Fragmente: Sozialismus, 2 - Historische Reife und Klasseninteresse
Im gestrigen ersten Eintrag der neuen Blog-Kategorie "Fragmente: Sozialismus" http://kritische-massen.over-blog.de/article-fragmente-sozialismus-sozialismus-und-staat-im-20-jahrhundert-54862491.html ging es um den sowjetischen/osteuropaeischen Sozialismus und seine historische Leistung. Im folgenden Eintrag geht es hauptsaechlich um die politische Lage im zaristischen Russland des Jahres 1917 und die gegensaetzlich Positionierung von Reformisten und Revolutionaeren zur Arbeiter- und Bauernbewegung.
Historische Reife und Klasseninteresse
1917, nach der Februarrevolution, in der Zeit der Doppelherrschaft - einerseits eine buergerliche Regierung, die sich auf die Reste der alten zaristischen Staastmacht stuetzte, andererseits die Sowjets der Arbeiter, Bauern und Soldaten - rief Lenin mit seinen "April-Thesen" zur Errichtung der Sowjetmacht auf. Bekanntlich wurde dieses Ziel in der Oktoberrevolution erreicht.
Ob die Arbeiter ausgerechnet im rueckstaendigen Russland den Versuch machen sollten, schon die Macht zu ergreifen und eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, war damals auch in der revolutionaeren Bewegung nicht klar. Alle Parteien, die sich als Repraesentanten der Arbeiter und Bauern verstanden, einschliesslich der Menschewiki - der alten Minderheitsfraktion in der alten SDAPR - waren entweder unentschlossen oder dagegen. Unentschlossenheit gab es auch bei den Bolschewiki. Sie wurde erst mit der Diskussion der Leninschen April-Thesen, vorlaeufig und in einem gewissen Mass, ueberwunden: Der Versuch wird gemacht.
Plechanow, einer der Gruender der russischen Sozialdemokratie und einer ihrer herausragenden theoretischen Koepfe, der sich auf die menschewistische Seite geschlagen hatte, kommentiert Lenins April-Thesen damals so:
"Marx sagt in dem beruehmten Vorwort zu dem weniger beruehmten Buch Zur Kritik der politischen Oekonomie:
"Auf einer gewissen Stufe ihrer Entwicklung geraten die materiellen Produktivkraefte der Gesellschaft in Widerspruch mit den vorhandenen Produktionsverhaeltnissen oder, was nur ein juristischer Ausdruck dafuer ist, mit den Eigentumsverhaeltnissen, innerhalb deren sie sich bisher gewegt hatten. Aus Entwicklungsformen der Produktivkraefte schlagen diese Verhaeltnisse in Fesseln derselben um. Es tritt dann eine Epoche sozialer Revolutionen ein."
Nun fragt es sich, wie es um den Kapitalismus in Russland bestellt ist. Haben wir Grund zu behaupten, dass er sein Lied bei uns schon ausgesungen hat, d.h., dass er jene hoechste Stufe erreicht hat, auf der er schon nicht mehr der Entwicklung der Produktivkraefte des Landes dient, sondern, im Gegenteil, diese Entwicklung hemmt ? Ich habe oben gesagt, dass Russland nicht nur darunter leidet, dass es Kapitalismus hat, sondern auch darunter, dass die kapitalistische Produktionsweise in Russland ungenuegend entwickelt ist. ...
Einer unserer Genossen, die Lenins Thesen im Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten anzweifelten, erinnerte ihn an die zutiefst wahren Worte von Engels, dass es fuer diese Klasse ..." (die Arbeiterklasse) "... kein groesseres historisches Unglueck geben koenne als die Machteroberung zu einem Zeitpunkt, da das Endziel wegen unueberwindlicher objektiver Bedingungen unerreichbar bleibt. In seiner gegenwaertigen anarchistischen Stimmung kann eine derartige Mahnung Lenin natuerlich nicht zur Vernunft bringen. Alle, die ihm im Sowjet der Arbeiter- und Soldatendeputierten widersprachen, hat er durchweg als Opportunisten bezeichnet, die dem Einfluss der Bourgeoisie erlegen seien und deren Einfluss auf das Proletariat uebertragen wuerden. Das ist wieder die Stimme eines Anarchisten." ( G.W. Plechanow: Die Aprilthesen von W.I. Lenin (9.-12. April 1917. Zitiert nach. MIA, Deutsche Version, www://http ...)
