Weil morgen das Christkind kommt, heute mal was Besinnliches

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

Privatmensch und Gesellschaft

 

Gewoehnlich macht man sich nicht viele Gedanken darueber, wie das eigene Leben mit der Gesellschaft zusammenhaengt. "Es ist eben, wie es ist". - Jeder muss selber sehen, wie er durchkommt. Jeder ist sich selbst der Naechste. In die wichtigen Entscheidungen ueber das eigene Fortkommen bezieht man allenfalls einige "nahestehende" Menschen ein. Sie interessieren auch niemanden sonst.

 

Der Zusammenhang der Menschen mit der Gesellschaft ist ueber drei Momente vermittelt: erstens ueber die Art und Weise, in der sie an die notwendigen Lebens-Mittel kommen; zweitens ueber ihren Status als Staatsbuerger; drittens ueber die Ideen, Wirklichkeitsinterpretationen, "Werte", das vorhandene und allgemein zugaengliche Wissen etc. - das geistig-kulturelle Leben der Gesellschaft.

 

Dabei erscheint die Privatheit des einzelnen Menschen in der gegebenen Ordnung als das Grundlegende seiner Existenz, sein Zusammenhang mit der Gesellschaft als etwas daraus abgeleitetes. Die Gesellschaft ist gewissermassen das Wasser, in dem das Individuum schwimmt. Das Wasser setzt die Bedingungen des Schwimmens - angenehme bis hin zu solchen, unter denen der Schwimmer untergehen muss -, ist aber ansonsten das passive Element, in dem der Einzelne aktiv "schwimmt".

 

Die Personen treten sich als Privatmenschen nicht als solche gegenueber, sondern als Rechtspersonen. Als solche treten sie auch den Mitteln, die sie zum Leben brauchen gegenueber - den dem Einzelnen noetigen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum -; ebenso den Mitteln, mit deren Hilfe dieser geschaffen wird - fuer die meisten Menschen verwandelt sich das eigene Arbeitsvermoegen in eine Ware, die verkauft werden muss, damit mit dem Erloes die Lebens-Mittel gekauft werden koennen. Der gesellschaftliche Reichtum ist zerteilt in -zig Millionen Privatbesitztuemer, von der gerade im Supermarkt erstandenen Banane bis zu Michael Jacksons Traumvilla und den Stahlwerken von Mittal.

 

Sachen wie Menschen sind nicht einfach solche, sondern existieren sozusagen doppelt: als Sachen und Personen einerseits, als Rechtstitel andererseits. Dieses Doppelleben verdoppelt auch die soziale Interaktion zwischen den Menschen. Der Liebesbeziehung haengt die Lebensversicherung auf Gegenseitigkeit und der Ehevertrag an; die Kollegen sind nicht nur Partner im Arbeitsprozess, sondern zugleich Wettbewerber um den Verkauf der Arbeitskraft; die Oma ist zugleich die Besitzerin des Haeuschens, das man einmal erben wird.

 

Privatmensch und Konkurrenz

 

Die Daseinsweise als Privatmensch trennt die Personen von den Sachen. Zwischen ihnen und den Sachen steht der den Sachen zugehoerige Besitztitel. Dem Konsum der Banane geht der Rechtsakt ihres Kaufs voraus. Diese Daseinsweise trennt auch die Menschen von den Menschen. Sie verwandeln sich einander in Nachfrager und Anbieter, Konsumenten und Produzenten, Arbeit"geber" und Arbeit"nehmer". Die Personen sind nicht einfach bloss solche, sondern sie stecken in sozialen Rollen und tragen die zugeheorigen Charaktermasken.

Die Getrenntheit von den Sachen und die Getrenntheit von den uebrigen Privatmenschen zieht das Verhaeltnis der Konkurrenz nach sich. Jeder muss sehen, wie er zu dem ihm Zukommenden oder Gewuenschten kommt, und in der Regel gibt es Wettbewerber, deren Begierden sich auf das selbe Ziel richten. Wer was kriegt oder nichtkriegt, wird im Konkurrenzkampf entschieden. Das Streben nach dem Wettbewerbsvorteil gegenueber den Konkurrenten wird so zum zentralen Inhalt der Existenz. Bin ich fitter fuer den Job bei BMW, oder ist es der Nachbar, der ihn auch will ? Bin ich schoener, angesehener, netter, klueger, staerker als Tom und Axel, die auch gern mit Amalie haendchenhalten moechten ? Wenn die Nachbarn sich eine Woche DomRep leisten koennen, sollte ich mir das auch leisten - nicht, waere peinlich.

