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Fragmente: Sozialismus

Thursday, 28. february 2013 4 28 /02 /Feb. /2013 18:24

Mit Erlaubnis des Autors Hans-Peter Brenner stelle ich diesen in junge welt erschienenen Artikel in mein Blog. 

(Übernommen von kominform.at -http://www.kominform.at/article.php/20130228172419463 )

 

Die Anhänger einer "Mosaik-Linken" sollten sich klarmachen, in welchem histoischen Zusammenhang diese Konzeption steht. Hier ist eine Gelegenheit dazu:

junge Welt: Neu-alter Weichspüler

 

 

Die »Transformationsstrategie« präsentiert sich als zeitgemäßer revolutionärer Weg. Ihre begriffliche Unschärfe gibt allerdings Anlaß zum Zweifel

 

Von Hans-Peter Brenner

 

Die DKP wird auf ihrem 20. Parteitag am ersten Märzwochenende ihre eigenen, in den letzten Monaten und Wochen intern breit diskutierten, »Antworten der DKP auf die Krise« beraten und verabschieden. Es zeichnet sich bei aller Differenziertheit der Meinungen eine große grundsätzliche Zustimmung ab, und die eingereichten Änderungsanträge haben das ihre dazu getan, den Entwurf weiter zu qualifizieren, so daß die Parteitagsdelegierten dazu voraussichtlich ein starkes positives Votum abgeben. Diese Antworten auf aktuelle Fragen sind eingebettet in die Strategie des antimonopolistischen Kampfes, die den Weg für Übergänge zum revolutionären Bruch mit dem Kapitalismus öffnen will und soll.

Auch im weiteren linken Umfeld werden ähnliche Fragen diskutiert. Dabei zeigt sich, daß der Verlust an geschichtlichem (Orientierungs-)Wissen nach dem offenkundigen Scheitern oder auch der teilweise bis zum Zerfall gehenden Schwächung der sich auf den Marxismus-Leninismus berufenden Kommunistischen und Arbeiterparteien enorm ist und nur langsam wieder ausgeglichen wird. Da erscheint ein Slogan, der beides verspricht, nämlich wirklich spürbare Veränderungen und eine »visionäre« Idee, die mehr sein will als der alte (sozialdemokratische) Reformismus, gerade zur rechten Zeit.

 

Dieses Zauberwort heißt »Transformation« oder sogar »revolutionäre Transformationsstrategie.« Es findet seine positive Anwendung in jüngeren Beiträgen des Leiters des Münchner Instituts für sozial-ökologische Wirtschaftsforschung (isw), Conrad Schuhler, und des stellvertretenden Vorsitzenden der DKP, Leo Mayer, der ebenfalls isw-Mitarbeiter ist. Sie findet sich aber auch bei den zeitweiligen Chefideologen der damaligen PDS, Michael Brie und Dieter Klein. Es hat somit allen Anschein, als ob die Transformationstheorie eine »Auferstehung« erlebe oder ihren zweiten, gar dritten »Frühling« feiere. Denn die gab es schon einmal. Alter Wein in neuen Schläuchen mithin. Ein Rückblick. Eine Strategie des Kalten Krieges

 

Im Rahmen der ideologischen Absicherung des Kalten Krieges gegenüber den sozialistischen Staaten nach 1945 sah die Langzeitstrategie von USA und NATO eine bewußte ideologische Aushöhlung der damaligen kommunistischen Weltbewegung und der Länder des sich gerade formierenden Sozialismus vor. Der britisches Premierminister Winston Churchill hatte in seiner berühmten »Fulton-Rede« am 5. März 1946 erstmals zur Überwindung des »Eisernen Vorhangs« aufgerufen, der laut Churchill »zwischen Stettin an der Ostsee bis Triest an der Adria« von »Moskau« errichtet worden sei. Das war der offizielle Startschuß zum Kalten Krieg. Die gesamte sowjetische »Einflußsphäre« mitsamt den »weitab von den russischen Grenzen und über die ganze Welt« verstreuten »kommunistischen fünften Kolonnen«, die in »vollständiger Übereinstimmung und mit absolutem Gehorsam gegenüber den Weisungen, die sie aus der kommunistischen Zentrale empfangen«, operierten, müsse »aufgerollt« werden. Außer in den USA und in Großbritannien, so Churchill, stellten »die kommunistischen Parteien oder fünften Kolonnen eine wachsende Herausforderung und Bedrohung für die christliche Zivilisation dar.«

 

Auf der Basis der im März 1947 verkündeten und nach dem damaligen US-Präsidenten benannte »Truman-Doktrin« starteten auch die USA im Folgejahr eine massive politische, militärische und ideologische Konterbewegung gegen echte und vermeintliche Kommunisten, die sie – nicht nur in den USA und in Europa – auf dem Vormarsch sahen. Ein erster Höhepunkt war die im März 1947 beginnende US-Intervention gegen die »kommunistische Gefahr« in Griechenland, nachdem die massive militärische Unterstützung Großbritanniens zugunsten der bürgerlichen griechischen Regierung den Vormarsch der aus der Partisanenarmee gegen Hitlerdeutschland entstandenen »Demokratischen Armee Griechenlands« nicht länger stoppen konnte. Truman erklärte: »Die Existenz des griechischen Staates wird heute durch die terroristischen Aktivitäten einiger tausend bewaffneter Männer bedroht, die von Kommunisten geführt werden und die Autorität der Regierung an einigen Stellen des Landes besonders entlang der nördlichen Grenzen in Frage stellen. (…) Griechenland muß unterstützt werden, wenn es eine Demokratie werden soll, die sich auf sich selbst stützt und sich selbst achtet.«

 

In einer Direktive des Nationalen Sicherheitsrates der USA (NSC) vom 14. September 1949 wurde zudem eine auf Jahrzehnte anlegte Konzeption zur Herausbildung eines »häretischen« und »abtrünnigen« Kommunismus entwickelt. Diese sollte zur Zerrüttung des sozialistischen Systems und dessen Verwandlung zu einem »demokratischen Sozialismus« führen und außerhalb des sowjetischen Einflußbereichs die westlichen Kommunistischen Parteien auf den Weg in Richtung eines linken Sozialdemokratismus bringen.

In dieser Direktive heißt es unter Punkt 31: »Unser Endziel muß natürlich das Entstehen nicht-totalitärer Regierungen in Osteuropa sein, die gewillt sind, sich der Gemeinschaft der freien Welt anzupassen und an ihr mitzuwirken.« Dieses Ziel galt für den Moment jedoch als nicht realisierbar. Deshalb wird unter Punkt 32 vermerkt: »Wenn wir (…) beabsichtigen, daß in einem ersten Schritt abtrünnige kommunistische Regimes die gegenwärtigen stalinistischen Regierungen verdrängen, haben wir sehr viel größere Erfolgs­chancen.«

Im nachfolgenden Punkt 33 wurde dieses Vorgehen so konkretisiert: »Das gegenwärtige Verfahren ist demnach, einen häretischen Ablösungsprozeß in den Satellitenstaaten zu begünstigen. So gering sie auch erscheinen mögen, Gründe für ketzerische Abspaltungen existieren bereits. Wir können zur Vertiefung dieser Risse beitragen, ohne Verantwortung auf uns zu nehmen. (…) der Streit würde zwischen dem Kreml und der kommunistischen Reformbewegung ausgetragen.«

 

Der Hauptstoß galt dem Teil der Kader innerhalb der kommunistischen Parteien, die am entschiedensten gegen den Imperialismus eingestellt waren. Diese sollten deshalb zunächst in den eigenen Reihen als »Stalinisten« denunziert und isoliert werden. In den entsprechenden Passagen des Memorandums des NSC heißt es dazu: »Das eigentliche Problem scheint darin zu liegen, die Isolation der stalinistischen Elemente nicht nur im gesellschaftlichen Leben der Satellitenstaaten, sondern vornehmlich auch in den kommunistischen Parteien zu bewerkstelligen und, sobald sie verifiziert und isoliert sind, Bedingungen zu schaffen, die ihre Macht einschränken und schließlich beseitigen werden. (…) Dieser Weg ist eng verbunden mit und teilweise abhängig von der dritten Handlungsweise, die uns offensteht – einem Angriff an der ideologischen Front.« Das schwierigste »Problem« aus Sicht des NSC bestand darin, »die Entwicklung eines abtrünnigen Kommunismus zu fördern, ohne zur gleichen Zeit ernsthaft unsere Chancen zu beeinträchtigen, diesen Totalitarismus einer Übergangszeit endgültig durch freiheitliche Lebensformen zu ersetzen, die der westlichen Welt geistesverwandt sind«.

 

Der Hebel, den die US-Strategen dafür sowohl gegenüber den sozialistischen Ländern wie auch gegenüber den kommunistischen Parteien insgesamt anzusetzen gedachten, war die »Transformationsstrategie«. Dies in einem doppelten Sinne: »Transformation« des sozialistischen Entwicklungsweges innerhalb des sozialistischen Lagers in Richtung Kapitalismus und »freier Marktwirtschaft« und zugleich Umwandlung und Festlegung der Programmatik der kommunistischen Parteien des Westens auf eine »Reformstrategie« innerhalb des kapitalistischen Blocks.

 

Sozialistischer als der Ostblock

 

Das Konzept der »Transformation« war eine bewußt gewählte »linke« Variante des Sozialdemokratismus bzw. des »demokratischen Sozialismus« zur Abgrenzung vom Revolutionskonzept der Kommunisten. Dabei spielte die »Sozialistische Internationale« eine zentrale Rolle. In einer Untersuchung der Geschichte und Strategie der NATO hatte Lorenz Knorr, langjähriger Bundessekretär der »Sozialistischen Jugend Die Falken«, 1985 die enorme Bedeutung der Kombination von gezieltem Antikommunismus mit einer bewußten Förderung des Reformismus in der Strategie der NATO herausgearbeitet. »Auf der Suche nach positiven Werten und Perspektiven wurde einerseits die ›europäische Integration‹, andererseits der ›Atlantismus‹, mitunter eine Synthese von beiden angeboten.« Die sogenannte europäische Integration bildete damals für die Parteien der Sozialdemokratie eine neue Stufe der Demokratisierung und Integration der nationalen Volkswirtschaften auf dem Weg zur »Transformation«.

 

Der Rat der Sozialistischen Internationale faßte dazu im Juni 1962 einen entsprechenden Grundsatzbeschluß. Der französische Sozialist André Ferrat kommentierte diese Entscheidung in einem Beitrag für die Revue Socialist so: »Es gibt keine Unvereinbarkeit zwischen dem demokratischen Sozialismus und Europa; gekämpft wird für die allmähliche Transformation des heutigen Europa in ein demokratisches und sozialistisches Europa.«

 

Diese Integration des vom Monopolkapital beherrschten Europas, damals auf der Stufe der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft EWG, später der EG, wurde als »Vorbote des Sieges des Sozialismus« begriffen. Unterschlagen oder negiert wurde, daß die EG ein vom US-Imperialismus nach 1945 gewolltes Projekt zur Bündelung der Kräfte des Antikommunismus und der Eingliederung des ökonomisch wiedererstarkten deutschen Imperialismus in eine antisowjetische Allianz war. Für den deutschen Imperialismus erfüllte sich zudem mit der europäischen Integration ein seit Jahrhundertbeginn gehegtes eigenes strategisches Ziel.

