Leverkusener Dialog: "Revolution im 21. Jahrhundert"

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner


"Revolution im 21. Jahrhundert" war das Thema des vierten Treffens des "Leverkusener Dialog". Veranstalter war, wie auch bei den vorhergehenden Treffen, die MES - Marx-Engels-Stiftung. Diese Treffen sind ein Versuch, Leute mit marxistischem Selbstverständnis über Organisationsgrenzen hinweg "an einen Tisch zu bringen. In linken Medien wurde verschiedentlich über das Treffen berichtet. So hier in junge welt: link ; und hier bei kommunisten.de: link .

 
Im folgenden der Wortlaut des Referats von H.P. Brenner:
Referat zur Konferenz „Revolutionstheorie im 21.Jahrhundert“ der MES vom 26.-28.10. 2012 in Leverkusen
von Dr. Hans-Peter Brenner, Mitglied des parteivorstands der DKP
Revolution“ ohne starke Kommunistische Partei ?? oder
Warum ich eigentlich keine Lust habe über das Konferenzthema zu reden!!
  1. Mein „zu subjektiver“ Ausgangspunkt ?
Bei der Anfrage von E. Lieberam nach meiner Teilnahme an der heutigen Konferenz verwies er auf meinen Beitrag in den Marxistischen Blättern zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution (Heft 5/07). Der darin von mir geschriebene Artikel zum Thema „Der Marxismus über revolutionäre Situation und die Gegenwart“ erscheine ihm geeignet für das Treffen in Leverkusen. Ob ich ihn nicht aktualisieren könnte.
Ich habe eine Zeit darüber nachgedacht. Ich hab mich dann zu einem ganz anderen Vorgehen und Vortrag entschieden.
Als Teilnehmer aller bisherigen drei „Leverkusener Konferenzen“ habe ich der nach langer Unterbrechung anstehenden vierten Begegnung eher mit skeptischer Distanz als mit freudiger Neugier entgegen gesehen.
Dies hat erstens zu tun mit den zwar atmosphärisch positiven Folgen, die sich zwischen den Beteiligten der vorangegangenen Konferenzen in der Regel ergaben, die aber im Prinzip ohne praktische Relevanz blieben.
Es hat zweitens zu tun mit dem generellen Problem, das die gesamte organisatorisch so zersplitterte politische Linke nicht in den Griff zu bekommen scheint:
Es ist das eklatante Auseinanderfallen zwischen zunehmender „antikapitalistischer“ Rhetorik in allen möglichen Medien und auch in den unter der Dominanz der Sozialpartnerschaft und des „Co-Managements stehenden DGB-Gewerkschaften einerseits und dem weiter schwindenden Einfluss ausgerechnet der Organisationen , die sich in ihrem Selbstverständnis aufMarx berufen andererseits.
Meine Skepsis speist sich drittens aus dem Zustand der marxistisch- leninistischen , bzw. der revolutionär-marxistischen Organisationen, die sich im allerweitesten Sinne auf die Traditionen entweder der Bebelschen Sozialdemokratie oder der Thälmann-KPD und einiger von ihr abgesplitterter Zirkel (Z.B. der KPO oder der SAP) oder auf Trotzki berufen. Sie – und da schließe ich meine eigene Partei nicht aus - existieren offen gesagt nur in organisatorisch recht bescheidenen Restbeständen.
Viertens speist sich meine skeptische Neugier<>neugierige Skepsis aus Erfahrungen Anfang der 90ger Jahre mit der im wesentlichen von der Ost-KPD und der DKP versuchten Initiative „Kommunisten schreiben Kommunisten“, an der ich als zeitweiliger „Ost-Beauftragter“ des DKP PV teilgenommen hatte. Deren Treffen lag der gemeinsam getragene Grundgedanke zu Grunde, dass es möglich werden sollte, dass die nach 1989 so zerfledderte nicht-reformistische marxistische Linke zu mehr Gemeinsamkeit komme.
Auf Seiten der DKP ging dies in den frühen 90ger Jahren so weit, dass wir in den damaligen ersten programmatischen Orientierungen nach dem Sieg der Konterrevolution in der DDR , der UdSSR und den anderen sozialistischen Staaten in Europa , den „Thesen zur Programmatischen Orientierung der DKP“ von 1993, sogar eine sehr konkrete Passage zu diesem Thema formulierten. Ich „oute“ mich als damaliges Mitglied der Redaktionskommission dieser „Thesen“, als Miturheber dieser Passage. Sie lautete: „Von herausragender Bedeutung für die DKP ist es, mit anderen kommunistischen und sozialistischen Kräften in ganz Deutschland in die Diskussion um politische und ideologische Grundfragen zu intensivieren und die Gelegenheit zu gemeinsamem Handeln zu ergreifen. Unser Ziel ist es, dass sich alle Kommunistinnen und Kommunisten in Deutschland in einer kommunistischen Partei zusammenfinden. Die DKP wird sich dabei von ihren programmatischen Grundsätzen und von ihrem Statut leiten lassen.“ (Thesen zur programmatischen Orientierung der DKP, beschlossen vom Mannheimer Parteitag 1993, S. 30)
Ich will nicht verhehlen, dass dem Gedanken, der Einheit der Kommunisten in einer gemeinsamen Partei ein im nach hinein betrachtet irrealer Gedanke zu Grunde lag: In meiner Naivität hatte ich folgende Gleichung im Hinterkopf:
1) 2.3 Millionen Mitglieder der SED in 1989 = mindesten 500.000 Kommunisten nach 1989,
2) minus 50% Vorbehalte gegen DKP = 250.00.
3) Diese 250.000 plus ca. 10.000 von ehemals ca. 30.000 – 40.000 DKP Mitgliedern vor 1989 ergibt eine Summe von 260.000 Kommunisten.
Diese 260.000 werden sich sicherlich über kurz oder lang in einer gemeinsamen gesamtdeutschen KP zusammenschließen. Also; - um mit Mao zu reden - „die Zukunft sah glänzend" aus – zumindest nach dieser Rechnung..
  1. Vertane Zeit, vertane Chancen
Es gibt ja bekanntlich den Spruch „Was lange währt, wird endlich gut.“ Und „ Gut Ding will Weile haben.“ Fast 20 Jahre nach den zitierten Sätzen aus den 93er Thesen scheint keiner dieser Sprüche mehr zu gelten.
Oder das ganze Vorhaben war und ist vielleicht auch gar kein „gut Ding“! Schon auf dem ersten Leverkusener Treffen und dann erst recht auf den folgenden war klar: diese „Gleichungen“ des Dr. Brenner stimmten hinten und vorne nicht.
Das genaue Gegenteil trat ein. Es kam – mit viel zu geringen Ausnahmen -weder etwas zahlenmäßig Befriedigendes in Sachen Ex-SED-Mitgliedschaft zustande noch in Sachen Ost-KPD. In Bezug auf letztere ist ein bisher nicht geklärter Dissens die Stalin-Thematik im allgemeinen und die Bewertung des 20. KPdSU-Parteitages im besonderen.
Es gibt derzeit anscheinend mehr Dissens als Konsens mit den Kommunisten auf dem Gebiet der DDR.
Das gilt mit Abstrichen auch in Bezug auf die uns sehr freundschaftlich verbundenen Kommunisten und Sozialisten, die sich um den „Rotfuchs“ geschart haben. Es findet zwischen uns nicht viel mehr statt als ein Austausch freundlicher Worte. Warum kommen wir auch mit ihnen auf dem Weg der Einheit nicht weiter?
Diese negativen Erfahrungen waren dann wohl ausschlaggebend dafür , dass das neue DKP Parteiprogramm von 2006 sich zu dieser Thematik nicht mehr äußerte.
Aber können wir uns mit dem Status quo wirklich arrangieren? Natürlich nicht !!
In seinen „Thesen über die Hauptaufgaben des II. Kongresses der Kommunistischen Internationale“ (Lenin Werke XXXV, S. 391-400, 1920) schrieb Lenin:

