Leipziger Allerlei 1: Moritzhof und was mir dabei so einfällt
Notizen aus Leipzig
Heute habe ich die Stadt nach Süden hin erkundet. Ich fuhr mit der Tram bis zur Endstation. Dort gibt es nur noch Schrebergärten, die sich an die letzten Wohnblocks anschliessen. Die Architektur ist in dieser Gegend DDR-geprägt. Die Blocks, die in den 1970er/80er Jahren gebaut wurden, sehen noch ganz adrett aus. Sie sind alle zwischen zehn und fünfzehn Stockwerke hoch, stehen in Gruppen um freie Flächen herum, auf denen der Baum- und Buschbestand inzwischen schön eingewachsen ist. Im Sommer muss es hier üppig grün sein. Die Fertigbauweise hat die architektonischen Variationsmöglichkeiten begrenzt, aber die einzelnen Ensembles haben mittels unterschiedlicher Fassaden-Details trotzdem eine je eigene Charakteristik.
Auf dem Rückweg stieg ich am Moritzhof aus. Hier gibt es gegenüber der Tram-Haltestelle eine grosse Konsum-Halle, in der sich die Bewohner der umliegenden Blocks mit dem Alltäglichen versorgen können. Konsum steht noch drauf. Das Innere ist voll von Billig-Discountern und den Läden von Einzelhändlern, vermutlich in der Mehrzehl Franchise-Nehmern grosser Bekleidungs-, Hausrats-, Backwaren-, Restaurantketten und Fleischfabriken.
Es ist gerade Mittagszeit. Ich esse in der kleinen Kneipe, die am meisten DDR-mässig aussieht, Backfisch mit Sättigungsbeilage, für DDR-mässige 2 Euro 90. Die Frau an der Essensausgabe meint es gut mit mir und häuft üppig Kartoffelbrei, grüne Bohnen aus der Dose und Krautsalat auf den Teller - und, ehe ich es verhindern kann, einen gegupften Esslöffel Majonaise auf den Fisch. "Das hätten Sie sagen sollen, dass sie keine Majonaise wollen, junger Mann." - Ich bedanke mich artig für den "jungen Mann" - die Kollegin ist wohl ungefähr meines Alters und wird auch schon Enkelkinder haben - , kratze die Majonaise auf den Tellerrand und bestelle noch ein Bier dazu, Kostritzer, das gab es "damals" auch schon.
Wenn man sich die vielen Autos, die schreiende Werbung und den Billig-Firlefanz in den Geschäften wegdenkt, kann man denken, es sei noch DDR. Das ist in meinem Fall schlecht für den Appetit, weil es mir einen Kloss im Magen macht. Wahrscheinlich sind nicht viele Menschen in dieser Einkaufspassage, die so DDR-nostalgisch sind wie ich. Die Leute haben sich längst gewöhnt. Früher war es anders, jetzt ist es halt so. Aber mir macht der Gedanke an die DDR einen Kloss im Magen: Verdammt, sie haben uns noch einmal gekriegt. Das im 20. Jahrhundert war ein erstes grosses Aufbäumen, ein erster Versuch. Es war noch so früh, dass die Kühnheit sich mit allerlei Unzulänglichkeit paarte, und der Imperialismus war noch so stark. Sie haben noch einmal 500 Millionen Menschen abwickeln können, sich noch einmal das schon verlorene Sechstel der Erde gekrallt. Aber im 21. Jahrhundert kriegen wir euch, ihr Hunde. Wir - euch. So beantworten wir die Frage Wer - Wen im 21. Jahrhundert.
Na gut, ich wohl nicht mehr. Die, die jetzt jung sind, vielleicht auch nicht. Aber das Jahrhundert ist ja noch länger. In der Geschichte dauert alles fast immer länger, als die kurzlebigen Revoluzzer es gerne hätten. Majonaise auf Fisch schmeckt wirklich scheusslich. Und das Kostritzer war "damals" auch besser, finde ich. Das ist aber vielleicht bloss, weil es früher volkseigen war.