Max Frisch: Gegen Biedermänner und Brandstifter
Vor hundert Jahren wurde Max Frisch geboren. Wer ist das denn ? Achja, schon mal gehört ... So´n Schreiberling. War wohl mal richtig berühmt. ...
Im hier gespiegelten Artikel wird er gewürdigt. Vielleicht regt das ja die eine Leserin oder den anderen Leser dieses Blogs an, eine Entdeckung zu machen - oder in den eigenen Erinnerungstiefen zu graben.
Max Frisch ist aktuell: " Das Problem der spaltungsbedrohten Identität, der Versuch der Identitätsfindung sind dabei ebenso charakteristisch für die Gestalten des Werks wie ihr Versuch, aus "einer falschen Rolle", aus der Wirklichkeit auszubrechen auf der Suche nach einer "Wahrheit". "
Es ist auch schon wieder 100 Jahre her, dass Max Frisch, bis heute Enfant terrible der Schweizer Literatur, obwohl er immer wieder als Klassiker der Moderne weggelobt und seine wichtigsten Werke zur Schullektüre verkommen sind. Und immer wieder – auch zu seinem Hunderter - wird der Widerspruch zu Brecht hervorgehoben. Der ist nicht zu leugnen, vor allem in Bezug auf die Dramentheorie, aber wohl wesentlich geringer in der Gesellschaftskritik. So schreibt Simon Hadler auf der ORF-Seite: „Von seinem Freund Bertolt Brecht unterscheidet ihn, darin sind sich die Biografen einig - und auch er selbst bestand stets darauf -, dass Max Frisch in seiner Kritik an den Verhältnissen keine Antworten gab, sondern Fragen stellte.“ Die Frage bleibt: Hat der gute Herr Hadler Brecht oder Frisch nicht gelesen ? Oder beide einfach nicht verstanden. In diese Richtung gehen auch die meisten Schul-Interpretationen seines bekanntesten Dramas: „Biedermann und die Brandstifter“ sei eine „Abrechnung mit autoritären Systemen“. Egal, wie oft Frisch unermüdlich erklärt hatte, dass er mit diesem Stück eine „Parabel auf die Anfälligkeit des Klein- und Spießbürger für den Faschismus“ geschrieben habe. Und möchte ich hinzufügen: des überhaupt-Bürgers. Aber die anfälligen Klein- und Spießbürger der Literaturszene deuten allzu gern sein Stück um, um irgendeiner Konvergenztheorie zu frönen. Schließlich trägt es ja den Untertitel "Ein Lehrstück ohne Lehre". Es ist ganz einfach: Wer nicht kapiert, dass Biedermann autoritätshöriger Spießer bedeutet, der ist eben nicht zu belehren. Und um es unmissverständlich zu sagen: Biedermann ist nicht Jedermann, und Frisch nicht Hofmannsthal.
Die gleichen „angelinkten“ Kultursachverständigen deuten gerade in der heutigen allgemeinen Such-Sucht nach Antisemiten und Antisemitismen sein Stück „Andorra“ als „tendenziell antisemitisch behaftet“ (Suetter), weil Frisch Andris Nachgiebigkeit gegenüber, seine Anpassung an antisemitische Vorurteile als „typisch verallgemeinert“. „Typisch für wen ?“ fragt der gute Herr weiter. Die Klasse des Stückes besteht aber gerade darin, dass er Vorurteile anprangert, Faschismus als menschenfeindliches System anprangert, sich mit faschistischer Gesinnung nicht nur historisch, sondern auch jeweils aktuell auseinandersetzt. Gleichzeitig aber auch Anpassung an herrschende Verhältnisse bloßstellt und kritisiert. Und auch durchaus „political correctness“ bloßstellt.
Seine Erzählung „Wilhelm Tell für die Schule“, die in vielen Kantonen gerade im Unterricht verpönt, ja verboten war, hat es ja nicht primär auf die durchaus revolutionären Tendenzen in Schillers Drama abgesehen, sondern mehr auf die Tatsache, dass der „Widerständler Tell ein für alle mal genug an Revolution für die Schweiz“ war. Nicht umsonst zitiert Max Frisch Friedrich Engels’ Schrift "Der Schweizer Bürgerkrieg":
"Die glorreiche Befreiung aus den Krallen des österreichischen Adlers verträgt schon sehr schlecht, dass man sie bei Lichte besieht. Das Haus Österreich war ein einziges Mal in seiner Karriere progressiv, als es sich mit den Spießbürgern der Städte gegen den Adel alliierte und eine deutsche Monarchie zu gründen suchte. Und wer stemmte sich ihm am entschiedensten entgegen? Die Urschweizer. Der Kampf der Urschweizer gegen Österreich, der glorreiche Eid auf dem Rütli, der heldenhafte Schuss Tells, der ewig denkwürdige Sieg von Morgarten, alles das war der Kampf störrischer Hirten gegen den Andrang der geschichtlichen Entwicklung, der Kampf der hartnäckigen Lokalinteressen gegen die Interessen der ganzen Nation, der Kampf der Rohheit gegen die Bildung, der Barbaren gegen die Zivilisation." [Möglicherweise übertreibt Engels aber auch bloß – ähnlich unserem Jubilar Max F.]
