Neu: Briefe aus Frankreich

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

In meinem Blog gibt es eine neue Kategorie: Briefe aus Frankreich. In unregelmässigen Abständen stelle ich diese Briefe ein, so wie sie eben "geliefert" werden. Die Absenderin ist eine ehemalige DDR-Bürgerin, die sich im Nachbarland niedergelassen hat. Sie schreibt über ihre Erfahrungen als Ausländerin in Frankreich, ihre Ansichten, über politische Entwicklungen und ... ? Das weiss ich auch noch nicht und die Briefeschreiberin wahrscheinlich selber auch nicht. Es gibt keine Vorgaben meinerseits und kein Programm.Ich bin also gespannt und hoffe, dass es mehr Leuten so geht.

 

Das hier ist der erste Brief:

 

Hallo, oder guten Tag! 21.09.2011

 

Sepp meint, er könne mir diese Rubrik einrichten, damit alle zu mehr oder besser anderen Nachrichten aus Frankreich kommen.

 

Ich bin kein Mitglied der DKP und habe bis vor einiger Zeit sogar noch mit dieser „revisionistischen Partei" nichts zu tun haben wollen. Ich habe meine Meinung geändert, eben weil einige Mitglieder revisionistische Linien vertreten.

 

Briefe aus Frankreich haben vor mir schon andere geschrieben, mit denen ich mich weder gleichgesetzt noch verglichen sehen möchte. Die heute noch bekanntesten stammen von Heinrich Heine. Wenn mir mal nichts mehr einfällt, könnte ich ja auf diesen Fundus zurückgreifen. Ich hätte kaum Sorgen wegen der Aktualität. Und wenn Abiturienten der heutigen Zeit nun die Stirn runzeln, weil doch Heine der große verfolgte Jude und der Dichter von traurigen Liebesliedern war, so könnte ein Blick in seine Werke ihr Schulwissen erweitern. Auf dem Montmartre-Friedhof hat die Düsseldorfer Universität mittlerweile sein Grabmal vereinnahmt, nachdem sie sich lange Jahre überhaupt sträubte, den Namen des größten Sohnes ihrer Stadt anzunehmen. Aber das ist so mit vielen anderen Dingen des progressiven deutschen Erbes. Es wird verdreht und angepasst, bis aus rot erst rosa und dann braun wird. Pardon, des französischen progressiven Erbes ebenso.

 

Die Demokratie macht‘s möglich, die bürgerliche natürlich. Sie hat mir auch ermöglicht, meinen Wohnsitz in Frankreich zu nehmen. Und das französische Arbeitsamt (erspart mir bitte das ständige Neulernen der korrekten Bezeichnungen) zahlt den deutschen Arbeitslosens sogar Unterstützung, wenn sie hierher wechseln. Also liegt es doch wohl an ihrer stupiden Haltung (würde vielleicht das prominenteste SPD-Mitglied sagen), wenn sie sich nicht die ihnen zustehende Freiheit des Reisens und Wohnwechsels nähmen.

 

Ich habe sie mir genommen; frei von (Verdienst-) Arbeit in Deutschland, habe ich um einen Aufenthalt in Frankreich ersucht. Irgendwo liegt noch der Stapel Anträge, den ich zur Vorlage bei der Präfektur ausfüllen musste. Dort sitzt der oberste Polizeichef eines Departements. Ihm unterstehen alle staatlichen Angelegenheiten, die das Leben der Bürger in seinem Bereich betreffen, inklusive Ausländerangelegenheiten. Eine sehr wichtige Frage zur Erlangung der Aufenthaltsberechtigung (die jeder hier länger wohnende Ausländer benötigt) war die nach der Absicherung des Lebensunterhalts: Einkommen, Vermögen? Zum Glück konnte ich da noch mehr Papiere meines arbeitsamen Ehemannes vorlegen. Es hat dann ungefähr 8 Monate gedauert, ehe ich in das Netz der Sozialversicherung integriert war. Niemand hat mich gehindert, einen Arzt aufzusuchen. Ich musste ihn eben nur vollständig bezahlen.

