Das andere Afghanistan
In den Staaten, die Afghanistan besetzt halten, gibt es ein seltsames Phaenomen: Obwohl die Mehrheit der Bevoelkerung die Intervention ihres Landes ablehnt, bleibt die politische Bewegung dagegen schwach. In Deutschland sind, Meinungsumfragen zufolge, 80 Prozent der Buerger gegen den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Aber daraus entsteht wenig politischer Druck auf die Regierung, die sich ueber die Mehrheitsmeinung hinwegsetzt.
Eine Erklaerung fuer dieses Phaenomen liegt wohl darin, dass zwischen Pest und Cholera schlecht waehlen ist. Die USamerikanische Aggressionspest, in deren Gestankwolke auch die Guttenbergs, Merkels und Strucks ihre speziellen deutschen Hindukusch-Pfuerze speisen, wird zwar als Uebel angesehen. Aber wenn die Alternative zur imperialistischen Einmischungspolitik ist, dass in Gestalt der Taliban religioese Fanatiker Afghanistan beherrschen, die dem Mittelalter naeher sind als der Moderne, stellt man sich lieber "neutral" daneben, als Partei zu ergreifen. - Waere es wirklich besser, wenn der Westen sich aus Afghanistan zurueckziehen wuerden ? Wuerde in dem Fall die afghanische Bevoelkerung bloss anstatt von auslaendischer Besatzung und ihren korrupten afghanischen Marionetten von blindwuetigen Fanatikern regiert werden ?
Das Taliban-Bild, das in den westlichen Meinungsfrabriken gemalt wird, ist die uebliche Graeuelpropaganda, die jeden Aggressionskrieg begleitet. Wenn man Tausende Kilometer von den eigenen Grenzen entfernt Krieg fuehrt, muss der Feind natuerlich so boese und eklelhaft wie moeglich sein, damit die Buerger den Krieg wenigstens dulden. In Wirklichkeit sind die Masse der "Taliban" afghanische Bauern und Buerger, die die auslaendische Besatzung satt haben und nach dreissig Jahren Krieg und Buergerkrieg endlich wieder zu einem normalen Leben kommen wollen. Dass immer mehr Afghanen sich dem Widerstand direkt anschliessen oder mit ihm sympathisieren, liegt einfach an der praktischen Erfahrung mit den Besatzern. Sie haben nicht Freiheit und ein ertraeglicheres Leben gebracht, sondern noch mehr Terror und Elend. Die Milliarden, die ins Land kommen, kommen nicht der Bevoelkerung zugute, sondern den Warlords, Drogenbaronen, Geschaeftemachern und den mit der Besatzungsmacht verbandelten "Regierungs"kreisen, die diese Milliarden ihrerseits nicht im Land "investieren", sondern wohlweislich auf Schweizer Nuemmerli-Konten in Sicherheit bringen.
Dass "die Taliban" eine Propagandafigur der westlichen Kriegsverbrecher sind wie weiland der zaehnefletschende russische Baer oder der hakennasige ewig raffende Jude, konnte in den Koepfen der Buerger verankert werden. Wenn auch die Wirkung in der Regel nicht Kriegsbegeisterung ist, sondern Unschluessigkeit - wie soll man zwischen Pest und Cholera waehlen ? -, erfuellt sie doch ihren Zweck. Es genuegt ja, wenn die eigenen Buerger beim Kriegfuehren wenigstens nicht ernsthaft stoeren. Kriegsbegeisterung waere noch schoener, muss aber nicht sein. Insofern tut die Taliban-Propagandafigur ihren Dienst.
Ganz ausgeblendet muss aber werden, dass es auch ein ganz anderes Afghanistan gibt. Dieses andere Afganistan trat auf den Plan, als eine revolutionaere Junta den Koenig verjagte, die Grossgrundbesitzer zu enteignen begann, um das Land den Bauern zu geben, die Gleichberechtigung der Geschlechter propagierte und bis in die hintersten Winkel Lehrer aufs Land schickte, um mit dem Analphabetismus Schluss zu machen. Die "zivilisatorischen Segnungen", die den heutigen Besatzern als Berufungstitel fuer die Rechtfertigung des Krieges dienen und die zu verwirklichen sie weder faehig noch willens sind, waren vor dreissig Jahren in Afghanistan Regierungsprogramm und praktische Politik.
