Wer nicht selbst für sich entscheidet, über den wird entschieden

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Seit dem Zusammenbruch der SU und der osteuropaeischen sozialistischen Staaten ist die kapitalistische Gesellschaftsordnung wieder dabei, sich zu "normalisieren". Fast ein Jahrhundert lang war ihre Entwicklung von einem "systemfremden Faktor" beeinflusst worden - der Existenz des "sozialistischen Lagers". Dies hatte eine gewisse Ruecksichtnahme der Bourgeoisie auf ihre hauseigenen Proleten erzwungen. Mit dem "Sozialstaat", der nicht zufaellig an den Grenzen zum "Osten" am weitesten ausgebaut wurde, sollten die lieben Mitarbeiter von etwaigen sozialistischen Geluesten abgehalten werden. Diese nahmen die Kruemel, die ihnen so erklecklich vorkamen, dass sie sich ueber diesen armseligen Kommunismus da drueben nur noch erbosen und mokieren konnten, und verwechselten wunschgemaess das politische Kalkuel der "Sozialpartner" mit einer vemeintlich dauerhaften Verwandlung des Kapitalismus zu einer "Wohlstandsgesellschaft".

 

Seit dem Ausgang des 2. Jahrtausend rueckt etwas anderes ins Zentrum der Entwicklung: Die Loehne werden wieder knapper. Die Massenarbeitslosigkeit ist wieder eine Dauererscheinung, Gesichert geglaubte "soziale Errungenschaften" werden wieder abgeschafft. Die Reichen sind bedeutend unverschaemter geworden, sowohl was ihre Bereicherung angeht, als auch in ihrem Umgang mit dem "Humankapitel". Der Staat erweist sich in diesem Prozess keineswegs als "Hueter des Allgemeinwohls", der dafuer sorgt, dass auch die unteren Klassen und Schichten am "wirtschaftlichen Erfolg" teilhaben, sondern als Organisator der Verarmung. Das ist der Inhalt der "Flexibiliserung des Arbeitsmarkts" und der "Standort-Politik".

 

Jahrzehntelange Illusionen und ihre Unterfuetterung mit fehlinterpretierten Tatsachen wirken lange nach. "Es wird schon wieder besser werden." "Das kann doch nicht immer so weitergehen."

 

Doch. Es wird so weitergehen. Die Kapital-Logik erfordert es. Und je weiter die Lohnabhaengigen sich in die politische Bedeutungslosigkeit druecken lassen, desto ungepolsterter wirkt sie.

 

Engels schrieb 1883 ueber den damaligen politischen Zustand der englischen Arbeiterklasse: " ... eine wirkliche Arbeiterbewegung kommt hier - von Unerwartetetem abgesehen - nur zustande, wenn den Arbeitern fuehlbar wird, dass Englands Weltmonopol gebrochen. Die Teilnahme an der Beherrschung des Weltmarkts war und ist die oekonomische Grundlage der politischen Nullitaet der englischen Arbeiter. Schwanz der Bourgeois in der oekonomischen Ausbeutung dieses Monopols, aber immer noch an den Vorteilen derselben beteiligt, sind sie naturgemaess politisch Schwanz der "grossen liberalen Partei", die sie andrerseits im kleinen hofiert, Trade Unions und Strikes als berechtigte Faktoren anerkennt ..." (Fr. Engels: Bf an August Bebel, 30. August 1883,. In: MEW Bd. 36, S. 58)

- Im damaligen Kapitalismus der freien Konkurrenz war das englische Monopol eine Besonderheit, begruendet in der maechtigen Stellung Englands im Kolonialsystem und der Tatsache, dass England ein kleines Jahrhundert lang allen anderen Regionen in der ersten industriellen Revolution und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Entwicklungsschub voraus war.

 

Dagegen ist das Monopol der Metropolen von heute, West-Europa, Nordamerika und Japan kein "historischer Zufall", sondern eine besondere Epoche der kapitalistischen Entwicklung, die mit guten Gruenden Epoche des Imperialismus genannt wird. Das oekonomische Monopol und imperialistische gesellschaftliche und politische Verhaeltnisse sind der Dreh- und Angelpunkt sowohl der weltweiten wirtschaftlichen Entwicklung als auch der aus dieser resultierenden politischen Konstellationen im internationalen Massstab, in der Staatenkonkurrenz, und den politischen Konstellationen zwischen den sozialen Klassen.