Vom Standpunkt der internationalen proletarischen Bewegung besteht ... im gegenwärtigen Augenblick die Hauptaufgabe der kommunistischen Parteien darin, die zersplitterten kommunistischen Kräfte zusammenzufassen, in jedem Lande eine einheitliche kommunistische Partei zu bilden (oder die bereits bestehende Partei zu stärken und zu erneuern), um die Arbeit der Vorbereitung des Proletariats zur Eroberung der Staatsmacht, und zwar zur Eroberung der Macht in der Form der Diktatur des Proletariats zu verzehnfachen.“


Wir alle haben uns – wenn man das feierliche und christliche Wort hier mal in den Mund nehmen will, - an dieser Mahnung Lenins „versündigt“.

 

- Rechthaberei und Unfähigkeit, zwischen echten und falschen Differenzen zu unterscheiden,

 

- Unwille, einen Klärungsprozess zu organisieren, der Wichtiges und Unwichtiges aussortiert,

 

- Korinthenkackerei, angemaßte Schiedsrichterposen in Sachen „Antirevisionismus“,

 

- Geschichtsvergessenheit und Personenkult, der blind macht für die dunklen Seiten der sowjetischen und der eigenen Parteigeschichte und Mutlosigkeit.

 

All dies bildet eine krude Mischung, an der ein Zusammenkommen der sich auf die Lehren von Marx, Engels und Lenin berufenden diversen Parteien/Gruppen bislang gescheitert ist.

 

3. Kann ein „Trümmerhaufen als Aussichtsturm““ Sinn machen ? (Vorausgesetzt man schaut in die richtige Richtung.)
G. Fülberth sprach nach 1990 vom „Trümmerhaufen als Aussichtsturm“. Mir scheint, dass dies für den Zustand der revolutionären Sozialisten und Kommunisten in der Alt-BRD und in der zertrümmerten DDR bis auf den heutigen Tag und auch noch weiterhin gilt. Das Abwandern ins Privatleben, die Zersplitterung der revolutionären Linken und die organisatorische Schwächung der DKP setzten sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten in einem mittlerweile beunruhigendem Maße fort.
Skizzieren wir die Lage der beiden „Größten“, der PDL und der DKP:

a)Aus der von den sozialdemokratischen „SED-Reformern" gebildeten
PDS , deren Spitze eine objektiv konterrevolutionäre und antikommunistische Rolle in den Ereignissen von 1989/90 gespielt hatte, entstand mit Hilfe von enttäuschten SPD Mitgliedern eine ´neue ` Sozialdemokratie namens „DIE Linke“ (PDL). In ihr sind auch die zahlenmäßig sehr überschaubaren Mitglieder der „Kommunistischen Plattform“ der alten PDS vertreten: In der PDL haben sich auch Teile der trotzkistischen Organisationen im Stile des traditionellen „Entrismus“ organisiert, sie konnten einige Positionen erringen, dies ändert an der politisch-ideologischen Zuordnung der PDL zum Spektrum der Reformismus nichts.
Anno 2012 ist der nur zeitweilig gestoppte Niedergang und Mitgliederverlust der PDS/PDL so virulent wie nie zuvor. Sowohl im Westen wie im Osten halbierten sich teilweise die Wählerstimmen, der Mitgliederschwund und die Überalterung im Osten ist existenzgefährdend. Wie Genosse E. Lieberam kürzlich in der „jw“ feststellte, stehen die Funktionsträger und Funktionselite der PDL vor subjektiv als bedrohlich empfundenen Existenzkämpfen. Als im Kapitalismus „Angekommene“ zahlen sie den üblichen Tribut der bürgerlichen Berufspolitiker an die nachlassende „Nachfrage“ in ihrem Wählerklientel.
Und die diversen Plattformen von Linken in der „LINKEN`“ erschöpfen sich in innerparteilichem Machtgerangel oder haben sich – aus meiner Sicht resignativ“- mit dem Status eines „5. Rades am Wagen“ abgefunden. Dies gilt auch für die Kommunistische Plattform, die mit der DKP eigentlich die größten politischen Schnittmengen besitzt.

