Was machen die Empörten mit ihrer Empörung ?

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Puerta des Sol in Madrid, Syntagma-Platz in Athen, hundert Empörten-Vamps in  hundert anderen Städten das hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Unzufriedenheit mit den Verhältnissen, ja ihre Unaushaltbarkeit, inzwischen Hundertausende zum Handeln zwingt und Millionen dies wenigstens mit Sympathie verfolgen. Die Herrschenden stehen in Spanien, Portugal, Griechenland und vielleicht bald in einigen weiteren Ländern an der Grenze ihres "Integrationspotentials"; allerdings nicht an der Grenze ihres Gewaltpotentials, davon hat die Schlägerorgie in Barcelona und haben die ersten Massenverhaftungen erst einen Vorgeschmack gegeben.

 

Die Massenaktionen waren Demonstrationen im Sinn des Wortes. Sie haben etwas gezeigt. Nicht wenige der Beteiligten werden gehofft haben oder hoffen immer noch, dass die Herrschenden ein Einsehen haben, wenn sie etwas gezeigt bekommen. Das ist eine irreale Hoffnung. Es geht nicht um Einsichten, sondern um Macht. Wenn die Unzufriedenen nicht so viel Macht entwickeln, dass sie die Herrschenden ZWINGEN können, in der Volksberaubung zurückzustecken - und zwar nicht mit schönen Worten, hinhaltenden Lügen, sondern wirklich - wird diese Volksberaubung weitergeführt werden. 

 

Das weiss die revolutionäre Arbeiterbewegung seit jeher. Die Unzufriedenen und Empörten sind jetzt an dem Punkt, das entweder auch zu lernen, oder ihre Bewegung ist politisch tot. Sie müssen die Attitüde der "politischen Neutralität" aufgeben und sich der Linken anschliessen - oder sie hätten sich das wochenlange Ausharren auf öffentlichen Plätzen sparen und weiter auf Mutterns Sofa vor der Glotze sitzenbleiben können.

 

Das erfasst eine (Selbst-)Kritik eines Beteiligten an der spanischen Bewegung des 15. Mai, die ich bei scharf links gefunden habe, ziemlich gut. Er sieht die Perspektive im Fortschreiten vom Appell und Symbolik zu Taten, die den Herrschenden wirklich wehtun.

 

Hier der Text: 

 

Mehr Empörung und weniger Zirkus.


Bildmontage: HF

11.06.11
InternationalesInternationales, Bewegungen

 

Selbstkritik über das Camp Sol (Madrid).

Übersetzung aus dem Spanischen

Bitte, verlieren wir das Ziel nicht aus den Augen. Die Leute füllten diesen Platz um gegen ein verfaultes Regime zu kämpfen, nicht um Gitarre spielen zu lernen oder Kostüme zu schneidern.

Ich schreibe das hier nicht als Vorwurf, sondern als konstruktive Selbstkritik und Aufruf zur Aufmerksamkeit. Die Bewegung 15-M hat, mit viel Hingabe und Anstrengung, einen Erfolg ohne Beispiel erreicht und eine beeindruckende technische Organisationsfähigkeit gezeigt. Genau deswegen dürfen wir diesen Erfolg und diese Energie nicht verschwenden und ich glaube, dass wir dabei sind. Dies hier ist in Madrid geschrieben, aber ich weiß, dass es auch für immerhin einige der anderen Camps in anderen Städten gilt.

Nach den Schlägen und Verhaftungen des 15. und der Räumung des 16. Mai, haben abertausende Personen ohne militante Erfahrung La Puerta de Sol überflutet. Sie besetzten den repräsentativsten Platz Spaniens, erneut. Den Gesetzen des Staates nicht gehorchend, drangen sie zur Puerta de Sol, um ihre Wut, ihre Empörung und ihren Hass gegen das mafiöse Regime von Politikern und Banquiers auszudrücken.

Das Regime konnte und kann uns nicht mehr mit Gewalt platt machen, da die Unruhen für eine Regierung, die so in der Krise steckt wie diese, riesig und zerstörend wären. Außerdem würde die Repression die Bewegung in dieser Situation zum Wachsen bringen. Der Feind befand sich in der Verteidigung, überflutet und die Unruhen kommen sehend. Seine einzige Option war und ist uns mit linker Hand zu beschwichtigen, zu zügeln, mit dem "guter Bulle böser Bulle"-Spiel zu beeinflussen, dafür zu sorgen, dass es wir selber sind, die "ihren" Platz verlassen und auch noch glauben, dass es unsere Entscheidung gewesen sei. Sie können uns nicht mehr durch Prügel zerstören, aber sie sehen, dass sie uns beeinflussen können, damit wir ungefährlich werden.