Damals tat der Westen alles, um diese Regierung zu Fall zu bringen. Die reaktionaersten Sektoren der afghanischen Gesellschaft, diejenigen, die heute als "islamische Fundamentalisten", Fanatiker und Terroristen verteufelt werden, wurden damals mit allen Mitteln gesponsert, finanziert, mit Waffen versorgt, im benachbarten Pakistan fuer den Aufstand ausgebildet, bis die fortschrittliche neue Politik niedergekaempft war und auch keine Rote Armee mehr helfen konnte.
Dieses andere Afghanistan gibt es in der Wirklichkeit noch immer, wenn es auch in den westlichen Medien nicht existieren darf, wegen Gefahr des Fraterniserens der eigenen Buerger mit einem Feind, der auch bei schlechtestem Willen nicht als Bande von mittelalterlichen Fanatikern gemalt werden kann. Dieses Afghanistan muss totgeschwiegen werden, so weit es noch nicht totgemacht ist.
Dieses Afghanistan meldet sich aber zu Wort, und hoffentlich je kraeftiger, desto aussichtsloser die Lage der westlichen Besatzer in Afghanistan wird.
Hier der Wortlaut eines Dokuments, mit dem das fortschrittliche Afghanistan zu einer internationalen Konferenz aufruft:
Internationale Konferenz in Rom in Rom Ende 2010 geplant
Im Oktober 2001 griffen die USA Afghanistan an und besetzten das Land im Namen eines Kreuzzuges gegen Terrorismus und gegen den Islam, nachdem sie schändlicherweise vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen grünes Licht für ihre Aggression erhalten hatten.
Das Taliban-Regime konnte gestürzt werden, weil die Aggressoren ihm vielfach überlegen waren und weil es der Bevölkerung keine politischen und kulturellen Freiräume ließ.
Nach zwanzig Jahren hatten viele Afghanen die Taliban satt und waren geneigt, den Versprechungen der Aggressoren Glauben zu schenken; sie hofften, dass die Amerikaner wenigstens Wohlstand, Frieden und Freiheit bringen würden.
Vertreter der traditionellen Elite, Politikaster und islamische Gelehrte bildeten den Hofstaat um den Marionettenherrscher Karsai, aber auch Kriegsherren und Drogenbosse – Kriminelle, die schwere Verbrechen gegen das Volk begangen hatten.
Schon bald durchschaute die Bevölkerung das falsche Spiel der Imperialisten. Gigantische Summen, die ins Land kamen, flossen in die Taschen der neuen Parasiten und landeten wieder auf ausländischen Bankkonten; zahlreiche NGOs, Kollaborateure und ausländische Firmen plündern die Reichtümer Afghanistans.
Die große Mehrheit der Bevölkerung in Kabul und auf dem Land lebte nun schlechter als zuvor, während eine arrogante und rassistische Soldateska ihr Land besetzte und das korrupte Karsai-Regime die mageren Bürgerrechte, die es anfangs zugestanden hatte, wieder aufhob.
In dieser Lage blieb dem Volk – das sich eigentlich nach Frieden sehnte – nichts anderes übrig, als Widerstand zu leisten.
Die Besatzungstruppen reagierten schon auf die ersten Widerstandsaktionen mit eiserner Faust, töteten Unbeteiligte, machten Dörfer dem Erdboden gleich und steckten Tausende in Gefängnisse, in denen unmenschliche Zustände herrschten.
Sie waren überzeugt, dass sie den Willen der afghanischen Bevölkerung mit ihrem Terror brechen könnten, doch die Folge war das Gegenteil: Der Widerstand gewann Jahr für Jahr an Unterstützung und seine Kampfkraft stieg; die Verluste der Besatzungstruppen der USA, der anderen NATO-Staaten sowie Karsais Militär nahmen zu.
