Zur materiellen und sozialen Grundlage des Reformismus

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Die Herausbildung des Reformismus am Anfang des 20. Jahrhunderts ist eine allgemeine Erscheinung in den entwickeltsten kapitalistischen Regionen dieser Zeit. In England hatte sie, zunaechst auf anderer Grundlage, schon um die Mitte des 19. Jahrhunderts begonnen. Durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch gewinnt der Reformismus ueberall dort an Boden, wo die Gruendungsgrausamkeiten der kapitalistischen Ordnung in "zivilisiertere" - arbeitskraftschonendere - Formen uebergehen. Der blosse Augenschein legt die Annahme nahe, dass einer so allgemeinen Erscheinung nicht vornehmlich weltanschauliche, ideologische Gruende zugrunde liegen koennen, sondern dass sie in der kapitalistischen Gesellschaftsordnung selbst, und letzten Endes in oekonomischen Sachverhalten, gesucht werden muessen.

 

Lenin zitiert in seiner 1915 verfassten Arbeit "Der Imperialismus als hoechstes Stadium des Kapitalismus" ausfuehrlich aus dem Buch des englischen Historikers Hobson, "Imperialism", erschienen 1902. Ich fuehre hier einige Stellen an, weil sie nicht nur die oekonomische Grundlage und Wurzel des Reformismus erfassen, sondern auch, gute hundert Jahre spaeter, verblueffend aktuell sind. So schreibt Hobson, nach Lenin: "Der groesste Teil Westeuropas koennte ... das Aussehen und den Charakter annehmen, die einige Gegenden in Sued-England, an der Riviera sowie in den von Touristen am meisten besuchten und von reichen Leuten bewohnten Teilen Italiens und der Schweiz - bereits haben: ein Haeuflein reicher Aristokraten, die Dividenden und Pensionen aus dem Fernen Osten beziehen, mit einer etwas groesseren Gruppe von Angestellten und Haendlern und einer noch groesseren Anzahl von Dienstboten und Arbeitern im Transportgewerbe und in den letzten Stadien der Produktion leicht verderblicher Waren; die wichtigsten Industrien waeren verschwunden, die Lebensmittel- und Industriefrabrikate fuer den Massenkonsum wuerden als Tribut aus Asien und Afrika kommen."

 

Und zur moeglichen Entwicklung in Westeuropa schreibt Hobson, zitiert nach Lenin: "Wir haben die Moeglichkeit einer noch umfassenderen Vereinigung der westlichen Laender angedeutet, eine europaeische Foederation der Grossmaechte, die, weit entfernt, die Sache der Weltzivilisation voranzubringen, die ungeheure Gefahr eines westlichen Parasitismus heraufbeschwoeren koennte: eine Gruppe fortgeschrittener Industrienationen, deren obere Klassen aus Asien und Afrika gewaltige Tribute beziehen und mit Hilfe dieser Tribute grosse Massen gefuegigen Personals unterhalten, die nicht mehr in der Produktion von landwirtschaftlichen und industriellen Massenerzeugnissen, sondern mit persoenlichen Dienstleistungen oder untergeordneter Industriearbeit beschaeftigt werden." (W.I. Lenin: Der Imperialimus als hoechstes Stadium des Kapitalismus, LW Bd. 22, S. 284 f) - Der Mann hat am Anfang des 20. Jahrhunderts die EU vorausgeahnt.