Die "politische Nullitaet" der Lohnabhaengigen in den Metropolen von heute ist am Anfang des 3. Jahrtausends auf einem Zenith angelangt. Die oberen Schichten der Klasse spinnen sich eine fiktive Welt zusammen, in der sie gar keine "richtigen Proleten" mehr sind, sondern "Mittelschichtler". Und die unteren Sektoren kruemmen sich im Gefuehl der Scham, da unten - und vermeintlich selbst daran schuld - zu sein. Eine "wirkliche Arbeiterbewegung", in der die Lohnabhaengigen selbstbewusst ihre eigenen Interessen mit eigenen Mitteln verfolgen, ist in den Metropolenstaaten auf kleine Reste zusammengeschmolzen, die selbst verunsichert und, angesichts der politischen Dumpfheit und Lethargie der Masse der Kolleginnen und Kollegen, nahe am verzweifeln sind. Die Lohnabhaengigen in den Metropolen sind "Schwanz der Bourgeois in der oekonomischen Ausbeutung dieses Monopols" und "politisch Schwanz der "grossen liberalen Partei" ...", die heute in Gestalt der "Volksparteien", der "Parteien der Mitte" agieren, ziemlich gleich, ob sie sich sozialdemokratisch, christlich-demokratisch, gruen oder sonstwie nennen.

 

Aber wir sind seit 1990 um zwei Jahrzehnte weiter. Unabhaengig von der "politischen Nullitaet" der Arbeitenden, die nach dem Zusammenbruch der "Systemalternative" im Osten von keinem aeusseren mildernden Umstand mehr relativiert wird, wirken die Gesetzmaessigkeiten der polit-oekonomischen Entwicklung. Ihr Ueberschlag in politische Bewegungen der Arbeiterklasse mag klaeglich bleiben oder maechtig werden, "Unvorhergesehenes" mag eintreten oder nicht - die Entwicklung der objektiven Bedingungen fuer den naechsten Aufstand nach den totgelaufenen des 20. Jahrhunderts entwickeln sich, und sie sind heute viel reifer als die, gegen die die erste Welle des 20. Jahrhunderts anbrandete.

 

Eine neue Welle der Arbeiterbewegung ist notwendig. Wenn sich die Arbeiterklasse in den Metropolen nicht dazu aufrafft, wird sie dafuer teuer bezahlen muessen. Sie zahlt schon seit zwei Jahrzehnten. Die Zahlungen werden weitergehen und hoeher werden, wenn das nicht politisch, mit der Entwicklung politischer Macht, aufgehalten wird. Alle Hoffnungen auf ein gewisses Augenmass der "Sozialpartner", auf den "Sozialstaat", auf die Wahlkreuzchen bei den "Volkspaerteien" sind vergeblich, Zeitverlust, vergebliches Festhalten an haltlosen Illusionen.

 

Eines der Elemente, die die gegenwaertige politische Ohnmacht der Arbeiterklasse in den imperialistischen Zentren ausmachen, besteht im weitgehenden Verlust des kollektiven Gedaechtnisses der Klasse. Nicht mehr zu wissen, wie es zu den "sozialen Errungenschaften" im Rahmen des Kapitalismus kam, wie sie durchgesetzt wurden und unter welchen Bedingungen das moeglich war, zieht Hilflosigkeit, die mehr oder weniger komplette Uebernahme der buergerlichen "Interpretation" - der absichtsvoll und berechnend verbreiteten Luegen darueber - nach sich. Das ist die Alzheimer Krankheit der Klasse, der schleichende Prozess zur Debilitaet bis hin zu der voelligen Verbloedung, die keine Klassen mehr kennt, sondern bloss noch Staatsbuerger, Individuen und Standortbewohner, bis hin zu einem Zustand, in dem man weder den eigenen Namen noch die eigene Geschichte und soziale Identiatet mehr kennt.

 

Im Gegensatz zur individuellen Alzheimer Krankheit ist die kollektive der Arbeiterklasse heilbar, koennen die eigene Identitaet und das eigene Gedaechntnis wiedergewonnen werden.

Ein buergerlicher Geschichtsprofessor, einer unter Tausenden, die sich mit der Bildung des Massenbewusstseins im Sinn des Kapitalismus beschaeftigen, ein gewisser Herr Bernd Bonwetsch, belehrt uns so:

 

"Individuen und Gemeinschaften brauchen Erinnerung. Sie ist ein allgemeines menschliches Beduerfnis und dient zur Orientierung und Legitimation des Handelns, sie dient der Identifikation von Individuen mit sich selbst und mit groesseren Gemeinschaften."