Die Imperialisten waren Gefangene ihrer eigenen Arroganz und reagierten in der üblichen Manier: Sie weiteten den Krieg aus, um den Widerstand des Volkes zu zerschlagen. Dies führte jedoch zur Destabilisierung der ganzen Region und brachte Pakistan an den Rand eines Bürgerkriegs.
Obama zeigte sich gleichgültig gegenüber der Bevölkerung in den USA und in Europa; er folgte in den Fußstapfen des Kriegstreibers Bush. Er setzt drei Taktiken ein: erstens immer neuere tödliche Waffen und immer mehr Truppen; zweitens die Spaltung des Widerstands und die Spaltung in „gute“ (d. h. käufliche) und „böse“ Taliban; drittens eine systematische Kriminalisierung des Widerstandes, der als terroristisch und reaktionär dargestellt wird. Obama weitete den Krieg auf Pakistan aus, um den Weg für eine vollständige Besatzung frei zu machen. Dabei konzentrieren sich die NATO-Truppen auf die Paschtunen im Südosten Afghanistans, um bei den anderen Nationalitäten den Eindruck zu erwecken, dass nur die Paschtunen einem Wideraufbau und Stabilität im Wege stehen würden, und um Konflikte zwischen den Paschtunen und anderen Völkern zu schüren – teile und herrsche, wie im Irak.
Wir lehnen alle drei Taktiken ab. Wir sind gegen die Verstärkung der Truppen in Afghanistan, gegen die Anzettelung eines Bürgerkriegs (wie es dem Westen im Irak bereits gelungen ist), und wir halten fest, dass der Widerstand nicht Terror ist und dass nicht nur die Taliban Widerstand leisten. Der Widerstand in Afghanistan ist ein gerechter Befreiungskampf, der von tausenden Partisanen geführt wird, die von breiten Teilen der Bevölkerung, verschiedenen Volksgruppen und Religionsgemeinschaften gegen die Besatzer tatkräftig unterstützt werden.
Wir müssen uns daher für eine gerechte Lösung des Konfliktes einsetzen, und eine gerechte Lösung ist nur möglich, wenn die Besatzungstruppen mitsamt ihrem Karzai-Regime aus Afghanistan abgezogen werden, so dass das afghanische Volk über seine Zukunft selbst entscheiden kann.
Schluss mit den Bombardierungen und Massakern!
Schluss mit den Menschenrechtsverletzungen und mit der Folter!
Freiheit für die patriotischen Gefangenen!
Entschädigungen für die Opfer der Besatzung!
Anerkennung des Widerstands als gerechter Kampf für nationale Befreiung!
Anerkennung der Kämpfer als Freiheitskämpfer! Sie sind keine Terroristen!
Rückzug der Truppen der USA- und NATO-Truppen jetzt!
Keine Besatzung, auch nicht durch UNO-Truppen!
Bush als Kriegsverbrecher vor Gericht!
Selbstbestimmung für Afghanistan und alle unterdrückten Völker!
In diesem Sinne laden wir alle ein, diesen Aufruf zu unterzeichnen und Ende 2010 an der Internationalen Friedenskonferenz für Afghanistan in Rom teilzunehmen.
Das internationale Vorbereitungskomitee
International promoter committee
Left Radical of Afghanistan
Afghanistan Socialist Association
Radical Revolutionary Youth of Afghanistan
Anti Imperialist Front (AIF) Pakistan
Pakistan Mazdoor Kissan Party - Pakistan
International Socialists - Pakistan
Awami Muzhaimat - Pakistan
Workers Party - Pakistan
G.N. Saibaba, Revolutionary Democratic Front - India
Özgür Der - Turkey
International Action Center - USA
Anti-imperialist Camp - Europe
Kabul-Karachi-Rome-Istanbul
Kabul – Karatschi – Istanbul – Rom
http://www.antiimperialista.org/de/node/6367