In theoretischer Hinsicht war der Hauptvorwurf der studierten menschewistischen Marxisten an die Bolschewiki: Die Verhaeltnisse seien nicht reif fuer eine sozialistische Revolution. Sie konnten diesen Vorwurf mit einschlaegigen Zitaten aus Arbeiten von Marx und Engels gut "belegen".
"Allgemein gesprochen" hatte Plechanow zweifellos darin recht, dass der Kapitalismus in Russland nicht im entferntesten fuer eine sozialistische Revolution reif war. Aber historisch-konkret hatte sich eine ganz besondere, von keiner allgemeinen Entwicklungseinschaetzung voraussagbare, Lage ergeben, die eine solche Revolution ermoeglichte. Lenin begriff das und handelte entsprechend. Plechanow begriff es moeglicherweise nicht. Aber gleich, ob er die Gelegenheit bewusst, "wg. historischer Unreife", nicht ergreifen wollte oder die revolutionaeren Moeglichkeiten in der konkreten Situation unterschaetzt hat - ihn interessiert der "historisch-logische" Gang der Verhaeltnisse, den man nicht durch Voluntarismus unterbrechen und abkuerzen durfte.
Der Voluntarismus entsprang den unsaeglich elenden Verhaeltnissen, in denen die Arbeiter und Bauern des zaristischen Russland lebten. Ihnen zu sagen, sie sollten die Reifung des Kapitalismus abwarten, also einen langen Zeitraum, einen lebenslangen Zeitraum vermutlich mehrerer Generationen, war eine "wissenschaftliche Coolness", die an Zynismus grenzte.
Letzten Endes wurde der Gang der Ereignisse nicht von den theoretischen Diskussionen unter den Marxisten und auch nicht von den die gesellschaftliche Bewegung repraesentierenden politischen Parteien entschieden, sondern von der Bewegung der Arbeiter und Bauern selbst. Die politischen Fuehrungen verhielten sich zu dieser, so oder so. Die einen versuchten, sie zu stoppen, in die Gleise einer - bestenfalls - buergerlich-demokratischen Macht und einer - bestenfalls - von der zaristischen Despotie befreiten kapitalistischen Entwicklung zu lenken. Die anderen griffen den Radikalismus der Massen auf, machten sich zu deren Sprecher und versuchten, diesen Radikalismus auf die Errichtung einer Arbeiter- und Bauernmacht mit sozialistischer Perpektive zu fokussieren. Diese anderen waren die Bolschewiki.
Die zitierte Plechanowsche Intervention ist eine Einzelheit aus der russischen Revolutionszeit. Aber sie wirft ein recht genaues Spotlight auf den Kern der damaligen Spaltung der Arbeiterbewegung im Weltmassstab: Der zum Reformismus uebergehende Teil meinte, es unter kapitalistischen Verhaeltnissen schon irgendwie aushalten zu koennen, zumal, wenn man dieser Ordnung mehr und mehr "soziale Reformen" einpflanzen koennte; und die sozialistische Intelligenz, die Angehoerigen der Partei- und Gewerkschaftsfuehrungen, Inhaber von Abgeordnetenposten etc., die zum Teil in auskoemmlichen kleinbuergerlichen Verhaeltnissen lebten, meinten das erst recht. Der elendeste Teil der Klasse aber hungerte, lebte in Verhaeltnissen, die oft nicht weit von lumpenproletarischen entfernt waren, war taeglichen Demuetigungen ausgesetzt, die sich von denen nicht gross unterschieden, die die Feudalen ihren Leibeigenen bereitet hatten. Fuer sie lag es nicht nahe, noch ein paar Generationen lang zu warten.
