Der Reichtum der Wenigen ist die Armut der Vielen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Verlorenes Jahrzehnt für die Beschäftigten

Lohndumping in der Bundesrepublik treibt immer mehr in die Armut

 

 

Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) in Genf hat gerechnet und verglichen und dann unlängst festgestellt: Die abhängig Beschäftigten in Deutschland haben ein verlorenes Jahrzehnt hinter sich. Ihre Löhne sanken im Vergleich zum Jahre 2000 um 4,5 Prozent (um den Preisanstieg bereinigt). Die Beschäftigten verdienen heute im Durchschnitt tatsächlich noch weniger als vor zehn Jahren - trotz des weiteren Anstiegs der Produktivität. Damit liegt Deutschland auf Platz 26 der entwickelten Industrienationen. Viel zu viele skrupellose Unternehmer zahlen ihren Beschäftigten skandalöse Hungerlöhne. Rund 1,4 Millionen erwerbstätige Hartz-IV-Bezieher arbeiten Vollzeit, etwa die Hälfte aller Aufstocker verdient weniger als 400 Euro im Monat.

 

Hartz IV trotz Vollzeitstelle

 

50 Milliarden Euro hat es die noch Steuerzahlenden seit 2005 gekostet, die Niedriglöhne in Deutschland aufzustocken. Damit wird im Hartz-IV-Regime derzeit fast jeder dritte Euro der Arbeitslosenversicherung dazu aufgewandt, die erbärmlich niedrigen Löhne aufzustocken, weil diese allein nicht einmal zum bloßen Lebensunterhalt reichen.

 

Die Bundesregierung blockiert seit Jahren einen gesetzlichen Mindestlohn und subventioniert lieber einmal mehr die Gewinne der Unersättlichen. Zusätzlich zu den Milliarden für die "Aufstocker" müssen aber noch die Milliarden entgangener Sozialversicherungsbeiträge gerechnet werden, die den übrigen abhängig beschäftigten Beitrags- und Steuerzahlern abgepresst werden. 2005 beliefen sich die Ausgaben für Hartz-IV-Bezieher, die zusätzlich zum Einkommen aus ihrer Erwerbstätigkeit noch Arbeitslosengeld II beziehen mussten, noch auf "nur" etwa acht Milliarden Euro. Im Jahr 2009 waren es schon rund elf Milliarden.

 

Leiharbeiter verdienen bundesweit im Schnitt nicht einmal halb so viel (45,7 Prozent) wie die Vollzeitbeschäftigten in den produzierenden Unternehmen. Gerade hier wird Leiharbeit besonders oft zum Unterlaufen der tariflichen Entlohnung der Stammarbeitskräfte missbraucht. Die Zahl derer, die trotz sozialversichertem Job zusätzliche Hartz-IV-Leistungen beziehen, steigt rasant. Mitte 2010 war jeder 9. sozialversicherte Leiharbeiter davon betroffen. Dies ist ein Skandal, aber gar nicht so verwunderlich.

 

Lange galt Deutschland als ein Land mit nur relativ geringen Lohnunterschieden. Anders in den USA und Großbritannien. Dort entstanden ab den 1990er Jahren mehr und mehr vorwiegend einfache Dienstleistungsjobs, während in Deutschland der Niedriglohnsektor in den Augen der Marktradikalen lange Zeit als unterentwickelt galt. Das hat sich nach der Implosion der DDR drastisch geändert: Schon 1984 verdiente z. B. ein 40-jähriger Vollzeitbeschäftigter mit einer abgeschlossenen Lehre im Durchschnitt rund 19 Prozent mehr als sein gleichaltriger ungelernte Arbeitskollege. Dieser Lohnunterschied wuchs weiter, in den knapp anderthalb Jahrzehnten bis 2008 gerundet auf 27 Prozent. Bis zum Verschwinden der DDR in der BRD stiegen die Reallöhne der abhängig Beschäftigten, gleich welcher Qualifikation, in Westdeutschland kontinuierlich an. Ab den Jahren 1990 bis 2003 aber gab es für qualifizierte Arbeiter keine Reallohnzuwächse mehr, ab 2003 ging der Reallohn sogar zurück.

 

Geringer qualifizierte Arbeiter erlitten schon ab 2003 Reallohnverluste, die sich seit 2005 noch verschärften. Im letzten Vierteljahrhundert sind die Lohnunterschiede in Deutschland immer größer geworden, die Kaufkraft der Löhne der sogenannten "Geringverdiener" ist heute nicht besser als Mitte der 1980er Jahre.

 

Leiharbeit heißt Niedriglohn

 

Immer schneller wächst innerhalb des Niedriglohnsektors der Anteil der Beschäftigten in der Leiharbeiter"branche". Wer dort malochen muss, der verdient im Durchschnitt rund 40 Prozent weniger als seine Kollegen die noch zur Stammbelegschaft des Betriebes gehören. Diese "Sklavenhalterbranche" wächst krebsartig schnell: allein von 2004 auf 2010 verdoppelte sich die Zahl der Leiharbeiter auf rund 800 000. Zwischen 2000 und 2004 waren es noch "nur" 350 000.

 

Der durchschnittliche Leiharbeiter unterscheidet sich vom Arbeiter in den anderen Branchen. Rund 75 Prozent vollzeitbeschäftigte Leiharbeiter sind Männer, in den anderen Branchen sind es derer 66 Prozent. Etwa 26 Prozent der Leiharbeiter, aber nur 14 Prozent der "regulär" Beschäftigten sind Einwanderer oder deren Kinder. 52 Prozent der westlich und 60 Prozent der östlich der DDR-Grenze lebenden Leiharbeiter waren vor ihrer Leiharbeitertätigkeit arbeitslos. Jeder siebte Westdeutsche und etwas mehr als ein Viertel der ostdeutschen Vollzeitbeschäftigten war vorher arbeitslos. Fast jeder dritte Leiharbeiter, aber nur rund jeder achte war vorher schon einmal als Leiharbeiter beschäftigt.

 

Der durchschnittliche Leiharbeiter musste sich in den letzten fünf Jahren vor Aufnahme seiner aktuellen Leiharbeitstätigkeit schon zweimal mit Leiharbeit über Wasser halten. Hunderttausende Leiharbeiter und Prekärbeschäftigte samt ihren Familien leiden unter den Auswirkungen der sogenannten Hartz-Reformen. Kapital und Regierung bedienen sich dieser rosstäuscherisch "Reformen" genannten Hartz-Keule, um die Arbeiterschaft zu disziplinieren und die Löhne immer weiter nach unten zu drücken. Dies gelingt den Herrschaften umso leichter, so lange die Gewerkschaften sich noch immer die Standortlogik zu Eigen machen.

 

Dass sich dies bald ändert, dafür müssen sich alle fortschrittlichen Gewerkschafter gemeinsam in ihren Gewerkschaften stark machen und z. B. die Gewerkschaftskampagne "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit"/"Equal Pay"" tatkräftig und vorwärtsdrängend unterstützten.

 

Manfred Dietenberger

 

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Quelle: unsere zeit, 2.9.2011

 

 

 

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