b)Und nun
meine eigene Partei: die auf die von Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht, Ernst Thälmann, Wilhelm Pieck und Max Reimann geleiteten KPD zurückgehende DKP, was ist mit uns? Auf der letzten PV Tagung wurde im Referat zur OrgPolitik der nicht gestoppte Mitgliederrückgang und die Überalterung sehr offen bilanziert. Erstmals fiel in der Debatte sogar das Wort von der „kritischen Masse“, die nicht unterschritten werden darf, wenn noch die Rede sein soll vom Fortbestand einer bundesweiten Parteiorganisation und nicht von versprengten lokalen Zirkeln.
Und auch die ideologisch-programmatische Verunsicherung, die allerspätestens seit den „Thesen des (damaligen)Sekretariats“ von Anfang 2010 um sich gegriffen hat , ist trotz Zurückweisung dieser Thesen durch den 19. Parteitag noch nicht überwunden.
c) Nun zum Zustand der trotzkistischen und maoistischen „Konkurrenz“: Was ist mit den trotzkistischen Strömungen, die auf Initiative von Robert Steigerwald und Manuel Kellner den eigentlich kaum vorstellbaren Schritt zu einer gemeinsamen Debatte mit „den Stalinisten“ getan haben: Was ist mit deren „Befindlichkeit“?
Wenn sie nicht in der Partei „DIE LINKE“ einige Posten erwarben - die mit der Schwächung der PDL und dem Schwinden ihrer parlamentarischen Positionen aber schon wieder verloren gehen –, führen sie nicht minder ein randständiges Dasein, wie wir, die von ihnen abgelehnten „Stalinisten“. Ihre Hoffnung, nach Ende der „stalinistisch-bürokratisch -deformierten Arbeiterstaaten“ einen historischen Aufschwung zu erleben, haben sich ebenso wenig erfüllt, die diejenigen der DKP, von denen ich oben sprach.
Ähnlich geht es den Resten der aus den 70ger Jahren noch überkommenen alt-maoistischen Gruppierungen, von denen mehr oder minder nur die MLPD überlebt hat, die nach jeder Wendung der kapitalistischen Krise und nach jeder einigermaßen gelungenen Demo oder eigenen Saalveranstaltung die Weltrevolution um die Ecke biegen und in den „DKP-Revisionisten“ weiterhin eines der größten Weltenübel sieht.
Und den Genossen des „Arbeiterbundes“, der noch immer „die KPD wieder aufbauen“ will und dabei seit fast 40 Jahren in seiner Mehrheit die Neukonstituierung der illegalen Kommunisten als DKP geflissentlich übersieht, wie geht es denen? So sehr wir uns mittlerweile auch aneinander gewöhnt und die heftigen Streitigkeiten der 70ger und 80ger Jahre ad acta gelegt haben, die Differenzen, die sich vor allem auf die Bewertung des 20. KPdSU-Parteitages, die Ära Mao Tse Tungs und die Dialektik von Nationalem und Internationalem in der Epoche des Imperialismus beziehen, sind zwischen „Arbeiterbund“ und DKP bis heute nicht geklärt.
So weit meine sicherlich sehr verknappte „Befunderhebung“ in Sachen der marxistischen und leninistischen Linken. 

 

 

4. Unbefriedigendes Zwischenfazit
Der Anspruch, eine Konferenz zur „Revolutionstheorie im 21- Jahrhundert“ zu organisieren; bei der am Ende ein größeres Quantum an Gemeinsamkeiten bestehen soll als zu Beginn der Konferenz, erscheint mir deshalb insgesamt deutlich zu hoch gegriffen.
Dies würde m.E. doch voraussetzen, dass die Teilnehmer(innen)-also „Wir“ - sich/uns ein annähernd gemeinsames Bild von den Gründen und Folgewirkungen der Konterrevolution“ 1989/90 erarbeiten könnten. Darin besteht aber kein Einvernehmen.
Wir“ müssten gemeinsame Positionen zur Bewertung des realen Sozialismus erarbeiten. Auch hier gehen die Positionen weit auseinander. Denn wer z.B. den 20. Parteitag der KPdSU als „Machtantritt der Bourgeoisie“ versteht, wird sich mit der DKP nicht einigen können. Und wer das „schmähliche Ende des ´Stalinismus`“ begrüßt (hat), das von Trotzki und E. Mandel herbeigewünscht und mit ihrer These von den „ „verbürokratisierten Übergangsgesellschaften“ als politisch notwendig legitimiert wurde, auch nicht.
Das war eine objektiv konterrevolutionäre These und ich bin deshalb neugierig, wie Genosse M. Kellner sie heute interpretieren wird.
Wir“ müssten gemeinsame Positionen zur Bewertung des realen Sozialismus erarbeiten. Auch hier gehen die Positionen weit auseinander. Denn wer z.B. den 20. Parteitag der KPdSU als „Machtantritt der Bourgeoisie“ versteht, wird sich mit der DKP nicht einigen können. Und wer das „schmähliche Ende des ´Stalinismus`“ begrüßt (hat), das von Trotzki und E. Mandel herbeigewünscht und mit ihrer These von den „ „verbürokratisierten Übergangsgesellschaften“ als politisch notwendig legitimiert wurde, auch nicht.
Das war eine objektiv konterrevolutionäre These und ich bin deshalb neugierig, wie Genosse M. Kellner sie heute interpretieren wird.
Wir“ müssten ausloten, welche wirklich substantiellen Unterschiede zwischen ihnen/uns bestehen, die einen Prozess größerer politischer und organisatorischer Einheit unter ihnen/uns hemmen.
Wenn dies gelänge und wenn es in der Analyse des derzeitigen Zustands des globalen und des BRD-Imperialismus zu etwas mehr Übereinstimmung käme, wäre das sehr viel. Darf man darauf rechnen und setzen? Oder doch nicht??
Soweit meine vielleicht mehr desillusionierenden als motivierenden Schlaglichter auf die Situation der „marxistischen Linke“. Wenn sie auch nur zu 70% der Wahrheit entsprechen, dann mutet das Thema dieser Konferenz einigermaßen hochstaplerisch an. Dies alles macht meine anfangs erwähnte „Lustlosigkeit“ beim Herangehen an diese Konferenz aus.
Wir können uns natürlich wechselseitig damit trösten, dass wir allesamt hier im Saal „gestandenen“ und „hartgesottene“ Revolutionäre geblieben sind und „unsere Ideale nicht verraten“ haben. Das wäre ein allzu schwacher Trost. Er erinnert mich an das Häuflein übrig gebliebener und ausgemergelter Offiziere und Generäle der „Grande Armée“ von Napoleon Bonaparte, die zusammen mit ihren 18.000 Soldaten den kläglichen Rest einer 600.000 Mann umfassenden Invasionsarmee bildeten, nachdem sie in Moskau scheiterten und die dann 1813 den endgültigen Garaus in der „Völkerschlacht“ von Leipzig erlebten.


