeldung solidarisieren sich und unterstützen sie: Meta Bühl

Prof. K.-H. Bernhardt

Dr. sc. Hannelore Bernhardt

Prof. Dr. E. Bienert

Gerd Buddin

Gesellschaft zur Rechtlichen und Humanitären Unterstützung (GRH) e.V.

M. Hegner

Dr. Gisela Hering

Eleonore Heyer

H. Hörnig

H. Jäkel

Dr. Ursula Joseph

Dr. H. Kaiser

K. Kalauch

Dr. Kat P. Leiterer

Dr. W. Löffler

Annelies Kimmel

D. Lemke

Prof. Dr. Prokop

Dr. Anita Rausch

Dr. E. Reddig

E. Rehling

Prof. Dr. sc. W. Richter

Renate Richter

E. Richter

Prof. Dr. H. Schneider (Berlin)

A. Schütz

K. Schulz

Solidaritätskomitee für die Opfer der politischen Verfolgung in Deutschland

Prof. Dr. G. Tietze

Prof. Dr. I. Wagner und viele mehr.

 

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T
<br /> Hallo Sepp, Ich habe auch einen Beitrag von Dir verlinkt, eben diesen hier! Sehr passend geschrieben und es betrifft mich ja auch gewissermaßen direkt! Hab noch einen guten Tag! Gruß Teja<br /> <br /> <br />
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