 

Lenin kommentiert: "Der Verfasser hat vollkommen recht. ... Die Bedeutung der "Vereinigten Staaten von Europa" in der heutigen, imperialistischen Situation ist hier richtig bewertet. Man muesste nur hinzufuegen, dass auch innerhalb der Arbeiterbewegung die Opportunisten, die heutzutage in den meisten Laendern voruebergehend gesiegt haben, sich systematisch und beharrlich gerade auf dieses Ziel "zubewegen". Der Imperialimus ... schafft die oekonomische Moeglichkeit zur Bestechung der Oberschichten des Proletariats und naehrt, formt und festigt dadurch den Opportunismus. Nur darf man die dem Imperialismus im allgemeinen und dem Opportunismus im besonderen entgegenwirkenden Kraefte nicht vergesssen, die der Sozialliberale Hobson natuerlich nicht sieht." (ebd. S. 285 f)

Lenin konstatiert weiter, als typische Erscheinung zur Zeit des beginnenden Imperialismus, die abnehmende Auswanderung aus den imperialistischen Laendern und "die zunehmende Einwanderung (Zustrom von Arbeitern und Uebersiedlung) in diese Laender aus rueckstaendigeren Laendern mit niedrigeren Arbeitsloehnen." (ebd., S. 287) "Nach der Volkszaehlung vom Jahre 1907 gab es in Deutschland 1 342 294 Auslaender, davon 440 800 Industriearbeiter und 257 329 Landarbeiter. In Frankreich sind die Arbeiter im Bergbau "zum grossen Teil" Auslaender: Polen, Italiener und Spanier. In den Vereingten Staaten nehmen die Einwanderer aus Ost- und Suedeuropa die am schlechtsten bezahlten Stellen ein, waehrend die amerikanishen Arbeiter den groessten Prozentsatz der Aufseher und bestbezahlten Arbeiter stellen. Der Imperialismus hat die Tendenz, auch unter den Arbeitern privilegierte Kategorien auszusondern und sie von der grossen Masse des Proletariats abzuspalten." (ebd., S. 288)

In England begann diese Entwicklung, bedingt durch die dort zuerst einsetzende erste industrielle Revolution, dem daraus resultierenden zeitweiligen monopolistischen Vorsprung vor der Konkurrenz auf dem Festland und durch den riesigen Kolonialbesitz, bereits einige Jahrzehnte frueher, und die Resultate waren dort schon klarer als dort und in den USA, wo diese Entwicklungen erst um die Jahrhundertwende allgemein wurden. Lenin besieht diese in England schon fortgeschrittene Entwicklung so:

 

"Es muss bemerkt werden, dass in England die Tendenz des Imperialismus, die Arbeiter zu spalten, den Opportunismus unter ihnen zu staerken und ein zeitweilige Faeulnis der Arbeiterbewegung hervorzurufen, viel frueher zum Vorschein kam ... Marx und Engels verfolgten jahrzehntelang systematisch diesen Zusammenhang des Opportunismus in der Arbeiterbewegung mit den imperialistischen Besonderheiten des englischen Kapitalismus. Engels schrieb z.B. am 7. Oktober 1858 am Marx: "... dass das englische Proletariat faktisch mehr und mehr verbuergert, so dass diese buergerlichste aller Nationen es schliesslich dahin bringen zu wollen scheint, eine buergerliche Aristokratie und ein buergerliches Proletariat neben der Bourgeoisie zu besitzen. Bei einer Nation, die die ganze Welt exploitiert, ist das allerdings gewissermassen gerechtfertigt." Fast ein Vierteljahrhundert spaeter, in seinem Brief vom 11. August 1881, spricht er von Gewerkschaften, "welche nur mit jenen schlechtesten englischen vergleichbar sind, die es zulassen, sich von an die Bourgeoisie verkauften oder zumindest von ihr bezahlten Leuten fuehren zu lassen". " - (Ist das etwa nicht hoechst aktuell ?!) - "Und in einem Brief an Kautsky vom 12. September 1882 schreibt Engels: "Sie fragen mich, was die englischen Arbeiter von der Kolonialpolitik denken ? Nun, genau dasselbe, was sie von der Politik ueberhaupt denken ... Es gibt hier ja keine Arbeiterpartei, es gibt nur Konservative und Liberal-Radikale, und die Arbeiter zehren flott mit von dem Weltmarkts- und Kolonialmonpol Englands."

