Dieserseits und Jenerseits 2

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Verweigerung

Viele Millionen Menschen verweigern in den Metropolengesellschaften in gewisser Weise das "normale Erwachsenwerden". Die "68er" haben damit angefangen. Ihre Kinder machen damit weiter, auch wenn sich die Erscheinungsformen unterscheiden.Sie intergrieren sich nicht nach wenigen Jugendjahren des Suchens und Orientierens, sondern ziehen die Sache hin, brauchen fuer die Anpassung ein oder zwei Jahrzehnte oder bleiben ihr Leben lang "draussen", irgendwie. Die "Aussteiger", die "Alternativen,, die am Drogenkonsum zugrunde Gehenden, die Kids, die 2006 in Frankreich innerhalb weniger Wochen 40 000 Autos abgefackelt haben, fallen auf. Die Durchschlaengler, die sich von einem Job zum naechsten hangeln und sich so wenig wie moeglich in der Muehle verausgaben, sind vielleicht noch zahlreicher, fallen aber weniger auf. Und die, die scheinbar "ganz normal funktionieren, sich vorschriftsmaessig mit Konsumentenkrediten verschulden, jeden Tag acht Stunden oder laenger malochen, in Videospielen den Massenmord ueben, die Hypothek abstottern - jedoch "bei sich", "innerlich", in ihren Traeumen, im Wochenendrausch, im second life ihre Sehnsucht nach einem "anderen Leben" ersatzbefriedigen - fallen fast gar nicht auf.Sie leben aber auch in einer Art innerem Exil, heimatlos, von Mode zu Mode irrend, sich selbst nicht recht ernst nehmend und sich selbst in den toughen Phasen Wirrkopf und Trantuete schimpfend. Noch die Exzesse der Freizeitindustrie sind gerade deswegen ein so gutes Geschaeft, weil sie die Leere und Sinnlosigkeit zu fuellen versprechen.

Andere, in Westeuropa seit den 1990er Jahren bestaendig an die zehn Prozent der Bevoelkerung im Erwerbstaetigenalter, wuerden vielleicht gern funktionieren, fuerfen aber nicht. "Die Wirtschaft" braucht sie nicht. Fuer das Jahr 2006 vermeldet zum Beispiel ein OECD-Bericht, in der EU seien 16,5 Prozent der Leute im Alter zwischen sechzehn und vierundzwanzig Jahren arbeitslos, und im Wirtschaftswunderland Spanien arbeiten im Jahr 2007 um die 65 Prozent dieser Altersgruppe , die ueberhaupt Arbeit haben, unter prekaeren Bedingungen - mit Saison- und befristeten Vertraegen und gewoehnlich ziemlich schlecht bezahlt.

- Wenn man lange nicht darf, vielleicht als Jugendlicher noch nie gedurft hat, entwoehnt man sich, beziehungsweise gewoehnt sich erst gar nicht, und faengt an, nicht mehr zu koennen und nicht mehr zu wollen. Wenn die Normalitaet wenig Perspektive bietet, schaut man sich nach Alternativen um. Beide Stroeme fliessen zusammen und ineinander. Die haengengebliebenen "68er" kommen hinzu. Insgesamt handelt es sich um einen nicht kleinen Teil der Bevoelkerung, der bestaendig oder zeitweise "draussen" ist - oder dem Anschein nach "drin", mit dem Kopf und noch mehr mit dem Herzen aber eher "draussen". Es sind jedenfalls so viele, dass sie auf die gesellschaftliche Stimmung praegend einwirken: eine schwer fassbare Unzufriedenheit, Frustration, misslauniges Gemaule und dunkles Grummeln, das Leibaeugeln und Spielen mit einem "alternativen Leben" konterkarieren die "politisch korrekten" Leitideen von Leistungsbereitschaft, Karrierestreben, Konsum, Identifikation mit der gesellschaftlichen Ordnung.und dem Staat.

Die Gesellschaft leistet sich ein totes Gewicht, das schon ziemlich schwer wiegt und schwerer zu werden scheint. Es ist - noch ? - hauptsaechlich ein totes Gewicht, kaum eine aktive Kraft. Die Formen der Ablehnung und auch die der Auflehnung sind in der Masse naiv, spielerisch, theatralische Geste. Die Aengste vor einer katastrophalen Entwicklungsrichtung des Mensch-Natur-Verhaeltnisses und Untergangsphantasien stehen in einem absurden und laecherlichen Verhaeltnis zu den Mitteln des Aufbegehrens - die Jute- anstatt der Plastiktuete, vegetarische anstatt Fleischnahrung (zweimal die Woche), das Wahlkreuzchen bei den Gruenen (ausgerechnet). Der Totalitarismus der kapitalistischen Verwertungsmaschinerie verwandelt diese Sorte von "Widerstand" ... in ein zusaetzliches Marktsegment, des Waren- wie des politischen Marktes.

