Prof. Domenico Losurdo zur "Kommunismus-Debatte"
Im Zusammenhang mit einer von Gesine Lötschs Bemerkung über Kommunismus ausgelösten Debatte habe ich einige Texte in mein Blog gestellt, die die unterschiedlichen Einstellungen verschiedener Kommunisten zum Sozialismus des 20. Jahrhunderts widerspiegeln. Hier nun die Position des italienischen Philosophen Domenico Losurdo. (Bisherige Einträge:
Prof. Hans Heinz Holz: http://kritische-massen.over-blog.de/article-noch-einmal-kommunismus-debatte-66292404.html ;
Prof. Nina Hager/Prof. Robert Steigerwald/Dr. Hans Peter Brenner: http://kritische-massen.over-blog.de/article-kommunisten-und-moral-und-stalin-67302912.html ;
Patrik Köbele: http://www.kommunisten.eu/index.php?option=com_content&view=article&id=2718:so-lassen-sich-widersprueche-nicht-klaeren-&catid=104:meinungen&Itemid=249 ;
Sepp Aigner:
http://kritische-massen.over-blog.de/article-fragmente-sozialismus-3---stalin-55326177.html )
Position. Die Frage nach dem Verhältnis von moralischer Bewertung und historischer Einordnung geschichtlicher Ereignisse muß auch im Hinblick auf diejenigen gestellt werden, die sich heute als sakrosankte Richter aufspielen
Domenico Losurdo
In: junge Welt vom 04.03.2011
Im Zuge der von Gesine Lötzschs jW-Beitrag (vom 3. Januar 2011) ausgelösten Kommunismus-Debatte haben sich in dieser Zeitung mehrere marxistische Wissenschaftler mit unterschiedlichen Einschätzungen zur Frage nach dem Verhältnis von Politik und Moral zu Wort gemeldet (jW-Thema vom 28. Januar, 2. Februar und 14. Februar). Wir drucken nun einige Auszüge (um Fußnoten gekürzt) zum Thema aus dem Buch »Stalin.
Geschichte und Kritik einer schwarzen Legende« des italienischen Philosophen Domenico Losurdo. Eine deutsche Ausgabe des Werks ist in Vorbereitung und wird im Kölner PapyRossa-Verlag erscheinen.
Die Debatte über den Kommunismus in der jungen Welt
kam nicht umhin, das Problem des Zusammenhangs zwischen Politik und Moral einzubeziehen. Es ist ein unausweichliches Problem - aber es muß generell gestellt werden, ohne diejenigen zu schonen, die sich heute als Richter aufspielen. Ist es zwar einerseits richtig, den immoralistischen Ansatz »Jenseits von Gut und Böse« zurückzuweisen, so sollte man sich doch vergegenwärtigen, daß alle großen historischen Krisen furchtbare moralische Dilemmata hervorrufen, bei denen die Grenze zwischen Gut und Böse alles andere als klar und genau festgelegt ist.
»Widerspenstige Native«
Man kann von der Unterstützung ausgehen, die besonders Großbritannien dem Putschversuch des Generals Lawr G.
Kornilow (vom August/September 1917) und später den Weißen gewährte, auch dann noch, als diese eine blutige Menschenjagd gegen die Juden entfesselten und Gemetzel begingen, die gewissermaßen Vorboten der »Endlösung« waren. Nur um Rußland die permanente Teilnahme an dem aufzuzwingen, was die Kommunisten den »Völkermord« des Ersten Weltkriegs nannten, drückte der liberale Westen ein Auge zu, was andere furchtbare Verbrechen betraf.
Nach dem militärischen Triumph kam der Moment der Aufteilung der kolonialen Beute. England beanspruchte unter anderem den Irak, der sich aber 1920 erhob. Und wie packte eines der führenden Länder des liberalen Westens die Lage an? Die britischen Truppen entfesselten »grausame Repressalien«, »brannten (...) Dörfer nieder und unternahmen andere Aktionen, die wir heute für übertrieben repressiv, wenn nicht sogar barbarisch halten würden«. Churchill gebietet ihnen sicher nicht Einhalt, ja, er fordert sogar die Luftwaffe auf, den »widerspenstigen Nativen« eine harte Lektion zu erteilen und sie mit einer »experimentellen Arbeit« auf der Grundlage »von Gas- und vor allem Senfgasgeschossen« zu schlagen1.