Jedenfalls – das sei deutlich gesagt: Max Frisch hat es nicht verdient von Marxologen gegen den Marxisten Brecht ausgespielt zu werden ! Max Frisch hat es nicht verdient, zum Schul-Klassiker der kapitalistischen Länder zu verkommen ! Max Frisch hat es nicht verdient, Schweizer Klassiker oder überhaupt Klassiker der Moderne zu sein !
Happy Birthday, guter alter Revoluzzer ! Du warst einer von uns ! Unbequem, kritisch, revolutionär, anarchoid... Wer’s nicht glaubt, lese „Graf Oederland“.
Nun gut, ich habe nichts über seine Frauen, über die Bachmann insbesondere, über die beziehungskritischen Romane geschrieben. Auch da ist er antibürgerlich, sozialkritisch, revolutionär.
Hier noch einige Details über Max Frisch:
Max Frisch erblickt am 15. Mai 1911 in Zürich als Sohn eines Architekten das Licht der Welt. 1930 macht er Abitur am Kantonalen Realgymnasium in Zürich. Auf Drängen seines Vaters beginnt er 1931 sein Germanistikstudium an der Universität von Zürich. Aus finanziellen Gründen bricht er nach dem Tode seines Vaters 1933 sein Studium ab und arbeitet als freier. Im Rahmen dieser Tätigkeit absolviert er zwischen 1936-41 zahlreiche Reisen durch Deutschland, Polen, Frankreich, Bosnien, Dalmatien, die Tschechoslowakei, Ungarn, Jugoslawien, die Türkei, Griechenland und Italien. Diese Reisen lassen ihn zum kritischen Weltbürger reifen. Er verfasst Berichte vor allem für die "Neue Zürcher Zeitung".
Sein erster Roman "Jürg Reinhart" entstand 1934. 1936 beginnt er ein Architekturstudium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. 1937 verbrennt er alle bis dahin entstandenen Manuskripte und entschließt sich, „mit der literarischen Dichtung aufzuhören“. 1941 schließt er das Architektur-Studium ab.
1942 heiratet er Constanze von Meyenburg und eröffnet ein Architekturbüro in Zürich und leitet dieses Büro bis 1954. Schon im ersten Jahr nach der Gründung seines Architekturbüros gewann Frisch den ersten Preis in einem städtischen Wettbewerb um eine große Freibadanlage "Letzigraben" in Zürich. Im Rahmen seiner Tätigkeit unternimmt er Studienreisen nach Deutschland, Italien, Frankreich, Prag und Warschau.
Das Schreiben gibt er als Architekt jedoch nicht wirklich auf. Nach der Veröffentlichung des Tagebuches 1946-1949 wird er in allen deutschsprachigen Ländern bekannt. 1946 schreibt er Werke wie „Die chinesische Mauer“. Thornton Wilder und Bertolt Brecht zählt er zu seinen Vorbildern. Seine Begegnung mit Bertolt Brecht im Jahre 1948 zählt er zu seinen bedeutendsten Lebenserlebnissen.
1949 schreibt er das Antikriegsstück „Als der Krieg zu Ende war“. In den 50er Jahren findet er immer mehr Beachtung. 1950 unternimmt er eine Spanienreise. 1951 schreibt er „Graf Öderland“ und macht eine Studienreise nach Amerika und Mexiko. 1953 schreibt er das Hörspiel „Herr Biedermann und die Brandstifter“. Das Stück ist eine satirische Komödie, in der sich ein biederer Spießbürger faschistischen Zündlern ausliefert. Das Geschehen wird von einem Chor der Feuerwehrmänner tragikomisch kommentiert - eine Travestie des antiken Chores.
1953 erscheint „Don Juan oder die Liebe zur Geometrie“. Bis heute ein Reibebaum für feministische Literaturwissenschafterinnen, da Frisch den großen Liebhaber der Weltliteratur als verhinderten Naturwissenschafter darstellt, der wegen seiner Wirkung auf Frauen an seiner wissenschaftlichen Karriere gehindert wird.
