Ueber das ewige Wesen des Menschen
Die Gier, heisst es, habe die Krise gemacht. Die Dummheit der Leute, die immer wieder die falschen Politiker waehlen, sei schuld an den Gebrechen des Staates. "Die Kleinen sind immer die Dummen" ist ein gefluegeltes Wort. Und der Seufzer, so seien die Menschen halt, darf nicht fehlen. "Der Mensch" war schon immer so und wird es bleiben: Unter einer duennen Huelle Zivilsation, bestenfalls, lauert seine Tiernatur, der Jagdinstinkt, der Sammelinstinkt, der Toetungsinstinkt, der Kampf ums Ueberleben, der im Zweifelsfall ueber die Leiche des Nachbarn geht. Deswegen wird sich auch nie wirklich etwas aendern und sind alle Traeume von einer besseren, menschengerechteren Gesellschaft ... eben Traeume. Der Idealismus ist eine kulturelle Verzierung der menschlichen Wolfsnatur. Eine solidarische Gesellschaft koenne es daher nicht geben.
Interessant ist ein Vergleich dieser heutigen Zeitgeiststimmung mit der um die buergerliche Revolution herum. Als der Feudalismus am Ende war und die Buerger zur Macht und die Kapitalisten zu ihrer wirtschaftlichen Freiheit draengten, propagierten deren Philosophen das kommende Zeitalter der Humanitaet, die Befreiung der Hirne vom religioesen Aberglauben mittels Vernunft, die Harmonie der menschlichen Gesellschaft unter einem Gesellschaftsvertrag, der dem Naturrecht des Individuums entspricht. Das gerann zur klassischen Parole der buergerlichen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Bruederlichkeit. Ein historischer Optimismus phantasierte ueber alle damaligen Moeglichkeiten hinaus.
Heute, zweihundert Jahre spaeter, in einer Zeit, in der die buergerliche Gesellschaft in Nordamerika, Europa und etlichen anderen Gegenden mehr oder weniger voellig entwickelt ist und allmaehlich in die Phase des Verfalls uebergeht, bestimmt dagegen eher ein historischer Pessimismus den Zeitgeist. Die Stimmungen aendern sich eben mit den gesellschaftlichen Veraenderungen, aus denen sie sich speisen. Die heute so beliebten "Untergang-der-Menschheit"-Szenarien, die so scharf mit dem Optimismus kontrastieren, der am Anfang der kapitalistischen Ordnung stand, sind der Reflex auf die heutigen Verfallserscheinungen dieser Ordnung. Ob es sich um die apokalyptischen Klima-Prophezeiungen handelt oder das Aussterben der Wale, um die Erschoepfung der Ressourcen oder den Kampf der Kulturen, die Schweinegrippe oder den ueberhhoehten Cholesterinspiegel, alles wird - ziemlich unabhaengig vom sachlichen Inhalt des Themas - zur Katastrophe und bei den groesseren Kalibern zum bevorstehenden Weltuntergang oder mindestens Untergang der Menschheit.
Das ist nichts Neues. Noch jede herrschende Klasse hat ihren bevorstehenden eigenen Untergang mit dem der Menschheit oder der Welt ueberhaupt gleichgesetzt. Das ist das Hintergrundrauschen des Verzweiflungsschreies "Lasst bloss alles, wie es ist, sonst ergeht es euch schlecht! Wir sitzen doch alle in einem Boot - rudert weiter !" Und wer sich nicht in Angst und Schrecken versetzen laesst, kriegt die Peitsche zu spueren. In solchen Zeiten hat die ewige Natur des Menschen, die angeblich in seiner nur notduerftig zivilisatorisch ueberwachsenen Tiernatur bestehen soll, Hochkonjunktur.
Die menschliche Geschichte ist aber voller dialektischer Tuecken. Zum Beispiel ist die Buerger-Parole von der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit ein geistiger Fortschritt, der zwar von der buergerlichen Ordnung nicht eingeloest, aber auch nicht mehr aus der Welt geschafft werden kann. Im Gegensatz zu vor zweihundert Jahren sind heute auch alle materiellen Bedingungen vorhanden, damit sie wirklich eingeloest werden kann. Die Kapitalisten haben diese Bedingungen selbst hergestellt. Getrieben von der Konkurrenz gegeneinander und dem Zwang zur Jagd nach dem groesstmoeglichen Profit, haben sie die Produktivkraefte in einem Tempo und Ausmass entwickelt, mit dem alle bis zu ihrem Machtantritt erreichten Fortschritte in den Schatten gestellt werden. Und jetzt haben sie den Salat. Die Produktionsmittel entwachsen ihrer Ordnung, draengen auf ihre Sprengung, und die Leute, die mit ihnen arbeiten, haben im 20. Jahrhundert angefangen, diese Ordnung wirklich zu sprengen. Wie wir inzwischen wissen, geht das nicht von heute auf morgen und mischten sich bei diesen ersten Versuchen Erfolge mit Fehlern, aber es hat schon maechtig angefangen. Die naechsten Versuche werden im neuen Jahrhundert gemacht.
Aber ihr seid doch praktisch Tiere, vermesst euch nicht ! Denkt an euere ewige Wolfsnatur ! Woelfe, zu Haushunden gemacht, koennen ohne ihre Herren doch nicht leben ! Ohne die soziale Marktwirtschaft geht ihr unter !
