Deutsche Befindlichkeiten am Ende des Jahres 2010

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Das erste Jahrzehnt des dritten Jahrtausends u. Z. ist zu Ende. Seit zwei Jahren ist Weltwirtschaftskrise. Sie beschleunigt und radikalisiert die Rangkämpfe zwischen den den Staaten, macht auf lange Frist angelegte Bündnisse wie die EU brüchiger, Dominanzansprüche unverschämter, Zwänge zur Unterordnung unausweichlicher. Neue Mächte kommen herauf, allen voran die VR China. Der Welthegemon taumelt, schlägt wild um sich, wird im Angesicht der Agonie seiner vermessenen Ansprüche jedes Jahr gefährlicher. Sein Hinterhof Lateinamerika erodiert, weltweit wird die wachsende Macht Chinas spürbarer, von den kleineren Hyänen schliesst sich ihm Japan vorerst enger an, während die Unterordnung der westeuropäischen Wadlbeisser, allen voran Deutschlands, zwischen geheuchelter Freundschaft und "neuem Selbstbewusstsein" changiert. Die Regionen Naher und Mittlerer Osten und Korea werden beständig in einer Lage "kurz vor Kriegsausbruch" gehalten. An jedem Tag kann es krachen, kann die Zündelei ausser Kontrolle geraten und ein Flächenbrand entstehen.

 

Deutschland ist in der Krise vorangekommen. Die "Exportoffensive" wälzt einen Teil der Krise auf die schwächeren EU-Staaten ab, Griechenland und Irland sind bereits unter neokoloniale Kuratel gestellt, andere Staaten werden folgen. Grossbritannien sucht in der engen Allianz mit den USA Schutz vor den deutschen Vormachtsansprüchen, Frankreich ist nicht mehr ebenbürtig, in Ost- und Südosteuropa kommt die Schaffung eines eigenen Hinterhofes voran. In dem Doppelspiel, die deutsche Macht einerseits auf eigene Rechnung auszuweiten und sich andererseits dafür des  Hebels EU zu bedienen, wird zum ersten Mal die so lange eher verdeckt gehaltene Karte des "nationalen Alleingangs" ... noch nicht ausgespielt, aber drohend gezeigt. - Schaut, für Deutschland könnte es auch ohne Euro gehen; Freunde, ihr müsst entweder im EU-Rahmen kuschen, oder wir setzen euch vielleicht einen eindeutig deutsch geführten neuen Block vor die Nase. Die EU ist eine Frage von Frieden oder Krieg, sagt die deutsche Kanzlerin. Nicht-EU ist also die Frage der Bearbeitung der Widersprüche, die den Krieg zur Option macht. Schaut, wie wir es mit Jugoslawien gemacht haben ! Haben nicht Belgien und Frankreich und Spanien gewisse Territorialprobleme, Polen mit Litauen und Weissrussland, die Ukraine mit Russland, Georgien mit Russland, Armenien mit Aserbaidschan Haben wir nicht die ungarischen Pfeilkreuzler, die Ansprüche auf slowakisches, rumänisches und serbisches Territorium erheben ?! - So könnte sie z. B. gehen, die Option Krieg.

 

Ein Volk, das andere unterdrückt, kann selbst nicht frei sein, sagt man. Der deutsche Machtanspruch spiegelt sich in den innenpolitischen Verhältnissen.

 

Die schlechteste Lohnentwicklung in Europa und eine der schlechtesten weltweit im ersten Jahrtausend-Jahrzehnt ist die andere Seite der Medaille. Der Burgfrieden, der heute postmodern Sozialpartnerschaft/ Co-Management heisst, zieht Kosten nach sich - für die Lohnabhängigen. Die gefälschten Statistiken ausser Acht gelassen, können acht oder neun Millionen Lohnabhängiger ihre Arbeitskraft entweder gar nicht oder nur zu einem Preis verkaufen, der für ein normales bescheidenes Leben nicht hinreicht. Die "neue Armut" frisst sich in die "Wohlstandsgesellschaft". "Prekäre Arbeit" ist der vornehme Ausdruck für Löhne unterhalb des Existenzminimums.

 

Mit der Schröpfung der Arbeiterklasse kann sich das Grosskapital aber nicht begnügen, wenn es die alle Konkurrenten weltweit überflügelnde Profitrate will. Das Kleinbürgertum und selbst die unteren Kategorien der eigenen Klasse, die kleinen Krauter, müssen auch geschröpft werden. Die "Mitte der Gesellschaft" wird ausgedünnt. Auf einmal wankt das Sicherheitsgebäude der halbwegs Satten, wird der soziale Absturz zur Sorge oder realen Gefahr - oder zur Tatsache. Die Grossbourgeoisie zerbricht das soziale Glacis, mit dem sie sich via CDUCSUFDPSPD und, in den letzten Jahrzehnten, Olivgrünen umgeben hat, selbst, der Profitrate und Weltmachtambitionen wegen.

 

Wenn der materielle Inhalt des Klassenbündnisses des Grosskapitals mit den weniger erfolgreichen Klassengenossen, dem Kleinbürgertum und den obersten Schichten der Arbeiterklasse abhanden kommt, wird das Reich der Ideen um so wichtiger. Dummes Geschwätz macht zwar nicht satt, aber es wirkt als Droge, die die materiellen Verluste mit dem Delirium alten deutschen Wahns betäubt. "Wir sind wieder wer !" "Wir sind Deutschland !" Die Juden hat man ausgerottet, aber da sind ja noch die Muslime. Die Arbeitslosen sind das bloss deswegen, weil sie faul sind.

 

Das ist die Stunde der Sarrazins, der Drogenhändler. Was ist schon Koks gegen nationalen Wahn. Was ist schon die dünne Tünche humanistischer Zivilisiertheit gegen das deutsche Untertanen-Unterbewusstsein, die über die ganze bürgerliche Epoche hinweg eingebläute Feigheit vor der Obrigkeit, die mit um so rabiaterer Aggression gegen "die da unten" kompensiert wird. - Es ist die Stunde der Sarrazins.

 

Dem Spiegelfechter ist das auch aufgefallen: "Die rechte Saat geht auf"

http://www.spiegelfechter.com/wordpress/4695/die-rechte-saat-geht-auf

 

Für die, die noch nicht soweit sind, tut es vorläufig auch die Öko-Variante gutdeutschen Staatsbürgerbetragens. Darauf wirft modesty ein Weihnachtslichtlein: "Und immer brav aufessen !" http://gedankenerbrechen.wordpress.com/2010/12/22/und-immer-brav-aufessen/

 

Feynsinn träumt, wie es wäre, wenn nicht Kapitalismus wäre: "Wäre ich Optimist":

http://feynsinn.org/?p=6358

 

Feynsinn ist aber kein Optimist. Irgendwie stimmt doch hier was nicht mehr: "Alternativlose Wutbürger" http://feynsinn.org/?p=6338

 

Weihnachten ist vorbei. Aber irgendwie habe ich das Gefühl: Die Bescherung kommt erst.

 

 

 

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