Die profitgeilen Dummkoepfe in den Konzernzentralen und Regierungen halten, im Hochmut der Macht, die Hinnahme der Unlust der freiwillig draussen Bleibenden und das aktive Ausraeumen des Personals, das sich nicht profitabel genug verwenden laesst, fuer die Einsparung unnoetiger Kosten. Man trachtet, die aus eigenem Antrieb so wenig wie moeglich im Verwertungsrda tretenden Leute und die, die man hianuswirft, sich selbst zu ueberlassen. Gefragt ist "Eigenverantwortung". In die "soziale Haengematte" werden groessere und groessere Loecher geschnitten. Sollen die Leute doch gucken, wie sie durchkommen. Das foerdert den Erfindungsreichtum im Ueberlebenskampf und vor allem die Bereitschaft, fuer fuenf Euro Stundenlohn zu arbeiten. Die mit den mehr gefuehlten als durchschauten Gefahren einhergehenden Verzichts- und Bescheidenheits-Ideologien, die die Leute sich selber basteln, sind als weltanschauliche Ueberhoehung dieser profanen Vorteile fuer die Reichen durchaus willkommen und verdienen kraeftige mediale Foerderung.

- Die Herrschaften beginnen aber trotzem bereits zu erfahren, dass Kosten zu sparen kostet. Die Riots in den Suburbs sind ein erstes Wetterleuchten. Die verbissen strebsame Gemuetlichkeit ist entgueltig vorbei. Das alternative Genoergel ist eine Uebergangsform, das unbeholfene Stammeln, das erst zur klaren Sprache werden muss, das Gaeren der Gedanken, bevor sie zu Entschluessen und Plaenen werden. Von Jahr zu Jahr wird offensichtlicher, dass die Kluft zwischen den Armen und den Reichen tiefer wird. Die Reichen muessen wieder Mauern um ihre Wohnsitze ziehen lassen.Jede groessere Konferenz muss von der Polizei in Divisionsstaerke geschuetzt werden. Die Ghettos von Paris, London, Rom, Barcelona zwingen die Reichen spiegelbildlich zur Selbstghettoisierung in ihren Luxusinseln.

Denen, die in die Muehle wollen, bleibt nichts anderes uebrig. Sie haben in der Regel nichts anderes als ihre Arbeitskraft, die sie verkaufen muessen, um ihr Leben zu fristen. Wenn man sie nicht laesst, ist klar, dass ueber ihr Leben entschieden wird, von oben, vom "Sachzwang".

Und die, die nicht wollen - ist ihre Renitenz freie Entscheidung ? Entkommen sie den Zwaengen wirklich ? In der Regel haben sie ja auch kein anderes Mittel zum Leben als ihre Arbeitskraft. Die Problemlage unterscheidet sich nicht von der der Willigen.

In der Muehle wartet das Herstellen, Verkaufen, Designen, Bewerben irgendwelcher Produkte, von denen es viele besser gar nicht gaebe. Selbst wenn es sich um den Bau von Wohnungen, das Teeren von Strassen, den Druck von Buechern, die Herstellung von Kleidung und Nahrungsmitteln, die Entwicklung der neuesten Software und die Vielzahl anderer nuetzlicher Sachen handelt, haftet fast allem an, dass der Verschleiss schon eingebaut ist, das simpler Joghurt als Medizin, Medizin als Nahrungsmittel, Autos und Kuecheneinrichtungen als Persoenlichkeitsersatz verkauft werden. Die Verarschung der Menschen mit kuenstlicher "Bedarfsweckung" und Konsum als Ersatzbefriedigung, das Vollstopfen der Maerkte mit immer gefinkelterem Schrott, die rasenden Folgen der Technik-Generationen und Moden - die Produktion zum Zweck, nicht Beduerfnisse zu befriedigen, sondern aus Geld mehr Geld zu machen, haftet allem an wie ekliger Schleim. Zwei Doeschen Schneckenschleimextrakt fuer neunundsiebzig Euro plus Porto loesen meine Hautprobleme. Und waehrnd ich mir damit den Bauch einschmiere, guckt ein hungriges afrikanisches Kind aus der Glotze, noch im Verrecken zur Schau gestellt von einem TV-Team aus irgendeiner Metropole. Das macht keinen Spass. Das macht noch die Billig-Fleischwurst von Aldi zum Luxusfrass, bei dem man auch noch ein schlechtes Gewissen haben muss.