 

Lenin spricht im Angefuehrten vom Opportunismus als einer zeitweiligen, voruebergehenden Erscheinung. Er schliesst diesen Abschnitt des "Imperialismus ... hoechstes Stadium ..." mit diesen Saetzen: "Das Merkmal der heutigen Lage besteht in oekonomischen und politischen Bedingungen, die zwangslaeufig die Unversoehnlichkeit des Opportunismus mit den allgemeinen und grundlegenden Interessen der Arbeiterbewegung verstaerken mussten: Der Imperialismus hat sich aus Ansaetzen zum herrschenden System entwickelt; die kapitalistischen Monopole haben in der Volkswirtschaft und in der Politik den ersten Platz eingenommen; die Aufteilung der Welt ist beendet; und andererseits sehen wir an Stelle des ungeteilten englischen Monopols den Kampf einer kleinen Anzahl imperialistischer Maechte um die Beteiligung am Monopol, der den ganzen Beginn des 20. Jahrhunderts kennzeichnet. Der Opportunismus kann jetzt nicht mehr in der Arbeiterbewegung irgendeines Landes auf eine lange Reihe von Jahrzehnten hinaus voellig Sieger bleiben, so wie er in der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts in England gesiegt hatte: in einer Reihe von Laendern ist der Opportunismus vielmehr reif, ueberreif geworden und in Faeulnis ubergegangen, da er sich als Sozialchauvinismus mit der buergerlichen Politik restlos verschmolzen hat." (ebd., S. 289 f)

Lenin sagt vorsichtig, der Opportunismus koenne nicht mehr "auf eine lange Reihe von Jahrzehnten hinaus voellig Sieger bleiben". Mit dieser Einschraenkung behaelt er fuer das 20. Jahrhundert recht. Tatsaechlich entsteht in der Arbeiterbewegung eine Stroemung, die das revolutionaere Erbe der Sozialdemokratie verteidigt und weiterentwickelt - die kommunistische Bewegung. Aber Lenins Diagnose, der Opportunismus sei (1915) "in einer Reihe von Laendern ... reif, ueberreif geworden und in Faeulnis uebergegangen, da er sich als Sozialchauvinismus mit der buergerlichen Politik restlos verschmolzen hat", stimmt nur dem Inhalt nach, wobei er kaum ahnen konnte, zu welchen Hoehen, oder vielmehr:Tiefen, es der Opportunismus in dieser Disziplin noch bringen wuerde.

 

Daraus die Schlussfolgerung zu ziehen, der Opportunismus sei mit dem Uebergang auf vollkommen buergerliche Positionen politisch erledigt, wäre dagegen falsch. Der Opportunismus erwies sich nicht als voruebergehende Erscheinung, die in den englischen Besonderheiten schon ihre grellsten Blueten ausgetrieben hatte, - bis zu Ebert und Scheidemann waren es noch einige Jahre, und bis zu Blair und Schroeder ein kleines Jahrhundert - sondern als eine Erscheinung, die den Imperialismus bis heute begleitet und im 20. Jahrhundert in den imperialistischen Zentren ueber lange Zeitstrecken innerhalb der Arbeiterbewegung die Oberhand hatte.

 

Lenin hat mit seinem Hinweis, die soziale Basis des Oppoprtunismus sei nicht die Arbeiterklasse insgesamt, sondern nur eine privilegierte Schicht, recht behalten. Es ist eben diese Tatsache, die dem Reformismus seine betruegerischen Zuege aufpraegt. Er kann sich einerseits nur auf die "Arbeiteraristokratie" stuetzen, seine Staerke aber andererseits nicht aus diesem potentiellen Anhang allein gewinnen, sondern muss trachten, seinen Einfluss auf die ganze Klasse - oder wenigstens moeglichst grosse Teile - auszudehnen. Nur in dem Mass, in dem ihm das gelingt, ist er fuer die Bourgeoisie ein interessanter Geschaeftspartner. Der groesste Teil der Klasse aber ist auch in den imperialistischen Zentren in einer Lage, in der sie fuer die politische Unterstuetzung des Reformismus nur per Betrug gewonnen werden kann. Das ganze 20. Jahrhundert zeigt, dass die Sozialdemokratie mit der buergerlichen Politik in "ruhigen Zeiten" so gut wie verschmilzt, in Zeiten der Krise oder gar der Gefaehrdung der kapitalistischen Ordnung aber durchaus "linke Toene anschlaegt", gewissermassen links blinkt, um bei erster Gelegenheit rechts abzubiegen.