 

Privatmensch und Staatsbuerger

 

Dem Privatmenschen haengt ein Schatten an: Er ist zugleich Staatsbuerger. Als solcher hat er nicht einfach in allen Dingen seinen Privatmenschen-Vorteil zu suchen, sondern unterliegt Pflichten und kann andererseits Rechte wahrnehmen.

 

Der Staat setzt sich zu seinen Buergern auf widerspruechliche Weise ins Verhaeltnis. Einerseits konstituiert er die Menschen zu Privatmenschen, indem er die natuerlichen Personen zu Rechtspersonen macht. Er macht die Gesetze und beruft sich auf Verfassungen, die diese Daseinsweise begruenden, setzt sie durch und schuetzt sie: das private Eigentum als grundlegendes Verhaeltnis der Buerger zum gesellschaftlichen Reichtum, die Vorschriften ueber den Umgang der Staatsbuerger/Privatmenschen untereinander und mit dem Staat, die formale Rechtsgleichheit aller. Andererseits reicht der staatliche Durchgriff in die Privatheit hinein, bis in die intimsten Angelegenheiten - z.B. per Eltern- und Kinderrecht, Ehe- und Scheidungsrecht. Im Bedarfsfall verfuegt der Staat ueber das Leben seiner Buerger selbst: Wenn das Vaterland ruft, muss der Privatmensch als Staatsbuerger riskieren, totgeschossen oder verkrueppelt zu werden und die Nicht-Gerufenen werden womeoglich zu Kolateralschaden.

 

Anders als im "Wirtschaftsleben" und hinsichtlich der Vermoegensverteilung, wo die Menschen aeusserst ungleich sind, sind sie in ihrer Eigenschaft als Staatsbuerger gleich. Alle haben die selben staatsbuergerlichen Rechte und Pflichten. Allerdings herrscht diese Gleichheit nur "im Prinzip". In der Wirklichkeit besteht eine betraechtliche Rechts-Ungleichheit, weil die wirklichen materiellen und sozialen Unterschiede auf den Staatsbuerger-Status sozusagen ueberschwappen.

 

Das gilt fuer das Verhaeltnis der verschiedenen Privatmenschen in verschiedener Lage und Stellung zueinander: Dem Hilfsarbeiter Mueller ist nicht anzuraten, gegen den Milliardaer Meier einen Rechtsstreit anzufangen. Der mehrfach erwischte kleine Kaufhausdieb spaziert ins Gefaengnis; Esser, ehemaliger CEO von Mannesmann, der sich 30 Millionen abgezweigt hat, spaziert im Park seiner Villa.

 

Das gilt auch fuer die Moeglichkeit, sich in politischen Angelegenheiten Gehoer zu verschaffen: Mueller hat bloss seine Stimme. Meier kann sich die Kandidaten, denen Mueller seine Stimme geben soll, kaufen. Mueller ist bestaendig Objekt medialer und sonstiger staatsbuergerlicher Erziehung. Meier oder Seinesgleichen besitzen die Medien, von denen Mueller erzogen wird. Mueller hat die Haelfte seines Einkommens via direkter und indirekter Steuern, Zwangsversicherungen, Gebuehren etc. an den Staat abzuliefern. Fuer Meier sind Steuern, die allfaelligen Subventionen oder direkte Staatsauftraege gegengerechnet, eher ein durchlaufender Posten.

 

Erwerb der Lebens-Mittel, Eigentum und Privatheit

  

 

Nach einer Statistik aus einem DFG-Forschungsprojekt waren - Stand 1985 - von den Erwerbstaetigen in der Bundesrepublik Deutschland:

 

Kapitalisten 1,5 %

Kleinbuerger 8, 3 %

Lohnabahaengige Mittelklasse 24,8 %

Arbeiterklasse 65,4 %

(davon:

Produktiv arbeitende 37,8 %

Nichtproduktiv arbeitende 18,5 %

Arbeitslos 9,3 %

 

  

(Die Kategorien sind so zu verstehen: Kapitalist: Einkommen direkt oder indirekt aus der Beschaeftigung von Lohnarbeitern; Kleinbuergertum: Menschen, die mit eigenen Produktionsmitteln arbeiten und deren Einkommen hauptsaechlich aus eigener Arbeit kommt (z.B. selbstaendige Handwerker, kleine Haendler, "Freiberufliche"); unter Lohnabhanegige Mittelklasse sind hier gefasst Beschaeftigte des Staatsapparats und gesellschaftlicher Organisationen (Bspe.: Beamte, Angestellte von Kirchen, Parteien, Krankenkassen, karitativen Organisationen); zur Arbeiterklasse sind hier gezaehlt die Lohnabhaengigen in untergeordneter Funktion; produktiv arbeitend bedeutet, Waren herzustellen; nichtproduktiv arbeitend bedeutet, Arbeit zu verrichten, die aus dem Konsumtionsfond des privaten oder staatlichen "Arbeitgebers" bezahlt wird (z.B. Hausangestellte, lohnabhaengige "Dienstleister", Verwaltungsfunktionen aller Art)