Dieses Vorgehen ähnelt dem später vom faschistischen Italien gegen Äthiopien entfesselten Kolonialkrieg, der unter Einsatz von Waffen, die von den internationalen Protokollen verboten sind, besonders barbarisch geführt worden ist.
Churchill erscheint hier als der Vorläufer Mussolinis. Wenn es darum geht, das Empire zu retten oder auszuweiten, bilden die brüsken Methoden des englischen Staatsmannes eine Konstante: Im Jahre 1942 sind die Unabhängigkeitsdemonstrationen in Indien »mit extremen Mitteln, wie dem Einsatz der Luftwaffe, um die Massen der Demonstranten mit Maschinengewehrfeuer zu belegen« unterdrückt worden2; in den beiden darauffolgenden Jahren leugnet Churchill die Realität des Hungers ab, der die Bevölkerung des indischen Bengalen dezimiert.
Um weiter beim Thema der Kolonien und der Völker kolonialen Ursprungs zu bleiben: Inwieweit wirft die »Endlösung unserer Indianerfrage« in Kanada3, das bis 1931 zum britischen Commonwealth gehörte, einen Schatten auch auf ein maßgebliches Mitglied der englischen politischen Klasse wie Churchill? Er ist als Premierminister jedenfalls als verantwortlich für die genozidalen Praktiken anzusehen, die die Londoner Regierung bei dem Versuch einsetzte, den Aufstand der Mau-Mau von 1951 bis 1955 zu unterdrücken.
»Handelt ohne Zögern«
Kehren wir aber zur Vorkriegszeit und zu Europa zurück. Nach der Machtergreifung Hitlers versucht die Londoner Regierung mit allen Mitteln, die expansionistische Wut des Dritten Reichs nach Osten und vor allem nach Sowjetrußland abzuleiten.
Diesbezüglich sind zwei kanadische Historiker zu einem Schluß gekommen, der zu denken gibt: »Die Verantwortung für die Tragödie des Zweiten Weltkriegs, der Holocaust eingeschlossen, muß zum Teil auf Stanley Baldwin, Neville Chamberlain, Lord Halifax und ihre engen Verbündeten zurückfallen«4.
Dennoch gelang es England nicht, den Zusammenprall mit Nazideutschland zu vermeiden, und es kämpft vor allem mit wahllosen und terroristischen Bombardements der deutschen Städte und dem damit verbundenen Massaker an der Zivilbevölkerung dagegen an.
Die sowjetische Führung versuchte das Massaker zu begrenzen, wie aus einem Tagebucheintrag Georgi Dimitroffs vom 17. März 1945 hervorgeht: »Abends zusammen mit Molotow bei Stalin. Wir haben über die Deutschland betreffenden Probleme diskutiert.
Die Engländer wollen Deutschland aufteilen (Bayern und Österreich, das Rheinland usw.). Sie versuchen mit allen Mitteln, ihren Konkurrenten zu zerstören. Sie bombardieren wütend die deutschen Fabriken. Wir lassen ihre Luftwaffe unsere Zone Deutschlands nicht überfliegen. Aber sie versuchen mit allen Mitteln, auch dort zu bombardieren (...). Es ist notwendig, daß Deutsche auftreten, die handeln, um das zu retten, was für das Leben des deutschen Volkes noch zu retten ist. In den von der Roten Armee besetzten bzw. zu besetzenden Gebieten die Gemeindeverwaltungen organisieren, das Wirtschaftsleben in Ordnung bringen usw. Lokale Verwaltungsorgane schaffen, aus denen am Ende auch eine deutsche Regierung hervorgeht.« Besonders widerwärtig erscheint die von der britischen Luftwaffe entfesselte Feuerhölle, weil zwei Wochen nach Kriegsausbruch der englische Premierminister Chamberlain erklärt hatte: »Unabhängig davon, wie weit andere gehen könnten, wird die Regierung Ihrer Majestät niemals einen absichtlichen Angriff auf Frauen und Kinder mit bloß terroristischen Zielen durchführen.« In Wahrheit hatten die Pläne für wahllose Bombardements schon im Ersten Weltkrieg begonnen, Form anzunehmen.