In der buergerlichen Geschichtsschreibung war die Oktoberrevolution eine Art Putsch der Bolschewiki. Wenn es so gewesen waere, waere das eine schier unglaubliche Leistung gewesen - eine Viertelmillion Bolschewiki (das war die ungefaehre Mitgliederzahl im Oktober 1917) gegen weit mehr als hundert Millionen. Aber es ist nicht schier unglaublich, sondern einfach falsch. Die Behauptung rechnet mit dem Bild, das ueber die KPdSU im allgemeinen Bewusstsein ist: die Partei, wie sie spaeter wurde - ein Millionen Mitglieder zaehlender Organismus, der die ganze Gesellschaft durchdringt und einen maechtigen Staatsapparat regiert. Das waren die Bolschewiki 1917 nicht. Sie haetten nicht die mindeste Chance gehabt, zu putschen und sich anschliessend im Buergerkrieg gegen die Konterrevolution und die Interventionstruppen zu behaupten.
Das gelang in Wirklichkeit nur deshalb, weil die Bolschewiki nicht ohne oder gar gegen die Masse der Bevoelkerung ihre Ziele verfolgten, sondern lediglich das Herz und Hirn einer Volksbewegung waren, und weil die Aussicht, in bessere Verhaeltnisse zu kommen, Massen von Menschen politisch so radikal in Bewegung brachte, dass Ungezaehlte dafuer sogar ihr Leben einsetzten - und einen Feind besiegten, der an Waffen und Geld, Organisationserfahrung und Herrschaftswissen weit ueberlegen war. Die grossmaechtigen Kosaken-Atamane und zaristischen Generaele, die von Japan und den USA, England und Deutschland und anderen "Westmaechten" bezahlt und ausgeruestet wurden, um den Aufstand der Elenden niederzuwerfen, blieben bei allen Vorteilen auf ihrer Seite schliesslich die Unterlegenen.
Die Entwicklung der Lage einiger Schichten der Arbeiterklasse in den entwickeltsten Laendern in Europa, denen die Bourgeoisie einige Zugestaendnisse machte, war der Anker des sich seit dem Ende des 19. Jahrhunderts in der Arbeiterbewegung herausbildenden Reformismus.
Mit der erfolgreichen russischen Revolution hatte auch der revolutionaer bleibende Teil der Arbeiterbewegung seinen Anker. Es blieb nicht, wie Kautsky noch 1922 (Die proletarische Revolution und ihr Programm) hoffte, bei der "rein russischen Erscheinung". Kommunisten und die reformistisch gewordene Sozialdemokratie wurden fuer ein ganzes Jahrhundert weltweit zu den beiden Fluegeln der Arbeiterbewegung.
Die Oktoberrevolution war der erste von einer ganzen Reihe sozialistischer Revolutionen im 20. Jahrhundert. Fast allen war gemeinsam, dass sie in Gesellschaften stattfanden, in denen der Kapitalismus nicht im mindesten "zu Ende entwickelt" war. Der oekonomische Hauptinhalt der entstehenden sozialistischen Gesellschaften war daher die, sozusagen nachtraegliche, Entwicklung der Produktivkraefte auf ein Niveau, das nach einer gewissen Zeit den schon sozialistischen politischen Verhaeltnissen wenigstens einigermassen entsprach.
