Einige Fragen von Professor Triller an Professor Steigerwald
Robert Steigerwald ist einer der herausragenden intellektuellen Köpfe der DKP. Zu den parteiinternen Streitigkeiten hat er diese Woche in einem Interview mit junge welt Stellung genommen. Wolfram Triller, Betreiber der Internet-Site Marxistische Linke http://www.triller-online.de/index2.htm, stellt in einem Leserbrief zu dem Interview einige Fragen.
Hier die beiden Texte:
Der 19. DKP-Parteitag am kommenden Wochenende in Frankfurt/Main verspricht spannend zu werden. Neben der Wahl einer neuen Führung sind auch heftigste Auseinandersetzungen zu erwarten. Worum geht es dabei?
Es gibt in der DKP im Prinzip vier Strömungen: Die eine gruppiert sich um ein Papier von 84 Genossinnen und Genossen, die zweite wird vom Berliner Bezirksverband vertreten. Der plädiert für einen viel revolutionäreren Auftritt der DKP – muß sich aber fragen lassen, woher er die Kräfte dafür nehmen will. Es ist meines Erachtens auch hirnrissig, Positionen der griechischen KP übernehmen zu wollen – dafür sind die Lage in beiden Ländern und die Erfahrungen beider Parteien viel zu unterschiedlich.
Die dritte Strömung wird im wesentlichen vom bisherigen Parteivorstand in Essen vertreten. Er hatte ein höchstumstrittenes Thesenpapier herausgegeben, das glücklicherweise jetzt nicht zur Diskussion steht. Auch wenn vieles darin richtig ist – viele Thesen sind auch nach meinem Urteil sehr fraglich. Und die vierte Gruppe ist durch Leute wie mich gekennzeichnet, die davor warnen, daß eine dieser Strömungen sich durchsetzt. Letztlich geht es darum, daß die Einheit der Partei bewahrt wird.
Das wäre also so etwas wie eine zentristische Position?
So könnte man das nennen. Wir sind schon schwach genug, und es wäre ein Desaster, wenn wir am Ende drei oder vier DKP hätten – keine von ihnen würde überleben. Als Parteitagsdelegierter werde ich mich auch entschieden gegen jede Ausgrenzung einsetzen.
In Ostdeutschland hat über 40 Jahre lang die kommunistische SED regiert – das wäre doch das ideale Rekrutierungsfeld für die DKP gewesen. Die ist dort aber gerade mal in Ansätzen vertreten – warum findet sie nicht mehr Resonanz?
Ein Grund dafür mag sein, daß viele Genossinnen und Genossen dort nicht einfach ihre SED-Tradition aufgeben wollten – sie blieben einfach in den Nachfolgeparteien PDS und Die Linke. Zum anderen liegt es wohl daran, daß viele DDR-Kommunisten daran gewohnt waren, daß ihre Partei die Führung im Staat hatte – sie tun sich schwer damit, einer kleinen Oppositionspartei wie der DKP beizutreten.
Viele Parteimitglieder und sogar Bezirksvorstände beklagen, daß Parteiorgan Unsere Zeit (UZ) Beiträge ignoriert, die von der Essener Linie abweichen. Was läuft schief in der parteiinternen Kommunkation?
Von solchen Fällen habe ich auch immer wieder gehört. Da wäre sicher mehr Souveränität im Umgang mit anderen Meinungen angebracht.
Wo wir schon beim Thema UZ sind: Selbst viele Genossinnen und Genossen haben das Blatt nur aus Pflichtbewußtsein abonniert – lesen es aber kaum. Der Abo-Bestand geht kontinuierlich zurück – was läuft schief in der Redaktion? Oder liegt es am Konzept?
Zunächst einmal: Wer in die UZ-Redaktion kommt, trifft dort auf allerhöchstens zwei Mitarbeiter an den Rechnern – die haben aber auch noch andere Parteifunktionen, sie sind überarbeitet. Man kann deren Einsatz nicht hoch genug schätzen: außerdem habe ich den Eindruck, daß sich die UZ in den vergangenen Monaten stark verbessert hat.
Die designierte Parteivorsitzende Bettina Jürgensen ist bisher wenig in Erscheinung getreten. Verfolgt sie eher die Linie ihres Vorgängers Heinz Stehr oder ist eine Neuorientierung zu erwarten?
Sie ist ja kein unbeschriebenes Blatt, immerhin stammt sie aus einer alten kommunistischen Familie, hat lange Parteierfahrung und ist schon seit vielen Jahren Bezirksvorsitzende in Schleswig-Holstein. Das allerdings ist auch der Bezirksverband von Heinz Stehr – deswegen glaube ich nicht, daß sie wesentlich andere Positionen als er vertreten wird.
Die DKP hatte mal gut 30000 Mitglieder, davon sind noch knapp 4000 geblieben – meist im Rentenalter. Wie soll die Entwicklung der Partei weitergehen?
Damit stehen wir auch vor biologischen Problemen. Es stoßen zwar relativ viele junge Leute zu uns – aber meist aufgrund einer Kopfentscheidung. Sie sind oft nicht im Arbeitsprozeß verankert, haben auch kaum Kontakte zu oder Erfahrungen mit der Gewerkschaft. Das wird eine der Aufgaben des neuen Parteivorstandes sein, diese jungen Genossinnen und Genossen zu integrieren.
Der kommunistische Philosoph, Politiker und Publizist Robert Steigerwald (geb. 1925) lebt in Eschborn bei Frankfurt/Main
Und hier die Fragen von Wolfram Triller:
Fragen über Fragen
Zu : »DKP steht auch vor biologischem Problem«. Gespräch mit Robert Steigerwald in der junge Welt vom 4.10.10
Robert Steigerwald ist ein theoretisch hochgebildeter Kommunist, der viele Jahre lang für seine kommunistische Überzeugung in der BRD im Gefängnis gesessen hat und der auch mit 85 Lebensjahren nicht aufgehört hat zu kämpfen. Gegenwärtig kämpft er um die „Einheit der Partei" DKP. Dieser Kampf ist unverzichtbar. Doch seine Einschätzungen werfen viele Fragen auf:
Auf welcher Grundlage soll die Einheit bewart werden? Ist die zentristische Position Steigerwalds geeignet? Warum berücksichtigt er nicht seine historischen Erfahrungen mit dem Zentrismus?
Sind Genossen „hirnrissig", die die Erfahrungen der KKE nutzen wollen? Ist es unmöglich, durch Erfahrungsaustausch die Einheit der kommunistischen Bewegung neu zu schaffe und den proletarischen Internationalismus zu stärken?
Soll die Einheit der DKP auf der Grundlage mehrerer Strömungen hergestellt werden? Welche Roll soll zukünftig die Strömung spielen, der sich Steigerwald zurechnet?
Wer in der Partei forciert die „Ausgrenzung" und warum? Ist eine Verständigung mit den Ausgrenzern möglich?
Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Strömungsvielfalt in der DKP, den Interessen junger Leute und von parteilosen Kommunisten, die sich treu geblieben und aus der SED/PDS ausgetreten sind?
Die DKP ist nicht nur durch den Streit der Strömungen gefährdet, sondern auch durch Versuche, einem notwendigen Klärungsprozeß auszuweichen. Ich wünsche den Delegierten des Parteitages, dass ihnen kommunistische Antworten auf viel aktuelle Fragen gelingen. Ausgewälte Antworten sind unter HYPERLINK "http://www.tundp.info" www.tundp.info nachzulesen.