Nicht weniger unerbittlich erwies sich der britische Premierminister, wenn er die Einflußzone Londons umreißt und systematisch die für feindselig oder verdächtig gehaltenen Partisanengruppen liquidiert. Eloquent sind die Anweisungen an das britische Expeditionskorps in Griechenland: »Handelt ohne Zögern, als ob ihr euch in einer eroberten Stadt befändet, in der eine lokale Revolte ausgebrochen ist.« Und mehr noch: »Bestimmte Dinge darf man nicht auf halbem Wege stehen lassen.«
Im Kalten Krieg
Kommen wir zum Kalten Krieg. Vor einiger Zeit hat der britische Guardian enthüllt, daß Großbritannien zwischen 1946 und 1948 in Deutschland Lager eingerichtet hat, die für Kommunisten, Menschen, die der Sympathie für die Kommunisten verdächtigt wurden, und wirkliche oder mutmaßliche sowjetische Spione bestimmt waren: »Die Bilder zeigen verstörte und leidende Gesichter junger Männer, zum Skelett abgemagert, die monatelang Essens- und Schlafentzug unterworfen waren, wiederholt geprügelt und extrem niedrigen Temperaturen ausgesetzt wurden. Unmenschliche Behandlungen, die zum Tod einiger Häftlinge führten.« »Auch zahlreiche Frauen, denen die Tortur nicht erspart blieb«, seien dort eingesperrt gewesen. Für die Tortur wurden manchmal von der Gestapo geerbte Instrumente benutzt; tatsächlich habe es sich um Lager gehandelt, die »den nazistischen Lagern würdig« waren5. Wie man sieht, taucht der Vergleich zwischen den Praktiken Großbritanniens im 20. Jahrhundert und den vom Dritten Reich angewandten auf.
Zu keinen anderen Resultaten kommen wir, wenn wir uns mit den Vereinigten Staaten beschäftigen. In diesem Fall erreicht die Heuchelei, die Chamberlain kennzeichnete, ihren Höhepunkt.
Gleich nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verurteilt Franklin D.
Roosevelt die Bombardements, die die Zivilbevölkerung heimsuchten, als gegen die Gefühle »jedes zivilisierten Mannes und jeder zivilisierten Frau« und gegen das »Bewußtsein der Menschheit« gerichtet und als Ausdruck »unmenschlicher Barbarei«. Später begeht eine noch schlimmere »unmenschliche Barbarei« gerade die US-amerikanische Kriegsmaschine, die zur systematischen und terroristischen Zerstörung der japanischen Städte übergeht und sich aktiv an der ähnlichen Operation gegen die deutschen Städte beteiligt. Auch die Bombardements, die Italien gelten, dürfen nicht unterbewertet werden, denn auch sie haben das Ziel, die Zivilbevölkerung zu treffen und deren Moral zu unterminieren. Dies hebt gerade Roosevelt hervor: »Wir werden die Italiener den Geschmack eines wirklichen Bombardements probieren lassen, und ich bin mehr als sicher, daß sie unter einem Druck wie diesem umfallen werden.«
Die Kampagne terroristischer Bombardements gipfelt während der Truman-Administration in dem Einsatz der Atomwaffe gegen ein Land, das inzwischen schon am Ende seiner Kraft ist. Ein noch grauenhafteres Detail ist hinzuzufügen: Es ist darauf hingewiesen worden, daß zumindest die Vernichtung der Zivilbevölkerung Hiroschimas und Nagasakis mehr als das der Kapitulation nahe Japan die Sowjetunion zum Ziel hatte, der so eine schwere Warnung erteilt wurde6. Wir haben es also mit zwei Terrorakten auf breitester Basis zu tun, die noch dazu transversal sind: Zehntausende und Aberzehntausende wehrlose Zivilpersonen des alten Feindes (besser des alten Feindes, der sich anschickt, sich in einen Verbündeten zu verwandeln), nur um den Verbündeten zu terrorisieren, der schon als neuer Feind und als Zielscheibe der genozidalen Methoden, mit denen gerade experimentiert worden ist, ins Visier genommen wird!