 

Kautsky schreibt 1919 in seinem schon zitierten "Aktionsprogramm" eiskalt: "Marx erklaerte in einem Brief ueber die Pariser Kommune vom 12. April 1871: "Die Vorbedingung jeder wirklichen Volksrevolution auf dem Kontinent bestehe darin, nicht mehr wie bisher die buerokratisch-militaerische Maschinerie aus einer Hand in die andere zu ubertragen, sondern sie zu z e r b r e c h e n." Das ist auch unsere Aufgabe." (aaO, S. 3) Und an anderer Stelle im selben Werk: "Die deutsche Republik soll eine demokratische Republik sein. Sie soll aber mehr werden, sie soll eine sozialistische Republik werden, ein Gemeinwesen, in dem die Ausbeutung des Menschen durch den Menschen keine Staette mehr hat." (ebd., S. 4, Schraegstellungen durch den Verf.). (Gerade hatte die Sozialdemokratie unschaetzbare Dienste geleistet, um eben eine sozialistische Rpublik zu verhindern - unter Berufung darauf, die Verhaeltnisse seien dafuer nicht reif.) Und nach dem Ende des Hitlerkrieges, inmitten einer Volkstimmung, in der sogar die CDU in ihr Ahlener Programm schreiben musste, der Kapitalismus sei erledigt, gab der damalige SPD-Vorsitzende Schuhmacher auf dem Hannoveraner Parteitag von 1946 die Parole aus: "Der Sozialismus marschiert !" - und kritisierte die KPD dafuer, dass sie eine "rechte" Politik mache, weil sie zunaechst "nur" die oekonomisch-politischen Grundlagen des Faschismus beseitigen wollte und "nur" eine antifaschistisch-demokratische Ordnung anstrebte. Das Ergebnis dieses "Linksueberholens" der KPD durch die SPD war, dass die oekonomischen Grundlagen des Faschismus in den Westzonen Deutschlands nicht beseitigt wurden und die alte Hitler-Buerokratie, notduerftig "demokratisch persilschein-gewendet", wieder in ihren Posten sass. - Die Beispiele liessen sich ziemlich beliebig vermehren, und beileibe nicht nur mit Manoevern der deutschen Sozialdemokratie.

 

Von Seiten der Kommunisten ist es wohl diese zynische Abgefeimtheit sozialdemokratischer Politikaster, diese eiskalt berechnende Verarschung der Klasse, die zu der Tendenz fuehrt, die betruegerische und verraeterische Seite des Opportunismus an erster Stelle zu geiseln. Aber Betrug und Verrat fuer sich genommen, haetten der SPD und aehnlichen Parteien anderswo "im Westen" schwerlich ein ganzes Jahrhundert lang ihren Massenanhang zugefuehrt. Die soziale Wurzel dieses Einflusses sind die Arbeiterschichten, die ihre Privilegien in die Zustimmung und Parteinahme fuer den Kapitalismus ummuenzen und deshalb, halb betrogen, halb kalkulierend, "solche Leute" als ihre politischen Repraesentanten akzeptieren.

 

Diese Tatsachen legen einen Seitenblick auf die marxistische Position nahe, die Arbeiterklasse sei die potentiell revolutionaere Klasse.