5. Warum es aber egal ist, ob ich „Lust“ habe über das Konferenzthema zu reden !
Es gibt einen Grund warum ich bleibe und an dieser Konferenz mitmache – wenngleich aus zeitlichen Gründen nur diesen ersten Abend:
Es ist erstens mein nicht erschüttertes Vertrauen in die wissenschaftliche Theorie des Marxismus-Leninismus und des Historischen Materialismus, zu dessen theoretischem Erbe und essentiellem Bestandteil gehört, dass die Geschichte wie die Natur sich nach Gesetzmäßigkeiten und nicht nach den Befindlichkeiten einzelner Kommunistinnen und Kommunisten entwickelt.
Und es ist zweitens die Realität des Kapitalismus selbst.
Die Fehler und Schwächen, von denen ich spreche, dürfen uns nicht dazu führen zu “resignieren“. Wir sind in einem ungewöhnlichen Widerspruch. Zum einen die genannten Schwächen unserer Bewegung und zum anderen dies:

 

Wir – die DKP- gehen davon aus, dass wir es derzeit mit einer „Übergangskrise“ zu tun haben, deren Ausgang noch nicht wirklich entschieden ist. Es kann eine Durchgangsphase hin zu einer reaktionäreren Kapitalismus-Variante mit noch anti- und asozialeren Maßnahmen und Schwächung der Arbeiterbewegung im Interesse der nationalen und transnationalen Konzerne sein, es kann aber auch eine Entwicklungsrichtung zu größeren Kämpfen und Widerstand gegen dieses System werden, in dessen Verlauf die Herrschaft der imperialistischen Monopolbourgeoisie und die Machtinstitutionen des staatsmonopolistischen Kapitalismus geschwächt werden wird.

Wer will an dieser Schlacht als Kommunist nicht teilnehmen?

Hinzu kommt eingangs erwähnte öffentliche Interesse an der Person und dem ökonomisch-philosophischen Werk von Karl Marx bis hinein in den wichtigsten Blätter der Bourgeoisie

-Titelseite des „Handelsblatt“ vom 13.10. in dem Marx als der wichtigste „klassische“ Ökonom dargestellt wird,

-die seit Monaten laufende Serie in der „Süddeutschen“ Zeitung zur „Systemkrise des Kapitalismus“ mit ganzseitigen Debatten über die Rolle von Marx und den Marxismus als Alternative sowie

- die Umfrage der Deutschen Nationalbibliothek, in der er als der drittwichtigste deutsche Denkeraller Zeiten genannt wird.

Vor nicht allzu langer Zeit erschien außerdem die neue Marx-Biographie des Engländers Francis Wheen und jetzt folgte die neue Engels Biographie des englischen Historikers Tristam Hunt. Man kann an beiden viel aussetzen. Dass sie aber überhaupt herauskommen- außerdem auch vor wenigen Jahren die neue Biographien über Eleonore Marx von Eva Weisweiler und die zwei Biographien über Jenny Marx von Francoise Giroud und Jörn Schütrum , sodann jetzt die von D. Dahm geschriebene kurze Rosa Luxemburg Biographie und seine Einführung in Lenins „Linken Radikalismus“ , dazu schließlich auch die bemerkenswerte Arbeit von Gen. Domenico Losurdo über Stalin – das alles erscheint mit kein Zufall zu sein.

Dass so intensiv über Marx und den Marxismus diskutiert und publiziert wird, macht m.E. deutlich, dass die Herrschenden sich darüber selbst im Klaren sind - oder werden -, welch ein Sprengstoff in dieser Systemkrise steckt. Daher der Versuch mögliche Systemalternativen und deren Wortführer von sich aus in die Diskussion zu bringen, diese zu entschärfen und in ihrem Sinne umzuinterpretieren, zu „privatisieren“ und insgesamt damit zu delegitimieren.

Wenn schon die Bourgeoisie nicht nur zulässt, sondern sogar befördert, dass über die „Systemfrage“ und über Marx und den Marxismus diskutieren werden kann, dann darf ein Kommunist nicht seine eigene „Befindlichkeit“ zum Maßstab machen. 

 

 

6. Die objektive Notwendigkeit der „Revolution“
Es ist eine fundamentale Einsicht des Historischen Materialismus, dass der geschichtliche Fortschritt sich in der Dialektik von Revolution und Konterrevolution seine Bahn in die Zukunft bricht und nicht auf der Stelle tritt. Es gibt kein einfaches „Vorwärts zu neuen Erfolgen“.
Hast la victoria siempre!“ das klingt gut. Aber die Mühen der Ebene müssen trotzdem bewältigt werden.
Dabei ist es sicher ; dass der „ alte Maulwurf Geschichte“ auch dann an seinem Tunnelsystem weiter gräbt, das diese überholte Gesellschaftsformation und Produktionsweise unterminiert, wenn einige oder auch viele Marxistinnen und Marxisten müde geworden sind und den Spaten fallen gelassen haben.
K. Marx beschrieb im 24.Kapitel des „Kapital“ Band I die gewaltige und gewaltsame Zerstörung und Vernichtung der überholten feudalen Produktionsweise durch den modernen Kapitalismus. Dies war ein wuchtiger, zerstörerischer und brutaler Prozess der gesellschaftlichen Umwälzung; es war eine umfassende Revolution, die das Unterste zum Obersten kehrte und umgekehrt. Wie Marx später schrieb, ähnelte der vom Kapitalismus deformierte gesellschaftliche und technische Fortschritt, in seiner brutalen Nacktheit dem „heidnischen Götzen“ -.der „den Nektar nur aus den Schädeln Erschlagener trinken wollte“. (Vergl. K. Marx: Die künftigen Ergebnisse der britischen Herrschaft in Indien, MEW 9, S. 226 )
Die „Genesis der industriellen Kapitalisten“ – so Marx – unterbrach gewaltsam den „Schneckengang“ der feudalen Produktionsweise, weil diese „in keiner Weise den Handelsbedürfnissen des neuen Weltmarkts (entsprachen), welchen die großen Entdeckungen Ende des 15.Jahrhudnerts geschaffen hatten. … Das durch Wucher und Handel gebildete Geldkapital wurde durch die Feudalverfassung auf dem Land, durch die Zunftverfassung in den Städten an seiner Verwandlung in industrielles Kapital behindert.“ („Kapital“ Bd. I, MEW 23, S. 778)
Dem konnte nur eine gigantische Revolution Abhilfe leisten. Das war keine staatlich legitimierte und sorgsam ausgetüftelte „Transformation“, das war der radikale revolutionäre Bruch mit dem überlebten Alten. 