Doch der Krieg in Asien legt weitere Betrachtungen nahe. In den Vereinigten Staaten wird inzwischen weitgehend die These akzeptiert, wonach der Angriff auf Pearl Harbour sehr wohl vorauszusehen war (und in Wahrheit von einem Erdölembargo provoziert worden war, das Japan nur wenige Alternativen ließ). Nachdem der Angriff stattgefunden hatte, wurde der Krieg von Washington im Zeichen einer sicher heuchlerischen moralischen Entrüstung, aber wie wir heute wissen, um so mörderischer geführt. Es geht nicht nur um die Zerstörung der Städte. Man denke an die Leichenverstümmelungen und sogar an die Verstümmelung des Feindes, der in den letzten Zügen liegt, um Souvenirs zu gewinnen, mit denen man unbesorgt und stolz prahlte. Bedeutsam ist vor allem die Ideologie, die diesen Praktiken zugrundeliegt: Die Japaner werden unter Benutzung einer zentralen Kategorie des nazistischen Diskurses als »Untermenschen« abgestempelt7.
Selbst wenn man sich auf die eigentlich moralische Dimension konzentrieren will, fehlt es beim Vergleich zwischen den Protagonisten des großen antifaschistischen Bündnisses sicher nicht an Schattierungen. Wie soll man daher die heutige manichäische Entgegensetzung erklären?
Dogmatismus und Heuchelei
Wenn der »Stalinismus«, wie einer der Autoren der Schwarzbuchs des Kommunismus behauptet, im Jahre 1914 Form anzunehmen begonnen hat, warum sitzen dann auf der Anklagebank nicht die für das Gemetzel Verantwortlichen, sondern nur diejenigen, die versucht haben, es zu verhindern oder sein Ende zu beschleunigen?
Zumindest was die Entstehung und den Ablauf des Zweiten Weltkriegs betrifft, ist den aufmerksameren Historikern der problematische Charakter des über die westlichen und liberalen Staatsmänner zu formulierenden moralischen Urteils nicht entgangen. Wie wir wissen, haben zwei kanadische Historiker den englischen Verfechtern der Appeasement-Politik - und in Wahrheit der Ablenkung des nazistischen Expansionismus nach Osten - die Mitverantwortlichkeit »für die Tragödie des Zweiten Weltkriegs, der Holocaust eingeschlossen« zugeschrieben.
Außerdem gibt es das Problem, wie der Krieg nach seinem Ausbruch vom liberalen Westen geführt worden ist. Auch in diesem Fall kommt die herrschende Ideologie glimpflich davon. Ein erfolgreicher Historiker und Journalist, dessen Artikel auch in der New York Times erscheinen, hegt so wenige Zweifel an »der Opportunität und der moralischen Rechtfertigung« des Einsatzes der Atombombe gegen Japan, daß er behauptet, sie nicht zu benutzen, »wäre unlogisch, ja sogar unverantwortlich gewesen«. Gewiß sei es zu einem Massaker der unschuldigen Zivilbevölkerung gekommen, aber »die, die in Hiroschima und Nagasaki gestorben sind, waren nicht in erster Linie Opfer der angloamerikanischen Technologie, sondern eines durch eine perverse Ideologie paralysierten Regierungssystems, eine Ideologie, die nicht nur die absoluten moralischen Werte, sondern auch die Vernunft eliminiert hatte«8. Diese überlegenen Gewißheiten beruhen auf einer sehr einfachen Voraussetzung: Die Verantwortung für eine fürchterliche Tat muß nicht unbedingt dem wirklichen Täter zugeschrieben werden. Ähnlich ist oft von seiten der sowjetischen Führung argumentiert worden: Man gab natürlich das Grauen zu, daß sich in kritischen Momenten der Geschichte des Landes ereignet hatte, doch man schrieb der »imperialistischen Einkreisung« und der aggressiven Politik der kapitalistischen Großmächte die Verantwortung dafür zu.
