Ungleichverteilung der Grundtorheit

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Am Freitag gab es im spanischen oeffentlich-rechtlichen TV-Sender TVE 2 einen Themenabend. Vergleichbares in einem deutschen Sender zu sehen, ist geradezu undenkbar. Ueber drei Stunden wurde das Leben Santiago Carillos gewuerdigt. Carillo ist, nach der legendaeren Pasionaria, der bekannteste Kommunist in der spanischen Geschichte. Cuenca, der Filmemacher, hatte ihn vierzig Stunden lang interviewt und daraus, gemischt mit Filmdokumenten aus acht Jahrzehnten, eine eineinhalbstuendige Dokumentation gemacht, die ausfuehrlich zusammen mit Carillo vor- und nachbesprochen wurde. Man stelle sich vor: Sowas ueber Ulbricht oder Reimann im deutschen Fernsehen; - wie gesagt: undenkbar.

Nicht, dass eine Dokumentation ueber das Leben eines bekannten deutschen Kommunisten nicht gemacht werden koennte; aber wenn, koennte man risikolos seinen Kopf verwetten, dass das ein Verriss wird, alleraeusserstenfalls eine "aeusserst kritische" Wuerdigung, bei der alle Stereotype, die dem Michel vertraut sind, eingearbeitet sein muessten. Kritisch im Sinn von Nachvollzug, Rueckschau und historischer Wertung war die Sendung ueber Carillo auch, nicht zuletzt von dessen Seite selbst. Er sass, mittlerweile 94jaehrig, kettenrauchend und so fitt im Kopf wie nicht viele Junge, auf dem Sofa und mass sein Leben.

Warum ist ein solcher TV-Abend in Spanien moeglich, in Deutschland aber nicht ? - "Mauer und Stacheldraht ! Keine Bananen ! Trabant statt Auto !" ? Nein, das kann es nicht sein. In Spanien war bekanntlich drei Jahre Buergerkrieg, Carillo war damals schon auf fuehrenden Posten bei den Verteidigern der Republik, und auch die Republikaner haben manche Grausamkeit begangen. Auch in Spanien gibt es Leute, die die Kommunisten hassen. Das sind die Falangisten und ihre Nachkommen. Aber der gewoehnliche spanische Carlos hasst oder verachtet die Kommunisten nicht. In Deutschland aber gibt es zwischen der Haltung der Faschisten und, beispielsweise, des gewoehnliche sozialdemokratischen Michl - von der buergerlichen Rechten zu schweigen - nur unterschiedliche Grade der Abneigung gegen Kommunisten. In Spanien ist das Volk nicht antikommunistisch, in Deutschland schon. Da muss selbst jeder Linke, der sich nicht outen will, fleissig betonen, links sei er schon, "aber doch nicht wie die".  Die Suedkoreaner und die Nordamerikaner vielleicht ausgenommen, sind die Deutschen das antikommunistischste Volk auf dem Planeten.

Der Antikommunismus wurde die Grundtorheit des 20. Jahrhunderts genannt. In diesem Jahrhundert haben die Deutschen ihr diesbezuegliches Soll wacker erfuellt und uebererfuellt. Mal sehen, was das 21. Jahrhundert in dieser Hinsicht bringt. Es ist ja so einiges ins Wackeln gekommen im Gebirge des gesunden Volksempfindens. Unerschuetterlicher Optimist, der ich bin, hoffe ich, dass noch zu Lebzeiten meiner Enkel an einem schoenen Freitag-Fernsehabend ein fairer, einfuehlsamer, bedaechtig waegender, achtungsvoller Film ueber das Leben von Max Reimann angeboten wird, oder ueber Walter Ulbricht. Wie so oft, bin ich mir nicht sicher, ob das, was ich unerschuetterlichen Optimismus nenne, nicht doch vielleicht illusionaere Phantasterei ist.  
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