 

Aus dieser Aufstellung geht hervor, dass die ueberwiegende Mehrheit der Menschen an ihre Lebens-Mittel ueber Lohnarbeit (egal, ob der Lohn Lohn oder Gehalt genannt wird) kommt; - die hier als "lohnabhaengige Mittelklasse" gefuehrte Kategorie eingeschlossen, ungefaehr 90 % der Erwerbsbevoelkerung.

 

Folgende Zahlen werfen ein Licht auf das Ergebnis dieser Struktur:

 

"Zwei Prozent der Weltbevoelkerung besitzen mehr als die Haelfte des weltweiten Vermoegens. ... 125 Billionen Dollar (94 Billionen Euro) umfasst das weltweite Vermoegen. ... Die aermere Haelfte der erwachsenen Bevoelkerung hat zusammen 1,25 Billionen Dollar oder ein Prozent des Weltvermoegens. ... Die reichsten zehn Prozent ... verfuegen dagegen ueber 85 Prozent des Wohlstands. ... Das reichste Prozent der Weltbevoelkerung oder 37 Millionen Erwachsene besitzen zusammen 40 Prozent des weltweiten Vermoegens. ... Der weltweite Wohlstand konzentriert sich zu 90 Prozent auf Nordmaerika, Europa und eine Liste reicher Laender in Asien, darunter Japan und die Golfstaaten."

 

Die Klassen- und Schichtenstruktur und die Vermoegensverteilung, die Stellung in der Hirarchie der Arbeitsorganisation und der Anteil der verschiedenen Kategorien der Erwerbstaetigen an der Produktion des gesellschaftlichen Reichtums einerseits und der Anteil an dessen Genuss andererseits - das ist das Wasser, in dem der einzelne Privatmensch schwimmt. Seine materielle Lage, sein sozialer Habitus und letzten Endes auch, was er meint und denkt, haengt damit auf das Engste zusammen. - Das bedeutet: Er ist wesentlich von den gesellschaftlichen Umstaenden bestimmt, ungeachtet dessen, dass er ein Privatmensch ist. Die private Daseinsweise ist keineswegs Ausdruck von Individualitaet, sondern Im Gegenteil die Form seiner Vergesellschaftetheit. Diese Form setzt ihn auf ihre bestimmte Weise ins Verhaeltnis zur Gesellschaft. Sie ist unter den gegebenen Verhaeltnissen unentrinnbar vorgegeben, kann nicht von den einzelnen Personen entschieden werden. - "Es ist eben so."

 

Privatheit als Ideologie

 

Die wirkliche Daseinsweise als Einzelner in Gestalt des Privatmenschen entspringt den wirklichen Verhaeltnissen des Erwerbs der Lebens-Mittel, des Anteils am gesellschaftlichen Reichtum, der Stellung in der sozialen Hirarchie. Jede Person handelt in Erfuellung sozialer Rollen und Funktionen. Aber weil die sozial - politische Form all dessen, was die Personen sind, tun oder nicht-tun, wollen oder nicht-wollen, Privatheit ist, verwandelt sich diese im Alltagsbewusstsein in einen gewoehnlich nicht hinterfragten Quasi-Naturzustand, in den Ausdruck der Beduerfnisse und Willen der Einzelnen, der sozusagen bloss in Rechtsform gegossen ist. Das gewoehnliche Alltagsbewusstsein kehrt Ursache und Wirkung fiktiv um. Im Kopf heisst, was realer Zwang und reale Unterworfenheit unter nicht selbst bestimmte Verhaeltnisse ist - Freiheit.

 

Ein zweites Charakteristikum fuer unser Privatdasein, das Dasein als buergerliche Individuen, ist eine groteske Verzerrung des Verhaeltnisses von Gesellschaftlichkeit und Einzeldasein im Kopf. Waehrend wir in Wirklichkeit mit allen Fasern mit der Gesellschaft zusammenhaengen, bis in die Praegung unserer Persoenlichkeit hinein Traeger von sozialen Rollen und Staatsbuerger sind und die Charaktermaske die wirklichen Personen nach aussen repraesentiert und sich "nach innen" den wirklichen Personen bis zu deren eigener Unkenntlichkeit einaezt - verstehen wir uns gewoehnlich zu allererst als autonome Individuen. Waehrend die Individualitaet in Wirklichkeit allenfalls ein Rest ist, der unserem gesellschaftlichen Agieren gewissermassen etwas von einer persoenlichen Faerbung gibt - ist dieser Rest in der Selbsteinschaetzung die fiktive Hauptsache.