Es braucht kaum darauf hingewiesen zu werden, daß der Historiker und Journalist, der in den wichtigsten Presseorganen publiziert und geehrt wird, das von ihm formulierte Kriterium nur für den liberalen und angelsächsischen Westen geltend macht. Doch ein Kriterium nur für sich und die eigene Seite geltend zu machen, ist gerade die Definition des Dogmatismus auf theoretischer und der Heuchelei auf moralischer Ebene.
Moralische Dilemmata
Zum Glück kann man über Dresden, Hiroschima und Nagasaki auch andere Stimmen vernehmen. Ein berühmter US-amerikanischer Philosoph, Michael Walzer, weist darauf hin, daß es seitens der schon »siegreichen« Amerikaner ein »doppeltes Verbrechen« gewesen sei, die Atombombe einzusetzen und »die Zivilpersonen zu töten und zu terrorisieren«, ohne wirkliche Verhandlungen mit den Japanern versucht zu haben. Zu einem ähnlichen Schluß gelangt Walzer in bezug auf die Zerstörung Dresdens und anderer deutscher und japanischer Städte »bei praktisch schon gewonnenem Krieg«9.
Anders stelle sich die Frage in den Jahren, als es schien, das »Dritte Reich« würde triumphieren, und Großbritannien daher seine Kampagne der strategischen Bombenangriffe begann, die in Deutschland systematisch und unbarmherzig die Zivilbevölkerung trafen. Es sei ein tragischer Augenblick gewesen, und die englische Regierung habe vor einem furchtbaren moralischen Dilemma gestanden, das man so formulieren könne: »Können Soldaten und Staatsmänner die Rechte unschuldiger Leute mit Füßen treten, nur um die eigene politische Gemeinschaft zu retten? Ich wäre geneigt, bejahend auf die Frage zu antworten, wenn auch nur zögernd und besorgt. Welche andere Wahl hätten sie zur Verfügung? Sie können sich selbst opfern, um das moralische Gesetz zu verteidigen, aber sie können nicht ihre Landsleute opfern. Angesichts eines ausweglosen Grauens erschöpfen sich ihre Wahlmöglichkeiten, sie werden das tun, was notwendig ist, um ihre Leute zu retten.«10
Die Gefahr des Triumphs des Dritten Reichs, »die Personifikation des Bösen in der Welt«, bewirkt einen »äußersten Notfall«, einen »Notstand«; nun gut, man müsse zur Kenntnis nehmen, daß »die Not keine Regeln kennt«.
Gewiß seien Bombardements, die zum Ziel haben, die Zivilbevölkerung des feindlichen Landes zu töten und zu terrorisieren, ein Verbrechen, aber dennoch: »Ich wage zu sagen, daß unsere Geschichte ausgelöscht und unsere Zukunft kompromittiert würde, wenn ich nicht einwilligte, hier und jetzt die Last der Kriminalität auf mich zu nehmen.« Ähnlich argumentiert der junge Georg Lukács, wenn er, vom Horror über das Gemetzel des Ersten Weltkriegs getrieben, seine revolutionäre Wahl trifft. Wenn er die Unausweichlichkeit der »Schuld« behauptet und an den »Ernst«, an das »Gewissen« und an das moralische »Verantwortungsbewußtsein« appelliert, ruft er mit Hebbel aus: »Und wenn Gott zwischen mich und die mir auferlegte Tat die Sünde gesetzt hätte - wer bin ich, daß ich mich dieser entziehen könnte?«11 Vermutlich hat der Philosoph sich später, während die Bedrohung durch das Dritte Reich immer näher kam, im gleichen Gemütszustand mit den Jahren des Stalinschen Terrors auseinandergesetzt.