Die allgemeinen Uebergangsbedingungen, wie sie von Marx in dem oben angefuehrten Zitat charakterisiert wurden, waren damit nicht aufgehoben. Fuer die Unentwickeltheit der ererbten Produktivkraefte und entsprechender gesellschaftlicher Verhaeltnisse und deren nachtraegliche Entwicklung war ein hoher Preis zu zahlen. Aber wenn vom Preis die Rede ist, ist nur von der halben Wahrheit die Rede. Gleichzeitig bewiesen die sozialistischen Gesellschaften des 20. Jahrhunderts, dass Sozialismus praktisch moeglich ist und dass es sich um eine Ordnung handelt, in deren Rahmen die Masse der Menschen selbst unter den unguenstigsten Bedingungen und Voraussetzungen ein Lebensniveau erreichen konnte, das weit uber dem vergleichbarer kapitalistisch gebliebener Regionen stand. Waere es nach den Reformisten gegangen, wuessten wir das noch heute nicht und haetten die russischen Arbeiter und Bauern weiter so leben muessen, wie die indischen oder indonesischen es heute noch tun - und die russischen mittlerweile wieder.
Die wirkliche geschichtliche Entwicklung zeigt, dass das Verhaeltnis zwischen oekonomischer Basis und gesellschaftlichem Ueberbau weite Grenzen hat und dass keineswegs mit der Errichtung einer sozialistischen Ordnung gewartet werden muss, bis sich ueberall der Kapitalismus "zu Ende entwickelt" hat. Und umgekehrt zeigt sie, dass ein vollkommen entwickelter, schon in Dekadenz uebergehender Kapitalismus, wie er heute in den imperialistischen Metropolen existiert, keineswegs einen leichten Uebergang zum Sozialismus nach sich zieht. - Es zeigt sich, dass das subjektive Moment - das Begreifen der Verhaeltnisse und der eigenen sozialen Interessen, der politische Wille und die politische Tat, die dafuer zweckmaessige Organisierung - fuer die Frage der Weiterentwicklung der Gesellschaft von entscheidender Bedeutung sind. Dieses subjektive Moment integrierte sich im 20. Jahrhundert in den kommunistischen Parteien, nirgendwo sonst. Bei allen Fehlern, die sie machten, waren sie der Fokus, in dem sich der Wille des Teils der Arbeiterklasse buendelte, der sich von der Lohnarbeit befreien wollte, und der Kraftstrahl, der aus diesem Fokus flammte, brachte die Bourgeois-Herrschaft schon in diesem lausigen Jahrhundert an vielen Stellen, in vielen Faellen fast und in einigen wirklich, zur Schmelze.
Ueber den wirklichen Verlauf der Geschichte, soweit dieser im 20. Jahrhundert schon von der Arbeiterbewegung beeinflusst wurde, entschied nicht die allgemeine Bestimmung des moeglichen Uebergangs von einer Gesellschaftsordnung zur andern, sondern die konkrete Lage der Arbeiterklasse, die Frage, ob sie ihre Lage aushalten konnte und wollte oder nicht - und was daraus an politischer Bewegung entsprang. Das gilt nach beiden Seiten hin: In einer Reihe armer Regionen konnten und wollten die Arbeiter und andere arme Klassen und Schichten nicht mehr aushalten; in den imperialistischen Metropolen entschied sich ein Teil der Arbeiterklasse, in "gewoehnlichen" Zeiten die Mehrheit, dafuer, am Rande eines der Fettaugen auf der globalen Hungersuppe mitzuschwimmen. Die einen repraesentierten die "wilden und grausamen" Kommunisten, die anderen die "biederen und alltagsvernuenftigen" Reformisten.
Waren die Reformisten die Leute mit Augenmass, die fuer die Arbeiterklasse das jeweils Bestmoegliche herausgeholt haben ? Waren die Kommunisten die radikalen Utopisten, die "den Weg abkuerzen" wollten und dabei nur Unheil angerichtet haben ? Beweist etwa der Untergang der SU, dass sie unrecht und die Reformisten recht behalten haben ? Was hat sich von den Erwartungen und Zielsetzungen der beiden Fleugel der Arbeiterbewegung erfuellt ? Was haben sie tatsaechlich geleistet ?