(Bernd Bonwetsch: Erinnerungskultur in Deutschland und Russland ..., zitiert nach: rus-germ-hist@yandex.ru)

 

 

Es ist, wie der Herr Professor schreibt. Was die Arbeitenden betrifft, lesen sie sich ohne die Erinnerung an die eigene Geschichte BLOED, werden sie zu kraftlos noergelnden Untertanen, zu Abermillionen Monaden, die im trostlosen Kosmos der buergerlichen Ideologie hilflos dahintreiben, erscheint das eigene Leben als sinn- und belanglos, die "Welt der Sachzwaenge" als unveraenderbares Schicksal.

 

Wenn die Arbeitenden wieder politisch handlungsfaehig werden wollen, wenn sie ihre Interessen wieder aktiv verfolgen wollen, muessen sie auch ihren Zusammenhang mit ihrer Geschichte wiederherstellen. Nur so laesst sich bestimmen, an welchem "geschichtlichen Ort" wir heute leben und was dieser Ort "hergibt" fuer die Durchsetzung der eigenen Interessen. Dabei geht es nicht nur um Erinnerung, sondern auch um deren Interpretation und Wertung. Soweit Erinnerung der Arbeiterbewegung im allgemeinen Gedaechtnis ist, ist sie heute fast vollstaendig uebermuellt von den Interpretationen der anderen Seite, der buergerlichen Erziehungs- und Meinungsmaschinerie.

 

Die eigene Sicht auf die eigene Geschichte wiederzugewinnen ist ein wichtiger Teil des Erinnerns. Erinnern hat auch die Funktion der Selbstvergewisserung, der Gewinnung von Selbstbewustsein. Aber wichtiger noch ist, aus der Geschichte zu lernen. Das bedeutet gerade nicht, sich von ihr "loszusagen" oder sie zu verhimmeln oder zu verdammen. Das bedeutet: kritische (Wieder-)Aneignung. Eine kritische Aneignung kann helfen, gemachte Fehler kuenftig zu vermeiden (realistisch-bescheidener: deren Zahl und Groesse zu mindern) und die Seiten, die sich als erfolgreich und praktikabel erwiesen haben, in die Gegenwart und Zukunft mitzunehmen.

 

Ein "Knackpunkt" ist dabei die Haltung der ueberwiegenden Mehrheit der heutigen Generationen der arbeitenden Klasse in den Metropolen zum Kommunismus des 20. Jahrhunderts.

 

An dieser Stelle ist das historische Bewusstsein der Klasse am weitestgehenden zerschnitten. Kommunismus ist im allgemeinen Bewusstsein eine Form des "Totalitarismus". Stalin und Hitler, Sozialismus und Faschismus werden gleichgesetzt. Selbst die meisten Menschen, die sich heute zur Linken zaehlen, zahlen den obligatorischen Ablass: "links ja - aber doch nicht wie die "doktrinaeren", "stalinistischen" Kommunisten !

 

Die Urteile sind gewoehnlich nicht das Resultat einer kritischen Auseinandersetzung mit der kommunistischen Arbeiterbewegung des 20. Jahrhunderts, sondern das Gegenteil: die gedankenarme Uebernahme der buergerlichen Propaganda, die sich gegenueber der Linken nicht zufaellig auf diese Frage konzentriert; - sie war die fuer den Kapitalismus des 20. Jahrhunderts gefaehrlichste. Die Uebermuellung der wirklichen politischen Bewegung, ihrer Fehler, Erfolge und Resultate mit dem sorgfaeltig und variantenreich ausgearbeiteten Propaganda-Komplex des Antikommunismus ist abzutragen. Nicht weniger steht an. Eine von unseren sozialen Interessen geleitete, ansonsten aber moeglichst objektive Verarbeitung dieser Erfahrungen ist erst in dem Mass moeglich, wie wir uns aus diesem Muell herausarbeiten.

 

Es geht nicht um die eine oder die andere Ideologie. Es geht um die Interessen der verschiedenen sozialen Klassen, um Besitz und Macht, um die gesellschaftliche Ordnung. Der Antikommunismus ist keine Ideenschlacht irgendwo in den Wolken der allgemeinen Weltanschauungen und Grundueberzeugungen, sondern steht im Dienst konkreter politischer Ziele, die sich logisch aus der sozialen Lage ergeben. Fuer die Bourgeoisie geht es darum:

- Das allgemeine Bewusstsein soll darin bestehen, dass die unvereinbaren Interessengegensaetze zwischen Kapital und Arbeit doch "irgendwie" vereinbar seien; und falls nicht - dass sie nicht "auf die Spitze getrieben", nicht zur Entscheidung gestellt werden duerfen, weil jenseits davon noch Unangenehmeres droht: der "totalitaere Kommunismus".

