China: kapitalistisch, imperialistisch, sozialistisch ?
Am Thema interessierten Leuten ist bekannt, dass es unter den kommunistischen Parteien unterschiedliche Einschätzungen zum Charakter der Gesellschaftsordnung in China und der Politik der chinesischen KP gibt. Darin spiegelt sich die Widersprüchlichkeit der Sache selbst.
Die KP Griechenlands vertritt in dieser Frage, wie auch in anderen, eine eigenständige Position. Sie unterhält weiterhin Beziehungen dur KPCh, wie auch zu anderen kommunistischen Parteien, mit denen sie politische Differenzen hat. Aber sie charakterisiert die chinesische Gesellschaftsordnung als überwiegend kapitalistisch und die chinesische Aussen- und Aussenwirtschaftspolitik als imperialistisch.
Auf der Internet-Site der KKE steht jetzt ein umfassender Artikel, in dem die China-Analyse der griechischen KP zusammengefasst ist. Er ist auch für Leute, die sich nicht speziell für diese innerkommunistische Diskussion interssieren, mit Gewinn zu lesen, weil hier in geraffter Form die wirtschaftliche und militärische Entwicklung der VR China und ihre Stellung in der internationalen Staatenkonkurrenz dargestellt sind.
Der Text hat hohen Informationsgehalt. Mit der Interpretation der Fakten bin ich nicht einverstanden. Sie blendet m. E. Aspekte der Realität aus, die für ein Urteil wichtig sind. Der Hauptmangel ist, finde ich, dass die politische Differnzierung in China und in der KPCh, die letzten Endes auf unterschiedlichen und zum Teil antagonistischen Klasseninteressen in der chinesischen Gesellschaft beruht, nicht erfasst wird. In der chinesischen KP selbst gibt es verschiedene Strömungen, die bisher zwar untereinander einen politischen Konsens herstellen können, nichtsdestoweniger aber nicht nur "Meinungsverschiedenheiten" sind. Es gibt einen starken Flügel, der für eine nochweitergehende "politische Öffnung" (nach Westen) eintritt, einen der die eigenständigen nationalen Interessen Chinas hervorhebt, und einen marxistisch-leninistischen, der am kommunistischen Charakter der Partei festhält. Im Westen kaum wahrgenommen - weder von der bürgerlichen Wissenschaft, die das mit guten Gründen ausbelendet, noch von der Linken, die gute Gründe hätte. sich damit zu beschäftigen - gibt es in China eine deutliche Belebung der Propagierung des Marxismus und eine marxistisch-leninistische Gesellschaftsanalyse, mit der sich eine Vielzahl wissenschaftlicher staatlicher und Partei-Institute beschäftigt. Die marxistischen "Klassiker" werden in gigantischen Auflagen vertrieben und immer mehr über das Internet zugänglich gemacht.
Die Frage "Wer - wen" ist in China noch nicht entgültig entschieden. Ob die kapitalistischen Entwicklungselemente wieder zurückgedämmt werden können, wenn sie ihre Funktion für die wirtschaftliche Entwicklung erfüllt haben, oder ob sie zu einer kapitalistischen Eigentums- und Gesellschaftsordnung und der politischen Herrschaft der neuen Kapitalistenklasse führen, ist offen. Der "Ritt auf dem Tiger" ist rasant, dass die Kommunisten dabei abgeworfen und die Anfänge des Sozialismus gefressen werden, ist eine reale Möglichkeit. Aber noch sitzen die Kommunisten im Sattel, und vielleicht sind sie es ja, die den Tiger zu Tode reiten, anstatt dass dieser sie frisst. Die Einschätzung in dem Artikel der griechischen KP, die abschliessend so zusammengefasst wird - "In conclusion, the dominance of capitalist relations in China, which is a fact today, slowly or quickly, will lead to a bigger compliance of the political system, the dominant ideology and all the elements of the superstructure whose capitalist character will be reflected in its symbols." - ist m. E. voreilig.
Hier der Text (den es bisher leider nicht in deutscher Übersertzung gibt) von Elisseos Vagenas, dem Verantwortlichen für internationale Beziehungen im ZK der KKE:
http://inter.kke.gr/News/news2011/2011-03-04-china
Einen anderen Standpunkt nimmt z. B. Prof. Domenico Losurdo ein:
Weitere Texte zur in der Überschrift aufgeworfenen Frage in diesem Blog findensich in der Rubrik "Kommunisten".
upadate:
Hinweisen möchte ich ausserdem auf einen Aufsatz von Jose Cadematori, der im Organ der KP Venzuelas erschienen ist, und denn ich für interessant genug gehalten habe, mir die Mühe der Übrsetzungzu machen: http://ml-theorie-gedanken.kucaf.de/2009/11/16/china-die-erste-phase-des-sozialismus/