Die Theorie des »Transformation des Kapitalismus« sollte eine bewußte Negation der Strategie des revolutionären Bruchs mit dem Kapitalismus sein. Der französische Sozialist Lucien Laurat schrieb bereits 1957 in dem theoretischen Beitrag »Worauf der Sozialismus zu orientieren ist« folgendes: »Je intensiver ein Land den wissenschaftlichen Fortschritt in der Industrie ausnutzen kann, desto eher nähert er sich dem Sozialismus, sein Kapitalismus macht eine Transformation durch, die Gewerkschaften werden stark. Das Studium der wirtschaftlichen Evolution der Vereinigten Staaten von Amerika zeigt uns die soziale Transformation dieses Landes.«

 

Laurat behauptete sogar, daß im Hauptzentrum des Imperialismus, den USA, »mehr Sozialismus als in den Ostblockländern« bestehe. Diese Gleichsetzung eines hochentwickelten staatsmonopolistischen Kapitalismus mit einem sozialistischen System verschleierte zum einen die Rolle des Privatsektors und des Privatkapitals in den USA, zum anderen negierte es die Aufhebung des Privateigentums an den Produktionsmitteln in den sozialistischen Ländern als den eigentlichen Grundunterschied im Vergleich zum Kapitalismus. Laurat präzisierte diese Ineinssetzung noch weiter: »Die verschiedenen Systeme existieren nicht nur eines nach dem anderen, sie durchdringen sich gegenseitig. Die ganze Geschichte ist nur eine ununterbrochene Reihe ›gemischter Wirtschaften‹, allmählicher Übergänge.« Es ist dann nur logisch und konsequent, daß mit dieser Variante der »Transformationstheorie« der Verzicht auf einen revolutionären Bruch verbunden war und ist.

Heute ist die Vorstellung von einer auf dem »wirtschaftsdemokratischen Reformweg« durchzusetzenden »Zähmung« des Finanzkapitals wichtiger Bestandteil einer allmählichen »Transformation« des Kapitalismus, wie sie von den genannten Theoretikern der Linkspartei und Mitarbeitern des isw oder von alternativen und linken Ökonomen der »Memorandum Gruppe« vertreten wird. Sie findet sich auch im Programm der Europäischen Linkspartei wieder.

 

»Mosaik-Linke«

 

Bei aller Differenziertheit der unterschiedlichen Autoren und Varianten der Transformationsstrategie verwischen diese Neuauflagen auch heute den qualitativen Unterschied zwischen einer noch innerhalb der Grenzen des Kapitalismus verbleibenden Reformpolitik und einer Konzeption, welche entschieden systemkritische und -schwächende Reformen mit der Strategie des »revolutionären Bruchs« dialektisch verbindet. Dabei sind manche Autoren sich des programmatischen Glatteises, auf das sie sich begeben, und der Gefahr des Abgleitens in den alten sozialdemokratischen Reformismus offenkundig bewußt.

Conrad Schuhler verbindet sein Konzept der Transformation mit der Zielsetzung einer »solidarischen Gesellschaft«. Diese Floskel ist Bestandteil des modernen »Austromarxismus«, die sich in der aktuellen Programmatik der KP Österreichs als Alternative zur marxistischen Konzeption des »Sozialismus« eingebürgert hat. Schuhler betont die Nähe seines Transformationskonzepts zu den in der Linkspartei dominierenden Transformationsideen. »Es wird von der Linken, z.B. von der Rosa-Luxemburg-Stiftung, gesagt, daß eine radikale Realpolitik sozial-ökologischer Transformation in der Zeit der Krise auf diesem strategischen Viereck basiere: der sozialen Umverteilung, sozialökologischer Umgestaltung, umfassender Demokratisierung und umsichtiger Friedenspolitik. Die Umverteilung sei der Ausgangspunkt, doch sei Umverteilung ohne Umgestaltung keine nachhaltige linke Politik. Deshalb müsse immer auch der zweite Schritt mitbedacht werden, der über den Status quo hinaus führt, eine Dynamik gesellschaftlicher Veränderung erzeuge, die einen Richtungswechsel erst bewirke. Ich stimme diesen grundsätzlichen Betrachtungen zu, will aber meinen Punkt unterstreichen, daß eine strukturell entscheidende Frage im Rahmen der aktuellen Phase der Auseinandersetzung angegangen werden kann, nämlich die Frage der Regulierung und Demokratisierung des Finanzsektors.«

 

Als sozialen Träger seiner sozialökologischen Transformationskonzeption sieht Schuhler eine »Mosaik-Linke« an. Diese solle aus der traditionellen »sozialen Linken« und der vorwiegend »ökologisch-libertären Linken« bestehen, die sich aus den lokalen Mittelschichten und Klein- und Kleinstunternehmern rekrutiert. Die zwischen ihnen noch bestehende »Fremdheit« müsse angesichts bestehender Gemeinsamkeiten jedoch erst abgebaut werden. Das »Gemeinsame« dieses Transformationsprojekts sei die »ökologische Modernisierung unter gleichzeitigem Einschluß der sozialen und demokratischen Ansprüche der arbeitenden Bevölkerung und aller Gesellschaftsmitglieder sowie die Entfaltung einer entschiedenen Friedenspolitik.« Schuhler scheint nicht mehr besonders auf eine schlagkräftige revolutionäre oder auch nur konsequent-gewerkschaftliche Arbeiterbewegung mit einer klar ausgerichteten antikapitalistischen und antimonopolistischen Strategie zu setzen.

 

Leo Mayer propagiert ebenfalls die Version einer »revolutionären Transformationsstrategie« und gerät dabei sichtlich in definitorische Kalamitäten, die er mit einer reformistischen Interpretation der von Gramsci entwickelten Hegemoniestrategie zu überbrücken versucht. Mayer schreibt: »... im marxistischen Sinne – auf Gramsci bezogen – bedeutet Transformation die grundlegende Umwälzung der gesellschaftlichen Ordnung zu einer höheren Ordnung, die jedoch nicht in einem Ansturm, sondern in einem langwierigen Kampf erfolgt.«

Diese Definition reduziert die Unterscheidung zwischen Reform und Revolution auf eine Zeitfrage und geht damit am wahren Problem, der Verwischung des qualitativen Unterschieds zwischen einer Reformstrategie und der Spezifik des revolutionären Bruchs, vorbei. Dies wird nicht dadurch besser, daß Mayer einräumt, daß der Transformationsbegriffs sehr schillernd sei, dann aber gleichzeitig behauptet, daß dies ja auch für die kommunistische Strategie gelte, die auf den revolutionären Bruch mit dem Kapitalismus setzt.

 

Daß er sich dabei ausgerechnet auf seinen vor gut einem Jahr verstorbenen schärfsten parteiinternen Kritiker, Hans Heinz Holz, beruft, entbehrt nicht einer gewissen Impertinenz. Es ist gerade Holz gewesen, dem die Verwischung des strategischen Unterschieds und der wesensmäßigen Andersartigkeit zwischen einer bloßen Reformstrategie und der Strategie und Notwendigkeit des revolutionären Bruchs mit dem Kapitalismus immer ein wahrer Greuel war. Die politische Revolution ist für Holz eine Unterbrechung der kontinuierlichen Entwicklung. Sie stellt den Übergang von einer Qualität zur anderen, nächsthöheren dar und überschreitet damit die Grenze von der »Allmählichkeit« der Entwicklung und Modifikation (der Transformation) durch den »revolutionären Bruch«.

 

Die Revolution, so wußte Holz mit Lenin, ist der »höchste Akt der Politik« und wer sie will, »muß auch das Mittel wollen, die politische Ak­tion, welche die Revolution vorbereitet, welche die Arbeiter für die Revolution erzieht.«

 

Qualitativer Umschlag

 

Man kann den qualitativen Übergang von einer zweifelsohne notwendigen und auch von marxistischen Revolutionären bejahten Reformpolitik auch unter Berücksichtigung der alten Revisionismusdebatte zwischen Rosa Luxemburg und Eduard Bernstein mit ersterer durchaus immer noch so ausdrücken: »Es ist grundfalsch und ganz ungeschichtlich, sich die gesetzliche Reformarbeit bloß als in die Breite gezogene Revolution, und die Revolution als die kondensierte Reform vorzustellen. Eine soziale Umwälzung und eine geschichtliche Reform sind nicht durch die Zeitdauer, sondern durch das Wesen verschiedene Momente. Das ganze Geheimnis der geschichtlichen Umwälzung durch den Gebrauch der politischen Macht liegt ja gerade in dem Umschlagen der bloßen quantitativen Veränderungen in eine neue Qualität, konkret gesprochen: in dem Übergang einer Geschichtsperiode, einer Gesellschaftsordnung in eine andere.«

 

Im politischen Kontext ist die Revolution ein »autoritärer Akt« (F. Engels), der in unterschiedlichen Formen ablaufen kann und vielfältige Varianten aufweist. Es muß nicht zwangsläufig die äußere Form der Anwendung militärischer bzw. bewaffneter Gewalt annehmen. Es ist aber immer ein Bruch in der Allmählichkeit und der kontinuierlich ablaufenden Evolution. Es enthält per definitionem einen oder mehrere Momente des radikalen Bruchs und des Endes der kontinuierliche Entwicklung. Friedrich Engels hielt fest: »Eine Revolution ist gewiß das autoritärste Ding, das es gibt; sie ist der Akt, durch den ein Teil der Bevölkerung dem anderen Teil seinen Willen vermittels Gewehren, Bajonetten und Kanonen, also mit denkbar autoritärsten Mitteln aufzwingt; und die siegreiche Partei muß, wenn sie nicht umsonst gekämpft haben will, dieser Herrschaft Dauer verleihen durch den Schrecken, den ihre Waffen den Reaktionären einflößen.«

 

Das zeigen alle großen und kleinen revolutionären Ereignisse von den Tagen der englischen »Glorious Revolution« und der amerikanische Revolution gegen die britische Kolonialmacht, über die »Große Französische Revolution«, die russische »Oktoberrevolution« , die chinesische, vietnamesische, kubanische ebenso auch die antifaschistische »Nelkenrevolution« in Portugal 1974 bis hin zu dem, was man in den letzten Jahren in völliger Verkehrung des begrifflichen Gehalts »sanfte« bzw. »orange« Revolutionen in den ehemals sozialistischen Staaten Osteuropas nannte.

 

Ein Weg zur Niederlage

 

Nach dem Sieg der Konterrevolution in der DDR kam es zu einer Wiederbelebung der alten sozialdemokratischen Transformationstheorie durch Theoretiker des sich selbst als SED-Reformer definierenden Spektrums der PDS-Führung. 1994 wurde auf einer großen »Transformationskonferenz«, der weitere Konferenzen folgten, nach neuen Begründungen für eine Neuauflage dieser alten Transformationsstrategie und ihrer Modernisierung gesucht. Federführend war damals das Berliner Institut für sozialwissenschaftliche Studien unter der Leitung von Rolf Reißig, der in den 80er Jahren auf seiten der SED an den Verhandlungen mit der Grundsatzkommission der SPD beteiligt war, an dessen Ende eine gemeinsame Positionierung zum »Streit der Ideologien« gestanden hatte. Für das imperialistische Langzeitkonzept der ideologischen Aushöhlung des realen Sozialismus und der Etablierung eines »häretischen« und »abtrünnigen« Kommunismus war dieses Dokument eine Art »geistige Atombombe«, die die bereits bestehenden Illusionen in den Reihen der SED über die wahren Absichten der westdeutschen »Entspannungspolitik« nur noch vergrößerte.

