Zum Tag: Iraner haben falsch gewaehlt
Nach Angaben des iranischen Innenministeriums erhielt bei den gestrigen Praesidentschaftswahlen der Amtsinhaber Ahmadineschad 63 % der Stimmen, Mussawi 34 %, Rezai 1,8 % und Karruki 0,9 %. Die Wahlbeteiligung lag bei 85 %.
Die deutsche Kanzlerin bewertete die Ergebnisse "vorsichtig kritisch", wie es in der FAZ heisst, der bekannte Menschenrechtler Trittin fordert eine Untersuchung, Sprecher der US-Regierung wissen, dass Betrug die Wahlen faktisch illegal macht. Die FAZ weiss: "Politische Beobachter sprechen von einem "Staatsstreich" eines gewaltbereiten Teil des Regimes."
Da sind sie wieder, die Weltenrichter. Der Zungenschlag ist unterschiedlich. Aber ob irgendwo im Hungerleider-Teil der Welt eine Wahl legitim ist - darueber haben selbstverstaendlich die Aufsichtsmaechte das letzte Wort. Darum, ob eine Wahl fair verlaufen ist und Gewaehlte die Mehrheit repraesentieren, geht es dabei nicht. Worum es geht ist, ob die Richtigen, die Guten, naemlich die noch am ehesten dem Westen zugeneigten Politiker an die Macht kommen oder die Falschen, die Boesen, die, die sich der Bevormundung widersetzen. Dass im Libanon die prowestliche Koalition die Regierung stellt, obwohl sie 8 % weniger Stimmen erhalten hat als die west-kritische Gegenpartei, und auch sonst allerlei Anruechiges passiert ist, stoert keine demokratische Empfindlichkeit. Dass im Iran angeblich Betrug im Spiel war, ist dagegen unerhoert. Dass der gerade abgeloeste Fuehrer der freien Welt selbst zweimal durch Wahlbetrug in sein Amt kam, gehoert schon gleich gar nicht zum Thema.
VERFAZT UND ZUGEMUELLT
Ich verfolge seit gestern Nachmittag, was die FAZ zu den Wahlen im Iran ins Internet stellt. Tenor: Ahmadineschad hat wahrscheinlich durch Betrug gewonnen. Jetzt steht das Volk gegen den Betrueger auf. Das Unterdruecker-Regime reagiert darauf brutal. Am Abend stand dann Teheran praktisch in Flammen. Die demokratische Welt ist wieder einmal empoert.
"Die gut ausgeriuesteten Bereitschaftspolizisten", die "martialisch auftretende Polizei" gehen "mit grosser Brutalitaet" vor.
Die Gegenseite ? Nun ja: Die "Unmutsaeusserungen" aeusserten sich so: Die Demonstranten "warfen Steine" und "griffen mit Baumaterialien an." "Auf den Strassen, die zum innenministerium fuehren, liegen ueberall verbrannte Gegenstaende, Backsteine, Eisentraeger, Abfall."
Eine Art von "Unmutsaeusserungen" also, die die deutsche Polizei, die natuerlich nicht die Spur von martialisch ausgeruestet ist, stets mit sanftem Streicheln der Proestierer, aufmunternden Worten und Beifallsklappern mit dem Gummiknueppel auf den Plastikschutzschild, den unmartialischen, quittiert. Kaum einmal, dass die praktisch zivilen deutschen Polizisten einem Demonstranten ein Auge mit einer Gummikugel ausschiessen, kaum einmal, dass die Leute mit Wasserwerfern von der Strasse gespuelt werden, kaum einmal, dass sie mit Reizgasgranaten beschossen werden oder Pfefferspray mitten ins Gesicht gesprueht kriegen oder mal ein paarhundert Leute einen halben Tag lang eingekesselt und aus ihrer Mitte die faelligen Verhaftungen vorgenommen werden.
Das Gleiche ist noch lange nicht das Selbe. Bei den einen Demonstranten handelt sich um die sympathschen, bei den anderen um die unsympathischen. Auch wenn sie das Selbe tun, muss die Bewertung doch genau gegensaetzlich ausfallen. Fuer die verschiedenen Polizeien gilt das Gleiche. Man wird ja schliesslich noch eine Meinung haben duerfen.
Dieser freien Meinung zuliebe musste gestern denn auch Teheran am Rand des Buergerkriegs stehen. Es ist immer das gleiche langweilige Szenario. Kritikern der Boesen, nach Moeglichkeit bekanntenund inlaendischen, werden die Mikrofone vor den Mund gehalten. Gestern war Abtahi, ein ehemaliger Vizepraesident des Iran, die Hauptfigur. Er zaehlte der BBC die Betrugsvorwuerfe auf. "Das waren vielleicht die Signale loszumarschieren", schriebt die FAZ. Sie wird es wissen.
