Dieserseits und Jenerseits 1
Cool drauf
Bist du cool drauf ? Locker, entspannt ? Laesst dus easy gehn ? Machst dir ein geiles Leben ? Oder laeufts nicht so gut ? Ist irgendwie alles Scheisse ? - Nun, es ist eben mal so, mal so. So ist es eben. So ist das Leben. Der Trick, der zu lernen ist: das Angenehme zu maximieren und das Unangenehme zu minimieren.
Vielleicht diese Haltung zusammenfassend, sagte mir eine junge Frau einmal, so um die Jahrtausendwende: "Mein Leben muss nicht grossartig werden, aber besonders." Der Satz klang nach Lebensmotto. Er war mir hauptseitig sympathisch. Ich assoziierte: Sie will nicht den vorgestanzten Gluecksverheissungen nachrennen. Sie will kein Hamster im Rad, kein Raedchen im Getriebe sein. Sie will sich ihren eigenen Weg suchen. - Gleichzeitig schien mir, in dem Satz liege eine gewisse Mattigkeit, eine selbstgenuegsame Bescheidung. Hatte das nicht, bei einem jungen Menschen, etwas Erstaunliches und Befremdliches ?
Die junge Frau hatte das Gymnasium, ziemlich nebenbei, erfolgreich beendet. Sie haette es "zu etwas bringen koennen", worauf immer sie ihre Faehigkeiten geworfen haette. Aber sie jobbte mal hier und mal da. Sie bereiste allein als Rucksacktouristin Mexiko. Sie begann ein Studium, brach es bald wieder ab. Ein Jahrzehnt spaeter jobbt sie immer noch, ist in den Sueden gezogen, ins Warem, ans Meer.
Um das, was "aeusserlich" passiert, geht es wohl nicht. Es geht um das "Dazwischen", darum, wie "das Leben sich anfuellt". Und das Ideal dieses Lebensgefuehls ist wohl dieses cool, locker, entspannt "Drausein", fun und easy-going. Was zu vermeiden ist, ist schlecht daruf zu sein, sich das Leben schwer zu machen, in irgendetwas haengen zu bleiben.
Ich kannte die Eltern der jungen Frau. Sie waren "68er" gewesen, mehr von der Hippie-Flower-Power-Variante, aber doch auch irgendwie vage politisch. Das eine war damals mit dem anderen verwoben. Gegen den Vietnam-Krieg, gegen als bedrueckend und ungerechtfertigt empfundene Ornungsvorschriften waren damals viele, und man tat das auch gemeinsam kund. Selbst die naiv-privatistische Parole "Make Love - not War" meldete noch einen gesellschaftsveraendernden Anspruch an. Alles sollte anders werden, das private Leben UND die Gesellschaft, und zwar nicht irgendwie ein bisschen, sondern radikal.
Ist es nicht eigenartig, wie verschieden die Haltungen und Erwartungen zweier aufeinander folgender Generationen sein koennen ? - Eine kuehn, wild, auf wirre Art revolutionaer, sich an Ideen begeisternd, ueber alle Moeglichkeiten hinausphantasierend - und die naechste becheiden, nach innen gewendet, die junge Kraft vorwegnehmend zuegelnd, jeder gesellschaftsbezogenen Idee gegenueber misstrauisch wie vom Leben abgestumpfte Greise, politische´m Engagement gegenueber ablehnend und abschaetzig ...
Es mag schon sein, dass das Eine eine Reaktion auf das Vorhergegangene ist. Die Elterngeneration ist mit ihren hochfliegenden kulturrevolutionaeren und politischen Traeumen und nicht selten auch in den privaten Lebenswegen gescheitert. Die Kinder, ihre laengst in die buergerliche Wohlanstaendigkeit zurueckgekrochenen Eltern vor Augen, versuchen erst garnichts.
Natuerlich ist jeder Versuch, ganze Generationen mit ein paar Saetzen zu charakterisieren, eine Vergroeberung der Wirklichkeit. Es mag dazu dienen, die Konturen hervorzuheben. Aber es ist mitzudenken:
Erstens waren die meisten Menschen, die in der "68er-Zeit" erwachsen wurden, keine "68er". Bei diesen handelte es sich um eine Minderheit, wenn sie auch ein Zeitgefuehl zum Ausdruck brachte und daher fuer eine Weile das gesellschaftliche Klima praegte. Und diese Minderheit war auch nicht von einem gemeinsamen Willen beseelt, sondern barg in sich verschiedene und gegensaetzliche Elemente - "Politisierte" und "kulturell Bewegte", Revolutionaere und Lebenskuenstler, Leute, die sich neuen (oder fuer neu gehaltenen) Ideen mit Haut und Haar verschrieben, und solche, die eher eine Mode mitmachten; Leute, die ein paar Jahre lang ihr jugendliches Ungestuem auslebten, und andere, die von "68" fuer ihr ganzes Leben gepraegt wurden; - und dies alles in der verschiedensten Mischungen und Uebergaengen. Die wenigstens engagierten sich in den damals wie Pilze aus dem Boden schiessenden "superrevolutionaeren" Parteien oder gingen nach Gomera. Und zehn oder zwanzig Jahre spaeter waren selbst die Superrevolutionaere laengst wieder brav (gruen) geworden und die Hippie-Zelte an den sonnigen Straenden Gomeras wieder durch zentralbeheizte Wohnungen im kuehlen Deutschland ersetzt.
Und gerade so bereisten auch die meisten Leute, die um die Jahrtausendwende herum erwachsen wurden, nicht ins Blaue hinein Mexiko, sondern buchten Billig-Tickets nach Mallorca. In der juengeren Generation gibt es die, die vor allem fun haben wollten; die, die den eigenen Bauchnabel fuer das Zentrum des Kosmos halten; und die, die es "zu etwas bringen" wollen und sich dafuer bis zum burning out abstrampeln, sind in der Mehrzahl, wie das auch bei der "68er-Generation" der Fall war.
Irgendwie hat aber jeder Generation ihre Traeume, gleich ob diese kuehn oder bescheiden sind. Die Ergebung ins Leben, "wie es nun einmal ist", die Verinnerlichung der Zwaenge und der sogenannten Normalitaet zur eigenen Natur, die Integration der aus der Gesellschaft kommenden Anforderungen in die eigene Persoenlichkeit - das ist ein langer, oft qualvoller Prozess, der eben "Erwachsenwerden" genannt wird. In gewissen Grenzen duerfen und sollen die Jungen ja Flausen im Kopf haben, traeumen, sogar ueber die Straenge schlagen. Sie sollen sich ja die Hoerner abstossen an den Mauern der guten Ordnung, um schliesslich die Pfort zu finden, die in die lieblichen Gefilde der Angepasstheit, des Sich-Fuegens, der Alltagstauglichkeit und -tuechtigkeit fuehrt.
Gerade hier gibt es zwischen der 68er-Generation und ihren Kindern doch eine Kontinuitaet, die zwar nur von einer Minderheit getragen wird, aber einer bedeutenden und in der juengeren Generation eher sogar groesser gewordenen.
(Fortsetzung folgt)