 

- Soweit soziale Interessen zur Austragung kommen, hat dies nur und ausschliesslich im Rahmen der gegebenen Verhaeltnisse zu geschehen. Andere Verhaeltnisse anzustreben, ist "undemokratisch". Der Gipfel der Volkssouveraenitaet ist das Kreuzchenmalen auf den Kandidatenlisten der staats- und unternehmerfinanzierten Parteien.

 

- Damit wird die Arbeiterklasse nicht nur von ihrer Geschichte, sondern von ihrer Interessenslage selbst abgeschnitten. Gedacht und getan werden soll nicht das, was aus dieser Lage entspringt, in souveraener Entscheidung derjenigen, die es angeht, sondern reduziert werden auf das im Rahmen der gegebenen Verhaeltnisse und ihrer "Spielregeln" "Machbare", das beruehmt-beruechtigte "kleinere Uebel".

"Schaut, ihr lebt doch im grossen und ganzen so gut, wie Lohnabhaengige nie gelebt haben. Riskiert das doch nicht !"

 

- Das ist das angebotene Kalkuel, und es hat in den reichen Regionen des Planeten fuer einige Jahrzehnte verfangen, weil es eine gewisse materielle Entsprechung gab.

Dieses Kalkuel hat Jahr fuer Jahr weniger realen Inhalt. Der "Klassenkompromiss" ist seit zwei Jahrzehnten von der Kapitalseite in seiner materiellen Substanz aufgekuendigt. Es geht laengst nicht mehr um Besserstellung der Arbeitenden, sondern um den bestenfalls "milden Verlauf" ihrer Schlechterstellung. Die urspruengliche Bedeutung des Wortes Reform ist in ihr direktes Gegenteil verkehrt worden.

 

Dass die ueberwiegende Mehrheit der Arbeiterklasse in den Metropolen sich auf den "Klassenkompromiss" eingelassen hat, war historisch kurzsichtig. Aber immerhin lag dem ein Kalkuel zugrunde. Wenn aber heute nicht begriffen wird, dass die Kalkulationsgrundlage abhanden kommt, verwandelt sich berechnendes Kalkuel in Dummheit.

 

So dumm sind die arbeitenden Menschen auf die Dauer wohl nicht. Jedenfalls waere es ein ruinoeser Fehler, die Sozialpartnerschafts-Illusionen durch noch dumpfere Taeuschungen zu ersetzen: die "Standort"-Treue in den "Nationalismus pur" zu verwandeln, das Gemaule ueber "die da oben" in die Gefolgschaft gegenueber faschistischen Betruegern, die Reste demokratischer und humaner Gesinnung in die ideelle Unterstuetzung der Menschenrechts- und Demokratie-Exporteure in Militaerstiefeln.

 

Das steht an: Nach links, zu den eigenen Interessen; oder nach Rechts, den auf Verarschung berechneten Wahngebilden der Freedom&Democracy Ltd.-Exporteure und der Faschisten hinterher.

 

Die sich zusammenbrauenden sozialen und politischen Erschuetterungen des 21. Jahrhunderts werden von der gemuetlichen Grillparty- und Malle-Mitte nicht viel uebrig lassen. Wer nicht anfaengt, selbst zu denken, wird bedacht. Fuer den wird am Hindukusch die Freiheit verteidigt, sind an den neuen Hungerloehnen die Immigranten schuld, muss sich die ganze Welt nach ein paar reichen und maechtigen Laendern richten und sich von ihnen ausbeuten lassen.

 

Die Lohnabhaengigen in den reichen Metropolen stehen vor der Wahl, sich wieder selbst um die eigenen Angelegenheiten zu kuemmern und den Kampf gegen die Monopolkapitalisten wieder aufzunehmen, die die Welt in den Abgrund fuehren - oder sich der Bourgeoisie weiter unterzuordnen und ihr weiter als maulender oder fanatisierter bewusstloser Haufen hinterher zu trotten, immer weiter in Richtung der Hoelle auf Erden.

 

Die Wahl mag eine Qual sein, die Soap in der Glotze und das Videospiel moegen als angenehmer erscheinen. Aber dass sie getroffen werden muss, haengt von niemandes Meinen und Wollen ab. Es handelt sich um die objektiven Entwicklungstendenzen der historischen Epoche in der wir leben. Ihnen gegenueber kann man sich bewusst verhalten oder den Kopf in den Sand stecken. Ein Entkommen gibt es nicht. Wer nicht selbst fuer sich entscheidet, ueber den wird entschieden.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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C
<br /> <br /> Sie haben es beeindruckend auf den Punkt gebracht. Ein bedenkenswertes Manifest fuer jedes Mitglied der beherrschten Klasse. Danke dafuer. Mut und Erfolg fuer das kommende Jahr!<br /> <br /> <br /> citizen<br /> <br /> <br /> <br />
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