20 Jahre kapitalistische Freiheit - Ergebnisse in Rumaenien

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

 

In Rumaenien ging es in den letzten Jahren der Regierung Ceausescu wirtschaftlich abwaerts. Damals wurden die Zustaende in diesem Land in den westlichen Medien in den duestersten Farben gemalt. Die Schwíerigkeiten waren ein Nichts im Vergleich zur heutigen Armut. Manchmal verirrt sich eine Information darueber sogar in die buergerliche Presse. Ein Beispiel ist der folgende Artikel im oesterreichischen Standard:

 

Rumänien
Fünf vor zwölf in Bukarest

Im zweitärmsten EU-Staat wurde vor wenigen Wochen die Mehrwertsteuer um fünf Prozent angehoben – Den Rumänen steht das Wasser bis zum Hals

Bukarest - Es ist sieben Uhr morgens und der Verkehr rund um den Arcul de Triumf ist bereits zum Erliegen gekommen. In den Autobussen, die im Stau in dem mehrspurigen Kreisverkehr stecken, fächeln sich Bukaresterinnen mit bunten Fächern heiße Luft zu. Caniculă: Die Hitzeperiode lähmt die rumänische Hauptstadt. Aber es ist nicht nur die glühende Sonne, die den Rumänen dieser Tage den Schweiß auf die Stirn treibt. Es ist auch die Finanzkrise, die das Land beutelt. 

 

20 Milliarden Euro beträgt das Staatsdefizit. Nachdem EU, Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF) die Regierung um Staatspräsidenten Traian Basescu ins Gebet genommen hatten, hatte dieser rigorose Sparmaßnahmen verkündet: Eine Kürzung der Beamtengehälter um 25 Prozent und der Pensionen um 15 Prozent. Daraufhin gingen vor einigen Wochen in Bukarest zehntausende Menschen auf die Straße, um zu demonstrieren. Ab September sollen sämtliche Schulen des Landes, mit weniger als zweihundert Schülern und alle Kindergärten mit weniger als hundert Kindern geschlossen werden. Die gratis U-Bahnzeitung „Adevărul" (Die Wahrheit) konterte mit dem Vorschlag diverse Museen zu schließen - sie würden ohnehin nur von einer Handvoll Touristen und der hauchdünnen rumänischen Oberschicht besucht. Wozu dafür also staatliche Gelder verschleudern?

 

Weil sich die geplante Pensionskürzung schließlich als verfassungswidrig herausstellte, wurde kurzerhand die Mehrwertsteuer um fünf Prozent angehoben, um das Budgetloch zu stopfen. Für den Großteil der Rumänen ist das Leben im zweitärmsten Mitglied der Europäischen Union damit zu einem reinen Überleben geworden: Zum Sterben sind die Geldtaschen gerade noch voll genug.

 

Gestrandet am Straßenrand

 

Eine Busstation vom Arcul de Triumf entfernt, schälen sich Adrian und Alin aus einem Schlafsack. Zu zweit haben sie die Nacht auf einer Parkbank entlang des Zaunes des größten Parks der Stadt, Herăstrău, verbracht. Während Alin die gemeinsame Morgenzigarette anraucht, fängt Adrian mit den Händen die Tautropfen, die auf den Blättern der Sträucher glitzern zusammen, und wäscht sich damit den Schlaf aus den Augen. Alin spuckt sich in die Hände und wischt über seine weißen Shorts. Dass die beiden seit drei Wochen die selben rosafarbenen T-Shirts und kurzen Hosen tragen, und Nacht für Nacht eine Parkbank und einen Schlafsack teilen, sieht man ihnen nicht an. Sie haben Übung im Leben auf der Straße. 

Ihre Frauen und Babys haben die beiden 23-Jährigen bei den Eltern zurückgelassen. Täglich suchen sie in den Gratiszeitungen nach Jobinseraten. „Entweder, die Stellen sind schon vergeben, oder die Jobs sind Scheiße", sagt Adrian. Vor zwei Wochen hatten sie gemeinsam auf einer Baustelle angeheuert: 50 Lei am Tag, rund zehn Euro - deutlich über dem Durchschnittslohn, der bei monatlich rund 150 Euro liegt.Doch die gute Bezahlung hatte ihren Preis: Zwölf Stunden täglich mit einem Hammer und bloßen Händen einen Häuserblock niederreißen. Sechs Tage die Woche. Adrian schmiss den Job nach einem Tag, Alin hielt eine

 

Adrian schmiss den Job nach einem Tag, Alin hielt eine Woche durch: „Diese Arbeit bringt dich ins Grab", sagt er und zeigt seine Handflächen, die immer noch mit milimetertiefen Löchern übersät sind. Außerdem: „Du kaufst dir zwei Sandwichs, Zigaretten und eine Flasche Wasser und weg sind die 50 Lei, für die du zwölf Stunden lang gebuckelt hast, wie ein Pferd. Es bleibt nichts übrig", sagt Alin. 

Mittlerweile gibt es für die beiden weder Vor noch Zurück: Die Guthaben ihrer Handys sind aufgebraucht, sie haben kein Geld für den Bus, um die Stadt zu verlassen und nach Hause zu fahren. Sie sind auf der Straße gestrandet und lassen sich vom Zufall treiben: „Wir schlafen, wenn wir einen ruhigen Platz finden. Wir essen, wenn und was wir finden, und wenn wir irgendwie an ein bisschen Geld kommen, dann haben wir sogar Zigaretten und einen Becher Kaffee", sagt Adrian. „So ist das Leben in Rumänien", und spuckt auf den Boden. ...

 

(Birgit Wittstock, derStandard.at, 8.8.2010)

 

 

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U
<br /> <br /> Informationen aus erster Hand, eine bewegende Schilderung der praktischen Auswirkungen der rumänischen Finanz- und Sozialpolitik.<br /> <br /> <br /> <br />
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