Derweil die Betrugsgeschichten rund um den Globus in alle Medien eingespeist werden, folgt im betroffenen Land Phase zwei. Das demokratieduerstende Volk, das endlich auch so demokratisch regiert werden will wie die freien Buerger des freien Westens, erhebt sich. Zumindest randaliert es. Zumindest tun das einige.
Noch ein Vergleich zu hiesigen Unruhen: Da sind die Demonstranten stets eine kleine radikale Minderheit, auch wenn mal Hunderttausende auf der Strasse sind. Gestern dagegen war in Teheran die ganze Stadt auf der Strasse, auch wenn es vielleicht nur wenige Tausend waren. In einem Leserbrief an die FAZ heisst es: "Lug und Trug" ...(Das war die FAZ-Uberschrift) ..." Das bezieht sich wohl auf die Berichterstattung. Da sind auf saemtlichen Bildern nicht mehr als einige Dutzend bzw. einige Hundert Demonstranten zu sehen." Und in einem anderen Leserbrief an die FAZ heisst es: "Inszeniert ist wohl dieses Kasperletheater fuer die Weltpresse. Die Frage ist nur, von wem ?"
Die Nahaufnahmen zeigen: Da demonstrierte nicht das gemeine Volk, sondern die bessergestellten Herrschaften. Die machen im Iran nicht gerade die Mehrheit der Bevoelkerung aus. Deshalb haben sie die Wahlen verloren.
Diese Schicht haette tatsaechlich ein freieres Leben, wenn im Iran wieder der Westen dominant werden wuerde. Fuer die Arbeiter und Bauern ist das Jacke wie Hose. Sie haben nicht das Problem, ob sie jederzeit nach Paris zum Shoppen fliegen koennen oder nach dem Staatsexamen eine green card fuer einen Job in Kalifornien kriegen, sondern wie sie ihre Familie ueber die naechste Woche bringen. Diese Leute haben sich von Mussawi nichts erwartet und lieber Ahmadineschad gewaehlt, von dem sie auch nicht viel zu erwarten haben.
Das ist schon der ganze Skandal. Und weil man diesmal real wieder mal nichts geputzt hat, pflegen die demokratischen Medien und Politiker des demokratischen Westens wenigstens den eigenen Duenkel und bekraeftigen ihren Anspruch, andere Laender zu konrollieren und zu dominieren. Vielleicht klappt es ja naechstes Mal.
Die deutsche Kanzlerin bewertete die Ergebnisse "vorsichtig kritisch", wie es in der FAZ heisst, der bekannte Menschenrechtler Trittin fordert eine Untersuchung, Sprecher der US-Regierung wissen, dass Betrug die Wahlen faktisch illegal macht. Die FAZ weiss: "Politische Beobachter sprechen von einem "Staatsstreich" eines gewaltbereiten Teil des Regimes."
Da sind sie wieder, die Weltenrichter. Der Zungenschlag ist unterschiedlich. Aber ob irgendwo im Hungerleider-Teil der Welt eine Wahl legitim ist - darueber haben selbstverstaendlich die Aufsichtsmaechte das letzte Wort. Darum, ob eine Wahl fair verlaufen ist und Gewaehlte die Mehrheit repraesentieren, geht es dabei nicht. Worum es geht ist, ob die Richtigen, die Guten, naemlich die noch am ehesten dem Westen zugeneigten Politiker an die Macht kommen oder die Falschen, die Boesen, die, die sich der Bevormundung widersetzen. Dass im Libanon die prowestliche Koalition die Regierung stellt, obwohl sie 8 % weniger Stimmen erhalten hat als die west-kritische Gegenpartei, und auch sonst allerlei Anruechiges passiert ist, stoert keine demokratische Empfindlichkeit. Dass im Iran angeblich Betrug im Spiel war, ist dagegen unerhoert. Dass der gerade abgeloeste Fuehrer der freien Welt selbst zweimal durch Wahlbetrug in sein Amt kam, gehoert schon gleich gar nicht zum Thema.
VERFAZT UND ZUGEMUELLT
Ich verfolge seit gestern Nachmittag, was die FAZ zu den Wahlen im Iran ins Internet stellt. Tenor: Ahmadineschad hat wahrscheinlich durch Betrug gewonnen. Jetzt steht das Volk gegen den Betrueger auf. Das Unterdruecker-Regime reagiert darauf brutal. Am Abend stand dann Teheran praktisch in Flammen. Die demokratische Welt ist wieder einmal empoert.