 

 

7. „Transformation“ statt “Revolution“??
Marx spottet im „Kapital“ über den englischen Ökonomen und Publizisten Thomas Hodgskin (1787-1869) , der – ähnlich wie etliche moderne gutmeinende „demokratische Sozialisten“ und Reformisten, die heute die ökonomische Ungleichheit und Ungerechtigkeit des „Kasinokapitalismus“ und des „entfesselten Finanzmarktkapitalismus“ kritisieren, nach der „ordnenden Hand des Staates“ rufen, um auf diesem Weg eine „Transformation“ heraus aus dem Kapitalismus einzuleiten.
So argumentiert der Vorsitzende des isw, Conrad Schuhler, aber so auch die ehemaligen PDS- und jetzigen PDL-Theoretiker D. Klein und M. Brie.
Transformation“ statt Revolution, das ist das neue Zauberwort. Wiederherstellung eines funktionierenden „realwirtschaftlichen“ und „sozial-ökologischen Kapitalismus“ und das dann auch noch im Rahmen einer „neugegründeten, sozialen und demokratischen“ Europäischen Union.
Robert Steigerwald wird sicher darüber referieren.
Mich erinnert das an die Beobachtungen, die ich in diesem Sommer an meinen beiden Enkeltöchtern erleben konnte. Diese beiden 2,5 und 1,5 Jahre alten allerliebsten Geschöpfe vergnügen sich altersgemäß mit Sandspielen. Sie „transformieren“ ununterbrochen mi ihren Förmchen ihre Sandfiguren: mal ist es ein Sand-Häschen, mal ein Sand-Elefant. Manchmal ist es sogar „Schokoladen-Eis“ aus Sand, das sie dann dem Opa zum Verkauf anbieten, der das auch dann ganz entzückt „aufisst.“
Transformieren?“ Ja warum nicht. Dieses Spiel kann doch ganz amüsant sein. Die Substanz bleibt allemal dieselbe: Sand.
Ich habe aber keine Lust einen politischen Machtkampf mit einer gerissenen und brutalen Klasse zu kämpfen, der „auf Sand gebaut“ ist, weil er den Unterschied zwischen Reform und Revolution bestreitet und glaubt mit „Reformen revolutionären Inhalts“ im Rahmen neuaufgelegter sozialreformistischer „wirtschaftsdemokratischer“ Illusionen die herrschenden Klasse vom Throne komplimentieren zu können.
Aber zurück von der Sandkiste zum Marxschen “Kapital”:
Der von Marx zitierte Hodgskin schrieb 1832 in seiner Arbeit „The Natural and Artificial Rights of Property Contrasted“ folgendes: “Der Kapitalist kann jetzt als der Eigner des ganzen gesellschaftlichen Reichtums in erster Hand betrachtet werden, obgleich kein Gesetz ihm das Recht auf dieses Eigentum übertragen hat … Dieser Wechsel im Eigentum wurde durch das Zinsnehmen auf Kapital bewirkt … und es ist nicht wenig merkwürdig, dass die Gesetzgeber von ganz Europa dies durch Gesetze wider den Wucher verhindern wollten. … Die Macht des Kapitalisten über allen Reichtum des Landes ist eine vollständige Revolution im Eigentumsrecht, und durch welches Gesetz oder welche Reihe von Gesetzen wurde sie bewirkt?“ (Zit. n. K. Marx, a.a.O., S. 778)
Marx kommentierte dies höchst trocken und lakonisch so: „Der Verfasser hätte sich sagen sollen, daß Revolutionen nicht durch Gesetze gemacht werden.“ (a.a.O.)
Hier und heute ist nicht eine „Reform des Finanzsektors“ die Lösung der Systemkrise, sondern der generelle Bruch mit dem aus der Einheit und Verschmelzung von Bank- und Industriekapital entstandenem Finanzkapitalismus als einer wesentlichen Erscheinungsform des modernen Monopolkapitalismus.
Schon mit ihrem Beginn geht die – kaum aus allen Poren von Blut und Gewalt triefende und aus dem Schoß der feudalen Produktionsweise hervorgekrochene - kapitalistische Produktionsweise- einer neuen noch umfassenderen Revolution als der, deren Produkt sie ist, entgegen.
Die Geschichte des Kapitalismus ist die Geschichte einer permanent bis auf wenige Ausnahmen unterdrückten Revolution. Wie anders soll man die um sich und ihre inneren Widersprüche immer rasender kreisenden Zyklen von Revolution und Konterrevolution sonst beurteilen?
Wie anders soll man Marx sonst verstehen, wenn er schreibt: „Sobald dieser Umwandlungsprozeß nach Tiefe und Umfang die alte Gesellschaft hinreichend zersetzt hat, sobald die Arbeiter in Proletarier, ihre Arbeitsbedingungen in Kapital verwandelt sind, sobald die kapitalistische Produktionsweise auf eignen Füßen steht, gewinnt die weitere Vergesellschaftung der Arbeit und weitere Verwandlung der Erde und andrer Produktionsmittel in gesellschaftlich ausgebeutete, also gemeinschaftliche Produktionsmittel, daher die weitere Expropriation der Privateigentümer, eine neue Form. Was jetzt zu expropriieren, ist nicht länger der selbstwirtschaftende Arbeiter, sondern der viele Arbeiter exploitierende Kapitalist.
Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot.“
Also hier ist zunächst die Rede von der revolutionären Wirkung der innerkapitalistischen Konkurrenz auf die Kapitalisten selbst; hier ist noch nicht von einem aktiven Eingreifen der revolutionären Klasse des modernen Proletariats die Rede. Lange bevor die „Globalisierungsdebatte“ die Gemüter bewegte, weil sie angeblich zu „völlig neuen Erkenntnissen und Schlussfolgerungen“ nötigte, die im Kern jedoch den Abschied oder die Infragestellung der Leninschen Imperialismustheorie und ihrer revolutionären Schlussfolgerungen bedeuteten, hatte Marx die besondere Rolle der Monopolisierungsprozesse des Kapitals und seiner Internationalsierung klar gestellt.
Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes.“ (ebenda) 

 

 