 

Wie spätestens die Erfahrungen der chilenischen Volksfrontregierung, der »Unidad Popular« unter Salvador Allende, und der Putsch des chilenischen Militärs von 1973 zeigen, führt das Herankommen an die Tabuzonen des Kapitalismus, nämlich der Besitz und die Alleinverfügung der kapitalistischen Konzerne, Monopolgruppen und Banken über die Produktionsmittel und Finanzinstitutionen, zu einer solchen Eskalation des Klassenkampfes von oben, daß die reaktionären Kreise des Großkapitals und der mit ihr verbündeten Mittel- und Kleinbourgeoisie dieser Bedrohung mit allen Waffen – auch denen des Putsches und des Bürgerkrieges – entgegentreten.

 

Die Erfahrungen der portugiesischen antifaschistischen Revolution von 1974 bestätigen zudem die Brüchigkeit klassenübergreifender Bündnisse und Allianzen, wenn Reformetappen naherücken, in denen es um solche Fragen wie die Nationalisierung der Banken, die Produk­tionskontrolle durch die Arbeiterbewegung, die Verstaatlichung von Großbetrieben unter demokratischer Kontrolle, die Verteilung des Großgrundbesitzes und die Demokratisierung von Armee, Polizei und anderen Machtorganen geht.

 

Es muß letztlich zu solchen Katastrophen wie der Niederlage der Unidad Popular führen – unabhängig von allem individuellen Heroismus und aller persönlichen Lauterkeit der linken Kräfte – , wenn der Unterschied von Reform und Revolution negiert oder auch nur so verwischt wird, wie in der vorgestellten Transformationstheorie. Dies endet dann fast zwangsläufig in einer schrecklichen Niederlage. Davor möge uns unsere revolutionäre Vernunft und Einsicht bewahren.

 

Hans-Peter Brenner ist Diplompsychologe und Psychotherapeut, Mitglied des Parteivorstands der DKP und Mitherausgeber der Marxistischen Blätter

 

Quelle: junge Welt,

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Fragmente: Sozialismus - Community: Kritische Massen
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Wednesday, 14. december 2011 3 14 /12 /Dez. /2011 18:13

 

Heute habe ich ein neues interessantes Blog entdeckt. Es ist ein Bildungsangebot in marxistischer Politischer Ökonomie. Wer also noch mehr wissen will, als er schon weiss - mal reingucken !

 

http://pecmag.wordpress.com/2011/12/13/david-harvey-crises-of-capitalism/

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Fragmente: Sozialismus - Community: Kritische Massen
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Tuesday, 12. october 2010 2 12 /10 /Okt. /2010 09:00

 

 

Dieser Text ist vier Jahre alt. So manche Illusion, die darin kritisiert wird, ist inzwischen von der Wirklichkeit selbst entzaubert. Innerhalb weniger Jahre sind die überkommenen Vorstellungen in ziemlich vielen Köpfen wankend geworden. Unzufriedenheit, Gemaule, das Liebäugeln mit noch dumpferen Ideologien als der bürgerlich-demokratischen - und da und dort regt sich Widerstand. Aber selbst Widerstand bewegt sich noch hauptsächlich im Käfig des bürgerlichen Weltbilds, nimmt die Form der Radikalisierung des bürgerlichen Ideals z. B. der Gerechtigkeit oder des Gemeinwohls an, indem dessen Verwirklichung gefordert wird - zurück zum "Sozialstaat", zur "Sozialpartnerschaft". Der Käfig muss gesprengt werden, wenn die Unzufriedenen die Verhältnisse wirklich verändern wollen, die sie unzufrieden machen.

Wer verändern will, muss sich angucken, was ist. Dazu gehört die bürgerliche Ideologie in unseren Köpfen. Dazu einige Überlegungen:

 

 

Gebrauchsanleitung für die Entfernung der bürgerlichen Ideologie aus dem eigenen Kopf

 

Soziale Klassen ? Schichten ? 

 

Wenn es nach der vorherrschenden Meinung geht, gibt es heute keine sozialen Klassen mehr, jedenfalls nicht in dem Sinn, wie es sie "frueher gegeben haben mag". Mein dicker Kumpel von der Stanze nebenan raucht jetzt am Wochenende waehrend der Sportschau auch eine dicke Havanna, und unser Boss ist gar nicht dick, dicke Zigarren sind ihm zuwider, er ist sportlich gestaehlt und mit leichter mediterraner Diaet genaehrt. Falls es etwas Aehnliches wie Klassen geben sollte, handelt es sich um aussterbende Relikte, die vielleicht in den armen Regionen noch von Bedeutung sind, aber in den demokratischen Wohlstandslaendern nicht mehr oder jedenfalls immer weniger. Der Begriff der sozialen Klasse wird gern durch den der Schicht ersetzt. Solche Schichten - fuer die viele und unterschiedliche Kriterien erfunden werden, so dass ziemlich beliebig "geschichtet werden" kann - haetten fliessende Grenzen, heisst es. Eine eindeutige Zuordnung der Menschen sei weder moeglich noch sonderlich wichtig. Besonders beliebt ist trotzdem die Mittelschicht, zu der wir fast alle gehoeren. Soweit es noch Unterschichten gebe, habe jeder die Moeglichkeit, sich aus ihnen emporzuarbeiten, und ausserdem gehe es selbst den Leuten in diesen sogenannten Unterschichten heutzutage schliesslich immer noch besser als den Hungerleidern in der "Dritten Welt" oder den Fabrikarbeitern vor hundert Jahren.

 

Ueberhaupt kaeme es heute nicht mehr auf die sozialen Zusammenhaenge an, sondern auf den Einzelnen. Das Individuum sei weitgehend autonom und bestimme seinen gesellschaftlichen Platz letzten Endes selbst. Die Grundlage dafuer sei die Leistungsgesellschaft, in der jeder einzelne Mensch, eben mittels seiner individuellen Leistung, ueber seinen Platz in der Gesellschaft, seinen Wohlstand etc. in hohem Mass selbst entscheide.

 

Die linken Theorien haetten sich demnach ueberlebt, seien ein Relikt der Vergangenheit, dem Leute anhaengen, die nicht kapieren wollen, dass sich die Zeiten geaendert haben und Marx sich geirrt hat. Bei der kapitalistischen Ordnung von heute handele es sich keineswegs um eine Ausbeutungsordnung und um die Herrschaft der Kapitalistenklasse. Das mag einmal so gewesen sein. Aber seit die Demokratie, zumal die soziale, in den westlichen Staaten fortgeschritten ist, ist das nicht mehr so.

 

Wie entsteht Reichtum ? - Er werde von allen geschaffen, keineswegs von den produktiv Arbeitenden allein. Drei Produktionsfaktoren wirkten dabei zusammen - Arbeit, Boden und Kapital; oft wird heute noch Wissen als ein vierter Faktor dazugezaehlt. Jeder dieser "Produktionsfaktoren" erhalte den ihm zustehenden Teil des gesellschaftlichen Reichtums: die Arbeitenden den Lohn, die Kapitalisten den Profit, die Besitzer des Bodens dessen Ertrag, Bill Gates seine hundert oder zweihundert Milliarden fuer seinen klugen Kopf.

Wie steht`s mit Freiheit ? Die Demokratie, wie sie - wenn auch nicht ideal, aber ideal ist eben nichts auf der Welt - in den westlichen Staaten besteht, ist der Repraesentant und Ausdruck der Freiheit. Alle sind rechtlich gleich, wenigstens im Prinzip. Jeder und jede hat bei den Wahlen eine Stimme und kann selber gewaehlt werden, wenigstens im Prinzip. Alle koennen frei ihre Meinung sagen, sich politisch oder sonstwie organisieren, einem Glauben anhaengen oder nicht. Mehrheiten entscheiden vermittels Wahlen darueber, von wem sie regiert werden wollen.

 

Auf der Grundlage dieser Behauptungen entfaltet sich jede Menge Kritik an den Einzelheiten - an Missbrauch und moralischer Verderbtheit, an Fehlentwicklungen und Ungerechtigkeiten, an mangelnder sozialer Verantwortung und sozialer Haerte, an Korruption und Manipulation, an Waehlertaeuschung und ungerechtfertigter Bereicherung ect. pp. . Diese Sorte Kritik ist gleichzeitig der Ausweis der weitgehenden Freiheiten, die die kapitalistische Ordnung gewaehrt.

 

Die Tatsachen sind das Gegenteil dieser Ideologie.

 

Klassen !

 

Die kapitalistische Gesellschaftsordnung weist zwei soziale Hauptklassen aus, deren hauptsaechlichstes jeweiliges Interesse eines dem anderen genau entgegensteht, eines das andere ausschliesst. Ihr Antagonismus nicht versöhnbar.

 

Das Hauptinteresse der Kapitalisten ist die Verwertung von Kapital durch die Anwendung von Lohnarbeit. Abgesehen von den aus der Natur entnommenen stofflichen Ressourcen - die aber einerseits ohne Lohnarbeit nicht entnommen werden koennten und ohne die andererseits menschliche Arbeit nicht existieren wuerde - , ist die Lohnarbeit die einzige Quelle ihres Reichtums und damit ihrer Macht ueber die Gesellschaft, die Grundlage ihrer Existenz als soziale Klasse. Der Privatbesitz der wichtigen Produktionsmittel ist deshalb der innerste Kern der buergerlich-kapitalistischen Ordnung, der juristische Ausdruck der Bourgeois-Herrschaft.

Spiegelbildlich ist die Arbeiterklasse - im Kern die Sektoren der Klasse, die produktive Arbeit leisten - diejenige, die die Masse des gesellschaftlichen Reichtums schafft. Das Ergebnis eignen sich die Kapitalisten auf der Grundlage ihres Besitzes an den Produktionsmitteln an. Der Lohn ist keineswegs der den Lohnabhaengigen "zustehende Teil des gesellschaftlichen Reichtums", sondern ein Moment der Kapitalverwertung. So abwegig die Behauptung waere, ein Fabrikgebaeude oder ein Bueroturm sei Empfaenger des "ihm zustehenden Teils" des Reichtums, weil Unterhalts- und Instandhaltungskosten fuer sie in die Rechnung des Kapitalisten eingehen muessen, so abwegig ist es, das selbe fuer die Lohnarbeit zu behaupten. Indem die Lohnarbeiter ihre Arbeitskraft unter dem Kommando der Kapitalisten verausgaben, wird diese in der Produktion konsumiert und im selben Zug werden die Kosten ihres Verschleisses als Lohn ersetzt, so dass sie sich reproduzieren - sich ernaehren, kleiden, wohnen, bilden, kulturellen Beduernissen nachgehen und neue Arbeitskraft aufziehen kann; insoweit gilt fuer die Lohnarbeit nicht anderes, als fuer die uebrigen in die Kapitalverwertung eingehenden Kosten auch. Es tut nichts zur Sache, dass es sich nicht um Computer oder Maschinen, sondern um Menschen handelt. Es tut auch nichts zur Sache, dass zu den Reproduktionserfordernissen von Menschen womoeglich Kultur gehoert, waehrend Maschinen eher einmal ein Tropfen frisches Oel im Getriebe vor vorzeitigem Verschleiss schuetzt. Der Ausdruck Human-Kapital weist ungewollt auf diesen Sachverhalt hin.

