Vaclav Havel ist tot
Havel hat ein bewegtes Leben hinter sich. In den sozialistischen Zeiten konnte er nichts werden. Sein Name stand für die entmachtete und enteignete Bourgeoisie. Dafür stand nicht nur sein Name, sondern auch er persönlich. So jemand wurde im Sozialismus nur Hausmeister. Sein Stern stieg höher mit der Konterrevolution von 1968. Sie scheiterte zunächst noch, aber jetzt war er wer. Die Kommunisten sperrten ihn zwischendurch mal ein. Aber das war seinem Image im Westen nur förderlich - der Sacharow-Effekt. Die schliesslich gelungene Konterrevolution war schliesslich der Höhepunkt seines Lebens. Für ein Jahrzehnt wurder er der oberste Repräsentant der wieder an die Macht gelangten Bourgeoisie in einem Teil der ehemaligen und nun auseinander gerissenen CSSR. Die Havels und Schwarzenbecks und wie sie alle hiessen, holten sich zurück, was sie einst besessen hatten.
In den 1990er Jahren, den ersten Jahren nach der Konterrevolution, war ich oft im neuen alten Tschechien. Ich wollte sehen, was die Bourgeois aus einem ehemals sozialistischen Land machten. Einmal stand ich in Cesky Kromlov auf dem Stadtplatz und bewunderte ein frisch restauriertes Patrizierhaus, mehr Palast als Haus. Die wunderschöne Altstadt war in der sozialistischen Zeit heruntergekommen, an manchen Stellen verfallen. Der Bau neuer moderner Arbeiter-Wohnsiedlungen in den Aussenbezirken war wichtiger gewesen als der Erhalt der alten Bausubstanz, und beides gleichzeitig war nicht zu leisten gewesen. Nach dem Machtwechsel drehte sich das. Die mittelalterliche Innenstadt gewann neuen Glanz. Das Hotel Ruze, ein ehemaliger Bischofssitz, in dem ich gern übernachtete, war ein Gewerkschaftshotel gewesen. Jetzt war es ein kommerzielles Unternehmen, in dem zu übernachten einen tschechischen Arbeiter einen halben Monatslohn gekostet hätte. So war es mit allem. Für uns Westler war es eine Zeitlang noch günstig, in den neuen, schön restaurierten Restaurants zu essen, für die Einheimischen unerschwinglich. Aber die Altstadt strahlte in neuen Farben. Wenn man den Preis für die gewöhnlichen Leute nicht mitüberlegte, sah es nach Fortschritt aus.
Eine tschechische Bürgerin, die mir ansah, dass ich das Patrizierhauis bewunderte, lächelte ironisch und sprach mich an. "Schön. nicht wahr ? - Havel. Das ist die Havelfamilie. Sie haben sich alles wiedergeholt."
Das war wohl Vaclav Havels Lebenszweck. Seine liberalen, zuweilen linksliberalen Phrasen dienten wohl diesem einen Zweck. Er hat ihn erreicht. Die Leute seines Schlages sind wieder an der Macht und in ihrem Eigentum. Wenn aus Havels Leben etwas zu lernen ist, dann vielleicht das: wie weit die Sprüche, die jemand macht, und der eigentliche Zweck, der damit verfolgt wird, oft auseinanderfallen.