8. Fällt die Revolution vom Himmel ? Notwenigkeit und Sinn der Strategie der „Übergänge“ zum Sozialismus
Eine der unter den europäischen KPen derzeit besonders diskutierte und umstrittenen Frage ist das Thema der Suche nach Übergängen zur sozialistischen Revolution und der damit verbundenen Orientierung auf eine Etappe des sich entwickelnden antimonopolistischen Kampfes. Auch in meiner Partei werden entsprechende Diskussionen geführt.
Sowohl das DKP Programm von 1978, die oben erwähnten „Thesen zur programmatischen Orientierung von 1993 wie auch unser neues Programm von 2006 gehen davon aus, dass die marxistisch-leninistische Revolutionstheorie mit Recht seit den Zeiten der Bolschewiki die sozialistische Revolution nicht als ein e Art Zufallsprodukt oder „Himmelsgeschenk“ ansieht, das auf Knopfdruck zu einem von den Kommunisten ausgeguckten Termin stattfinden kann.
Robert Steigerwald / Willi Gerns aber auch ich selbst haben in den vergangenen jahren sowohl in den Marxistischen Blättern wie auch in anderen Publikationen dazu häufiger argumentiert. Ich verweise hier nur auf die MBL zum 90. Jahrestag der Oktoberrevolution oder auf eine unserer Vorgängerkonferenzen zum „Streit über die „Übergänge“ (MBL Heft 3/04).
Im Moment ist für die DKP dieses Thema auch in Verbindungmit unseren Diskussionen über die Haltung der KPen zur EU und zum Kampf um eine Widerstandsfront gegen die Formierung der EU zu einem vom BRD Imperialismus dominierten Machtblock gegen die europäische Arbeiterbewegung von einiger Brisanz.
Hier zeigen sich z.B. zwischen uns und der von mir und vielen DKP –Mitgliedern sehr geschätzten und hochgeachteten KKE unterschiedliche Auffassungen. Es tut mir in der Seele weh, wenn ich auf diese Differenz hinweisen muss.
Der generellen Ablehnung einer Strategie der Suche nach Möglichkeiten des Herankommens an den revolutionären Bruch seitens der KKE liegt m.E. ein generelles Nichtverstehen der in der Leninischen Revolutionsstrategie entwickelten Einheit und Dialektik von demokratischem und sozialistischem Kampf zu Grunde.
Offenbar haben Genossen, die eine solche Grundsatzkritik üben, die geschichtlichen Wurzeln und Erfahrungen, die diesem von der DKP in allen Programmen nach 1968 und den Programmen der KPD seit der ersten großen Analyse der Niederlage gegen den Faschismus („Brüsseler Konferenz“ von 1935) zu Grunde liegen nicht ausreichend reflektiert.
Die von der Komintern entwickelte und von Lenin begründete Grundkonzeption, der Suche nach „Übergangen“ zum Sozialismus , ist aber weniger kompliziert und „scholastisch“ als die Kritiker offenbar meinen, unterstellen oder glauben zu müssen.

 

Die auf dem VII. Weltkongress im berühmten Referat von G. Dimitroff in Erinnerung gerufene Grundüberlegung Formen des „Herankommens“ oder des „Übergangs“ zum Sozialismus zu suchen und zu erproben, wurde u.a. auch von der KP Chinas unter Mao in der Konzeption der „neuen Demokratie“ und in der Konzeption der osteuropäischen „Volksdemokratien“ nach 1945 realisiert.

Dies war noch nicht „Sozialismus“, sondern eine Übergangsetappe dazu - auf die damaligen nationalen Bedingungen adaptiert.

Diese Strategie steht in der direkten Tradition der von Lenin konzipierten Orientierung des Kampfes für eine (antizaristische) „revolutionäre Demokratie der Arbeiter und Bauern“, der „revolutionären Demokratie im staatsmonopolitischen Kapitalismus“ unmittelbar vor der Oktoberevolution und auch der in Stalin-Ära praktizierten Variante der „Arbeiter- und Bauernregierungen“, einer strategischen Orientierung seit dem IV. Kongress der Komintern.

Die von der DKP seit der Neukonstituierung propagierte antimonopolistische Strategie“ bzw. das Konzept der „antimonopolistischen Demokratie“ gilt für eine Phase und ist Ausdruck einer Phase verschärften Klassenkampfes und sich verändernder Kräfteverhältnisses, in der die Machtfrage aber noch nicht endgültige gelöst wird.

In These 9 des Düsseldorfer Parteitages von 1971 wurde darauf hingewiesen, dass, „in dem Maße (Hervorhebung durch mich-HPB), wie durch den Kampf der Arbeiterklasse und der anderen antimonopolistischen Kräfte der staatsmonopolistische Kapitalismus überwunden wird, (auch) die schärfsten Formen der kapitalistischen Ausbeutung, die Ausbeutung durch die Monopole und den monopolkapitalistischen Staat beseitigt (werden).“

Die Machtfrage ist in diesem Stadium also noch nicht endgültig entschieden. der „revolutionäre Bruch“ ist noch nicht vollzogen. Die politische Macht der Arbeiterklasse ist noch nicht errichtet. Die antimonopolistische Macht ist zwar „kein Kapitalismus“ in der üblichen Form mehr- insofern ist es eine „revolutionäre“ Demokratie - aber es ist auch „noch kein Sozialismus“. Der Kampf ist noch nicht entschieden.

Dies entspricht völlig den Überlegungen die Lenin in seiner strategischen Konzeption im Herbst 1917 in dem Artikel „Die drohende Katastrophe und wie man sie bekämpfen soll“ (Lenin Werke Bd. 25) dargelegt hatte.

Wir befinden uns noch immer in der Phase des noch nicht voll entschiedenen Machtkampes, der an den „revolutionären Bruch“ heranführen soll und muss, wenn nicht diese Etappe mit einer Niederlage und der erfolgreichen Gegenoffensive der konterrevolutionären Kräfte enden soll (Beispiel Chile 1973).

Dies aber ist die alte Missdeutung und Fehlinterpretation dieser Konzeption. 

 

 

9. Die „Antworten der DKP auf die Krise

Die DKP steht vor ihrem 20.Parteitag Anfang März.
In unseren Parteigliederungen wird der Entwurf von „Antworten der DKP auf die Krise“ beraten. Die Debatte ist- da wo sie bislang geführt wird lebendig; die übergroße Mehrheit der DKP Bezirke –mit Ausnahme Berlins - hat diesen Entwurf als Diskussionsgrundlage akzeptiert.
Der Entwurf wurzelt in dem seinem Charakter nach marxistisch-leninistischen neuen Parteiprogramm der DKP von 2006. Ich habe seiner Redaktionsgruppe angehört.

Unsere Antworten gehen von der Beurteilung der gegenwärtigen Krise als einer „Übergangskrise“ des gesamten Systems aus, deren Entwicklungsrichtung noch nicht endgültig bestimmbar ist.

Kommt es zu einer Erschütterung der Grundlagen des STAMOKAP in den wichtigsten Ländern des Kapitals mit tiefgreifenden Umbrüchen, die eine sozialistische Option eröffnen oder entsteht eine Kapitalismusvariante deutlich reaktionärer Ausprägung als zuvor mit nicht aufhaltbaren Niederwerfung von Protest und Widerstand gegen den asozialen und diktatorischen Kurs der Monopolbourgeoisie, der Finanzoligarchien und der transnationalen Konzerne?

Vertieft sich der Abstand zwischen den Superreichen und der Masse der Lohnabhängigen, die in den letzten 10 Jahren mit erzwungenem Reallohnverzicht den Reichtum der oberen 10 Prozent in schwindelnde Höhe steigen ließ, wie der aktuelle Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung so drastisch untermauerte und der die Exportwalze der deutschen Industrie zu neuen Rekorden befähigte, oder gelingt ein Wechsel zu einer auf Stärkung des Binnenmarktes, des Reallohnzuwachses orientierte Entwicklung?

