Burn out - Syndrom: individuelle und gesellschaftliche Aspekte
In der UZ vom 24.12. (also morgen) erscheint ein Artikel von Hans-Peter Brenner, der ein geradezu modischen Phänomen beleuchtet - "Burn out". Brenner arbeitet als Psychoterapeuth. Er ist Mitglied des Parteivorstands der DKP und Mitherausgeber der Marxistischen Blätter.
Hier der Text:
„Burnout“ - eine „Mode-Diagnose“?
22.12.2010: "Burnout?" Gewiss, gehört hat man davon schon oft. Aber ist das nicht nur eine „Mode-Diagnose?“ Ist das nicht vor allem ein Problem von sogenannten „Führungskräften?“ Und hat man dieses „Syndrom“ –- das ist der Ausdruck für eine in ihren Ursachen eigentlich nicht klar definierte Erkrankung – deshalb nicht auch früher zutreffender mit „Manager- Krankheit“ beschrieben? Letzteres stimmt zum Teil, aber das ist lange her. In der Fachliteratur werden sogar Beispiele aus der Mythologie zitiert, z. B. bei den Propheten aus dem Alten Testament, Elias und Moses: Sie hätten angeblich schon „typische Burnout-Anzeichen“ erkennen lassen.
Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität
Nach Freudenberger tritt das Burnout vor allem bei Personen auf, die durch großes persönliches Engagement und hohe Leistungserwartungen an sich selbst auffallen. Sie haben zudem eine starke emotionale Bindung an ihre Arbeit, ein großer Teil ihrer Selbstwertregulation bzw. ihres Selbstbildes wird aus dem Erfolg im Beruf gespeist oder aber aus ihrer beruflichen Stellung gezogen. Dies trifft auf alle möglichen Berufe zu. Wenn es nun zu Konflikten oder Enttäuschungen in der Arbeit kommt oder aber die Arbeit nicht mehr hinreichend befriedigt, vor allem aber, wenn unrealistische Erwartungen oder eigene Vorstellungen enttäuscht werden und diese nicht im Sinne realistischer Zielsetzungen korrigiert werden können, investieren manche Menschen noch mehr Zeit in die Arbeit und erschöpfen sich, sie brennen aus.
Damit wird dann von Freudenberg jedoch erneut diejenige Spezies von Berufstätigen charakterisiert, die besonders in sozialen, pflegerischen. medizinischen oder pädagogischen Berufen tätig ist.
D. Bäuerle (1969) hatte wenig vorher das gleiche Störungsbild so beschrieben: „... die Reduktion psychischer Belastbarkeit schon im mittleren Berufsalter; die Entstehung von Resignation und Ressentiment als Folge menschlicher Überforderung, die Bildung einer autoritären Charakterstruktur und die Neigung zu repressivem Verhalten als Folge beruflicher Enttäuschung; den inneren Rückzug von allen Menschen und menschlichen Problemen als Schutzmaßnahme jener, die – ohne eigene Hilfe zu erfahren – ein Berufsleben lang mit schwierigen Persönlichkeiten in hoffnungslosen Situationen gesellschaftskonforme Lösungen finden müssen.“ Hier kommen vor allem die subjektiven persönlichen Besonderheiten und Charaktermerkmale einer Person zur Geltung.
Individuumspezifisch oder gesellschaftlich? Falsche Gegenüberstellung.
Bei dem Versuch, eine handhabbare, wissenschaftlich überzeugende und praktische Definition von Burnout zu erarbeiten, ist es nach relativ übereinstimmender wissenschaftlicher Meinung von Bedeutung, ob man bei der Erklärung von Burnout eine „individuumsspezifische“ Sicht einnimmt, ob man die zentralen Ursachen für Burnout-Prozesse in den „institutionellen Bedingungen“ der Arbeit sucht. Ob man die Entstehung und Aufrechterhaltung von Burnout als „Interaktion“ zwischen den beiden vorgenannten „Verursachungsbündeln“ analysiert oder aber ob man als wesentliche Determinanten für Burnout die sich verändernden sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Verhältnisse ansieht. Freudenberger sieht in der Diskrepanz zwischen berufsbezogenen Erwartungen und der beruflichen Realität den entscheidenden Faktor zum Verständnis von Burnout. Er vertritt, wie wir oben sahen, damit eher einen „individuumspezifischen“ Ansatz und fragt kaum nach gesellschaftlich relevanten Bezügen und Auslösern.
Damit wird Burnout als symptomatische Einzel-Reaktion beschrieben, die mit Erschöpfung, Verlust an Energien und einem Rückzug aus der Arbeit bzw. einem reduzierten Arbeitsengagement verbunden ist. Individuumspezifische Ansätze gehen letztlich von der Annahme aus, dass es am Einzelnen liegt, innerhalb dieser Bedingungen für sich etwas zu verändern, z. B. durch Selbsterfahrung oder eine psychotherapeutische Behandlung. Solche Behandlung kann nützlich sein, aber sie kann nicht durch eine begleitende umfassendere politische und soziale Aufklärung ersetzt werden.