 

Nichtbesitz von Produktionsmitteln und daher Lohnarbeit sind der juristische Ausdruck der sozialen Stellung der Arbeiterklasse als ausgebeutete und beherrschte Klasse. Lohnarbeit ist die fortwaehrende Enteignung der Arbeitenden von ihrem Arbeitsergebnis. Der Begriff der Ausbeutung bringt das treffend zum Ausdruck.

 

Ausbeutung ist das Verhaeltnis zwischen Kapital und Lohnarbeit, auf den Begriff gebracht. Dieses Verhaeltnis begruendet sich nicht aus dem Verhaeltnis des einzelnen Kapitalisten mit dem einzelnen Lohnarbeiter. Ob die Ausbeutung in jedem Fall gelingt, also bei der Anwendung von Lohnarbeit das vorgeschossene Kapital sich nach seinem Umschlag wirklich vergroessert hat, die konkreten Lohnarbeiter also wirklich den Reichtum vergroessert haben, tut dabei nichts zur Sache. Bestaendig gehen Kapitalisten in der Konkurrenz - in die neben den Lohnkosten viele andere Faktoren eingehen - unter, steigen Einzelne aus anderen Klassen und Schichten - sogar aus der Arbeiterklasse - zu Kapitalisten auf. Das ist bloss der Verlauf eines allgemeinen gesellschaftlichen Verhaeltnisses, eines "Funktionsmechanismus" - eben einer bestimmten gesellschaftlichen Ordnung, die unabhaengig davon existiert, ob ihre "Regeln" in jedem einzelnen Fall die erhofften oder befuerchteten Ergebnisse zeitigen.

 

Die demokratischen Verfassungen, das Institutionensystem, die Meinungsfreiheit und andere Freiheiten in der buergerlichen Demokratie entsprechen dieser politisch-oekonomischen Grund-Konstellation. Sie verbuergen den Privatbesitz an den Produktionsmitteln ueber die Institution des Privateigentums. Sie spiegeln die oekonomische Daseinsweise der Konkurrenz - der Kapitalisten untereinander um den hoechstmoeglichen Profit, der Arbeitenden untereinander um den Verkauf der Arbeitskraft und der Konkurrenz jedes gegen jeden im allgemeinen - wider im System gegeneinander konkurrierender Parteien und Personen. Die Gesellschaft ist das Spielfeld der Kapitalisten und es sind ihre Regeln, nach denen gespielt wird. In politischer Hinsicht handelt sich nicht um ein Spielfeld und ein Spiel, sondern um den Staat. Der Staat ist der Staat der herrschenden Klasse. Dabei geht es nicht darum, dass alle Posten von Kapitalisten besetzt werden, sondern um die Logik, nach der er funktioniert, um seine Funktion als Garant der bestehenden Ordnung. Dass sich im Rahmen der buergerlichen Demokratie auch soziale Interessen zur Geltung bringen und daraus politische Kraefte hervorgehen, die sich gegen diese Gesellschaftsordnung richten, kann zum Stoerfaktor und sogar zu einer Gefahr fuer ihren Bestand werden. Aber solange diese Ordnung haelt, wird nach den Regeln gespielt, die das Kapitalverhaeltnis setzt. Die Bourgeoisie - die Kapitalisten samt ihrem dienstbaren Anhang der oberen Raenge - ist deshalb die herrschende Klasse, voellig unabhaengig davon, was sich die Buerger darueber einbilden.

 

 

Objektives und Subjektives

 

Wenn das wahr sein sollte: Warum sehen das die meisten Leute ganz anders ? Warum lassen sich die Lohnabhaengigen, die doch die Mehrheit sind, gefallen, dass sie von der Minderheit der Kapitalisten ausgebeutet und beherrscht werden ? Wie kann es sein, dass die meisten Menschen meinen, in Freiheit zu leben, wenn sie doch in Wirklichkeit unterdrueckt sind ? -

 

Dafuer gibt es eine Reihe von Gruenden.

 

1.

Der Max aus dem Glasscherbenviertel, arbeitslos, Alkoholiker, raubt die Kasse des Gemueseladens um die Ecke aus. Dem Ladenpaechter, der sich wehrt, bricht er dabei das Nasenbein. Man erwischt Max. Raub in Tateinheit mit schwerer Koerperverletzung, sowas hat er schon mal gemacht, - das gibt zwei Jahre Bau.

 

Der Esser, CEO von Mannesmann, versorgt sich selbst mit gut dreissig Millionen aus der Betriebskasse. Im Zuge der Einverleibung des Betriebs durch Vodafone ergibt sich, dass ploetzlich ziemlich viele Sozialpartner keine Arbeitsplatzbesitzer mehr sind. Diebstahl in Tateinheit mit -zigfacher Existenvernichtung ? Ach was, etwas peinlich, ein bisschen so tun als ob, und der Esser geht nicht in den Bau, sondern heim in seine Villa.

 

- So gut wie jedermann weiss, dass das gleiche Recht fuer alle nicht fuer alle gleich ist. Es sind bloss im Prinzip alle rechtsgleich, waehrend sie in der Wirklichkeit in durchaus bedeutendem Mass rechtsungleich sind.

 

Liegt das nun an der Institution Recht oder an deren innerbetrieblichen Maengeln ? Eher an Letzterem, meinen die meisten Menschen. Daraus leitet sich ab: Das buergerliche Recht muss nicht ueberwunden, sondern es muessen seine Maengel behoben werden. Gerade weil es Maengel hat, wird es zum zu erstrebenden Ideal. Dem Ideal wird die Resignation zugesellt. Man weiss schon: Das wird nie anders werden. Also muss es geaendert werden ? Eher nicht. Wer weiss, ob nicht etwas noch Schlechteres dabei rauskommt. Die Welt ist naemlich nun einmal so. "Die Kleinen sind immer die Dummen."

 

So ist es mit allen gesellschaftlichen Erscheinungen in allen Sphaeren, - dort das Prinzip, das Ideal, hier die schnoede Wirklichkeit, die bestaendig gegen das Ideal verstoesst. Alle Buerger haben das aktive und passive Wahlrecht - aber im Parlament sitzen Advokaten, Unternehmer, Funktionaere. Die Mehrheit der Bevoelkerung besteht aus einfachen Arbeitern, Angestellten, kleinen Selbstaendigen - aber von denen sitzt kein einziger im Parlament. Die Regierenden schwoeren darauf, zum Wohl des Volkes zu arbeiten - aber die Lobbyisten versorgen sie mit Beratervertraegen. Wo die Beratervertraege nicht wirken, wirkt der Sachzwang, dem auch der Politiker, der sein Wahlvolk von Herzen liebt, leider nicht entkommen kann.

 

Bei dieser Art Wirklichkeitsverarbeitung, die die Wirklichkeit an irgendeinem Ideal misst, verdoppelt sich die Welt gewissermassen. Es gibt eine ideelle und eine wirkliche. Die wirkliche wird durch die ideelle gefiltert, und heraus kommt das Staatsbuerger-Bewusstsein: Alles sollte, das Meiste ist aber nicht. Die Differenz ist nicht Resultat der verqueren Weltsicht, sondern die Unverschaemtheit der Wirklichkeit, sich dem Ideellen nicht zu fuegen. Polizei ! Anwalt ! Sicherheit und Recht und Ordnung ! Oder, sozialdemokratisch-gruene Variante: mehr Psychologen und Sozialarbeiter !

 

2.

Das Stueck Wirklichkeit, um das es hier geht, ist die Gesellschaft, sind die Menschen. Sie sind es selbst, die in ihrem wirklichen Leben bestaendig gegen die vorgestellten Ideale verstossen. Wenn das so ist, kann es nur daran liegen, dass der Mensch ein unvollkommenes Wesen ist. Weil bestaendig ueber die Zeiten unvollkommen, muss er ein ewiges Wesen haben, wobei der Inhalt der Ewigkeit eben die Unvollkommenheit ist. Das ist die Loesung des Problems: Der Geist ist willig, aber das Fleisch ist schwach. Die Wirklichkeit stimmt nicht mit den Idealen ueberein - nicht, weil die Ideale wirklichkeitswidrig sind, sondern weil das ewige Wesen des Menschen einerseits zum Edlen und Hoeheren strebt, andererseits aber seiner Tiernatur letzten Endes nicht entkommt. So loest sich das Erfassen der Wirklichkeit und ein bewusster Umgang mit den Tatsachen und den eigenen Beduerfnissen und Wuenschen auf in Raesonieren und Quengeln oder "idealistische" (!) Beschwoerungsrituale; und fuer die, die das satt haben, in Zynismus, Nihilismus und die Nischen-Privatissimae.

 

3.

Diese Zerspaltenheit im Kopf und im Handeln faellt weder aus dem ewigen Wesen des Menschen noch vom Himmel. Sie faellt aus dem Kapitalverhaeltnis. Das eine ist eine Ableitung aus dem andern.

 

"Die Wirtschaft" soll "eigentlich" zum Wohl aller da sein. Aber es geht in "der Wirtschaft" nicht um das Wohl aller, sondern darum, dass aus Geld mehr Geld wird, um den Profit. Die Lohnarbeitenden produzieren Gebirge von Reichtum. Was sie sich von ihrem Lohn davon kaufen koennen ist vergleichsweise bescheiden. Sie produzieren Gebirge von Abfall, verwuesten im Dienst der Kapitalisten den Planeten und wissen das auch. Aber Wirtschaft ist halt mal so - nicht einfach wegen der zwangslaeufigen Interesselosigkeit der Kapitalisten am Gebrauchswert der Produkte, an denen sie nur der Tauschwert, die Umsetzung in Geld, interessieren kann - sondern des ewigen unvollkommenen menschlichen Wesens wegen.

Demokratie ist, im Prinzip, die Herrschaft des Volkes. Aber die Regierenden vollstrecken nicht dessen Willen, sondern agieren entsprechend den Sachzwaengen der Kapitalverwertung - Synonyme: Wirtschaftswachstum, Standortpflege, Kosten-Effizienz, Wettbewerbsfaehigkeit. Das Volk waehlt. Die Kapital-Logik regiert. Der Staatsbuerger ist im Prinzip der Souveraen. Praktisch ist er das Objekt der Erziehung durch die - von ihm auch noch gewaehlte - Regierung zur Einsicht in die Unvermeidlichkeit der Hinnahme der Sachzwaenge.

