Armut: Die Definitionsmacht der Herrschenden und die Ohnmacht der Beherrschten

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Für die Merkel-Regierung ist es ein Schlüsselproblem, dass die um sich greifende Armut so wenig wie möglich wahrgenommen wird. Nur so kann das Bild aufrecht erhalten werden, "Deutschland" sei ja bisher ganz gut durch die Krise gekommen, am besten von allen sogar. Das schlägt bisher durch. Nach den jüngsten Meinungsumfragen liegen CDU/CSU bei 41 %. Ein ungutes Gefühl, es könne schlechter werden, ist zwar verbreitet. Aber der wirkliche Zustand der Gesellschaft, die Lage des unteren Viertels der Bevölkerung, ist bei weitem nicht so im Bewusstsein, wie sie wirklich ist, noch weniger die zwangsläufigen Folgen. Der wirklichen Marginalisierung eines bedeutenden Teils der Bevölkerung folgt die Marginalisierung der Wahrnehmung. 

 

Das beginnt schon mit der Definition von Armut. In einem Beitrag bei scharf-links http://www.scharf-links.de/1.0.html weist Georg Schramm darauf hin, dass das offiziell festgelegte monatliche Einkommen, das die "Armutsgrenze" markiert, von 2003 auf 2008 stark nach unten "korrigiert" wurde - von 938 Euro auf 781 Euro, ungeachtet der jährlichen Inflation, die allein schon eine Erhöhung dieses Betrags erforderlich gemacht hätte. Inzwischen sind wieder vier Jahre vergangen, die Währung ist noch einmal um zehn Prozent entwertet - und die "Armutsgrenze" ist immer noch auf etwa der Höhe von 2008 festgelegt. Nach den Kriterien von 2003 müsste der Betrag bei 1 140 Euro liegen ( link ).

 

Die Folgen sind klar. Diejenigen, die von knapp 800 Euro leben müssen, führen ein Hundeleben. Mit den Hartz IV-Sätzen als Massstab, wird auch die Lohndrückerei immer unverschämter. Die Billiglöhne drücken auch auf die Löhne und Gehälter, die noch ein materiell menschenwürdiges Leben ermöglichen. Die Festangestellten mit unbefristeten Arbeitsverträgen und Tariflohn neigen bei millionenfacher Billigkonkurrenz von unten dazu, nicht Lohnerhöhungen gemäss dem Produktivitätsfortschritt zu fordern, sondern schon froh zu sein, wenn es nicht schlechter wird.

 

Die Armutsstatistik hat ihre Lügengrundlage im völlig unrealistischen Hartz IV-Betrag. Würde sie nicht von einem monatlichen Mindestbetrag von um die 800 Euro ausgehen, sondern von über 1 100 Euro, wäre der statistische Anteil der Armen an der Gesamtbevölkerung um einige Millionen höher.

 

Natürlich ist es müssig, sich über die Verarmungspolitik und deren Verschleierung zu beklagen. Das ist politisch gewollt. Das ist der zentrale Inhalt der "Standort Deutschland"-Politik - die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung im Interesse der Unternehmensprofite und der internationalen Konkurrenzfähigkeit des deutschen Monopolkapitals. Diese Politik wird weiterverfolgt werden, so lange die Betroffenen - und das sind letzten Endes alle Lohnabhängigen - es sich gefallen lassen. Mit Ausnahme der Linkspartei - und auch die "wackelt" bei einem wirklich existenzsichernden gesetzlichen Mindestlohn - stehen nicht nur die Regierungsparteien, sondern alle Parlamentsparteien zu dieser Politik. Sie ist ja von "Rot-Grün" auf den Weg gebracht worden. 

 

Um diese Politik zu beenden, muss man nicht jammern. Das nützt nichts. Man muss auch nicht antstatt CDU/CSU/FDP SPD/Grüne wählen. Es gibt keine schlechten und etwas weniger schlechten Räuber. Man muss auch nicht "aus Protest" nicht zum Wählen gehen. Es juckt die Räuber nicht, wenn die Hälfte der Bevölkerung keine Kreuzchenmehr malt. Manmuss auch nicht darauf verweisen, dass sich "die anderen" ja auch alles gefallen lassen und dass man deshalb selber auch nur die Faust in der Hosentasche ballt. Das ist alles für die Katz. Darüber kann eine Merkel, kann ein Steinbrück nur grinsen - "Man möchte kaum glauben, wie blöd die Leute sind, also machen wir weiter". 

 

Es hilft nichts anderes als aufzustehen. Wie es scheint, wird es noch dauern, bis sich diese Einsicht bei einem so grossen Teil der Bevölkerung durchsetzt, dass daraus ein Machtfaktor wird. Aber es wird schliesslich nichts anderes übrigbleiben. Je später wirksamer Widerstand geleistet wird, von desto weiter unten wird um menschenwürdige materielle Lebensbedingungen gekämpft werden müssen.  

Veröffentlicht in Deutschland

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landbewohner 01/06/2013 05:26


da kann ich nur jeden satz voll unterstreichen. und schön, daß du die gefühlten lügen durch zahlen untermauert hast.