1955 löst er sein Architektenbüro auf und lebt als freier Schriftsteller. Auch Frischs Tagebücher wie „Blätter aus dem Brotsack“ (eine kritische Abrechnung über seine Zeit bei der Schweizer Miliz während des Zweiten Weltkriegs), das„Tagebuch 1946-1949“ und andere sind von grundlegender Bedeutung für das dichterische Werk Frischs.
Seinen Durchbruch schafft er mit der Veröffentlichung des Romans Stiller im Jahre 1954. Sein Prosawerk — Romane, Tagebücher und Erzählungen — erreicht auch ein junges Publikum. Auf „Stiller“ folgen die Romane „Homo faber“ (1957) und „Mein Name sei Gantenbein“ (1964). Die Theaterstücke „Biedermann und die Brandstifter“ und „Andorra“ zählen zu den meistgespielten deutschsprachigen Dramen dieses Jahrhunderts.
Seine Werke sind in vielen Fällen in den Tagebüchern schon konzipiert, ihr Entstehungsprozess wird in ihnen gespiegelt. Tagebücher und Werke bilden so ein eigentlich unauflösliches Werkganzes. Hauptthema dieses Werkganzen ist die Selbstentfremdung des Menschen der bürgerlichen Gesellschaft. Das Problem der spaltungsbedrohten Identität, der Versuch der Identitätsfindung sind dabei ebenso charakteristisch für die Gestalten des Werks wie ihr Versuch, aus "einer falschen Rolle", aus der Wirklichkeit auszubrechen auf der Suche nach einer "Wahrheit". Frischs Dramen sind Lehrstücke ohne Lehre (eigentlich ohne Dogma), Parabeln in Form der Moritat, der Farce, der Groteske; seine Romane sind auch formal der Versuch eines neuen möglichen Erzählens. Dabei macht er sich über die alleinigen Wirkungsmöglichkeiten keine Illusionen: "Die Erkenntnis-Vorstöße, die unser Jahrhundert bewegen, verdanken wir nicht der Literatur."
Frisch erhält eine ungewöhnlich große Anzahl von Literaturpreisen, allerdings, obwohl mehrfach im Gespräch nie den Nobelpreis. [Ein weiterer Beweis seiner gesellschaftskritischen Grundgesinnung ?] Er wird auch ein begehrter Redner, bereist die Welt und verfasst außer weiteren Dramen und Romanen zahlreiche polemische Schriften. 1956 macht er Reisen nach USA, Mexiko und Kuba. 1957 reist Frisch nach Griechenland und Arabien. 1958 wird ihm vielleicht einer der passendsten, der Georg-Büchner-Preis verliehen.
1959 lässt er sich von Constanze von Meyenburg scheiden. 1960-65 wählt Frisch Rom als einen Wohnsitz. In den 60er Jahren, als Frischs Ruhm überwältigend wird, fehlt nur eine Anerkennung , jene in den USA, wo sein „Freund“, aber Konkurrent Friedrich Dürrenmatt Erfolg hat. Aber Frisch fällt in den USA durch. "Scherz ist die drittbeste Tarnung. Die zweitbeste: Sentimentalität.(...) Aber die beste und sicherste Tarnung (...) ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Komischerweise. Die glaubt niemand." 1961 schreibt er in Andorra. 1965 reiste er nach Israel, wo er trotz seiner Kontakte zu Palästinensern den Preis der Stadt Jerusalem erhält. 1966 reist Frisch nach Polen und zu ersten Mal in die UdSSR. 1968 macht er seine zweite Reise in die UdSSR. In Interviews betont er, dass er auf die Aufmerksamkeit von Reaktionären für seine kritischen Anmerkungen zur SU durchaus verzichten könne.
1969 reist er nach Japan. In „Anerkennung der literarischen Leistung und seines Strebens nach einer menschenwürdigen Welt“ wird Frisch 1976 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels verliehen. 1980 wurde die Max-Frisch-Stiftung in Zürich ins Leben gerufen. 1982 erschien sein „Blaubart“. In diesem Jahr wird ihm von der Universität New York der Ehrendoktortitel verliehen.
1986 internationale Würdigung zum 75. Geburtstag, seine gesammelten Werke 1931-85 in 7 Bänden erscheinen. 1987 Ernennung zum Dr. honoris causa an der Technischen Universität Berlin. "Triptychon" (1979), das zunächst nicht freigegebene Bühnenwerk, ist die vorletzte Premiere eines Frisch - Theaterstückes; die letzte Uraufführung findet im Oktober 1989 in Zürich statt: Seine Streitschrift "Schweiz ohne Armee? Ein Palaver" hatte Frisch unter dem Titel "Jonas und sein Veteran“ für die Bühne umgearbeitet. Am 4. April stirbt er in Zürich.
Quelle: http://www.kominform.at/article.php/20110514234802618