 

Seitdem habe ich gelernt, was es heißt, Ausländer zu sein. Und ich weiß auch, dass es denen, die aus irgendwelchen Gründen nach Deutschland verschlagen werden, nicht anders geht. Es gibt – je nach politischer Lage – feine Unterschiede zwischen EU- und anderen Ausländern. Besser dran sind allerdings jene, die sich in Paris Wohnungen für mehrere Millionen Euro leisten können und einen Großteil der Innenstadtbewohner vertrieben haben. Bei ihnen spielt das Personaldokument keine Rolle. Die Staatsangehörigkeit genauso wenig. Das war allerdings schon vor der EU so.

 

Mir kommt die mit dem Schengen-Abkommen verkündete Reisefreiheit sehr entgegen. Es entfallen leidige Visaangelegenheiten, und ich brauche, weil ich EU-Bürger bin, weniger lange bei der Präfektur zu warten. Ich bin ein nicht immer ganz erwünschter, aber doch mehr als geduldeter Ausländer. Aber ich weiß, dass diese Vorzüge nur ein kleines Zuckerbrot sind und obendrein Druckmittel bei der Aushandlung von zwischenstaatlichen Verträgen. Dann kann man nämlich Erleichterungen einschränken oder fallen lassen. Wir haben das vor wenigen Jahren erlebt. Ein dafür neueres Beispiel bilden punktuell wieder aufgenommene Grenzkontrollen, z. Z. zwischen Deutschland und Dänemark. Die offiziellen Begründungen sind unterschiedlich. Manchmal sind es nur Fußballspiele oder regionale Großveranstaltungen. Bei der Abwehr von Protesten und nicht nur da arbeiten die Staatshüter aller Länder ohnehin lange zusammen. - Die EU, denke ich, wird noch öfters Thema in meinen Briefen sein.

 

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken: Ich habe mich in diesem Land von Anfang an wohl gefühlt. Endlich war ich nicht mehr Berliner zweiter oder dritter Klasse, brauchte das abscheuliche Geschwätz der Medien nicht mehr zu ertragen. (Hier verstand ich ja noch nicht alles.) Die Menschen sind wie überall, mehrheitlich freundlich und zuvorkommend. Sehr oft habe ich in den ersten Jahren die Frage gehört: Aus Ost- oder Westdeutschland? Nur einmal erklärte mir ein Bauer nach meiner Antwort: Kommunist also? Ob meiner Größe fühlte er sich allerdings nicht bedroht, sondern erklärte felsenfest, weiterhin rechts (damals Sarkozy) zu wählen. Ob er heute noch sehr zufrieden damit ist?

 

Und, wer bist du nun eigentlich, höre ich fragen. Ich versuche es mal so. Geboren zwei Jahre nach DDR-Gründung in einer Arbeiterfamilie mit vielen Kindern. Arbeiter in Sachsen-Anhalt lebten häufig auf dem Lande, wo sie oft ererbte Häuschen und etwas Garten besaßen. Sie fuhren in die größeren Städte zur Arbeit. Das gab diesem Teil der Klasse einen anderen Hintergrund als denen, die in großen Häusern der Städte zusammen lebten und auch häufig ihre Freizeit gemeinsam verbrachten.

 

In unserem Ort gab es eine gut ausgestattete Bibliothek, aus der ich alles las, was ich bekommen konnte. Der immer steigende Lebensstandard, meine Beobachtungen und die guten Bücher und sicher auch einige gute Lehrer machten mich zu einem DDR-Bürger, der sich zu Hause fühlte. Oder vielmehr stellte ich mir die Frage gar nicht. Aber ich war auch ein großer Idealist. Meine Lehrer und später, als ich nach dem Abitur zur Zollverwaltung ging, meine Arbeitskollegen und Genossen wollte ich immer so haben wie in meinen Büchern: Klug, tapfer und vor allem sollten sie alles erklären und verstehen können. Kommunisten eben. Ich habe erst später gelernt, dass man Fragen nur stellen und beantworten kann mit einem Minimum an Wissen. Aber viele liebten Fragen nicht. Vielleicht hatten sie einfach keine Antworten oder empfanden Fragen als Provokation.