 

Die Grundlage dieser Position ist die oekonomische Stellung der Klasse: Sie besitzt keine Produktionsmittel. Die einzige Moeglichkeit, ihre Lebens-Mittel zu gewinnen, ist der Verkauf der eigenen Arbeitskraft an die Kapitalisten. Sie schafft andererseits, abgesehen von den kleinen Warenproduzenten und in noch vorkapitalistischen Verhaeltnissen arbeitenden Menschen, allen gesellschaftlichen Reichtum. Sie ist die Klasse, die die modernen Produktionsmittel anwendet. Der Besitz der Produktionsmittel und die staatliche Garantie dieses Besitzes versetzen die Kapitalisten in die Lage, sich das gesamte Arbeitsprodukt der Lohnabhaengigen anzueignen. (Der Lohn ist keineswegs ein "Teil des Arbeitsertrags", sondern vorgeschossenes Kapital, gerade so wie Kosten fuer Maschinen, Gebaeude, Energie etc.) Die Produktion ist einerseits gesellschaftlich - und mit der Entwicklung der Produktivkraefte, der Arbeitsteilung, des Zusammenwirkens der Lohnabhaengigen in immer komplizierterer, vielstufigerer, mehr organisch miteinander verbundener Arbeitsorganisation in stets steigendem Mass. Die Aneignung ist dagegen privat. Das von vielen Millionen Geschaffene gehoert einigen wenigen.

 

Nichts davon aendert der Uebergang des Kapitalismus in sein imperialistisches Stadium. Die Widersprueche werden im Gegenteil stets schaerfer. Die Zentralisation und Zentralisation des Kapitals, die Herausbildung von Monopolen, lenkt den Reichtum in immer weniger Haende, eine zahlenmaessig schrumpfende Bourgeoisie steht einer immer groesser werdenden Arbeiterklasse gegenueber. Der im 20. Jahrhundert erreichte Grad der Gesellschaftlichkeit der Produktion macht den Privatbesitz an den Produktionsmitteln zu einer immer kuenstlicheren, ueberlebteren, immer mehr nur noch mit ausser-oekonomischen Mitteln - dem Eingreifen des Staates - aufrecht zu erhaltenden "Form".

 

Gerade die privilegierten Schichten der Arbeiterklasse, die in der Produktion arbeiten, sind die am meisten ausgebeuteten. - Sie arbeiten mit den modernsten Produktionsmitteln und schaffen mit ihnen Produktmassen, im Vergleich zu den denen der "Faktor Lohnkosten" zunehmend eine Nebenbei-Groesse wird.

 

Gleich, ob in irgendeiner Weise privilegiert oder nicht, bleibt die Schande der Lohnarbeit: den Grossteil seiner wachen Zeit und seiner Energie, die eigene Arbeitskraft an einen Fremden verkaufen zu muessen, der sich an ihr bereichert; unter seinem Kommando Produkte herstellen zu muessen, die nicht ihrer Nuetzlichkeit wegen hergestellt werden, sondern wegen ihres Tauschwerts, ihrer Eigenschaft als Traeger von Wert, als Medium des Kapitalumschlags, dessen dumpfes Motiv ist, aus Geld mehr Geld zu machen. Die Lohnabhaengigen sind die Meister des Produktionsapparats, ohne sie wuerden buchstaeblich alle Raeder stillstehen - aber die Anwendung dieser Qualifikationen in der Form der Lohnarbeit macht die Arbeitskraft zu einer Ware wie Putzlappen oder wie die Geschlechtsteile von Prostituierten.

 

Das 20. Jahrhundert zeigt auch, dass die Unterwerfung unter die kapitalistischen Verhaeltnisse keine Zwangslaeufigkeit ist. Die oekonomischen Gruende sind nicht so "stark", dass sie privilegierte Schichten der Klasse unverbruechlich an die Bourgeoisie binden wuerden. In vielen Laendern stand es, oft mehrmals, "Spitz auf Knopf". Allerdings geschah das nirgendwo waehrend der Phasen kapitalistischer Prosperitaet, sondern stets im Rahmen oekonomischer und politischer Krisen, z. B. nach den beiden Weltkriegen. Und auch in diesen besonderen Situationen erwies sich die Arbeiterklase in den imperialistischen Zentren als nirgendwo in der Lage, die Machtfrage in ihrem Sinn zu loesen.

