Leipziger Allerlei 2: Eine Ausstellung
Leipzig, Innenstadt; glitzernde Glasfassaden und frisch vergoldete Gründerzeitpaläste; architektonisches Geprotze der Geldsäcke: Seht ihr, wir haben euch wieder. Das ist deutsche Einheit nach unserem Geschmack. Jetzt kauft gefälligst, was das Zeug hält, verschuldet euch, um den teueren Schund zu kaufen, ihr sollt keine anderen Götter haben neben dem Geld. Mittendrin in einem der Glaspaläste eine Ausstellung.
Vor dem Eingang eine Skulptur: ein Mensch mit seltsam kurzem Körper und langen Gliedmassen, der Kopf fast ganz versenkt in einem Kleidungsstück, das an einen Insektenpanzer erinnert, weit ausschreitend und dabei irgendwie einknickend, das einknickende Bein in einem Soldatenstiefel, das weit nach vorn ausgreifende nackt. Die Erklärung steckt in den erhobenen Armen. Der rechte ist zum Nazigruss ausgestreckt, am linken ballt die Kommunistenfaust.
Die Skulptur ist der Doppelpunkt vor der Ausstellungsbotschaft - "duie beiden deutschen Diktaturen"; die Totalitarismus-Doktrin in ihrer plattesten Variante, in Bronze gegossen.
Der Eintritt kostet nichts. Das dürfte so ziemlich das einzige sein, das in der Leipziger City nichts kostet. Es folgt die Botschaft. Sie wird gekonnt präsentiert, unter Einsatz aller medialen Mittel, visualisiertes Springerpressenweltbild. Man geht durch die Ausstellung wie durch sich windendes Gedärm, durch den Enddarm der deutschen Geschichte sozusagen. Die Nazis waren schlecht. Sie haben schliesslich den Krieg verloren. Soweit die Pflicht, locker hingeschlenzt, blosse Ouvertüre zum Hauptteil. Folgt die Kür: Die Kommunisten waren schlecht - sie ausführlich, verlogen, verdrehend, manipulativ, boshaft, gehässig, hetzerisch. Die Guten kommen auch vor: Freiheit, Westen, das Ostbüro der SPD, die "Aufständischen" von 1953, die mit den Füssen abstimmenden, der DDR-Grenzer, der in Montur und Waffen übern Stacheldraht springt, die "Demokratiebewegung" natürlich, die Kanzel der Nikolaikirche, Gorbatschow.
Die Sieger schreiben die Geschichte. Wie sie sie schreiben, sagt etwas über sie selbst. Die Sieger von heute sind Barbaren. Sie tilgen aus. Sie schleifen die Wohnblocks. Sie haben den Palast der Republik abgerissen. Aus den Köpfen soll jede Erinnerung an das, was an der DDR gut war.
Aus dem After des Ausstellungsdarms tretend, findet man sich gleich in der Mädlerpassage. Die Sieger haben Dünnschiss, von Gucci parfümiert.