Brandstifter Sarrazin und Sloterdijk und ihr Brennmaterial

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Bis in die 1980er Jahre hinein waren in der alten BRD die Zukunftserwartungen und die Vorstellungen ueber eine bessere Gesellschft davon gepraegt, dass es allen mit der Zeit immer besser gehen und soziale Ungerechtigkeit mit der Zeit abgebaut werden wuerde. Die dazu gehoerige Ideologie war die sogenannte Sozialpartnerschaft zwischen Unternehmern und "Arbeitnehmern" und, auf den Staat und sein Verhaeltnis zu den Buergern bezogen, der sogenannte Sozialstaat. Neben dem Tarif- und Arbeitsrecht kam nach diesem Leitbild dem Staat eine besondere Rolle beim Abbau sozialer "Ungerechtigkeit" zu, weil er fuer eine allgemeine Daseinsfuersorge, gleichen Zugang fuer alle zur Bildung und damit der Moeglichkeit des sozialen Aufstiegs aus den unteren Klassen und Schichten zustaendig war.

 

Dieses Leitbild hat sich in den 1980er Jahren zu aendern begonnen. Genauer gesagt: Die "interessierten Kreise" haben seit dieser Zeit begonnen, die entsprechenden Vorstellungen in den Koepfen zu aendern. Gestuetzt auf die Behauptungen des Club of Rome, der schon in den 1970er Jahren die "Begrenztheit der Ressourcen" thematisiert hatte, wurde den optimistischen Zukunftserwartungen die Bereitschaft zum Verzicht beigemischt.

 

Nicht zufaellig begann in dieser Zeit der Aufstieg der Gruenen. Was zunaechst im bunten, irgendwie fortschrittlichen Outfit daherkam, war der politische Ausdruck einer Kleinbuerger-Ideologie, die sich den beginnenden eigenen sozialen Abstieg mit allerlei Edelmuetigem und - paradoxerweise - egalitaeren Phrasen zu einer reaktionaeren Zukunfts-Idylle des "einfachen Lebens", der Rueckkehr zu angeblichen Urspruenglichkeiten verhimmelte und dem kuenftigen Tageloehner-, Ich-AG-, Verlagsarbeiter-Dasein in materieller Unsicherheit und Perspektivlosigkeit zu "alternativen Projekten" und "Nischen", kleinen und untereinander vernetzten Solidargemeinschaften zusammenspann. In Wirklichkeit war in der gruenen, angeblich aufgeklaerten, Verzichtsideologie der Sozialdarwinismus angelegt, der heute, drei Jahrzehnte spaeter, die Gruenen zur politischen Repraesentanz der besser gestellten Teile des Kleinbuergertums macht, die auf die Verlierer und Underdogs nur noch aus dem paternalistischen Blickwinkel der Sozialfuersorge und Suppenkuechen-Tafeln schaut.

 

In der Gruendungszeit der Gruenen versuchten die Nazis in die neue Partei einzudringen. Der bescheuerte Romantizismus der grossstaedtischen Kleinbuerger ueber die angeblichen Vorzuege oekologisch betriebener Subsistenzwirtschaft, die Attituede des "Konsumverzichts" und der Vorrangigkeit "innerer Werte" erschien ihnen als Andock-Moeglichkeit fuer ihre Blut- und Boden- und Volksgemeinschaftsideologie. Der Versuch konnte damals abgewehrt werden.

 

In dem neu zu justierenden Zeitgeist war die Gruenen-Ideologie freilich bloss eine Spezialabteilung in einem groesseren Komplex. Die Bereitschaft zu Verzicht und Bescheidenheit fuer die Unteren wurde nicht nur fuer den Prozess der Proletarisierung von Teilen der Intelligenz und anderer Kleinbuergerschichten gebraucht, sondern fuer die Masse der Lohnabhaengigen. Dafuer waren eher die "Volksparteien" zustaendig, nicht zuletzt die Sozialdemokraten.  Und es ging nicht nur um neues Bescheidenheitstraining, das im gewerkschaftlichen "Co-Management" und der "Verteidigung des Standorts Deutschland" absolviert wird. Die Entsprechung auf staatlicher Ebene ist der Rueckbau des "Sozialstaats", der seit den 1990er Jahren unter dem frechen Titel Reformpolitik betrieben wird - frech, weil es sich gerade um das Gegenteil von Reform, um Konter-Reform handelt.