 

Dazu trug der Reformismus wesentlich bei. Er funktionierte praktisch als Agentur der Bourgeoisie innerhalb der Klasse, hemmte ihre politische Bewegung, verwirrte und fuehrte auf Nebengleise, stachelte Differenzen und konzentrierte sich vor allem auf die Isolierung des revolutionaeren Teils der Klasse - in direkter Zusammenarbeit mit der Bourgeoisie, vielfach in der Funktion des staatlichen Fuehrungspersonals und sich der staatlichen Repressionsmittel bedienend.

 

Lenin schreibt in "Imperialismus ... hoechstes Stadium ..." unter dem Abschnitt "Der Platz des Imperialismus in der Geschichte": "Monopole, Oligarchie, das Streben nach Herrschaft statt nach Freiheit, die Ausbeutung einer immer groesseren Zahl kleiner oder schwacher Nationen durch ganz wenige reiche oder maechtige Nationen - all das erzeugte jene Merkmale des Imperialismus, die uns veranlassen, ihn als parasitaeren oder in Faeulnis begriffenen Kapitalismus zu kennzeichnen. Immer plastischer tritt als eine Tendenz des Imperialismus die Bildung des "Rentnerstaates", des Wucherstaates hervor, dessen Bourgeoisie in steigendem Mass von Kapitalexport und "Kuponschneiden" lebt." (aaO. S. 305) In der Rezeption von Lenins Arbeit wird gewoehnlich gerade dieser Gesichtspunkt hervorgehoben oder sogar verabsolutiert.

 

Aber Lenin schreibt an dieser Stelle unmittelbar weiter: "Es waere ein Fehler zu glauben, dass diese Faeulnistendenz ein rasches Wachstum des Kapitalismus ausschliesst; durchaus nicht, einzelne Industriezweige, einzelne Schichten der Bourgeoisie und einzelne Laender offenbaren in der Epoche des Imperialismus mehr oder minder stark bald die eine, bald die andere dieser Tendenzen. Im grossen und ganzen waechst der Kapitalismus bedeutend schneller als frueher, aber dieses Wachstum wird nicht nur im allgemeinen immer ungleichmaessiger, sondern die Ungleichmaessigkeit aeussert sich auch im besonderen in der Faeulnis der kapitalkraeftigsten Laender (England). ... Dadurch, dass die Kapitalisten ... hohe Monopolprofite herausschlagen, bekommen sie oekonomisch die Moeglichkeit, einzelne Schichten der Arbeiter, voruebergehend sogar eine ziemlich bedeutende Minderheit der Arbeiter zu bestechen und sie auf die Seite der Bourgeoisie des betreffenden Industriezweiges oder der betreffenden Nation gegen alle uebrigen hinueberzuziehen. Diese Tendenz wird durch den verschaerften Antagonismus zwischen den imperialistischen Nationen wegen der Aufteilung der Welt noch verstaerkt. So entsteht der Zusammenhang von Imperialismus und Opportunismus." (ebd., S. 305 f)

Genau das charakterisiert das politische Verhalten eines Teils der Arbeiterklasse in den imperialistischen Zentren im 20. Jahrhundert und bis heute. Der Hoehepunkt dieser Entwicklung wird in der zweiten Haelfte des 20. Jahrhunderts erreicht, in einer von nur milden oekonomischen Krisen unterbrochenen ungefaehr drei Jahrzehnte waehrenden Phase wirtschaftlicher Prosperitaet und entsprechendem "sozialpolitischem Spielraum".