Werden die Steuern für die Reichen und Superreichen erhöht, die Vermögenssteuer wieder eingeführt? Wird die Macht der Finanzoligarchie begrenzt, kommt es zu einer stärkeren Kontrolle und Regulierung des Finanzkapitals und werden Weichen gestellt zur Vergesellschaftung der Großbanken und der wichtigsten Industriekonzerne.

 

Gelingt es von punktuellen Widerständen gegen den Brachialkurs des Großkapitals zum Umbau alles Sozialsysteme hin zu einer noch stärkeren Privatisierung und „Eigenbeteiligung“, die die Risiken der Armut im Alter noch mehr vergrößern, zu kommen?

 

Gelingt es eine umweltverträglicheren Schub in der Produktivkraft zu entwickeln mit einem nicht von den Energiekonzernen dominierten Energiesektor, der tatsächlich den Kriterien einer wirklichen Energiewende entspricht und nicht nur ein grün angemalter Monopolkapitalismus bleibt? All das wird die Lage von Millionen Werktätiger in den nächsten Jahren massiv beeinflussen. Im Entwurf unserer „Antworten“ sagen wir:

Gegenkräfte formieren sich
Erfolge im Interesse der Mehrheit der Menschen im Kampf gegen die Abwälzung der Krisenlasten kann es nur geben, wenn der Widerstand gegen die Macht der großen Banken und Finanzinvestoren, der transnationalen Konzerne sowie gegen ihre politischen Vertreter stärker wird.
In diesem Prozess kommt es aus Sicht der DKP vor allem auf die Gewerkschaften und auf die Arbeiterbewegung insgesamt an. Notwendig ist, dass diese mit anderen gesellschaftlichen Bewegungen gemeinsam handeln.
Es reicht aber nicht aus - wie die Erfahrungen bei Opel, der sozialen Bewegungen, aber andererseits auch der Hafenarbeiter aus vergangenen Jahren zeigen -, nur lokal, regional oder national vorzugehen. Transnationale Konzerne und Finanzgruppen agieren international. EU-Europa soll zur wirtschaftlichen, fiskalen, militärischen und politischen Union ausgebaut werden. Deshalb müssen auch die Kämpfe der Arbeiterklasse und die Aktionen der Bewegungen international zusammengeführt, vernetzt werden.
Die Zeit ist reif für die radikale Entmachtung der Profithaie, die Entmachtung der nationalen und internationalen Banken und Konzerne.
Eine bessere Welt ist notwendig und möglich, eine Welt ohne Kapitalismus.“

 

 

10. Schwierigkeit der Bewusstseinsentwicklung in der Krise

 

Liegt unsere Schwäche an einem angeblich „fehlenden linken Projekt“? Liegt es am angeblichen „Unvermögen des „orthodoxen Marxismus-Leninismus“, sich rechtzeitig auf diese neuen Realitäten eingestellt zu haben? Ichglaube nicht.

Ich habe in der neuen Ausgabe der MBL in einem Beitrag zur Problematik der Entwicklung von Klassenbewusstsein in er Krise u.a. auf die Studie von Klaus Dörre und seinem Team hingewiesen, die darstelt, wie sich in einem Betrieb der ALT- BRD und der Ex-DDR politische und gewerkschaftliche Bewusstseinsprozesse entwickeln. Die Bilanz ist für alle Linken ernüchternd. Sie ist aber auch nicht grundsätzlich neu.
Es gibt keinen automatischen Anstieg von kritischem Bewusstsein und höherer Bereitschaft zu gewerkschaftlichem oder politischem Engagement. Die Stammbelegschaften versuchen nach dem Motto „ Das Hemd ist mir näher als die Jacke“ – ihre eigenen ökonomischen Postionen zu verteidigen. In der Krise kommt es zu einer Bunkermentalität der Festangestellten.
Der Vorrang „unseres Betriebs“ und „unserer eigenen Sicherheit“ , der auch zum „Zusammenhalten mit der eigenen Betriebsleitung und dem eigenen Management führt, ist ganz eindeutig.
Das betriebliche „Wir“ und nicht das kollektive „Wir“ der Klasse rangiert an erster Stelle.
Gewerkschaftliche Aktivitäten werden durchaus für sinnvoll erhalten, wenn sie sich auf Serviceleistungen erstrecken.
Krisenverlierern und Prekarisierten gehört nicht automatisch die Solidarität.
Das System als Ganzes wird zwar als krisenhaft erlebt, aber die eigenen Chance, damit klar zu kommen, wird immer noch als sehr hoch eingestuft.
Sozialismus als „Idee“ ist nicht schlecht, aber liegt nicht im Bereich des politisch Erstrebenswerten oder potentiell Machbaren.

 

 

Weiteres kann man nachlesen.

Welche Antworten finden wir unabhängig von der Organisationszugehörigkeit als diejenigen, die sich als revolutionäre Marxisten oder Kommunisten verstehen darauf ?

Darüber zu reden, würde sich derzeit m.E. eher lohnen als allgemein über „Revolution im 21.Jahrhundert“; wenngleich mir selbstverständlich klar ist, dass es eine „Antwort auf die Krise“ ohne dass Kommunistinnen und Kommunisten die Perspektive der sozialistischen Umwälzung aufzeigen, natürlich gar nicht geben kann.

Wollen wir gemeinsame Antworten auf die Krise finden?

Brauchen wir sie?

Braucht die Arbeiterklasse sie?

Veröffentlicht in Sozialismus

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Herbert Münchow 11/02/2012 19:40


Als Nachtrag einige m.E. wichtige Zitate, die nicht zuletzt jene Fragen betreffen, die Hans-Peter in seinem Beitrag am Schluß aufwirft, denn Revolutionen werden nicht gemacht - und, wie Karl
Liebknecht einst sagte - doch gemacht. Eine Anmerkeung zusätzlich: Der erste Leverkusener Dialog wollte keineswegs schlechthin "Leute mit marxistischem Selbstverständnis" versammeln, sondern es
handelte sich um Genossen aus Strömungen, die alle ihre Wurzel in der kommunistischen Bewegung haben in Sonderheit auch in der Geschichte der KPD, zu der auch die Bremer Linksradikalen zählen.
Ich möchte also einer Tendenz vorbeugen, die mir bei diesem Blockthema gegenwärtig als akut gefährlich erscheint, nämlich der Tendenz der Abwertung der Veranstaltung. Hier zu blocken wäre
geradezu idiotisch!