 

Im Arbeitsleben, den sozialen Beziehungen, der Privatsphaere agieren nicht miteinander kooperierende und kommunizierende Menschen, sondern marktfoermig miteinander umgehende Charaktermasken und Funktionstraeger. Die Arbeitshetze uebersetzt sich in Joggen mit dem Pulsmesser am Arm; die Schwaeche gegenueber den Anforderungen in die Einverleibung von BigMaecks oder fernoestlichen Riten; persoenliche Zuneigungen in die Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit und den Ehevertrag; koerperliche Konstitution und Persoenlichkeit in Wettbewerbschancen auf dem Markt der kollegialen, nachbarschaftlichen, familiaeren Beziehungen.

 

4.

Die Gueter, die die arbeitenden Menschen produzieren, sind hinsichtlich ihrer Gebrauchswerteigenschaften nichts weiter als Lebens-Mittel und, soweit es sich um Produktionsmittel handelt, der Ersatz oder die Vergroesserung oder Verbesserung des Bestands von Maschinen, Computern etc., mit deren Hilfe die Lebens-Mittel hergestellt werden. Wenn es sich einfach um Gueter handeln wuerde, wuerde es sich also einfach um Mittel zur Befriedigung der Beduerfnisse der Menschen handeln, und im Fall der Herstellung von immer mehr Produktionsmitteln "nebenbei", koennte das auf staendig sich erweiternder Stufenleiter geschehen.

 

Die arbeitenden Menschen produzieren aber nicht einfach Gueter. Sie produzieren - unter dem Kommando und fuer Rechnung der Kapitalisten - Gueter, die diese einer vollstaendig immateriellen Eigenschaft wegen produzieren lassen: wegen ihres erhofften Tauschwerts; fuer den Markt, auf dem sie sich im Erfolgsfall fuer die Kapitalisten in Geld verwandeln. Das Movens und Ziel der Produktion ist gar nicht die Herstellung von Guetern, sondern die Verwandlung des fuer die Produktion vorgeschossenen Kapitals in mehr Kapital nach dem Verkauf der Waren.

 

Es werden nicht einfach Gueter, sondern Waren hergestellt. Die Waren-Eigenschaft der Gueter ist nichts Physisches, sondern ein gesellschaftliches Verhaeltnis. Sie drueckt aus, dass die Privatbesitzer der Produktionsmittel der ganzen Gesellschaft die Logik ihres Geschaefts aufzwingen koennen. Da alles in Ware verwandelt wird, gibt es Zugang zu den Mitteln der Befriedigung der Beduerfnisse nur ueber den Umweg, die Zwischenstation, die Schranke des Marktes. Wer nicht zahlen kann, kriegt nichts, voellig unabhaengig davon, ob und wieviel er zur Herstellung der Gueter beitraegt. Und wer zahlen kann, kriegt - ebenfalls egal, ob und wieviel er zur Herstellung der Gueter beitraegt. - Von wegen Leistungsgesellschaft !

 

Je weiter sich der Kapitalismus entwickelt, desto mehr nimmt alles Warenform an - nicht nur so gut wie alle Gueter, sondern alle Lebensaeusserungen der menschlichen Gesellschaft. In den simplen Gebrauchswert einer Unterhose schleicht sich mit der Marken-Unterhose ein so subtiles gesellschaftliches Verhaeltnis wie das "soziale Prestige" des Arsches, der in ihr steckt, als vollstaendig immaterielle Ware. Eine verbeulte Cola-Buechse ist, zum Kunstwerk erklaert, ein Vermoegen wert. Reiche Leute koennen armen deren Eingeweide abkaufen. Etc.

Die einfache Produktion von Guetern und ihr Konsum verwandelt sich so in etwas schwer Durchschaubares, Mystisches. Das wird zum Beispiel augenfaellig, wenn sich unsere Arbeit am Monatsende in dreckige bedruckte Zettel oder Zahlen auf dem Giro-Konto verwandelt, und wenn diese Zahlen im Computer der Bank oder diese Zettel in der Brieftasche gegen Salami und ein Dach uberm Kopf getauscht werden koennen. Wir sind daran gewoehnt, es kommt uns quasi natuerlich vor - aber was fuer ein Mysterium ! Kein Mensch weiss, wie das funktioniert, die Experten in den Banken und Vorstandsetagen und Wirtschaftsredaktionen schon gar nicht. Die wissenschaftlichen Abhandlungen ueber das Thema fuellen Biblotheken, aber der naechste Crash kommt bestimmt, unbeeinflussbar wie ein Erdbeben oder ein Kometen-Einschlag. "Die Wirtschaft" ist ein Wesen, das gegenueber dem menschlichen Willen und Handeln quasi selbstaendig agiert - Sachzwang.

 

"Die Wirtschaft" und ihre Funktions- (und Disfunktions-)Mechanismen nehmen quasi-religioesen Charakter an. Sie sind allmaechtig. - Die Menschen sind ihnen gegenuber ohnmaechtig. Sie zwingen. - Die Menschen muessen sich fuegen. Tatsaechlich behaupten "Wirtschaftsexperten": Geld arbeitet. - Im Vergleich damit ist die Behauptung, Gott habe die Welt erschaffen, beinahe noch rational.

 

Dass uns die Resultate unserer eigenen Arbeit als etwas Fremdes, gar nicht uns Gehoeriges, als Eigentum anderer, als Waren gegenuebertreten, und dass in allen Sphaeren des Lebens nicht die jeweils ihnen entsprechenden Massstaebe und Kriterien herrschen, sondern die fremden, blinden, zwangmaessigen des Markts, vermystelt unseren Alltag, unser Leben, die Gesellschaft zu einer quasi-religiosen Daseinsweise. Und diese Mystik vernebelt unsere Hirne ganz ohne die finsteren Absichten irgendwelcher Manipulateure, wirkt ganz von selbst und erklaert die kapitalistische Welt nicht, sondern verklaert (oder daemonisiert) sie.

 

Das ist der Mist, auf dem die vorherrschenden Meinungen gedeihen. Der moderne Staatsbuerger im modernen Kapitalismus nimmt die gesellschaftliche Realitaet zwar anders wahr als der analphabetische hoerige Bauer des Mittelalters, aber durchaus nicht weniger irrational. Das Gefangensein in den gaengigen Vorstellungen, die sich aus den Umstaenden selbst naehren und in ihnen ihre Bestaetigung finden, ist hier wie dort das Normale. Dass der Bauer des Mittelalters die Fron aushielt, so lange er nur irgend konnte, weil das Erdenleben nun einmal ein Jammertal ist und es ein besseres Leben allenfalls im Himmel gibt, weil Gott ueber den Bauern den Edelmann gesetzt hat und den Edelmann abzuschuetteln Verbrechen und Suende ist, kommt uns heute dumm vor. Wir koennen kaum fassen, wie die Leute sich damals so schinden liessen. - Aber die taegliche Angst, den "Arbeitsplatz" zu verlieren, nicht uebern Monat zu kommen, im naechsten Jahr die Hypothek nicht mehr bezahlen zu koennen, den Arbeitsstress irgendwann nicht mehr auszuhalten und krank zu werden, das taegliche Herstellen oder Verkaufen von schaendlichen Sachen, die Verwuestung unserer eigenen Lebensgrundlage, das hilflos-schulterzuckende Hinnehmen des Elends, die Deformierungen unserer Persoenlichkeit, die damit ziemlich zwangslaeufig verbunden sind ... : Das ist normal. Das laesst sich nicht aendern. So ist die Welt eben. So ist der Mensch eben. - Das ist die Religion von heute, neben der alle ueberkommenen Kulte verblassen: die buergerliche Ideologie.

 

Wenn die herrschenden Anschauungen auch quasi von selbst spontan entstehen, ist die kapitalistische Gesellschaftsordnung doch nicht einfach ihr Abbild. Die spontane Mystik muss schon gepflegt, entwickelt und kanalisiert werden. Das ist die Arbeit der Think Tanks und jeder Menge angestellter und freischaffender Experten. Das grosse Publikum mit diesen auf diese Weise ausgefeilten und zielfuehrend gemachten unabhaengigen persoenlichen Meinungen so lange bekannt zu machen, dass sie ihm in Fleisch und Blut ubergehen, ist die Arbeit zum Beispiel der Medien.

 

Die freie Meinungsbildung hat aber eine instutionelle Voraussetzung, die gleichzeitig die Reserve fuer den Fall bildet, dass sie einmal nicht zufriedenstellend funktioniert: die staatliche Gewalt. Sie stand an der Wiege der kapitalistischen Ordnung. Der Machtantritt der Bourgeoisie war durchaus kein Wahlkreuzchenmalen, sondern eine blutige Angelegenheit. Seitdem garantiert der Staat die buergerliche Rechts- und Eigentumsordnung letzten Endes und im Fall des Falles mit seinen Instituten der physischen Gewalt - Polizei, Gefaengnispersonal, Geheimdiensten und Armee -, was auch immer die demokratischen Verfassungen ueber die Volkssouveraenitaet erzaehlen.

 

Das kommt dem guten Staatsbuerger schier unglaublich vor, weil er die gute Ordnung im erforderlichen Mass verinnerlicht hat, so dass das eigene Staatsbuerger-Bewusstsein als der eigene innere Polizist und Richter funktioniert und daher die physischen Polizisten und Richter wenig zum Einsatz kommen muessen, von gewoehnlicher Kriminalitaet und zivilen Rechtsstreitigkeiten abgesehen. Fuer die Masse der Buerger genuegt die Pflege ihrer Sekundaertugenden, ihres Rechtsbewusstseins und ihrer Moral. Der selbstbeschwoererische Spruch "So etwas tut man doch nicht " ersetzt gewoehnlich den Polizeiknueppel.

 

Aber es gibt Faelle, in denen die Volkssouveraenitaet per Wahlurne fuer politische Ziele ausprobiert wurde, die dem innersten Kern der Freiheit - der Freiheit der Kapitalisten, in Ruhe ihren Geschaeften nachzugehen - nicht zupass kamen. In diesen Faellen muss der physische Gewaltapparat in Aktion treten und die schlechten Staatsbuerger erschiessen oder zu Tode martern oder wenigstens ins Zuchthaus stecken. Solche Beispiele sind - um bloss ein paar aus der letzten Haelfte des vergangenen Jahrhunderts zu nehmen - Chile, Griechenland, Argentinien, Brasilien, Uruquay, Nicaragua, El Salvador. Und wer zum Beispiel in einem so demokratischen Land wie Deutschland, zum Beispiel in Muenchen, zu heiklen politischen Angelegenheiten demonstrieren geht, kann schon erahnen, wie es waere, wenn es ernst waere: In der Mitte der Strasse gehen die Demonstranten und links und rechts gehen die dichten Ketten schwer gepanzerter Spezialpolizei, und jeder Demonstrant wird dutzendfach fotographiert und gefilmt, und wer seinen Nase mit einem Schal gegen die winterliche Kaelte schuetzt, wird verhaftet, wg. Vermummungsverbot, und zwischen den Demonstranten schleichen die Zivilspitzel, als schraege Freaks verkleidet. Hier ist das hochheilige Demonstrationsrecht schon seine eigene Karikatur, werden die freien Buerger schon eher wie Haeftlinge zwischen die Polizeikolonnen gepresst und gedemuetigt. Solche Uebergaenge gibt es zuhauf, und wer sich eine freie Meinung zulegt, die wider die Sachzwaenge loeckt, bekommt den Unterschied zwischen Sein und Sollen der Demokratie bald zu spueren. In dem Fall ist der Unterschied der Gummiknueppel, die Traenengasgranate, die Plastikfessel. Er tritt zutage, wenn sie Wirkungsmacht des Spruchs "So etwas tut man doch nicht !" erlahmt.