 

Die Geschichte der Arbeiterbewegung des 20. jahrhunderts lehrt: Ein Teil der Arbeiterklasse v.a. in den imperialistischen Metropolen hat sich dafuer entschieden, sich im Kapitalismus einzurichten. In Zeiten der Prosperitaet festigt sich diese Haltung, in Krisenzeiten geraet sie ins Wanken. Reformismus, Revisionismus, Opportunismus sind der politische Ausdruck dieser Haltung. Als politische Erscheinung wirkt er auf diese verstaerkend zurueck. In entscheidenden geschichtlichen Augenblicken gab er durch das ganze 20. Jahrhundert hindurch immer wieder den Ausschlag dafuer, dass sich die zuspitzende Machtfrage zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse zugunsten der ersteren entschied.

 

In der kommunistischen Kritik gibt es durch das ganze Jahrhundert hindurch die Tendenz, die aus der Lage der privilegierten Arbeiterschichten entspringende und von dieser im Sinne des "Sich-Einrichtens" im Kapitalismus interpretierte Haltung relativ zu vernachlaessigen und sich hauptsaechlich am sich daraus ableitenden Reformismus etc. abzuarbeiten, also hauptsaechlich die politischen Erscheinungsformen zu kritisieren und zu bekaempfen. Das fuehrt dazu, die Arbeiterklasse bzw. ihre privilegierten Schichten als Opfer sozialdemokratischen Betrugs zu sehen.

 

Das ist zwar auch richtig, aber dieser Betrug konnte nur so wirksam werden, wie er es wurde und ist, weil die urwuechsig aus den privilegierten Schichten der Klasse hervorwachsende Neigung, sich im Kapitalismus einzurichten, dafuer der Boden war, aus dem auch die politische Erscheinung des Opportunismus wuchs; - die einen Spalt weit offenstehende Tuer, die der Opportunismus als politische Erscheinung nur noch weiter aufzustemmen brauchte. Und je weiter diese Tuer aufgestemmt wurde, in desto groesserem Mass konnte nicht nur die opportunistische Ideologie in das Bewusstsein der Klasse einfliessen, sondern jede Speilart der buergerlichen Ideologie ueberhaupt.

 

Das Ergebnis des "Sich-Einrichtens" der Arbeiterklasse im Kapitalismus ist ein heute weit fortgeschrittener Verlust an Klassengedaechtnis, -bewusstsein und -kultur, die massenhafte Aufnahme der imperialistischen Massenkultur, die von der Bourgeoisie bewusst und strategisch als Herrschaftsmittel eingesetzt wird; und, damit einhergehend, ein weitgehender Verlust an politischer Macht, an Faehigkeiten, die eigenen Interessen zu verfolgen oder auch nur zu verteidigen.

 

Der kommunistische Fluegel der Arbeiterbewegung hat mit dem Untergang der SU und der osteuropaeischen Staaten, mit der Zerstoerung einiger kommunistischer Massenparteien in Westeuropa und einem Abschmelzen der kommunistischen Parteien in West- und Osteuropa am Ende des 20. Jahrhunderts eine fuerchterliche Niederlage erlitten. Aber der Reformismus befindet sich keineswegs in besserem Zustand. Er ist selbst im Rahmen der "offiziellen" Sozialkdemokratie zu einer Minderheit mit mehr oder weniger geringem Einfluss geworden, waehrend sein Hauptstrom sich in eine blosse Variante der Bourgeois-Politik a la Schroeder, Blair, Hollande, Soares verwandelt hat.

 

Die Arbeiterklasse in Westeuropa und Nord-Amerika ist heute "Schwanz der Bourgeoisie" in einem Mass wie selten in ihrer Geschichte. Aber die polit-oekonomischen Widersprueche des Imperialismus wirken weiter, und je machtloser die Arbeiterklasse ist, desto "ungepolsteter" wirken sie. Beim heutigen Zustand wird es nicht bleiben.

 

Sepp Aigner

2007

Veröffentlicht in Geschichte

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