Aus dem Alltag der Sozialpartnerschaft

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

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Küchensklaven – Die dunkle Seite des Tellers


Bildmontage: HF

07.02.13
WirtschaftWirtschaft, Soziales

 

von Herold Freeman

Tagebuch eines Kochs

1. Tag. Das fängt ja gut an

Nachdem ich seit 9 Monaten arbeitslos war und als 'Catering'-Manager keine neue Stelle ge- funden habe, (Die Personaler haben trotz sehr guter Zeugnisse immer das Gesicht verzogen wenn ich mein Alter 55 genannt habe) habe ich nun eine Stelle als Küchenhilfe in einem Alters- heim angenommen.

Der Verdienst ist zwar deutlich niedriger, als ich es gewohnt war, und sogar niedriger als das Arbeitslosengeld, aber ich wollte wieder arbeiten.

Heute der 1. Tag.
Der Dienstplan hing an der Wand. Er war so kompliziert, daß ich mir da nichts merken konnte. Wollte eine Kopie machen. Da wurde mir mitgeteilt, daß es bei Abmahnung verboten ist den Dienstplan zu kopieren. Hat da jemand etwas zu verbergen? OK, ich hab mir den Dienstplan eben abgeschrieben.

Dann habe ich gesehen, daß schon viel gemacht war obwohl doch erst jetzt Dienstbe- ginn ist. Der Kollege sagt mir, daß sie in der Regel eine Stunde früher kommen, damit sie die Arbeit schaffen. Ich frage: Wird das bezahlt? Nein das machen wir so. Ich frage den Kollegen ob er bereit ist für mich auch ein paar Stunden im Monat umsonst zu arbeiten. Könnt mir im Garten helfen. Schließlich bin ich nicht so reich wie die Betreiber des Altersheimes. Verschämtes Grinsen die Antwort.

Auf dem weg zum Klo sehe ich einen Aushang. Es gibt also einen Betriebsrat. Der hat mit dem Arbeitgeber verhandelt, daß es kein Weihnachts/Urlaubsgeld gibt wenn jemand mehr als 2 Wochen im Jahr krank war. Klasse, wer sich kaputt gearbeitet hat wird noch bestraft. Bin gespannt die Betriebsratskollegen mal kennen zu lernen. Im Arbeitsvertrag steht, daß Überstunden nur gemacht werden dürfen wenn es eine schriftliche Anweisung gibt.

Da entdecke ich einen Aushang, daß es eine Küchenbesprechung gibt. Anwesenheit ist Pflicht. Natürlich nach der Arbeitszeit. Bin gespannt ob die Zeit gezahlt wird.

Der Betriebsrat hat ja eigentlich ein Mitbestimmungsrecht wenn es um Dienstpläne und um Verkürzung, oder Verlängerung der Arbeitszeit geht. Ob die Kolleginnen das wissen?

2. Tag – Erwachsene Menschen brauchen keine Chefs

Heute ist Samstag. Im Betrieb angekommen hatte ich sofort das Gefühl, daß etwas anders ist. Die Stimmung war gut und alle gingen locker miteinander um. Des Rätsels Lösung war, daß die gesamte Chef-Etage samstags nicht im Haus ist. Die Arbeit hat prima geklappt. Erwachsene Menschen brauchen keine Chefs, die ihnen sagen was sie tun sollen. Viele haben lange Berufserfahrung und organisieren sich die Arbeit selbst besser als jeder Chef das könnte. Komisch, die Kapitalisten wollen immer Kosten sparen. Das wäre mal eine Gelegenheit: Den Menschen ohne Vorgesetzte den Betrieb überlassen.

Heute war ein komplett anderes Team im Einsatz als gestern. Alle waren aber der gleichen Meinung wie schon die Kolleginnen gestern. Der Job ist Scheiße und miserabel bezahlt. Die vorherrschende Meinung ist jedoch, daß man nichts machen kann. Ich hab ein paar Beispiele aus meinem vorhergehenden Job erzählt und gezeigt, daß es sehr wohl Möglichkeiten gibt.

