Nordkorea und das gesunde Volksempfinden
Auf der Internet-Suche nach Informationen ueber Nordkorea bin ich auf ein Blog gestossen, in dem die Betreiberin - "blogreporterin" - ihre Meinung ueber dieses Land und dessen Praesidenten kundtut. So: "Giftzwerg", "der Schrecken aus dem asiatischen Land Nordkorea", "Dauerirre", "mit 1,60 m zu kurz geraten", "grenzenlose Kriegslust", "blaest der aufgeblasene Jing Il ins Gewaltenhorn", "Das Volk in Nordkorea hungert und der Giftzwerg goennt sich Luxusfestspiele mit Atomaren Sprengkoepfen:", "ein Fall fuer die Irrenanstalt", "macht er sein Land zu einem Irrenhaus - wo Hoffnung auf alles was nicht mit Krieg und Unterdrueckung zu tun hat - ein Fremdwort bleiben wird !!!!". Der Beitrag findet grosse Resonanz. Bis heute sind 73 Kommentare eingegangen. Die meisten sind aehnlichen Inhalts wie der Beitrag der "blogreporterin". Nur eine Minderzahl meldet Kritik an und bringt Argumente.
Wie ein Blick in das Blog ergibt, versteht sich die "blogreporterin" keineswegs als Rechtsradikale, sondern ist - "kritische" - Anhaengerin der SPD. Ich vermute, dass sich auch die meisten Verfasser der beipflichtenden Kommentare nicht als Rechte verstehen. Sie schreiben einfach auf, was sie in den mainstream-Medien ueber Nordkorea gelernt haben. Was in ihren Koepfen ist, ist das Bild, das die uniformen, absichtlich entstellenden, direkt luegenden, zynisch mit der Gedanken- und Kritiklosigkeit der Medienkonsumenten rechnenden jahrzehntelangen Kampagnen hergestellt haben. Es ist genau das Bild, dass die USA politisch brauchen, um die Anwesenheit ihrer Truppen in Suedkorea und die bestaendigen Versuche, Nordkorea sturmreif zu machen, scheinbar rechtfertigt. Die gleichen Menschen, die in Nordkorea ein Irrenhaus sehen, in dem Kriegswahn und sklavische Untergeordnetheit der Buergerinnen und Buerger unter die politische Fuehrung das Charakteristische sind, haben die eigene Verhetztheit in einem solchen Mass verinnerlicht, dass sie nicht zur minimalsten Reflexion faehig sind, ja nicht einmal auf den Gedanken kommen, dass das noetig sein koennte. Waehrend sie sich selber im ordinaersten "gesunden Volksempfinden" suhlen, ist ihnen die nordkoreanische Uniformitaet ein Grund zu Hassausbruechen. Waehrend sie selber sich einer unflaetigen, herabwuerdigenden, ueberheblichen Ausdrucksweise bedienen, ist es der vermeintliche Feind, der "irre" und wahnhaft ist. Selbstverstaendlich muss in Nordkorea die herrschende politische und wirtschaftliche Ordnung gestuerzt werden - aber es ist Nordkorea, das aggressiv ist. Selbstverstaendlich muessen die US-Truppen an der nordkoreanischen Grenze stehen - aber es ist Nordkorea, das die USA und die ganze Welt bedroht. Selbstverstaendlich haben die USA ein riesiges Arsenal an allen nur denkbaren Massenvernichtungswaffen - aber "irre" ist Nordkorea, weil es versucht, an einige wenige zu gelangen. ...
Ich bin bei meiner Internet-Suche noch auf etwas anderes gestossen, das ich als Antidot empfehlen moechte: Nordkoreanisches Tagebuch, von Luise Rinser, Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main 1981. Den Volltext gibt es auch im Internet: http://www.kommunisten.ch/files/louiserinser.pdf .
Obwohl der Text schon an die dreissig Jahre alt ist, ist er gerade deshalb interessant: Die westliche Sicht auf Norkorea war damals schon haargenau die selbe wie heute. Frau Rinser bezieht diese Sicht in ihrem Text bestaendig ein und versucht, sie zu relativieren. Fuer meinen Geschmack schiesst sie dabei stellenweise ueber das Ziel hinaus. Aber sie bringt eine Menge Anschauliches, das dem Popanz Nordkorea Apekte eines wirklichen Nordkorea entgegenstellt, und vermittelt einen Eindruck davon, dass die Nordkoreaner und ihre politische Fuehrung "ganz normale Menschen" sind, die tatsaechlich einen besonderen, eigenstaendigen gesellschaftlichen Entwicklungsweg zu gehen versuchen. Den muss man nicht fuer erstrebenswert halten. Aber, was Nordkorea angeht, entscheiden darueber die Nordkoreaner und niemand anderes, und zwar inklusive der Entscheidung darueber, ob sie ihre politische Fuehrung moegen oder nur ertragen oder sie aendern. Und meiner Meinung nach beinhaltet dieser Weg durchaus so manches, was auch lehrreich fuer die Weiterentwicklung der westlichen Gesellschaften und die Heilung ihrer Krankheiten ist. Stichworte: Vereinzelung und Vereinsamung, Zusammenleben der Generationen, materieller Reichtum und soziale Beziehungen, soziale Gleichheit.
Die Juengeren werden Luise Rinser kaum noch dem Namen nach kennen. Sie war nach dem II. Weltkrieg eine der bekannteren westdeutschen Autorinnen, insbesondere in den 1970/80er Jahren, als sie sich auch politisch hervortat (gegen das Abtreibungsverbot, gegen die Aufruestung mit neuen Atomraketen). 1980 war sie die Kandidatin der Gruenen fuer das Praesidentenamt (das Weizaecker gewann). Frau Rinser zaehlte sich zu den "Linkskatholiken". Sie verstarb 2002. Naeheres ist unter Wikipedia nachzulesen.