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"Es gilt, an die Stelle des abstrakten (beliebig deklinierbaren) Revolutionsverständnisses das konkret-gesellschaftliche zu
setzen." (Manfred Kossok, 1789 - Versuch einer Positionsbestimmung, in: Die Französische Revolution 1789-1989, Revolutionstheorie heute, Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 14,
Frankfurt/Main 1988, S. 43.)


 


"Ungetrübte Anerkennung der objektiven Realität, wie sie Marx vom Revolutionshistoriker auch dort fordert, wo sich gerechtfertigte
Emotionen aufladen und vielleicht dagegen sträuben, verträgt sich mit Legende nicht. Schon dann nicht, wenn sie sich auf Glättungen im Antlitz der Braven und Karikierung der negativen Helden
beschränkt." (Walter Markov, 1789 - Legende und Wirklichkeit, in: Die Französische Revolution 1789-1989, Revolutionstheorie heute, Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 14,
Frankfurt/Main 1988, S. 91)


 


"Wir predigen weder Determinismus noch Teleologie. Die Geschichte hält immer nur eine Antwort parat. Wo kämen sonst ihre
Rückschläge her?" (Walter Markov, 1789 - Legende und Wirklichkeit, in: Die Französische Revolution 1789-1989, Revolutionstheorie heute, Marxistische Studien, Jahrbuch des IMSF 14,
Frankfurt/Main 1988, S. 96).


 


"Die Revolution als historische Entscheidung, als zentrales Geschehen, auf welches die Entwicklung hindrängt, ohne welche der Gedanke an
Weiterentwicklung logisch unvollziehbar bleibt, ist ein komplexes, allumfassendes gesellschaftliches Phänomen. Es gibt keine isolierte nur-ökonomische, nur-politische, nur-geistige Revolution.
Jede echte Revolution ist dies alles zugleich, und nur dann, wenn sie das ist, ist sie in Wahrheit Revolution. Denn die Grundfrage der Revolution ist die Frage der Macht, die Frage des Besitzes
der ökonomischen, politischen und kulturellen Machtmittel und insbesondere der Herrschaft über den Staat als der Macht-gleich-Rechts-Institution, welche die Besitztitel verbürgt. Seitdem Marx die
Gewalt als die Potenz des Besitzes, der Objekt gewordenen Arbeit, in dem sich das besondere Sein des Menschen, seine Fähigkeiten und Bedürfnisse darstellen, erkannt hat, können gegen
diese 'Festlegung' der Revolution nur jene Ausweichlinge opponieren, deren revolutionäres Bewußtsein sich in scheinradikalen Luftschlössern eines Reiches der Innerlichkeit erschöpft; 
die sich mithin in solchen Bezirken revolutionär gebärden, wo sie schlimmstenfalls einige harmlose Exzesse der Feder zu riskieren brauchen.


  


Um nicht mißverstanden zu werden: Ein Denker, ein Dichter, ein Künstler, ein Erfinder, ein Wirtschaftspionier kann durchaus in voller
Bedeutung des Wortes Revolutionär sein, ohne jemals jene Barrikade gesehen zu haben, welche die Froschperspektive des Spießers unweigerlich mit dem Begriff der Revolution verbindet. Wer Künder,
Sprachrohr, Vollstrecker der Revolution ist, hat gleichermaßen an ihr teil. Die Revolution ist mehr als die Summe ihrer großen Söhne.


  


Revolution ist nicht die mehr oder weniger gewaltsame Ersetzung einer Regierung oder einer Regierungsform durch eine andere, sondern der
Umsturz einer Gesellschaftsordnung." (Walter Markov, Revolution und Entwicklung, in: Weltgeschichte im Revolutionsquadrat, Berlin 1982, S. 3)


 


Auszug aus: Rosa Luxemburg an Mathilde Wurm am 16. Februar 1917 aus der
Festungshaft


 


"Deine ganze Argumentation gegen meine Losung: Hier steh' ich - ich kann nicht anders! läuft auf das Folgende hinaus: Schön und gut,
aber die Menschen sind feig und schwach für solches Heldentum, ergo müsse man die Taktik ihrer Schwachheit und dem Grundsatz chi va piano, va sano" (wer langsam geht, kommt auch zum Ziel)
"anpassen. Welche Enge des historischen Blicks, mein Lämmchen! Es gibt nichts Wandelbareres als menschliche Psychologie. Zumal die Psyche der Massen birgt stets in sich, wie Thalatta, das ewige
Meer, alle latenten Möglichkeiten: tödliche Windstille und brausenden Sturm, niedrigste Feigheit und wildesten Heroismus. Die Masse ist stets das, was sie nach Zeitumständen sein muß, und sie ist
stets auf dem Sprunge, etwas total anderes zu werden, als sie scheint. Ein schöner Kapitän, der seinen Kurs nach dem momentanen Aussehen der Wasseroberfäche steuern und nicht verstehen würde, aus
Zeichen am Himmel und in der Tiefe auf kommende Stürme zu schließen! Mein kleines Mädchen, die 'Enttäuschung über die Massen' ist stets das blamabelste Zeugnis für den politischen Führer. Ein
Führer großen Stils richtet seine Taktik nicht nach der momentanen Stimmung der Massen, sondern nach ehernen Gesetzen der Entwicklung, hält an seiner Taktik fest trotz aller Enttäuschungen und
läßt im übrigen ruhig die Geschichte ihr Werk zur Reife bringen." (Rosa Luxembrg,Gesammelte Briefe, Band 5, Berlin 1984, S. 176)


Herbert Münchow


  


 

Herbert Münchow 11/02/2012 19:12


Lieber Sepp!


Wir sind uns hoffentlich einig, daß es zu dem Thema und zu Leverkusen noch weit mehr zu sagen gibt. Beim letzten Treffen, daß auch wieder eine Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung war, konnte
ich aus beruflichen Gründen nicht dabei sein. Aber ich habe die gesamte Vorbereitungsarbeit verfolgt. Alle anderen Treffen hatte ich selbst mitorganisiert. Ich hoffe sehr, daß du auch die anderen
Referate, zumindest Steigerwald, Lieberam, Kellner - die bereits alle zugänglich sind (du kannst sie bekommen), in deinem Block veröffentlichst. Ich darf nicht nur dich auch an das Jahrbuch des
IMSF Nr. 14 erinnern: Die Französische Revolution 1789-1989. Revolutionstheorie heute. Die Aufsätze von Jung, Holz, Gerns, Kossok und Markov kann ich wärmstens empfehlen.


Herbert Münchow