 

Ein gewisses Misstrauen gegenueber der eigenen freien Meinung ist bei naeherer Betrachtung angebracht. Es koennte durchaus sein, dass es sich weniger um eine eigene Meinung handelt und mehr um den undurchdachten, quasi-instinktiven Reflex auf die Bedingungen des eigenen Lebens und das von den Experten fleissig Vorgedachte.

 

Sich wirklich eine eigene Meinung zuzulegen, ist eine erhebliche Anstrengung. Viele Dinge sind gar nicht so, wie sie bei oberflaechlicher Betrachtung erscheinen. Es ist wie in der Physik: Da liegt ein Stueck Eisen. Es ist hart, schwer, ein kompakter Klotz. Aber wenn man es unter das Elekronenmikroskop legt, ist es ganz anders. Man schaut auf Demokratie und Freiheit: eine schoene Sache, bloss da und dort kleine Schmutzflecken. Aber wenn man sie analysiert, schauen sie ganz anders aus. Marx studieren. Und Lenin.

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Sepp Aigner, 2006

 

 

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Fragmente: Sozialismus - Community: Kritische Massen
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Saturday, 4. september 2010 6 04 /09 /Sept. /2010 19:24

In der Textreihe "Fragmente: Sozialismus" versucht der Betreiber dieses Blogs, sich ein Bild vom Sozialismus im 20. Jahrhundert zu machen, ihn historisch einzuordnen und daraufhin zu besehen, was an ihm eine bleibende Erfahrung ist, die auch in der Zukunft berücksichtigt werden muss und was davon historisch überlebt ist. Im Blog ist die Reihe hier zu finden: http://kritische-massen.over-blog.de/categorie-11550340.html

 

 

 

  

 

Kleinbuergertum und Sozialismus gestern und heute

 

Nach der Oktoberrevolution erzwangen die Verhaeltnisse den Aufbau des Sozialismus in einem Land, und zwar ausgerechnet in einem zurueckgebliebenen. Die materiell-technische Basis fuer eine sozialistische Gesellschaft existierte nicht, damit auch nicht der gesellschaftliche Arbeitskoerper, der sozialistischen Verhaeltnissen entsprochen haette. Der Sozialismus war lediglich per Verfassung und staatlicher Macht proklamiertes Ziel. Zwischen politischer Verfassung und materieller/sozialer Basis klaffte eine ganze Entwicklungsetappe. Sie wurde in weniger als zwei Jahrzehnten unter unsaeglichen Muehen und zeitweisen Grausamkeiten, bis hin zum Massenterror zurueckgelegt.

 

Ohne die Oktoberrevolution haette in Russland im Fall des Sturzes des Zarismus und der Ubergang zu buergerlich-demokratischen Verhaeltnissen, die Weiterentwicklung des noch schwach entwickelten Kapitalismus angestanden. Aber die russische Bourgeoisie war sowohl zu schwach gewesen, aus eigener Kraft, bzw. als fuehrende Kraft eines politischen Buendnissses mit der Arbeiterklasse und den Bauern, die Selbstherrschaft zu verjagen, als auch zu schwach, sich der Arbeiterklasse und den Bauern erfolgreich entgegenzustellen, die "schon weiter wollten". Ihre klaegliche Rolle manifestierte sich im Verrat an den objektiv anstehenden eigenen politischen Zielen - Beseitigung der starken feudalen Reste und Errichtung der eigenen Macht - , indem sie aus Furcht vor den Volksmassen sowohl mit dem zaristischen Unterdrueckungsapparat kluengelte als auch mit den imperialistischen Interventen, die beide nicht an einem entwickelten kapitalistischen Russland interessiert sein konnten.

 

Der Sieg der Arbeiter und Bauern im Buergerkrieg gegen die Anhaenger der Selbstherrschaft, die Bourgeoisie und die Interventen und das Scheitern der Revolutionen in Westeuropa setzte diese Aufgaben auf die Tagesordnung:

 

- Errichtung der materiellen Basis des Sozialismus - Industrialisierung, Elekrifizierung, Schaffung eines modernen Verkehrsnetzes, Erhoehung der landwirtschaftlichen Produktion fuer die mit der Industrialisierung verbundene Verstaedterung eines bedeutenden Teils der Landbevoelkerung, fuer eine mit der Industrialisierung wachsende Arbeiterklasse.

 

- Verwandlung von vielen Millionen landlosen und Kleinbauern in Arbeiter; die fuer die industrielle Grossproduktion erforderliche Qualifizierung der neuen, zu einem bedeutenden Teil noch analphabetischen Arbeiter; die Qualifizierung von Millionen Arbeitern fuer Verwaltungs- und Fuehrungsfunktionen; allgemeine Volksbildung und Hebung des kulturellen Niveaus.

 

Das Tempo dieser "nachholenden Entwicklung" haette, nach der Interessenlage der Arbeiter und Bauern, gemaechlich sein koennen. Aber die junge Sowjetunion entschied darueber nicht nach aus der eigenen Gesellschaft abgeleiteten Kriterien. Das Tempo entschied der Imperialismus, der zwar momentan aus dem Land gejagt, aber entschlossen war, bei naechster Gelegenheit der "roten Gefahr" den Garaus zu machen. - Entweder die "nachholende Entwicklung" wuerde binnen kuerzester Zeit geschafft werden - oder die SU wuerde dem an allen Grenzen lagernden Feind erliegen. Wie "knapp das ausging", zeigt der Ueberfall Hitlerdeutschlands zwanzig Jahre nach dem Ende des russischen Buergerkriegs. Die Faschisten konnten erst unmittelbar vor den Toren Moskaus zum Stehen gebracht werden. Um ein Haar haetten sie, mit zu erwartenden unvorstellbar barbarischen Folgen, die Sowjetmacht geworfen.

 

Die bestaendige toedliche Bedrohung von aussen - und von Seiten der inneren Reaktion, die zwar geschlagen war, aber existent blieb - , der davon verursachte Zeitdruck und die Groesse der anstehenden Aufgaben selbst bestimmten den Charakter der SU in den ersten beiden Aufbau-Jahrzehnten und praegten sie zeit ihrer Existenz.

 

"Nachholende Entwicklung" auf sozialistische Art: Das bedeutete, die "naturwuechsige" Entwicklung kapitalistischer Art gleichzeitig im Zaum halten, die noch schwache eokonomische Basis in Staatseigentum vor dem Ueberwuchern durch die kapitalistische Warenproduktion schuetzen zu muessen.

 

Die Revolution hatte die feudal abhaengigen oder landlosen Bauern zu Besitzern gemacht. Das hatte es im Zuge der urspruenglichen Akkumulation des Kapitalismus auch gegeben. Die Erfahrung war, dass sich diese neue Besitzerklasse schnell ausdifferenzierte. Die Masse wurde um ihre Parzelle gebracht und proletarisiert, ins Lumpenproletariat gestossen, zur Auswanderung gezwungen oder verhungerte, waehrend ein kleinerer Teil zu Mittel- und Grossbauern aufstieg, zu einer Land-Bourgeoisie, deren Existenzgrundlage die Ausbeutung fremder Arbeitskraft war. Im Handel sich anhaeufende Kapitale und solche aus privaten Kleinbetrieben haetten auch in der jungen Sowjetunion diesen Prozess von aussen zusaetzlich gefoerdert.

 

Nach Lage der Dinge drohte nach dem Sieg ueber Zarismus und Bourgeoisie die groesste Gefahr fuer die sozialistische politische Ordnung aus den Reihen des Kleinbuergertums - einer aus ihm austeigenen Kapitalistenklasse. Dessen laendlicher Teil, die Bauernschaft, zaehlte hundert Millionen Koepfe - gegen wenige Millionen Proleten, die zu einem grossen Teil selbst noch "mit einem Bein im Dorf standen". Geriet die Masse der Bauern politisch ins Fahrwasser der Kulaken und neuen NoeP-Reichen und alten Bourgeois, war die Arbeiterklasse in hoffnungsloser Minderheit.

 

Die Bauern hatten jetzt das Land, fuer das sie die Revolution unterstuetzt hatten. Aber das war kein "Endzustand". Im Zuge der NoeP entwickelte sich schnell eine Schicht von Mittelbauern und eine Schicht von Grossbauern, Kulaken. Allerhand Haendler und sonstige "Gewerbetreibende" wurden reich. Die soziale Differenzierung tendierte "naturwuechsig" zu kapitalistischen Verhaeltnissen und damit zum Zusammenstoss mit der sozialistischen Verfassung. Bis 1927 hatte sich die soziale Differenzierung auf dem Dorf nach der allgemeinen Landzuteilung bereits wieder so weit ausgepraegt, dass es schon wieder 2,7 Millionen Familien landloser Bauern gab und die Kleinbauern dabei waren, in oekonomische Abhaengigkeit von den Kulaken zu geraten.

 

Die kleinen Bauern konnten kaum mehr leisten als sich mit Subsistenzwirtschaft selbst zu versorgen und im besten Fall einen Ueberschuss zu erwirtschaften, mit dessen Produktion und Verkauf sie als kleine Warenproduzenten agierten. Selbst wenn sie mit Technik und Duenger haetten versorgt werden und ihre Berufskenntnisse haetten verbessern koennen, waere die Produktivitaet nicht in einem Mass zu steigern gewesen, das mit dem Wachsen der Staedte und der Industrie unabdingbar wurde. Die nach der Revolution entstandenen Besitzverhaeltnisse, die Parzellenwirtschaft von vielen Millionen Kleinbauern, standen dem entgegen.

 

Die kapitalistische "urspruengliche Akkumulation" hatte ihre Quellen in der Beraubung der ganzen Welt und im Reichtums"tranfer" vom Land in die Stadt. Die "nachholende Entwicklung" in der SU hatte nicht nur keine raeuberische aeussere Quelle, sondern von aussen gab es im Gegenteil den imperialistischen Boykott und, wo nicht diesen, die erpresserischen terms of trade. Die einzige Quelle der "urspruenglichen Akkumulation" war das Land, war die baeuerliche Produktion. Von dort mussten die Nahrungsmittel kommen, die das neue Proletariat brauchte - und dieses neue Proletariat selbst.

 

Sowohl die Entwicklung der sozialen Klassen - und damit ihrer politischen Potenzen - , als auch die notwendige Steigerung des Mehrprodukts der Landwirtschaft mussten hauptsaechlich mit politischen Mitteln "in sozialistischer Richtung" beeinflusst werden. Von der Hebung des Bildungsniveaus und, mangels einer entwickelten Industrie fuer landwirtschaftliche Technik, voellig unzureichender Versorgung der Bauern mit Technik und Duenger abgesehen, gab es keine anderen Mittel. Die Entwicklung "ihren Lauf nehmen zu lassen", haette andererseits die Rueckentwicklung zu kapitalistischen Verhaeltnissen nach sich gezogen.