"Die gut ausgeriuesteten Bereitschaftspolizisten", die "martialisch auftretende Polizei" gehen "mit grosser Brutalitaet" vor.
Die Gegenseite ? Nun ja: Die "Unmutsaeusserungen" aeusserten sich so: Die Demonstranten "warfen Steine" und "griffen mit Baumaterialien an." "Auf den Strassen, die zum innenministerium fuehren, liegen ueberall verbrannte Gegenstaende, Backsteine, Eisentraeger, Abfall."
Eine Art von "Unmutsaeusserungen" also, die die deutsche Polizei, die natuerlich nicht die Spur von martialisch ausgeruestet ist, stets mit sanftem Streicheln der Proestierer, aufmunternden Worten und Beifallsklappern mit dem Gummiknueppel auf den Plastikschutzschild, den unmartialischen, quittiert. Kaum einmal, dass die praktisch zivilen deutschen Polizisten einem Demonstranten ein Auge mit einer Gummikugel ausschiessen, kaum einmal, dass die Leute mit Wasserwerfern von der Strasse gespuelt werden, kaum einmal, dass sie mit Reizgasgranaten beschossen werden oder Pfefferspray mitten ins Gesicht gesprueht kriegen oder mal ein paarhundert Leute einen halben Tag lang eingekesselt und aus ihrer Mitte die faelligen Verhaftungen vorgenommen werden.
Das Gleiche ist noch lange nicht das Selbe. Bei den einen Demonstranten handelt sich um die sympathschen, bei den anderen um die unsympathischen. Auch wenn sie das Selbe tun, muss die Bewertung doch genau gegensaetzlich ausfallen. Fuer die verschiedenen Polizeien gilt das Gleiche. Man wird ja schliesslich noch eine Meinung haben duerfen.
Dieser freien Meinung zuliebe musste gestern denn auch Teheran am Rand des Buergerkriegs stehen. Es ist immer das gleiche langweilige Szenario. Kritikern der Boesen, nach Moeglichkeit bekanntenund inlaendischen, werden die Mikrofone vor den Mund gehalten. Gestern war Abtahi, ein ehemaliger Vizepraesident des Iran, die Hauptfigur. Er zaehlte der BBC die Betrugsvorwuerfe auf. "Das waren vielleicht die Signale loszumarschieren", schriebt die FAZ. Sie wird es wissen.
Derweil die Betrugsgeschichten rund um den Globus in alle Medien eingespeist werden, folgt im betroffenen Land Phase zwei. Das demokratieduerstende Volk, das endlich auch so demokratisch regiert werden will wie die freien Buerger des freien Westens, erhebt sich. Zumindest randaliert es. Zumindest tun das einige.
Noch ein Vergleich zu hiesigen Unruhen: Da sind die Demonstranten stets eine kleine radikale Minderheit, auch wenn mal Hunderttausende auf der Strasse sind. Gestern dagegen war in Teheran die ganze Stadt auf der Strasse, auch wenn es vielleicht nur wenige Tausend waren. In einem Leserbrief an die FAZ heisst es: "Lug und Trug" ...(Das war die FAZ-Uberschrift) ..." Das bezieht sich wohl auf die Berichterstattung. Da sind auf saemtlichen Bildern nicht mehr als einige Dutzend bzw. einige Hundert Demonstranten zu sehen." Und in einem anderen Leserbrief an die FAZ heisst es: "Inszeniert ist wohl dieses Kasperletheater fuer die Weltpresse. Die Frage ist nur, von wem ?"
Die Nahaufnahmen zeigen: Da demonstrierte nicht das gemeine Volk, sondern die bessergestellten Herrschaften. Die machen im Iran nicht gerade die Mehrheit der Bevoelkerung aus. Deshalb haben sie die Wahlen verloren.
Diese Schicht haette tatsaechlich ein freieres Leben, wenn im Iran wieder der Westen dominant werden wuerde. Fuer die Arbeiter und Bauern ist das Jacke wie Hose. Sie haben nicht das Problem, ob sie jederzeit nach Paris zum Shoppen fliegen koennen oder nach dem Staatsexamen eine green card fuer einen Job in Kalifornien kriegen, sondern wie sie ihre Familie ueber die naechste Woche bringen. Diese Leute haben sich von Mussawi nichts erwartet und lieber Ahmadineschad gewaehlt, von dem sie auch nicht viel zu erwarten haben.
Das ist schon der ganze Skandal. Und weil man diesmal real wieder mal nichts geputzt hat, pflegen die demokratischen Medien und Politiker des demokratischen Westens wenigstens den eigenen Duenkel und bekraeftigen ihren Anspruch, andere Laender zu konrollieren und zu dominieren. Vielleicht klappt es ja naechstes Mal.
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