Das an Stressoren „leidende Subjekt“ oder der/die „handelnde Werktätige?“
Es gibt deshalb ein noch grundsätzlicheres Problem, mit dem die Psychologie/ Psychologen/Psychotherapeuten bei der Analyse solcher „Phänomene“ wie Arbeitslosigkeit, berufliche Überlastung und auch „Burnout“ zu tun haben.
Der 1995 verstorbene Begründer einer marxistisch orientierten „Kritischen Psychologie“, Klaus Holzkamp, hatte bereits vor über 20 Jahren auf das grundsätzliche Problem der individuell unterschiedlichen Verarbeitung von Belastungen hingewiesen, bei denen das „gesellschaftliche“ Umfeld ganz offensichtlich eine mitentscheidende Rolle spielt. Er warnte damals aber vor einer schematischen und eher äußerlichen Erklärung und Behandlung z. B. von Arbeitslosigkeit und ihrer Folgen, die sich in einem Schema von „Auslöser“ und „Wirkungen“ erschöpft und die individuelle Besonderheit und „Bedeutungsebene“, die die Arbeitslosigkeit bei den unterschiedlichen Individuen besitzt, zu wenig erfasst.
Holzkamp bemängelte in seinem Grundsatzartikel „,Wirkung‘ oder Erfahrung der Arbeitslosigkeit“ (Forum Kritische Psychologie Nr. 18, 1986), dass „mit der Reformulierung der Umwelt als ,Reizsituation’ die Mensch-Welt-Beziehung auf ein unspezifisch-biologisches Niveau reduziert ist und dass man zur Erfassung von deren menschlicher Spezifik die gesellschaftlichen Verhältnisse als ,Bedeutungskonstellationen’ d. h. Handlungsmöglichkeiten für die Individuen – samt den darin liegenden Widersprüchlichkeiten und Beschränkungen zu begreifen habe“.
Der Mensch ist also zu verstehen mit seinen Handlungsmöglichkeiten aber – so würde ich ergänzen – auch seinen individuellen Handlungsgrenzen. Der Mensch ist nicht nur als „Betroffener“ oder „Leidender“ an seinen äußeren Lebensbedingungen anzusprechen, sondern als ein sich (theoretisch) bewusst verhaltendes Subjekt – in seinen Möglichkeiten und Grenzen.
Kommunisten. Gefeit gegen Burnout?
Dieser sowohl „bedeutungstheoretische“ wie „subjektbezogene“ Ansatz erfordert für eine politische Kraft wie die Kommunistische Partei, die sich traditionell und auch mit Recht darauf konzentriert auf die Eigentums- und Machtverhältnisse als letztliche Auslöser von politischer und auch psychosozialer Unterdrückung großer Kollektive (bis hin zur ganzen Klasse) hinzuweisen, eine deutlich andere Sichtweise als die einer rein von den äußerlichen „Wirkfaktoren“ geleitete Problemanalyse und Herangehensweise.
Die Kommunistische Partei hätte damit vor allem eine andere Rolle einzunehmen als die eines jenseits und neben dem realen Leben aufgebauten Lautsprechers und Kommentators. Gefordert und nötig sind kommunistische Persönlichkeiten – und nicht nur kommunistische „Propagandisten und Agitatoren“ –, die inmitten des praktischen Alltags der Lohnabhängigen leben, ihre Probleme auch als die eigenen erfahren und verändern wollen. Auch Kommunistinnen und Kommunisten können am „Burnout“ leiden; die „höhere Einsicht“ und der „Klassenstandpunkt“ feiten sie nicht davor.
Im Gegenteil. Kommunistinnen und Kommunisten können und werden eher häufiger am Widerspruch zwischen eigenen politischen und ideologischen Zielen und den wirklichen Schritten hin zu deren Verwirklichung leiden. Lange konnten sie sich mit Blick auf die Erfolge der kommunistischen Weltbewegung als „Sieger der Geschichte“ empfinden und mit diesem Selbstbewusstsein wie als vom „Stahl Gehärtete“ viele Unbilden und Niederlagen des Klassenkampfes akzeptieren. Diese Generationen, die durch faschistische Unterdrückung, rigide Verfolgung und Illegalität geprägt wurden, wussten sich trotzdem auf der „richtigen Seite“, die demWelt-Imperialismus eine Bastion nach der andren abtrotzen würde.
Nach 1989 ist diese Form der Identifikation mit dem Erfolg bedeutend schwieriger. Die Arbeiterbewegung in unserem Land und in den meisten anderen hochentwickelten Staaten Europas steht unter dem Einfluss von Sozialpartnerschaftsdenken; außerdem erleben wir die Zerschlagung kollektiver Kampferfahrungen und Individualisierung, existentielle Ängste um Arbeitsplätze und Einkommen, organisatorische Schwäche und Zersplitterung der klassenbewussten sozialistischen und kommunistischen Organisationen, die nur selten ihre Handlungsbereitschaft und kämpferischen Potenzen unter Beweis stellen.