 

Die politischen Mittel bestanden bekanntlich in der Beendigung der NoeP und einer Verstaerkung der zentralstaatlichen Planung und in der Kollektivierung der Landwirtschaft.

Letztere schuf die Besitzverhaeltnisse, die "im Prinzip" in der Lage waren, die baeuerliche Landwirtschaft in eine Agro-Industrie zu verwandeln. "Oekonomisch logisch" waere gewesen, zuerst eine Industrie fuer landwirtschaftliche Technik zu schaffen. Das haette der Masse der Bauern von selbst gezeigt, dass ihre Klitschen ein Hindernis fuer die Anwendung dieser Mittel waren. Das waere "wirksame Medizin" gegen den neuen Besitzerstolz gewesen. Die Ueberfuehrung in staatliche oder genossenschaftliche Grossbetriebe haette ueber einen laengeren Zeitraum gestreckt und diese vom Mass der Einsicht der Bauern in deren Notwendigkeit abhaengig gemacht werden koennen. Diese Moeglichkeit gab es nicht. Die Kollektivierung wurde "ueberstuerzt", als politische Kampagne, als Machtkampf, begleitet von Zwang und Repressalien durchgefuehrt. Sie war kaum im Interesse der Mittelbauern und schon gar nicht in dem der Kulaken, und auf dem Stand um 1930 herum auch nicht im oekonomischen Interesse der kleinen Bauern, obwohl diese die Hauptkraft der Kollektivierung waren, weil diese sie vor den Kulaken rettete. Letztere konnten sich nur per politischer Ueberzeugung, per Einsicht in die Zukunftstraechtigkeit der Kollektivwirtschaft und gegen die eigenen unmittelbaren Interessen fuer sie engagieren. Das taten erstaunlich viele, aber nichtsdestotrotz fuehrte die Kollektivierung nahe an den Buergerkrieg, zunaechst sogar zu einem Absinken der landwirtschaftlichen Produktion - und "vice versa" zu Abgabepflichten, die das Dorf zum Teil zum Hungern brachte - waehrend das neue Industrieproletariat und die Staedte trotz der drakonischen Requirierungen ihrerseits auch hungerten.

 

Soweit die Masse der Bauern nicht von der Kollektivierung ueberzeugt werden, sondern mit Zwang in diese "eingebracht" wurden, brach die KPdSU damit faktisch das Buendnis zwischen Arbeiterklasse und Bauern und verwandelte einen Buendnispartner in eine politisch unterworfene Schicht. Selbst die buergerlichen Rechte wurden fuer einen Teil der Landbevoelkerung eingeschraenkt: Die Aufhebung der Freizuegigkeit erinnerte fatal an die Praktiken der ehemaligen Grossgrundbesitzer und der Zarenmacht.

 

Die gesellschaftlichen Widersprueche und die aus ihnen wachsenden politischen Konflikte erschuetterten die KPdSU selbst. Die Diskussionen verwandelten sich in politischen Kampf, Meinungsverschiedenheiten in Todfeindschaften. Sie beschaedigten die innere Demokratie der KPdSU und der Sowjets fuer immer. Sie waren ein Knotenpunkt in der Verwandlung der KPdSU aus einem Instrument der Arbeiterklasse zu einem Quasi-Offizierskorps der Klasse, das - durchaus im Interesse der Klasse und ihren sozialen und politischen Interessen "treu ergeben" - militaerische Disziplin in den eigenen Reihen durchsetzte, in den zugespitztesten Situationen inklusive Kriegs- und Standrecht, symbolischem Speissrutenlauf und Aechtung.

 

Arbeiterklasse und Kleinbuergertum heute

 

Die Widersprueche zwischen der Masse des Kleinbuergertums und der Arbeiterklasse basierten in der SU auf den speziellen historisch-politischen Umstaenden und der Unentwickeltheit der materiellen Verhaeltnisse. Heute sind die objektiven Interessen und die daraus resultierenden Moeglichkeiten des politischen Verhaeltnisses zueinander in den Metropolen grundlegend anders und auch in der Peripherie sind sie modifiziert. Die traditionelle, auf den Erfahrungen des sozialistischen Aufbaus in der SU und der VR China basierende kommunistische Einschaetzung dieses Widerspruchs und der ihm innewohnenden Potenzen muss entsprechend grundlegend veraendert werden.

 

Das Zentrum der heutigen gesellschaftlichen Widersprueche ist der zwischen Bourgeoisie und Arbeiterklasse. Aber beide Klassen "stehen ganz anders da" als vor hundert Jahren. Der Imperialismus, der sich damals durchzusetzen begonnen hatte, ist heute voll entwickelt, und sein innerer Widerspruch zwischen Entwicklungspotential und Erschoepfung hat begonnen, sich in die Richtung des letzteren zu neigen.

 

Die Arbeiterklasse macht in den Metropolen heute die Mehrheit der Bevoelkerung aus. Ihre Macht waere Demokratie im Sinne der Macht der Mehrheit per se - einfach per Kopfzahl. Der Schluessel fuer die Ueberwindung des Kapitalismus ist nicht mehr die Entmachtung der Bourgeosie schlechthin, sondern die Entmachtung des Monopolkapitals, einer kleinen Schicht innerhalb der Bourgeoisie, die selbst zum Grossteil ihrer Klasse in immer haerteren Gegensatz geraet. Die Enteignung des Monopolkapitals und die Ueberfuehrung seines Besitzes in Volkseigentum ist identisch mit der Volksmacht ueber die entscheidenden Produktionsmittel, und zwar aeusserst entwickelte Produktionsmittel, die von einer Arbeiterklasse mit entsprechenden Qualifikationen auf allen Ebenen, in Produktion und Distribution und deren Verwaltung, betrieben werden.

 

Die mittlere und kleine Bourgeoisie besitzt heute, verglichen mit der Zeit vor hundert Jahren, weit maechtigere Produktionsmittel. Aber an der Gesamtheit der Produktivkraefte besitzt sie einen relativ weit kleineren Teil als damals. Daraus ergeben sich modifizierte Beziehungen der Arbeiterklasse zur Masse der Bourgeoisie und entsprechende politische Konsequenzen.

Das gilt in noch weit hoeherem Mass fuer das Verhaeltnis zu den kleinbuergerlichen Schichten. In den Metropolen sind die Bauern als kleine Warenproduzenten und Schicht des Kleinbuergertums nur noch eine Randerscheinung. Die kapitalistische Entwicklung hat aus der Hauptmasse des Kleinbuergertums, dem laendlichen, im Kern der wertktaetigen Bauern, eine kleine Minderheit gemacht. Heute hat das Kleinbuergertum eine voellig andere soziale Gestalt als im Russland um die Zeit der Revolution und der Aufbau-Jahrzehnte. Es ist staedtisches Kleinbuergertum. Es macht immer noch einen bedeutenden Teil der Bevoelkerung aus, ist aber im Gegensatz zu damals gegenueber der Arbeiterklasse in der Minderheit. Und seine Stellung im Gesamtgefuege der Gesellschaft ist viel schwaecher geworden. Ein Teil naehert sich hinsichtlich seiner wirtschaftlichen Funktionen, seiner Stellung in den Betriebs- und Verwaltungshirarchien, und hinsichtlich seiner sozialen Lage der Arbeiterklasse an. Andere Teile liegen naeher an der Bourgeosie. Aber alle Sektoren des Kleinbuergertums stehen entweder direkt unter der Fuchtel des Monopolkapitals oder werden ueber Kredit, Vertraege und Geschaeftsbeziehungen mit diesem ungleichen "Partner" und den Staat um einen Teil ihres Arbeitsergebnisses gebracht.

 

Die sozialen Rollen, die das Kleinbuergertum austreibt, wirken auf die Arbeiterklasse, besonders ihre oberen Schichten, so "attraktiv" und damit demoralisierend wie je. Aber das ist nicht der Kern der Sache. Daraus kann sich das Verhaeltnis der Arbeiterklasse zum Keinbuergertum nicht hauptsaechlich ableiten. Der Kern ist die oekonomische Stellung dieser Schichten, und diese enthaelt weitreichende gemeinsame Interessen mit der Arbeiterklasse.

Sozialistische Produktionsverhaeltnisse brauchen eine wachsende Masse wissenschaftlich-technischer und verwaltender Intelligenz. Die Uebermacht der grossen Produktionsmittel, die Notwendigkeiten der organischen Verzahnung der einzelnen Teile des Wirtschaftskoerpers, sichern das Kollektiveigentum nicht mehr vorwiegend "kuenstlich" per politischer Macht, sondern sind einfach die den Produktivkraeften entsprechende "natuerliche", "historisch-logische" Organisationsform der gesellschaftlichen Produktion und Reproduktion. Was sich aus dem Kleinbuergertum heraus an Kapitalismus entwickelt, repraesentiert nicht mehr den fortgeschrittensten Stand, sondern den Schwanz der Entwicklung. Die Emsigkeit und Findigkeit des Kleinbuergers, der "es zu etwas bringen will", muss unter den heutigen Bedingungen nicht mehr mit politischen Mitteln oekonomisch gezuegelt werden, sondern kann nutzbringend in einen sozialistischen Wirtschaftskoerper eingebaut werden.

 

Im Herankommen an den Kampf um die Macht und dem Kampf um die Macht selbst geht es fuer die Arbeiterklasse darum, die Monopolbourgeoisie zu isolieren und ihr ihr politisches Glacis, dessen Teil die Masse des Kleinbuergertums heute - entgegen den eigenen Interessen - ist, d.h. das Kleinbuergertum und sogar die kleinen und einen Teil der mittleren Kapitalisten fuer ein Buendnis zu gewinnen. Aber der oekonomische Inhalt des Verhaeltnisses zwischen Arbeiterklasse und Kleinbuergertum ist eine gemeinsame Perspektive unter sozialistischen Verhaeltnissen, die auch fuer Letzteres im Vergleich zu seiner Lage unter der Herrschaft des Monopolkapitals vorteilhafter ist. So, wie zur Zeit der Oktoberrevolution das Arbeiter-Bauern-Buendnis die strategische Achse gesellschaftlicher Veraenderung war, ist es heute das Buendnis Arbeiterklasse-Kleinbuergertum. Und im Unterschied zu damals gibt es keinerlei Zwangslaeufigkeit fuer einen Bruch dieses Buendnisses unter erreichten sozialistischen Verhaeltnissen, keinerlei Notwendigkeit der "kuenstlich"-politischen, zwangsweisen Verwandlung von Kleinbuergern in Arbeiter. Und im Unterschied zu damals waere die Arbeiterklasse als herrschende Klasse nicht mehr die Minderheit der Bevoelkerung, sondern deren Mehrheit, und umgekehrt waere das Kleinbuergertum nicht mehr die Mehrheit, sondern die - wenngleich immer noch starke - Minderheit.