 

Was fängt zum Beispiel der Durchschnittsmensch mit der Auskunft zum 17. Juni 1953 an: Ein konterrevolutionärer Putsch. Habe ich sicher auch gelernt. Die Antwort ist richtig. Aber sie ist zu pauschal, um ideologischen Gewinn daraus zu ziehen. Als ich viel später bei Erik Neutsch (Der Friede im Osten) las, wie das auf den halleschen Straßen ablief und selbst eine SS-Kommandeuse „zu den Massen" sprach – was meint ihr, wie das wirkte? Der Frage nach Stalin wichen die Genossen mit den Worten aus: „Wir waschen unsere dreckige Wäsche nicht vor dem Klassenfeind." – Nee, wir ließen sie an!? Ohne die wirklich schmutzigen Stellen zu waschen.

 

Manche sagen, es sei für die Partei gefährlich, die eigenen Fehler aufzudecken und Selbstkritik zu üben, da das vom Gegner gegen die Partei des Proletariats ausgenutzt werden könne. Lenin hielt solche Einwände für unernst und völlig falsch. - Was er dazu sagte, ist nachzulesen in „Ein Schritt vorwärts, zwei Schritte zurück". Der darauf Verweisende ist Stalin. (Werke, Bd. 6, S. 77/78)

 

Also, ich war Idealist und sehr naiv, bis man es mir austrieb. Nach zwei Jahren hatte ich mich wieder in der Gewalt und sagte: Die da sind nicht die ganze Partei. Das hat mir später etwas geholfen. Allerdings habe ich die Ursachen der ganzen Misere nicht überblicken können, weil mir der Baustein des XX. Parteitages der KPdSU fehlte. Komischerweise waren es eher Linksradikale und gar Leute, die von der Sowjetunion nach 1956 als Sozialimperialisten sprachen, die mich auf Chruschtschow stießen. Nur – vom Regen in die Traufe wollte ich nicht kommen. Wegen eines Haufens an Verrätern und sicher vielen der ihnen in die Hände arbeitenden Fehler lass ich mir doch meine Heimat im Herzen nicht schlecht machen! Nicht nur die DDR zähle ich zur Heimat, auch die Bruderstaaten.

 

In gewisser Weise bin ich Idealist geblieben. „Weltverbesserer höre ich manchmal, du kannst doch sowieso nichts gegen tun." Nachdem ich den fehlenden Baustein der Geschichte, wie ich den XX. PT bezeichnen möchte, in mein Wissen eingerückt hatte, rekapitulierte ich manches gelernte Kapitel des Marxismus-Leninismus. Und fing an, unsere materialistische Weltanschauung als solche zu begreifen. Es gibt keine andere Orientierungshilfe, wenn man sich nicht auf die Seite der Verräter und Überläufer schlagen will. Und immer nach Lenin: Ein Blick ins Buch, zwei ins Leben. Das heißt: Wenn ich auf einen Begriff stoße, lese und denke ich nach. Problematischer Weise zieht eine Antwort immer neue Fragen nach sich.

 

Zum Beispiel Eurokommunismus oder Revisionismus. Darüber ist schon so viel geschrieben worden. Wissen wir alles, und können auch Georges Marchais auf dem Friedhof Père Lachaise besuchen, wo die Führer der KPF ihre Gräber haben. Da kann jeder den Bruch am Marxismus-Leninismus im Spazierengehen nachvollziehen.

 

Ich habe wissen wollen: Wie hat sich die opportunistische Politik der KPF-Führung in den Grundorganisationen ausgewirkt? Da gab mir ein französischer Genosse zur Antwort: Als das marxistisch-leninistischen Grundstudiums in unseren kleinen Parteigruppen der Grundorganisation abgeschafft wurde, fiel die Gruppe auseinander.

 

Eine erst 1980 zur KPF gestoßene Genossin fügte hinzu: Bei uns fanden nur sporadisch Diskussionstreffen über allgemeine Probleme statt (Drogen, Schwangerschaftsabbruch etc.) Die Grundorganisationen aber sind die Basis des Parteilebens.

 

Darüber ist nachzudenken.

 

Ich habe euch lang und breit erzählt, wo ich herkomme und in gewisser Weise auch, wo ich hin will. In meinem nächsten Brief schreibe ich über meine Eindrücke beim Besuch des Pressefestes der „Humanité", das am vergangenen Wochenende stattfand.

 

Fragen und Anregungen nehme ich gern entgegen und beantworte sie nach bestem Wissen.

 

Alexandra

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