Das Schönste war aber, daß alle eine halbe Stunde vorher fertig waren und wir sind gegangen. Eine Kollegin hat mich aber gewarnt, die Arbeit so einzuteilen, daß ich nicht vorher fertig bin wenn die Chefs da sind. Die würden sofort eine neue Arbeit finden.

3. Tag. Wieder keine Chefs zu sehen.

Mit schmerzt der Rücken. Das Erste, was man machen soll, um in einem Betrieb zu organisieren, ist ja aufzuregen. Das ist hier nicht nötig. Alle sind aufgeregt. Hab heute mal etwas langsam gemacht damit es nicht zu sehr auffällt, daß ich dauernd über die Bedingungen schimpfe. Der Altersdurchschnitt ist hier sehr hoch. Ha ist ja auch ein Altersheim. Aber auch in der Küche kaum jemand unter 50. Eine hat das Rentenalter längst überschritten. Von der Rente kann sie aber nicht leben, also geht sie noch Teilzeit in die Küche.

Der Betriebsrat hat sich noch nicht bei mir gemeldet. Der könnte ja auch mal einer Einstellung widersprechen. Dazu müsste er aber wissen, wer da eingestellt werden soll. Fraglich, ob er überhaupt vor der Einstellung gehört wurde…(??) Er hätte auch Mitbestimmung bei der Dienstplangestaltung. Ich bezweifele, daß vom Betriebsrat jemand den Dienstplan gesehen hat. Muss unbedingt an die Pflegekräfte ran. Sind heute eine halbe Stunde früher abgehauen.

4. Tag. Ohne Pillen läuft hier nichts

Habe heute in der Pause kurz angesprochen, daß mir der Rücken weh tut. Die Kolleginnen sind echt nett. Haben mir alle möglichen Schmerztabletten angeboten. Ich hab dankend abgelehnt und mal dumm gefragt, warum die alle Pillen dabei haben. Schmerzen sind anscheinend normal. Manche nehmen täglich diverse Mittel ein. Da wird auch bunt gemischt und getauscht. Es gibt wirklich niemanden, der keine Pillen hat. Die Arbeit muss funktionieren und weil es Urlaubs und Weihnachtsgeld nur gibt, wenn man nicht zu oft krank war, die Kohle aber dringend gebraucht wird, werden halt Pillen geschluckt.

Ein Kollege hat heute erwähnt dass er Betriebsratssitzung hat. Na Klasse, ich dachte, der Betriebsrat stellt sich einem neuen Kollegen mal vor? Na, ja jetzt weiß ich wenigstens von einem, daß er im BR ist. Werd' ihn bei Gelegenheit mal vorsichtig ansprechen.

In der Umkleidekabine habe ich meine Stunden aufgeschrieben. Das hat ein Kollege mitbekommen und gefragt, warum ich das mache. Ich hab ihn gefragt ob er, wenn er einkauft und 35 € mit einem Hunderter bezahlt, das Wechselgeld nicht nachzählt? Doch sagt er, das mache ich. Siehst du: Und ich kontrolliere meine Lohnabrechnung. Es könnte ja mal ein Fehler passieren. Stimmt, sagt er, das werd' ich in Zukunft auch so machen.In der IWW gibt es da so ein kleines Heft, um die Arbeitszeit aufzuschreiben. Werd es ihm demnächst mal geben.

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VON: HEROLD FREEMAN

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landbewohner 02/09/2013 04:38


schön und gut, aber sich über kollegen und mißstände zu ereifern, wenn man sich um solch eine stelle selbst beworben hat, obwohl das gehalt unter alhi liegt und arbeiten zu gehen, nur weil man
etwas zu tun haben möchte? auch durch solches verhalten entstehen ja erst diese arbeitsplätze. das unterscheidet sich ja kaum von "hauptsache arbeit" der spd. da hilft dann auch der kritische
beitrag nichts.