Interview mit einem griechischen Kommunisten

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

»In den Angriffen auf das Volk sind sie sich einig«

Für griechische Kommunisten ist nicht Merkel, sondern die Bourgeoisie ihres Landes der Hauptfeind. Ein Gespräch mit Yiannis Gkiokas

 

Olaf Matthes

In: junge Welt online vom 22.10.2012

http://www.jungewelt.de/2012/10-22/020.php

 

Yiannis Gkiokas ist Mitglied des Büros des Zentralrats der kommunistischen Jugend (KNE) und Abgeordneter der kommunistischen Partei Griechenlands (KKE) im griechischen Parlament

 

Am 18. Oktober hat wieder ein Generalstreik in Griechenland stattgefunden.

Wie haben die Kommunistische Partei und der Jugendverband für diesen Streik mobilisiert?

 

Unsere Partei versucht, den Klassenkampf in den Betrieben zu organisieren.

 

Wir wollen ein soziales Bündnis aufbauen zwischen der Arbeiterklasse und den anderen werktätigen Schichten, die von dieser barbarischen Politik betroffen sind. Dabei geht es um die Arbeit, die jeder einzelne Genosse an seinem Arbeitsplatz macht, es geht um die Arbeit der Komitees von PAME, der klassenorientierten Gewerkschaftsfront. In diesem Rahmen finden täglich Kämpfe statt, zum Beispiel dafür, daß alle Zugang zu medizinischer Versorgung haben, oder für Bildung. Das wichtigste ist, daß die Menschen Klassenbewußtsein entwickeln - »Die Plutokratie muß für die Schulden bezahlen!«, das ist eine unserer Losungen in diesen Kämpfen.

 

Inzwischen ist die Hälfte der Jugendlichen arbeitslos. Wie bindet ihr die Arbeitslosen in die Bewegung ein?

 

Das ist natürlich eine sehr wichtige Aufgabe, wir müssen die Arbeitslosen davon überzeugen, sich an den Kämpfen zu beteiligen. Und sie müssen sich organisieren. Das können die Gewerkschaften im Moment nicht leisten.

 

Deshalb versuchen wir, Komitees der Arbeitslosen in den Vierteln zu bilden.

 

In diesen Komitees geht es um alle Fragen des täglichen Lebens, um die Arbeitslosenunterstützung oder den Widerstand, wenn einem Haushalt der Strom abgestellt werden soll. Die Komitees haben die Arbeitslosen auch immer in die Mobilisierung zu den Generalstreiks einbezogen - an der Seite der PAME.

 

Gleichzeitig sagt ihr, daß es im Moment besonders auf die ideologische Arbeit ankommt. Wie sieht diese Arbeit aus?

 

Da gibt es ganz unterschiedliche Formen. Nur ein Beispiel: Die KNE hat ein Buch herausgebracht, Lügen und Wahrheit über den Sozialismus. Wir stellen dieses Buch in den Schulen und Universitäten vor und machen damit Veranstaltungen in den Stadtteilen und Dörfern. Wir diskutieren über die Auffassungen der Partei. Das ist ein Teil. Der wichtigste Teil unserer ideologischen Arbeit ist aber innerhalb der Bewegung. Die bürgerlichen und opportunistischen Parteien sagen: Die Krise ist eine Schuldenkrise, eine andere Regierung kann die Schulden neu verhandeln. Und wir sagen: Die Krise ist ein Resultat der kapitalistischen Produktionsweise. Und darüber wird natürlich auch in den Versammlungen der Gewerkschaft diskutiert - über den Charakter der Krise, über den Kapitalismus, über die Lösung.

 

Aber warum stehen für euch diese ideologischen Fragen so im Vordergrund? Gibt es im Moment keine dringenderen Probleme in Griechenland?

 

In der gegenwärtigen Lage kann man nicht den kleinsten Kampf führen, ohne Klarheit über bestimmte ideologische Fragen zu haben. Die Leute sagen doch: Gut, ich kämpfe. Aber wofür, was ist die Perspektive? Darauf müssen wir antworten. Die Parteien, die das kapitalistische System unterstützen - ND, PASOK, DIMAR, SYRIZA, Unabhängige Griechen und Goldene Morgendämmerung - schüren die Illusionen der Menschen; sie sagen, es könne eine einfache Lösung der Krise geben, ein besseres Management der Krise könne die Probleme lösen. Und viele Menschen, auch aus der Arbeiterklasse, glauben das. Das haben wir bei den letzten Wahlen gesehen. Aber der einzige Ausweg aus der Krise, der im Interesse des Volkes ist, ist die Macht des Volkes und die Wirtschaft des Volkes. Ohne eine Weiterentwicklung im Bewußtsein der Massen können wir keine Schritte nach vorn gehen, nicht nur zum Sozialismus, sondern nicht einmal für den Klassenkampf von heute.

 

Als Merkel vor zwölf Tagen nach Athen kam, wurde sie auf einigen Demos als koloniale Eroberin bezeichnet. Ihr seid damit nicht einverstanden. Warum?

 

Merkel, die deutsche Bourgeoisie, die EU - das sind Partner der griechischen Bourgeoisie. Natürlich gibt es Widersprüche zwischen ihnen.

 

Aber in ihren Angriffen auf das Volk sind sie sich doch völlig einig. Von einer Kolonisierung Griechenlands zu sprechen, das bedeutet, die griechische Bourgeoisie von ihrer Verantwortung freizusprechen. Und es nutzt auch Kräften wie der Goldenen Morgendämmerung. Nur gegen Merkel zu kämpfen, das lenkt vom wirklichen Feind ab. Denn unser Hauptfeind ist die griechische Bourgeoisie.

 

via http://www.triller-online.de/index2.htm

 

 

 

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