Jetzt können wir uns der Sowjetunion zuwenden. Es lohnt sich, darauf hinzuweisen, daß die seinerzeit von Arnold J. Toynbee formulierte These, wonach der von Stalins UdSSR »von 1928 bis 1941« verfolgte Weg Stalingrad möglich gemacht habe12, heute von nicht wenigen Historikern und Forschern der Militärstrategie bestätigt wird. Es sei ziemlich wahrscheinlich, daß es ohne das Fallenlassen der »Neuen Ökonomischen Politik« (NEP), ohne die Kollektivierung der Landwirtschaft (mit der Konsolidierung des Lebensmittelflusses vom Land in die Stadt und an die Front) und ohne die forcierte Industrialisierung (mit der Entwicklung der Kriegsindustrie und mit dem Entstehen neuer Industriezentren in den östlichen Regionen mit Sicherheitsabstand vom Invasorenheer) unmöglich gewesen wäre, der Hitlerschen Aggression siegreich entgegenzutreten: »Der außerordentliche und unbestreitbare Beitrag Sowjetrußlands zur Niederlage Nazideutschlands ist eng mit der eigensinnigen Zweiten Revolution Stalins verbunden«13.
Churchill zufolge haben sogar der Tuchatschewski-Prozeß und der Große Terror insgesamt eine positive und recht relevante Rolle für die Niederlage des Unternehmens »Barbarossa« gespielt. Sollten wir also den Terror rechtfertigen, der dem sowjetischen Volk und der ganzen Menschheit »einen ausweglosen Horror« erspart hat?
Mit Recht setzt Walzer das von ihm aufgestellte Prinzip rigorosen Einschränkungen aus: Es könne nur dann als gültig betrachtet werden, wenn die Gefahr nicht nur »ungewöhnlich und entsetzlich«, sondern auch »imminent« (unmittelbar drohend) ist14. Man könnte behaupten, daß zumindest das zweite Erfordernis in der Sowjetunion fehlt: Stalin begann mit der Kollektivierung der Landwirtschaft und der forcierten Industrialisierung - was schließlich zu einer furchtbaren Ausdehnung des Lagersystems führte -, als die Kriegsgefahr noch fern war und Hitler noch nicht einmal die Macht ergriffen hatte. Man könnte jedoch dagegenhalten, daß auch Großbritannien mindestens zwei Jahrzehnte vor dem Eintreffen des »äußersten Notfalls« die Konstruktion einer für künftige strategische Bombenangriffe geeigneten Luftflotte plante. Dieser Plan nahm sogar schon während des Ersten Weltkriegs Form an, und er wurde also von einem Kampf um die Hegemonie inspiriert, der zumindest seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Gang war.
»Imminente« Gefahr
Ganz anders das Bild, daß das aus der Oktoberrevolution hervorgegangene Land bietet. Weit verbreitet war in Europa die u.a.
von Marschall Ferdinand Foch kurz nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrags gestellte Diagnose (»Das ist kein Friede, sondern nur ein Waffenstillstand für zwanzig Jahre«15).