 

Die Schwierigkeiten mit der Erhoehung der Profitrate  erforderten nicht nur den Verzicht der in der Verwertungsmaschinerie Verwursteten, sondern die Saeuberung des Lohnarbeitskoerpers selbst, den Hinauswurf seiner weniger tuechtigen, durch irgendwelche Umstaende gehandikapten Teile. Die Hinausgeworfenen sammelten sich in einem neuen Subproletariat. Das galt es zu verwalten und zu domestizieren. Das ist Schroeders Agenda 2010.

 

Der magere reale Inhalt des einstigen Leitbildes der alten BRD von Sozialpartnerschaft und Sozialstaat ist inzwischen zum groessten Teil von den Kapitalmonopolen aufgefressen. Viel gibt es nicht mehr zu "privatisieren". Bis hin zur Aufbewahrung der ausgemusterten Sozialpartner im Seniorenheim und zum Bank-gesponserten Schreibpapier der nachwachsenden jungen Sozialparter in den Schulen ist so ziemlich alles zum Geschaeft gemacht. Das Kuechen- und Bedienungspersonal, die Kohl und Schroeder und Merkel und ihre Parteien, ist im Zuge seiner aufopfernden Dienste fuers Kapital gehoerig verschliessen worden; das ideologische Handwerkszeug auch.

 

So weit, wie die Dinge gediehen sind, schreien sie nach einem neuen Leitbild. Die seit mehr als zwanzig Jahren betriebene Camouflage, die Sozialpartnerschafts- und Sozialstaats-Ideologie in der Phrase weiter zu pflegen und sie praktisch gleichzeitig jeden Inhalts zu berauben, ist eine Umstaendlichkeit, die allmaehlich kontraproduktiv wird. Selbst das Aufrechtserhalten der alten Illusionen zum Zweck der Verscheierung der Realitaet birgt noch die Gefahr, dass die Underdogs daraus ein "Anspruchsdenken" ableiten, das dem zu installierenden Zukunftszeitgeist zuwiederlaeuft.

 

Der Verschaemtheit folgt die Unverschaemtheit: Es gibt nun einmal ein Oben und Unten, ob es euch passt oder nicht. "Es herrscht Klassenkrieg", sagte Buffet, "und wir sind es, die ihn fuehren, die Klasse der Reichen, und wir werden ihn gewinnen."  Wie gewinnt ein Handvoll Milliardaerde ihren Klassenkrieg gegen die Millionen ? Zum Beispiel, indem sie die Millionen gegeneinander aufhetzt; die Zeitarbeiter gegen die Stammbelegschaft, die noch in Lohn Stehenden gegen die schon nach Hartz IV Assortierten, die Eingesessenen gegen die Immigranten, die einen Immigranten gegen andere Immigranten, die Anhaenger der einen Religion gegen die Anhaenger einer anderen Religion.

 

Neue Leitbilder brauchen neue Kernsaetze, die leicht zu merken sind, damit sie jeder Depp nachplappern kann. Fuer das Zurechtschleifen von Deppen-Merksaetzen gibt es Spezialisten. Zwei davon: ein gewisser Herr Sarrazin und ein gewisser Herr Solterdijk. Von deren eigener Duemmlichkeit sollte man sich nicht taeuschen lassen. Dass solche Leute persoenlich kongenial zu ihrer miesen Botschaft sind, ist ein uninteressanter Begleitumstand. Es ist der Inhalt und die Funktion ihrer Hetze, auf die es ankommt. Thomas Trueten hat sich die beiden Burschen ein wenig angeschaut. Hier steht das Resutat der Besichtigung:

 

http://www.nadir.org/nadir/periodika/aib/archiv/87/38.php

 

 

Werbung

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post