Buecher: " Heinrich IV. " , von Heinrich Mann
Heinrich Mann ist nicht nur "der Bruder von Thomas Mann, der auch Buecher geschrieben hat". Er ist ein bedeutender deutscher Autor der ersten Haelfte des 20. Jahrhunderts. Mich hat sein zweibaendiger historischer Roman ueber das Leben des franzoesischen Koenigs Heinrich IV. am meisten beeindruckt . Heinrich Mann macht in diesem Werk, finde ich, verstehbar, "wie Geschichte geht".
Heinrich IV. spielte in der franzoesischen Geschichte eine bedeutende Rolle. Er schuf die Grundlagen eines grossen Flaechenstaats unter den Bedingungen einer Feudalgesellschaft und legte den Grundstein zum franzoesischen Absolutismus. Diese "besonders reine Form" der Feudalherrschaft fuehrte drei Jahrhunderte spaeter zur franzoesischen buergerlichen Revolution, deren besondere Radikalitaet daraus entsprang, dass die Feundalherrschaft im Absolutismus sozusagen bis zum Exzess zugespitzt wurde und der Aufstand gegen sie entsprechend erbitterte Formen annahm. Die franzoesische Revolution wurde dadurch ihrerseits zum Inbegriff der buergerlichen Revolution und zum Vorbild der Erhebungen und des Herrschaftsantritts des Buergertums im 19. Jahrhundert. Heinrich Mann arbeitet mit psychologischer Einfuehlsamkeit und auf der Grundlage umfassenden geschichtlichen Wissens heraus, wie sich ein Mensch - der schliessliche Henrich IV. - mit der Logik der "politischen Notwendigkeiten" aus einem fuer seine Zeit freigeistigen, man koennte sagen: forschrittlichen, Adeligen (er enstammt dem kleinen Koenigshaus von Navarrra) zum Staatsmann entwickelt, der schliesslich jede persoenliche Ueberzeugung und jede Moral dem "Staatsinteresse" opfern "muss". Es ist auch fuer die heutige Zeit lehrreich, dass moralische und ideelle Berufungstitel oft nur der Rauchvorhang sind, hinter dem sich die wirklichen Interessenskaempfe zwischen den sozialen Klassen (und innerhalb der herrschenden Klasse) abspielen.
Heinrich Mann war, trotz seines gutbuergerlichen Elternhauses, von Jugend auf ein ehrlicher, nicht verbiegbarer Linker. Er war schon Gegner des I. Weltkriegs und entzweite sich darueber mit seinem Bruder Thomas, der diesen befuerwortete. Als Hitler an die Macht kam, floh er zunaechst nach Suedfrankreich (Nizza), spaeter in die USA. Er war damals schon ein angesehener Literat. Die Nazis erkannten im die deutsche Staatsbuergerschaft ab und strichen ihn aus der Liste der Mitglieder der Preussischen Akademie der Kuenste. 1936 erwarb Heinrich Mann die tschechische Staatsbuergerschaft. Nach dem Krieg war er als erster Staatspraesident der DDR im Gespraech. Zu der geplanten Rueckreise nach Deutschland kam es aber nicht mehr. Er starb 1950 in den USA.
Der S. Fischer Verlag Frankfurt/Main gibt seit 1994 Heinrich Manns gesammelte Werke in Einzelbaenden heraus. Bis 2006 sind elf Baende erschienen.