Dies hatte Stalin sehr wohl vor Augen, wenn er die Dringlichkeit erkannte, der im Ersten Weltkrieg deutlich gewordenen Rückständigkeit Rußlands Abhilfe zu schaffen. Was die Ostfront betrifft, so hat Wilhelm II. diesen Krieg wiederholt als einen Rassenkrieg interpretiert, in dem das »Dasein« der kämpfenden Völker, »das Sein oder nicht Sein der germanischen Rasse in Europa« auf dem Spiel stehe. Es handele sich um einen Zusammenstoß, der jede Art Versöhnung bzw. gegenseitige Anerkennung ausschloß: Der Friede »zwischen Slawen und Germanen ist überhaupt unmöglich«. Vor allem nach Brest-Litowsk waren im Wilhelminischen Reich Stimmen aufgetaucht, die im Osten die Lösung des Problems des Lebensraums erblickten und die ein Bündnis mit England in Aussicht stellten, um die Zerstückelung Rußlands zu realisieren. Einige Jahre später formulierte Hitler in »Mein Kampf« klar und deutlich sein Programm der Errichtung eines deutschen kontinentalen Reichs, das in erster Linie auf den Trümmern der Sowjetunion entstehen sollte. Es ist nicht schwierig, die Linie festzusetzen, die von Brest-Litowsk zum Unternehmen »Barbarossa« führt. Und das erklärt zur Genüge die Befürchtungen Stalins. Auf jeden Fall ist die Kategorie Imminenz der Gefahr keineswegs eindeutig: Es gibt keine bestimmte zeitliche Größe, um sie zu messen; imminent ist eine Gefahr, die keinen Aufschub erlaubt, wenn man ihr angemessen entgegentreten will. Wenn wir dann die »Imminenz« nicht nur in zeitlichem, sondern auch in räumlichem Sinn verstehen, so war die Sowjetunion eindeutig einer »imminenteren« Gefahr ausgesetzt.
Zum Schluß: Ist die systematische Tötung der Zivilbevölkerung durch Bombardements ein Verbrechen an sich, so enden die Kollektivierung der Landwirtschaft und die forcierte Industrialisierung damit, in eine Reihe von Verbrechen zu münden.
Dogmatisch und heuchlerisch wäre derjenige, der sich nur für die moralischen Dilemmata der angelsächsischen Staatsmänner interessiert. Selbst wenn wir mit Walzer behaupten, daß angesichts des »äußersten Notfalls« ein Staatsmann »hier und jetzt die Last der Kriminalität« auf sich nehmen müsse, ist es schwierig, vom Allgemeinen zum Besonderen überzugehen.
Anmerkungen
1 Catherwood, Christopher: Churchill's Folly, New York 2004, S.89 und 85
2 Torri Michelguglielmo: Storia dell'India, Roma-Bari 2000, S. 598
3 Annett, Kevin (Hg.): Hidden from History. The Canadian Holocaust, Vancouver 2001, S.5-6
4 Leibowitz, Clement/Finkel, Alvin: Il nemico comune. La collusione antisovietica fra Gran Bretagna e Germania nazista, Roma 2005, S.21
5 Cobain, Ian, in The Guardian vom 17. Dezember 2005 und vom 3.
April 2006
6 Alperovitz, Gar: The Decision to Use the Atomic Bomb and the Architecture of an American Myth, New York 1995
7 Fussell, Paul: Wartime. Understanding and Behavior in the Second World War, Oxford University Press 1989, S.116-119
8 Johnson, Paul: Modern Times. From the Twenties to the Nineties, Revised Edition, New York 1991, S.425 u. 427
9 Walzer, Michael: Just and Unjust Wars (1977) New York (3.
10 Walzer: a.a.O., S.254
11 Walzer: a.a.O., S.254-55 u. 260; Lukács, Georg, Taktik und Ethik (1919), in: Schriften zur Ideologie und Politik, hg. von P. Ludz, Neuwied-Berlin 1967, S.6-11
12 Toynbee, Arnold: The World and the West, Oxford University Press 1953, S.9-10
13 Mayer, Arno: The Furies. Violence and Terror in the French and Russian Revolution, Princeton 2000, S.607
14 Walzer: a.a.O., S. 252-53
15 In Kissinger, Henry: Diplomacy, New York 1994, S.250
Domenico Losurdo lehrt Philosophie an der Universität Urbino; zuletzt erschien von ihm auf Deutsch: Freiheit als Privileg. Eine Gegengeschichte des Liberalismus, PapyRossa-Verlag, Köln 2010
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via http://www.triller-online.de/index2.htm
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Aufl.) 2000, S.268 u. 261