1. Mai in der Hauptstadt Niederbayerns
Landshut zaehlt 62 000 Einwohner. Es gibt einige Konzern-Zweigbetriebe mit mehr als 500 Beschaeftigten. Bei BMW arbeiten mehr als 3 000 Menschen.
Am 1. Mai sammeln sich in der aufgeputzten, mittelalterlich-pittoresken Altstadt gut zweihundert Leute zur DGB-Demo. Ansonsten ist das Stadtzentrum wie ausgestorben. Die Buerger nutzen den freien Tag, um auszuschlafen und gemuetlich zu fruehstuecken. Das Wetter zieht nicht ins Freie, und die Geschaefte sind ohnehin geschlossen.
Von den Mai-Demonstranten sind die Haelfte der verbliebene Kern mehr oder weniger aktiver Gewerkschafter, zumeist aeltere Leute. Die andere Haelfte sind junge Leute, der wohl kleinere Teil von ihnen von den Jugendorganisationen der Gewerkschaften, der groessere Teil kommt von den kleinen Organisationen, die zusammen den "Infoladen" betreiben. Den gibt es seit jetzt bald zwei Jahrzehnten. Getragen wird er von Gruppen, die sich irgendwie zu den Autonomen rechnen und die gerade durch die Mode des "Antideutschen" gehen, der AG International - einer oertlichen Gruppe von Linken "links von der Linkspartei" - und der DKP. Ohne diesen "Block" wuerde die DGB-Demo nicht bloss mickerig, sondern klaeglich aussehen.
Das Wort haben Gewerkschaftsfunktionaere. Die Infoladen-Leute haetten wohl auch reden koennen, haben aber in der Vorbereitung der Demo irgendwie verseppelt, das auch durchzusetzen. Dafuer beleben sie den schweigend vor sich hin trabenden Zug mit frechen Sprechchoeren.
Die Fahnen und Transparente von verdi, IGM und ngg wehen friedlich neben denen von FAUL ("Her mit dem schoenen Leben!"), AG Interntional, DKP und Linkspartei. Die SPD-Gewerkschafter haben sich schon laenger damit abgefunden, dass ohne die, die in den offizielleren Verlautbarungen als "Chaoten" und "Linksradikale" abgetan werden, fast gar nichts mehr ginge. Fuer sich allein koennten sie ihre Maikundgebung in irgendeinem Hinterzimmer irgendeines Wirtshauses abhalten.
Mickerig ist die Demo auch inklusive des linken Blocks. Man ist schon zufrieden, dass dieses Jahr ein paar Dutzend Leute mehr da sind als im vergangenen Jahr. Die Tausende Gewerkschaftsmitglieder, die es in Landshut und Umgebung gibt, bleiben zu Hause. Das mit der Krise - so schlimm ist es ja doch gar nicht. Vielleicht ist sie schon so gut wie vorbei. Vielleicht wird man selbst ja nichts arbeitslos. Das niederbayerische Idyll muss doch halten ?! Der Staat wird es doch wohl hinkriegen, dass der kleine Wohlstand nicht die Isar runtergeht ?! Und wenn nicht: Man kann ja eh nix machen ...
Nach der Demo sammeln sich die gesetzteren Leute im Baernlochner Saal und kriegen vom DGB zwei Knackwuerste, eine Breze und eine rote Nelke. Der oertliche DGB-Chef schwingt eine Rede. Eine Bigband saeuselt kongenial. Bedienung, ich haett gern ein Weizen !
Von der anderen Demo-Haelfte sammeln sich einige Dutzend Leute im Infoladen. Es wird gegrillt und viel leckeres Selbstgemachtes aufgetischt. Manoeverkritik. Naechstes Jahr werden wir aber einen Redebeitrag halten ! Jemand schlaegt vor, man solle sich klarer werden, ob es noch Klassen gibt. Die verschiedenen Gruppen sollten sich ueberlegen, was sie davon halten, und dann koenne man die Frage gemeinsam diskutieren. Ein paar Gewerkschaftsjugend-Funktionaere sind auch in den Infoladen gekommen und diskutieren mit. Die Bundestagsabgeordnete der Linkspartei ermutigt die Leute zu Selbstorganisation und gemeinsamem Handeln.
Ich versuche, mir ein Fazit zu denken. - Eine rudimentaere Struktur der Linken gibt es selbst in einem Provinzkaff wie Landshut. Es gibt ein Dutzend aelterer Leute mit viel politischer Erfahrung, die jedem Wuerdentraeger Paroli bieten koennen, und eine betraechtliche Zahl junger leute, die gerade lernen, was notwendig ist, um organisiert handeln zu koennen. Was fehlt ist, dass die Masse der Gebeutelten den Kopf aus der armseligen Privatheit streckt; - die, die von Hrtz IV leben oder sich mit irgendwelchen unterbezahlten Drecksjobs durchschlagen muessen; die, deren Loehne durch die bestaendige Aushoehlung der Tarifvertraege gefaehrdet sind; die, die von der naechsten Entlassungswelle bedroht sind. Aber die fast vollstaendige Entpolitisierung, die verdammte duckmaeuserische Staatsglaeubigkeit, die zum Wahlkreuzchenmalen oder Wahlboykott verkommene buergerliche Demokratie, der tagtaegliche verdummende Medienmuell machen es es schwer, den Kopf aus der Privatheit zu strecken. Die Entwicklung der Verhaeltnisse wird das aber dringlicher machen. - Mal sehen, wie viele wir 2011 sind.