 

Das ist einerseits Ideologie im Sinne nicht-realitaetsentsprechender, verzerrter, verdrehter, mystifizierender Wirklichkeitsverarbeitung im Kopf. Andererseits ist diese Ideologie funktional. Sie versoehnt uns ideell mit der Wirklichkeit. - "Es ist eben, wie es ist, - und es kann nicht anders sein. Das, was ist, ist - die natuerliche Daseinsweise des Menschen. Das, was ist, entspricht - dem Wesen des Menschen."

 

Die ideologische Wahrnehmung unseres Daseins ist damit eine Religion. - Die historisch, unter bestimmten und veraenderlichen Bedingungen zustande gekommenen, bestimmten und veraenderlichen Regeln und Mechanismen folgenden gesellschaftlichen Verhaeltnisse, die saemtlich von Menschen gemacht sind und von ihnen veraendert werden koennen - verwandeln sich im Kopf in ein "Es", das "eben ist"; in einen Zwang, dem "prinzipiell" nicht zu entrinnen ist - und der doch gleichzeitig Freiheit sein soll. (Der am haeufigsten genannte Zwang heisst nicht zufaellig Sachzwang.)

 

Trotz ihrer weltlichen Formen ist diese Ideologie keineswegs nur Religion im uebertragenen Sinn, sondern im genauen Wortsinn. Der konkrete Inhalt des "Es" unterscheidet sich zwar von dem Gott z. B. der Feudalzeit. "Es" ist nicht der guetige und strafende Patriarch. "Es" ist keine Person, sondern "der Markt", "die Wirtschaft", "die Verhaeltnisse". Aber dieses "Es" ist nicht weniger allmaechtig, unveraenderbar, kaum beeinflussbar als der Jenseits-Gott. Die hoerigen Bauern des Mittelalters glaubten an Letzteren und nahmen - von Zeiten des Aufruhrs abgesehen - mindestens hin, dass er ueber den Bauern den Edelmann gesetzt habe und daher gegen diesen aufzumucken Suende sei. Selbst dem Aufruhr unterlegten sie noch den Glauben, ihn bloss haeretisch interpretierend. Der sozialdemokratisch waehlende Arbeiter des 21. Jahrhunderts glaubt in gar keiner anderen Weise an seinen Sachzwangs-Gott, an die Allmacht des Marktes, an die Ewiglichkeit des Privatbesitzes, an seine eigene Winzigkeit und Ohnmacht und die Ungebuehrlichkeit nicht-staatsbuergerlichen Betragens. Und auch er unterlegt selbst dieser und jener Aufmuepfigkeit noch die herrschende Ideologie, sie bloss in Richtung von "mehr Gerechtigkeit", "sozialerem Staat", mehr "sozialem Ausgleich" interpretierend.

 

Wie jeder Religion ist der buergerlichen Ideologie die Differenz zwischen ihren Behauptungen und den wahrgenommenen Widerlaeufigkeiten in der Wirklichkeit, zwischen Idee und Wirklichkeit, als Moral inkorporiert. Zum "Es ist eben so" gesellt sich: "Sollte, ist aber nicht". Das Maulen ueber diese Differenz, das Beschwoeren moralischer Ansprueche ist der buergerliche Gebetsdienst; allerlei symbolische Handlungen - das Abbrennen von Kerzen gegen einen Krieg, das Malen von Kreuzchen als Ersatz fuer die eigene Wahrnahme der eigenen Interessen, die zehn Euro im Monat fuer irgendeinen kariativen Zweck als Ersatz fuer die wirkliche Beseitigung des Elends etc.pp. - sind die Liturgie und das Kirchenleben der buergerlichen Gesellschaft.

 

Wie in jeder Reliogion gesellt sich dem Glauben die Heuchelei zu. - Man ist nicht so dumm, nicht zu wissen, dass Wahlkreuzschenmalen nicht viel mit wirklicher Demokratie zu tun hat; freilich sind brennende Kerzen ein unzulaengliches Mittel gegen Kriege; natuerlich sind die zehn Euro Spende bestenfalls ein Tropfen auf den heissen Stein; usw. . Heuchelei, schlichte Feigheit und opportunistische Konformitaet, Zynismus und Selbstentwuerdigung sind, wie in jeder Art religioesen Lebens, der Kitt, der in die Risse zwischen Glauben und Zweifel geschmiert wird.

 

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...  Mögen morgen die Jahresendflügelfiguren über Euch kommen ! 

 

 

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Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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