Und was machen wir? Was haben wir getan um diese enorme Kraft, diese immense rebellische Wut von zehntausenden von Menschen auszunutzen, die bereit waren, zur Puerta de Sol zu eilen, um Ilegalisierungen und Ultimati zu strotzen? Haben wir vielleicht damit gedroht, die Bank von Spanien zu besetzen, die nur 3 Minuten Fußweg von Sol entfernet ist, oder den Sitz von Telefonica zwei Straßen weiter oder damit, als Masse loszugehen, um ein bißchen vor der Mocloa rumzuschreien, auf der Gran Vía geradeaus und Princesa hoch? Nein. Wir haben tausend und eine Komissionen und Subkomissionen gegründet. Künstlerische Workshops, Lesungen, Gratis-Umarmungen und Tips, um zu dir selbst zu finden. Heute, Dienstag 24. Mai, bin ich morgens auf die Website gegangen, um nach den Uhrzeiten der Versammlungen und Komissionen des Tages zu suchen und ich habe nichts dergleichen gefunden. Stattdessen finde ich die Uhrzeiten der Performances der Schwangeren, des Clowns-Treffens und des Workshops für den Bau von Solar-Öfen. Entschuldigung? All diese Dinge mögen sehr gut sein, aber sie sind jetzt nicht dran. Auf keinen Fall. Jetzt ist es an der Zeit, zu kämpfen und nicht angesammelte Kraft zu verschwenden. Das, was vor ein paar Tagen passiert ist, war eine Revolte und es ist ein Fehler, diese Energie irrezuleiten und zu bändigen, indem sie in einfache Aktivitäten verwandelt wird, die du in jedem Gemeindezentrum finden kannst. Das, was Polizei und Regierung nicht geschafft haben, tun wir gerade selber, ich hoffe unbewusst: wir töten die Revolte, langweilen sie, zerstreuen sie, letztendlich sind wir dabei, sie für das Regime ungefährlich zu machen.

Die nationale Regierung ist, nach dem Verkauf ihrer Seele an die Banken, schwächer denn je, sie ist in einer enormen politischen Krise und in internen Streitereien versunken. Auf ihr lastet ein enormer Druck des eigenen Regimes, dass sie zum Abtreten bewegen will. Zur gleichen Zeit ist die Energie, die rebellische Kraft der Menschen, der Hass und die Verachtung gegenüber den Bänkern und den Politikern, an ihrem höchsten Punkt seit vielen Jahren angekommen. Es handelt sich um einen Moment, um unerschrocken zu sein, um vorwärts zu gehen. Die Situation gibt uns einen großen Rahmen anzugreifen, zu erzwingen, Druck auszuüben. Wir haben die Karte der symbolischen und physischen Kraft an der Puerta de Sol und auf den restlichen Plätze des Landes schon gewonnen, verlieren wir sie nicht, nutzen wir sie um anzugreifen, um zu gewinnen, nicht um uns die Zeit damit zu vertreiben dem Zirkus zuzuschauen.

P.S.: Übrigens, vergessen wir die Verhafteten nicht. Wie kann es sein, dass eine Komission Gespräche mit hohen Ämtern der Regierungsdelegation aufgenommen hat, um über die Fortsetzung des Camps zu diskutieren, während 24 compañeros und compañeras verhaftet und unter falschen Anschuldigungen verprügelt wurden? Erstmal sollen sie die Anklagen der compañeros fallen lassen, danach lassen wir sie vielleicht in ein Zelt, damit sie uns, mit Licht und Stenografen, erzählen, was sie wollen. Es handelt sich um Professionelle der Lüge, des Paternalismus und der Mafia, wir können nicht zulassen, dass zwei Jungen, die gerade von der Uni abgegangen sind, irgendwas privat mit diesen Leuten verhandeln.

Quelle: http://de.indymedia.org/2011/06/309534.shtml

 

via: http://www.scharf-links.de/44.0.html?&tx_ttnews[tt_news]=16845&tx_ttnews[backPid]=56&cHash=32ffb0e814

 


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Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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