Zu spaet, Leute. Die Totengraeber euerer Ordnung sind schon erwachsen. Ihr habt sie selbst alphabetisiert, sie zu Facharbeitern und Ingenieuren, zu Forschern und Entwicklern gemacht. Auch wenn das aus blosser Kapitalverwertungsnotwendigkeit kam - danke ! Ihr habt die schoensten humanistischen Ideale erfinden lassen, zu euerer groesseren Herrlichkeit. Die bleiben - danke. Ihre Erben sind die, die euch hinter sich lassen. - Das einzig ewige an der Natur des Menschen ist ihre Veraenderung.
Interessant ist ein Vergleich dieser heutigen Zeitgeiststimmung mit der um die buergerliche Revolution herum. Als der Feudalismus am Ende war und die Buerger zur Macht und die Kapitalisten zu ihrer wirtschaftlichen Freiheit draengten, propagierten deren Philosophen das kommende Zeitalter der Humanitaet, die Befreiung der Hirne vom religioesen Aberglauben mittels Vernunft, die Harmonie der menschlichen Gesellschaft unter einem Gesellschaftsvertrag, der dem Naturrecht des Individuums entspricht. Das gerann zur klassischen Parole der buergerlichen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Bruederlichkeit. Ein historischer Optimismus phantasierte ueber alle damaligen Moeglichkeiten hinaus.
Heute, zweihundert Jahre spaeter, in einer Zeit, in der die buergerliche Gesellschaft in Nordamerika, Europa und etlichen anderen Gegenden mehr oder weniger voellig entwickelt ist und allmaehlich in die Phase des Verfalls uebergeht, bestimmt dagegen eher ein historischer Pessimismus den Zeitgeist. Die Stimmungen aendern sich eben mit den gesellschaftlichen Veraenderungen, aus denen sie sich speisen. Die heute so beliebten "Untergang-der-Menschheit"-Szenarien, die so scharf mit dem Optimismus kontrastieren, der am Anfang der kapitalistischen Ordnung stand, sind der Reflex auf die heutigen Verfallserscheinungen dieser Ordnung. Ob es sich um die apokalyptischen Klima-Prophezeiungen handelt oder das Aussterben der Wale, um die Erschoepfung der Ressourcen oder den Kampf der Kulturen, die Schweinegrippe oder den ueberhhoehten Cholesterinspiegel, alles wird - ziemlich unabhaengig vom sachlichen Inhalt des Themas - zur Katastrophe und bei den groesseren Kalibern zum bevorstehenden Weltuntergang oder mindestens Untergang der Menschheit.
Das ist nichts Neues. Noch jede herrschende Klasse hat ihren bevorstehenden eigenen Untergang mit dem der Menschheit oder der Welt ueberhaupt gleichgesetzt. Das ist das Hintergrundrauschen des Verzweiflungsschreies "Lasst bloss alles, wie es ist, sonst ergeht es euch schlecht! Wir sitzen doch alle in einem Boot - rudert weiter !" Und wer sich nicht in Angst und Schrecken versetzen laesst, kriegt die Peitsche zu spueren. In solchen Zeiten hat die ewige Natur des Menschen, die angeblich in seiner nur notduerftig zivilisatorisch ueberwachsenen Tiernatur bestehen soll, Hochkonjunktur.
Die menschliche Geschichte ist aber voller dialektischer Tuecken. Zum Beispiel ist die Buerger-Parole von der Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit ein geistiger Fortschritt, der zwar von der buergerlichen Ordnung nicht eingeloest, aber auch nicht mehr aus der Welt geschafft werden kann. Im Gegensatz zu vor zweihundert Jahren sind heute auch alle materiellen Bedingungen vorhanden, damit sie wirklich eingeloest werden kann. Die Kapitalisten haben diese Bedingungen selbst hergestellt. Getrieben von der Konkurrenz gegeneinander und dem Zwang zur Jagd nach dem groesstmoeglichen Profit, haben sie die Produktivkraefte in einem Tempo und Ausmass entwickelt, mit dem alle bis zu ihrem Machtantritt erreichten Fortschritte in den Schatten gestellt werden. Und jetzt haben sie den Salat. Die Produktionsmittel entwachsen ihrer Ordnung, draengen auf ihre Sprengung, und die Leute, die mit ihnen arbeiten, haben im 20. Jahrhundert angefangen, diese Ordnung wirklich zu sprengen. Wie wir inzwischen wissen, geht das nicht von heute auf morgen und mischten sich bei diesen ersten Versuchen Erfolge mit Fehlern, aber es hat schon maechtig angefangen. Die naechsten Versuche werden im neuen Jahrhundert gemacht.
Aber ihr seid doch praktisch Tiere, vermesst euch nicht ! Denkt an euere ewige Wolfsnatur ! Woelfe, zu Haushunden gemacht, koennen ohne ihre Herren doch nicht leben ! Ohne die soziale Marktwirtschaft geht ihr unter !
Zu spaet, Leute. Die Totengraeber euerer Ordnung sind schon erwachsen. Ihr habt sie selbst alphabetisiert, sie zu Facharbeitern und Ingenieuren, zu Forschern und Entwicklern gemacht. Auch wenn das aus blosser Kapitalverwertungsnotwendigkeit kam - danke ! Ihr habt die schoensten humanistischen Ideale erfinden lassen, zu euerer groesseren Herrlichkeit. Die bleiben - danke. Ihre Erben sind die, die euch hinter sich lassen. - Das einzig ewige an der Natur des Menschen ist ihre Veraenderung.
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