Aussteigen oder sich abstrampeln ? Die immer noch massenhafteste Variante ist, alle Muehe aufzuwenden, um in die Muehle hineinzukommen und drin zu bleiben; sich im arbeitszeitverdichteten Job stressen; die bestaendige Angst, es irgenwann einmal nicht mehr zu schaffen, bei denen zu sein, die der naechsten Rationalisierung zum Opfer fallen; sich nach oben ducken und nach unten treten; die kleine Karriere mit ein wenig Glueck und ein wenig Ellenbogen; die ewige Warterei auf das bessere Leben und den letzten Rest Freiheit - Feierabend, Wochenende, Urlaub ... wenn die Karriere klappt ... wenn die Hypothel abbezahlt ist ... wenn sich endlich der Lottgewinn einstellt ... wenn die Kinder auf eigenen Beinen stehen ... wenn die Lebensversicherung faellig ist ... Nicht wenige packen es irgenwann nicht mehr - Zusammenbruch, Klapse, Leben unter der Bruecke, Thailand, Suicid, Amok. Unter dieser Spitze der groesste Teil des Eisbergs: die im Zaum gehaltenen Unlustgefuehle, der taeglich bezwungene innere Widerstand. Das kostet bloss die Ausbildung von allerlei Schrullen, Neurosen, Allergien, die gewoehnlich in nicht existenzgefaehrdendem Rahmen bleiben. In jedem Fall hat aber die Selbstverstuemmelung, die der Inhalt des Erwachsenwerdens und -seins in den Reichtumsmetroplen ist, einen stolzen Preis.

Was dafuer zu kriegen ist, ist den Preis nicht wert. Die Muehle hat nicht viel zu bieten. Ein sinnerfuelltes Leben, soziale Sicherheit, Freiheit von Angst gibt es selten. Das ergatterbare Quentchen "gehobenen Konsums" ist einfach zu teuer bezahlt. Also wendet sich eine wachsende Zahl von Menschen von der "Normalitaet" ab. selöbst, wenn sie zu haben ist. Nur noch am Rande mitmachen; sich so wenig wie moeglich, zeitweise, teilzeitweise abstrampeln; lieber die Konsumansprueche reduzieren; sich nach Moeglichkeit in einer Nische einrichten, in der es, veremintlich oder wirklich, noch mehr Selbstbstimmung gibt; sich irgendwie durchschlaengeln, moeglichst viel Zeit fuer sich und autonome Zwecke behalten ... Dies kleinen Freiheiten werden zum Ideal und fuer viele zum Lebensmotto. - Wie die junge Frau sagte: "Mein Leben muss nicht grossartig werden, aber besonders." Und in der noch mitmachenden Menge grummelt und motzt es. Es braut sich wohl etwas zusammen.

Die Ausweg ins Individuell-Alternative sind meistens Illusion. So lustig ist das Gelegenheitsarbeiter-Leben, das man zeitgeistig Jobben nennt, gar nicht. Bestaendig ereilt einen doch genau das, dem man zu entkommen versucht. Der kapitalistischen Totalitaet ist nicht wirklich zu entkommen, indem man sich in ihre Ausfransungen und Randzonen stiehlt. Ihre Funktionsmechanismen werden durch individuelle Verweigerung nicht ausser Kraft gesetzt und wirken auch auf die Verweigerer. Und die selbstbestimmte Individualitaet gar nur zu traeumen, sich im eigenen Kopf eine eigene virtuelle Welt zu bauen, ist erst recht nicht gerade zielfuehrend.

Weder die Mitmacher noch die Verweigerer stellen die Frage, die letzten Endes gestellt werden muss: Veraenderung des Bedrueckenden, Einengenden, Krankmachenden, Ausschliessenden, des bloedsinnigen Luxus der der empoerenden Armut, der verrueckt gewordenen Verwertungsmaschinerie, die Menschen als Rohstoff verschlingt, sie zu Konsumidioten und verhausschweinten Staatsbuergern macht. Sich mit Haut und Haaren verwursten zu lassen oder sich am Rande durchzuschlaengeln - das Eine wie das Andere ist klaeglich, selbstentwuerdigend, selbstzerstoererisch.

(Fortsetzung folgt)

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Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

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C
<br /> <br /> Nochmal beeindruckend. Aufrichtig und erschuetternd durch die Aufrichtigkeit. Nachvollziehbar, trotz des Altersunterschiedes. Notwendige Auslassung, Voraussetzung fuer eine konstruktive<br /> Auseinandersetzung. Uebertragbar auf die Folgegeneration, allerdings noch gesteigerter. Es gibt keinen Ausweg aus der Muehle. Die Muehle ist das Leben im Kapitalismus. Der Ausweg daraus waere der<br /> Ausweg aus dem System. Der ist ohne Revolution nicht zu haben.<br /> <br /> <br /> viele Gruesse<br /> <br /> <br /> citizen<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Ausweg Revolution: schon, finde ich auch. Schwieriger als der Befund ist rauszufinden, wie wir sie machen können.<br /> <br /> <br /> <br />