 

Sepp Aigner, 2005 

 

 

 

 

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Fragmente: Sozialismus - Community: Kritische Massen
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Monday, 16. august 2010 1 16 /08 /Aug. /2010 06:39

 

 

Gesellschaft, Staat, Partei

 

In den sozialistischen Staaten Osteuropas und der SU garantiertierten die Verfassungen das Volskeigentum an den grossen Produktionsmitteln in der Form des staatlichen und genossenschaftlichen Eigentums. Auf dieser Grundlage definierten sie die sozialistische Demokratie als Macht der Arbeiterklasse und, unter ihrer Fuehrung, verbuendeter Klassen und Schichten - unter ihnen, und je unentwickelter die einzelnen Staaten zum Zeitpunkt der Revolution waren, mit desto groesserer Bedeutung - die Bauern. So, wie die Arbeiterklasse als die machtausuebende, bzw. in der Machtausuebung fuehrende Klasse, definiert war, war es die Kommunistische Partei als "Partei der Arbeiterklasse". Die Arbeiterklasse uebte ihre Macht mittels und in Gestalt der Partei aus. Der Staat war dafuer das Instrument. Im Rahmen seiner Institutionen und seiner Verfuegung uber die wichtigen Produtkionsmittel war er der Planer und Organisator der Wirtschaft und des gesamten gesellschaftlichen Lebens.

Es ist muessig, nachtraeglich moegliche "andere Varianten" zu diskutieren. Dass z.B. die Anarchisten stets ihre Ansichten fuer die wahrhaft reolutionaeren - und die der Kommunisten fuer reaktionaer - hielten, aber zeit ihrer Geschichte nichts zustande gebracht haben, ist kein Zufall. Die Verhaeltnisse gaben nicht her, was sie wollten. Sie gaben dagegen her, was die Kommunisten wollten. Aber die ersten sozialistischen Staaten und ihr schliessliches Scheitern ist ein geschichtliches Ergebnis, aus dem Lehren zu ziehen sind.

 

Diese sind zwar nicht einfach auf die heutigen Verhaeltnisse uebertragbar, aber gleichzeitig enthalten die ersten Erfahrungen mit sozialistischen Gesellschaften Gemeingueltiges fuer die Uebergangsgesellschaft vom Kapitalismus zum Kommunismus.

 

Politische Ordnung und materielle Basis

 

Aufgrund des im Vergleich zu heute viel schwaecher entwickelten Kapitalismus zur Zeit der Revolutionen setzte die politische Konstituierung einer sozialistisch verfassten Gesellschaft Widersprueche zwischen politischer Verfassung und oekonomischer Basis. Die erste Entwicklungsphase war charakterisert durch die Notwendigkeiten der "nachholenden" oekonomischen Entwicklung, die die materiellen Grundlagen einer sozialistischen Wirtschaft ueberhaupt erst herstellen mussten - Industrialisierung, Verwandlung der landlosen Bauern und eines Teils des laendlichen und staedtischen Kleinbuergertums in Arbeiter, Qualifizierung der Arbeitskraft fuer den Umgang mit den neuen Industrien in technischer, verwaltender und leitender Hinsicht, Qualifizierung von Kadern aus der - in der Masse eben erst im Entstehen begriffenen - Arbeiterklasse fuer staatliche Funkionen - Bildungswesen, Gesundheitswesen, Justiz, Militaer, staatliche Verwaltungen etc. .

 

Diese "Gruenderzeit" praegte den Sozialismus des 20. Jahrhunderts.

 

Die Notwendigkeiten dieser Zeit, die unter diesen Bedingungen entstehenden Strukturen, das so entstehende "gesellschaftliche Klima", Leitbilder, Einstellungen, Moral - der gesamte kulturelle und politisch-soziale Uberbau - wirkten in grossem Umfang auch in den Jahrzehnten fort, in denen sich diese Gesellschaften schon auf eine einigermassen dem Sozialismus adaequate materielle Basis stuetzen konnten.

 

In jeder Gesellschaftsordnung, die ein Staatswesen hervorbringt, ist dieses ein Apparat im Dienst der herrschenden Klasse. In eben dieser Funktion gewinnt es aber gegenueber der ganzen Gesellschaft eine gewisse Eigenstaendigkeit. Sie kann sich nicht von ihrem eigentlichen Zweck emanzipieren. Aber indem zum Beispiel der buergerliche Staat gegenueber den unterdrueckten Klassen die Unterdrueckung politisch und rechtsfoermig macht, agiert er einerseits als Mittel der herrschenden Klasse, tritt den einzelnen Bourgeois aber andererseits gegenueber, weil er nicht deren Einzelinteressen sondern ihre Interessen als Klasse vertritt. Er ist in dieser Hinsicht sozusagen das Mittel der Selbstdisziplinierung der herrschenden Klasse und macht dafuer auch deren Interessen, den Umgang untereinander und den Umgang mit den unterdrueckten Klassen zweckmaessige Vorschriften, die er im Konfliktfall mit dem Einzelinteresse auch gegen die Mitglieder der herrschenden Klasse per Recht und Gewalt durchsetzt. Die Apparate gewinnen ueber die langen Zeitraeume ihrer Existenz, auch mit der Fuelle der Aufgaben und der Fuelle moeglicher Varianten ihrer Bewaeltigung, der sich herausbildenden Traditionen, dem ideologischen Ueberbau uber den jeweiligen Institutionen - wie etwa der Auspraegung militaerischer, polizeilicher, richterlicher etc. spezieller "Tugenden" etc. ein gewisses Eigenleben, das sogar dysfunktionale Seiten gegenueber dem eigentlichen Anliegen annehmen kann.

 

Was fuer den Sklavenhalter-, den feudalen und den buergerlichen Staat gilt, gilt in modifizierter Weise auch fuer den sozialistischen. Die Geschichte der SU und der osteuropaeischen Laender zeigt das anschaulich. Die vielfaeltigen Thesen ueber die angebliche "Entartung" speziell des sowjetischen Staates, wie sie z.B. von den Trotzkisten oder der westeuropaeisch-nordamerikanischen "Neuen Linken" vertreten werden, gehen fehl, soweit sie den sozialistischen Charakter z.B. der SU mit dem Argument negieren, die Staatsmacht habe buerokratische, dikatorische Zuege auch gegenueber der Arbeiterklasse angenommen, den Personenkult in der Zeit Stalins hervorgebracht etc. . Der Sowjetstaat gewann seine Funktionen nicht gegen, sondern wegen der sozialistischen Ordnung und trieb erst auf dieser Basis auch dysfunktionale Seiten aus.

 

Es handelte sich allerdings nicht um fuer den Sozialismus typische, sondern im Gegenteil fuer ihn atypische, ausnahmsweise Erscheinungen. Diese Behauptung mag auf den ersten Blick als frech und haltlos erscheinen, angesichts der augenscheinlich entgegengesetzten bisherigen Erfahrung. Aber der Sozialismus des 20. Jahrhunderts war insgesamt eine "atypische" Erscheinung, weil ueberall, wo er zur Gesellschaftsordnung wurde, "logisch-historisch" nicht der Sozialismus angestanden haette, sondern kapitalistische Entwicklung. Der Sozialismus des 20. Jahrhunderts praegte seinen Charakter als versuchte "Abkuerzung" des historisch-logischen Verlaufs aus, d.h. auf der Grundlage einer Produktivkraftentwicklung, die fuer sozialistische Verhaeltnisse noch nicht reif waren, woraus sich die Aufgaben der " Schaffung der materiellen Grundlagen der sozialistischen Gesellschaft" ueberhaupt erst ergab.

Mit dem Untergang der SU und der osteuropaeischen sozialistischen Gesellschaften ging ein Fruehsozialismus unter, der erste und verwegen fruehe Versuch der Ueberwindung eines Kapitalismus, der, auch nicht entfernt, "reif und ueberreif" war.

 

Unter diesen speziellen Bedingungen entwickelte sich das sozialistische Staatswesen. Es ersetzte die noch nicht wirklich vorhandene Mehrheit der Arbeiterklasse, handelte durchaus im Auftrag und fuer diese - unter den schon sozialistischen Verhaeltnissen allerdings rasch wachsende - Klasse. Daraus leitet sich auch das Verhaeltnis des "Staats der Arbeiterklasse" zur Arbeiterklasse ab. Die unter den gegebenen Bedingungen unabdingbare Stellvertreterfunktion des Staates vertauschte bis zu einem gewissen Grad die Subjekt- und Objekt-Seiten. Der Staat als Instrument der Macht der Arbeiterklasse verwandelte sich in einem gewissen Grad zum eigentlichen Protagonisten, die Arbeiterklasse umgekehrt in diesem Mass vom Subjekt zum Objekt. Aber der sozialistische Staat hat sich damit nicht von den Interessen der Klasse, deren Macht er verkoerperte, emanzipiert, sondern diesen gegenueber nur eine grosse "relative Eigenstaendigkeit" erhalten, in deren Rahmen er auch seine widerwaertigen Seiten austrieb.

 

In Hinsicht auf diese relative Eigenstaendigkeit gegenueber der gesamten Gesellschaft, einschliesslich der Klasse an der Macht, ist der sozialistische Staat des 20. Jahrhunderts ein Extrem, weil die unentwickelte oekonomische Basis die politischen Mittel des Gesellschaftslebens extrem wichtig, ja zur Frage von Sein oder Nichtsein machten.

 

Soziale Interessen und sozialistischer Staat

 

Der Widerspruch zwischen sozialistischer politischer Verfassung und einer ihr noch nicht adaequaten oekonomischen Basis konnte nur in dem Mass aufgehoben werden, in dem die Produktivkraefte auf einen Stand gebracht wurden, der der sozialistischen politischen Form sozusagen materiellen Inhalt gab. Die Schaffung der materiellen Basis und eines entsprechenden gesellschaftlichen Arbeitskoerpers wurde praktisch zum Hauptinhalt der sozialistischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts.

 

Selbst deren Ergebnisse mussten zu einem erheblichen Teil fuer Zwecke "abgezweigt" werden, fuer die es keinerlei der eigenen Gesellschaftordnung innewohnenden Antrieb gab und die zu deren innerer Logik im Widerspruch stand: eine maechtige Ruestungsindustrie und einen riesigen Militaerapparat zum Schutz nach aussen und einen entsprechenden Sicherheitsapparat nach innen. Die blosse Gefahr und die wirklichen Versuche, die neue Gesellschaft von aussen zu zerstoeren, absorbierte "systemwidrig" einen bedeutenden Teil des gesellschaftlichen Reichtums. Auch ohne den "Systemgegensatz" standen unter der Bedingung der Fortexistenz des Kapitalismus in der uebrigen Welt die sozialistischen Staaten in der Konkurrenz der Staatenwelt; der Systemgegensatz verschaerfte die Lage "nur". Die Staatenkonkurrenz selbst hat ihre eigene Logik, der auf der Grundlage der sozialistischen inneren Verhaeltnisse nur bedingt zu entkommen ist, die von diesen bestenfalls modifiziert werden kann. Die bedeutendste Modifizierung besteht darin, dass eine sozialistische Gesellschaft kein oekonomisches Interesse an militaerischer Aggression hat. Weder koennen Ruestungskonzerne mit Krieg Profit machen, noch schreit irgendein Finanzkapital nach der Herstellung guenstiger Bedingungen fuer seinen Export, noch kann sich eine sozialistische Gesellschaft aeussere Ausbeutungsfelder, Kolonien in irgendeiner Form schaffen.

  

Sepp Aigner, 2002

  

 

"Relative Eigenstaendigkeit" des Staates

 

 

von Sepp Aigner - veröffentlicht in: Fragmente: Sozialismus
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