Wenn siegreiche Revolutionen „Festtage in der Geschichte der Unterdrückten“ sind, die lang anhaltende Motivationen und Energien freisetzen können, so gilt dies umgekehrt reziprok natürlich auch für die sozialpsychologischen Erfahrungen mit Niederlagen. Die scheinbare Aussichtslosigkeit und Erfolgslosigkeit linker, gesellschaftskritischer oder gar gesellschaftsrevolutionierender Ideen führt umso eher zur Anpassung an den ökonomischen Druck, der in der BRD mittlerweile sogar zu Lohnverzicht und Lohnstagnation in großem Umfang führt. Die permanente Zunahme von psychischen Krankheiten, die mit fast schon routinemäßiger Regelmäßigkeit in den Gesundheitsreports der großen Krankenkassen dokumentiert wird und auch in dieser Zeitung immer wieder thematisiert wurde, ist das Ergebnis von systemischer Krisenentwicklung auf der einen und Zurückbleiben von erfolgreichemWiderstand der Arbeiterbewegung auf der anderen Seite. Solange es in den Metropolen des Kapitals nur zu verhältnismäßig lauwarmen statt zu wirklichen „heißen“ Herbsttagen und -aktionen kommt, so lange verfestigt sich auch die daraus begründete Reaktionsbereitschaft in Richtung Anpassung an den multiplen Druck.
Dabei ist es schon lange nicht mehr nötig, dass die herrschende Kapitalistenklasse diesen Druck primär in der Form physischer Machtausübung mit Hilfe von offener Gewalt praktiziert. Diese Form tritt derzeit noch immer eher selten in der direkten Konfrontation zwischen den um ihre sozialen und demokratischen Rechte handelnden Aktiven wie aus Anlass der Anti-Atom-Proteste oder solcher mit undemokratischen Mitteln durchgepeitschten Großprojekten wie „Stuttgart 21“ auf.
Subtiler wirken unterschwellig wirkende Angst und Stress bis zum Burnout. Die direkte erfahrbare „Realangst“ vor dem Polizeiknüppel, dem Wasserwerfer oder dem Polizeipanzer wirkt auf Dauer weniger effektiv (im Sinne der Herrschenden) als die verinnerlichte, unterbewusste und „neurotische Angst“, die einen Anpassungsmechanismus bis hin ins Unterbewusstsein der Individuen implantiert, der viel stabiler ist als die einmalige Angst vor dem Wasserwerfer und dem Pfeffer-Spray.
Verdrängte Angst und Burnout
Die verdrängte „neurotische Angst“ führt zu permanenter Anpassungsbereitschaft an ökonomischen und politischen Druck im Beruf, im Betrieb, in den Verwaltungen. Diese Angst braucht nicht den punktuell und massiv erlebten Eindruck des Polizeistaates mit seinen aufmarschierten Polizeitruppen; sie bedarf nicht des Werkschutzes, der Streikbrecher an Streikposten vorbei durchprügelt.
Wenn nach einem berühmten Marx- Wort das „gesellschaftliche Sein das gesellschaftliche Bewusstsein“ bestimmt – also sinnlich erfahrbarer politischer und ökonomischer Druck massenhafte Angst und Verzicht auf eigene Rechte induziert –, dann gilt aber auch eine oftmals weniger bewusste Tatsache: „Das gesellschaftliche Sein des Menschen bestimmt nicht nur sein Bewusstsein, sondern auch sein Unterbewusstsein.“ (D. Duhm: Angst im Kapitalismus“, 1972, S. 36).
Deshalb liegt es gerade an den Kommunistinnen und Kommunisten zu fragen: Was hindert und was bestärkt das Subjekt sich aktiv zu verhalten?Was braucht es an Ermutigung, an praktischer Anregung, an Hilfestellung, an Motivationsaufbau, an innerer Überzeugtheit von sich selbst und seinen Ansprüchen ans Leben. Doch dabei ist nicht stehen zu bleiben. Es geht auch gleichzeitig um das Aufzeigen von politischen Alternativen jenseits des Kapitalismus und von Handlungsoptionen zur konkreten Gesellschaftsveränderung in der Gegenwart.
Für Kommunistinnen und Kommunisten stellt sich besonders die Frage nach der Vermittlung von Erfahrungen des kollektiven Umgehens mit den krankmachenden Verhältnissen und gleichzeitig die Frage nach der „Bedeutung“ , die gerade die Arbeitswelt – auch in ihrer kapitalistischen Gewordenheit, Geprägtheit und Deformiertheit durch das System der Lohnarbeit – für die heranwachsenden und erwachsenen Lohnarbeiter/innen besitzt.