Zypern muckt

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Als vor einer Woche die rotierende EU-Präsidentschaft auf die Regierung Zyperns überging, mokierte sich die FAZ noch über die dortige Regierungspartei AKEL. Ihr Kommunismus sei bloss noch ein dekoratives Überbleibsel aus der Vergangenheit. Das sehe man daran, dass es in Zypern genauso kapitalistisch zugehe wie anderswo und AKEL gar keine Anstalten mache, irgendwas in Richtung Sozialismus zu betreiben. Der FAZ fällt dabei nicht ein, dass Zypern weniger Einwohner als München hat und vermutlich ein noch weit geringeres BIP, dass das Mittelmeer fast ein NATO-Binnenmeer und der Nordteil der Insel vom NATO-Land Türkei besetzt ist - mithin also die Freiheiten der Zyprioten, eine Gesellschaftsordnung nach ihrem Gusto einzurichten, ziemlich beschränkt sind.

 

Was der FAZ aber einfällt, ist Häme darüber, dass jetzt auch Zypern unter den "Rettungsschirm" schlüpfen müsse, um 2,5 Milliarden müsse es betteln. Das ist bekanntlich mit gewissen Auflagen verbunden, die alle den Zweck haben, im Namen des "Sparens" die Bevölkerung zu verarmen. Das haben sie nun davon, diese roten Levantiner, die bei jeder Wahl der AKEL zwischen vierzig und fünfzig Prozent der Stimmen geben, was nach westlicher Lesart eine solide Regierungsmehrheit ist, wenn die richtigen Parteien gewählt werden. Aber nie wählt eine ausreichende Zahl der Zyprioten die richtigen Parteien. Dafür muss jetzt die kommunistenverseuchte Regierung, ganz gegen ihre nostalgischen Anwandlungen, selber das Volk schröpfen.

 

So weit, so gut im Sinne der FAZ. Aber kaum ist eine Woche vergangen, wechselt der hämisch-überhebliche Tonfall zu Empörung und Wut über die doch so harmlosen zypriotischen Kommunisten. Wie das ? - Die haben sich erdreistet, nicht nur beim "Rettungsschirm" 2,5 Milliarden anzufordern, sondern auch noch oder anstattdessen um 5 Milliarden bei den Russen anzufragen. Undankbare Südländer ! 

 

Die Zyprioten kontern cool. Russischen Banken müsse man natürlich auch Zinsen zahlen, von 4,5 Prozent ist die Rede. Aber Russland mische sich nicht in die inneren Angelegenheiten Zyperns. Keine Sparauflagen ? Keine Lohnkürzungen ? Kein Ausverkauf von Staatseigentum ? - Da hört sich doch alle Demokratie auf !

 

Tante FAZ echauffiert sich in der Sprache eines gewissen Herrn Barroso:

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/nikosia-bittet-moskau-um-5-milliarden-euro-zyperns-antrag-auf-russischen-kredit-stoesst-auf-scharfe-kritik-11812688.html

 

Novosti meldet sachlich: http://de.rian.ru/business/20120706/263940536.html 

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almabu 07/07/2012 17:48


Tja Sepp, da haben die Europäer ein Problem und die Russen eine Chance!
Nehmen wir also mal an, die USA stürzen Assad und die Russen verlieren ihren einzigen Flottenstützpunkt im Mittelmeer in Syrien, ja?
Da wäre ein Wechsel der Russen auf die nicht zur Nato gehörende Insel Zypern und in ein strategisch immer wichtiger werdendes Seegebiet doch geradezu eine Verbesserung, oder?
Sagen wir also, eine "verlorene" Zahlung der Russen von zwei, drei Milliarden Euro an die Zyprioten und im Gegenzug ein Stationierungsvertrag für die russische Flotte, womöglich sogar noch einen
Flugplatz?
Zypern ist kein Nato-Mitglied und die EU könnte diessen Bilateralen Vertrag m.E. nicht verhindern!
Machte das Sinn, Sepp?

Sepp Aigner 07/07/2012 18:09



Als Gedankenspiel schon. Aber die Realität ist wohl so, dass die Amis Zypern eher selber besetzen würden, als einen russischen Stützpunkt zuzulassen. Zypern hat nicht viel Spielraum. Die
Regierung wird versuchen, ein wenig zu schaukeln, um möglichst günstige Kreitbedingungen rauszuholen. Immerhin wäre sie ohne Russland der EU auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, und das ist sie
nicht ganz.