Deglobalisierung

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner



Auf dem Hoehepunkt der Globalisierungs-Euphorie war viel davon die Rede, dass die "globalen Wertschoepfungsketten", die Transnationalen Konzerne und der grenzenlos gewordene Kapitalhandel die Staaten zu einem Auslaufmodell machen und die alten Grenzen und Interessensgegensaetze zum Verschwinden bringen. Vor allem die drei imperialistischen Zentren Nordamerika, Westeuropa und Japan wuechsen in einem Mass wirtschaftlich zusammen, dass man von der Harausbildung eines "kollektiven Imperialismus" reden muesse, hiess es in linken Interpretationen. Uebrig blieben zwei globale Lager - der Norden und der Sueden. Hier verliefen die Konfliktlinien und der Inhalt der Konflikte sei, dass der Norden den Sueden in Abhaengigkeit halten wolle und dies notfalls auch militaerisch erzwinge.

Die Gegensaetze zwischen den entwickelten Regionen seien dagegen nachrangig geworden und sogar am Verschwinden. Das international gewordene Kapital habe keine Heimatland mehr, und wenn, dann nicht eines, sondern mehrere. Von Usamerikanischem, deutschem, japanischen, franzoesischem Kapital koenne nicht mehr die Rede sein.

In der Krise ist das Handelsvolumen im Weltmassstab ruecklaeufig. "Internationale Wertschoepfungsketten" werden teilweise zerrissen. In den letzten Tagen ging eine Statistik durch die deutsche Wirtschaftspresse, aus der hervorgeht, dass es einen Rueckfluss im Ausland investierter Kapitale nach Deutschland gibt. Vor allem mittlere Unternehmen geben Produktionsstandorte in Billiglohnlaendern auf. Banker loben die unubertroffenen Vorteile des "Standorts" Deutschland. NTV meldete gestern: "US-Finanzminister Geithner hat ein Ende der Abhaengigkeit der Weltwirtschaft von den US-Verbrauchern gefordert. Dies sei entscheidend fuer die Bemuehungen, die Arbeitslosigkeit in den USA zu senken und die Loehne der Mittelschicht zu staerken." - Sprich: Die USA muessen ihren Krempel wieder zu einem groesseren Teil selber produzieren - "Entflechtung" der Weltwirtschaft.

In der Krise zeigt sich, dass das nationale Hemd naeher ist als der globale Rock. Auch die global agierenden Multis besinnen sich darauf, dass ihre wirtschaftliche Macht eine politische Rueckversicherung braucht, und dass diese nicht eine ominoese Weltgemeinschaft ist, sondern der Staat, mit dem man traditionell verbunden ist und in dem man seinen Stammsitz hat. An den Rangeleien um Opel laesst sich en miniture studieren, wie nationale Interessen selbst innerhalb der EU - in dem Fall zwischen den Opel-Standorten Deutschland, Spanien und Polen - schaerfer gegeneinander in Stellung gebracht werden.

Ohne nach der anderen Richtung zu uebertreiben, laesst sich sagen: Die Krise bringt zum Vorschein, dass es den Ultra-Imperialismus, den Kautsky schon vor hundert Jahren phantasiert hat, auch heute nicht gibt. Die geopolitischen Interessensgegensaetze, der Kampf um Einsflusssphaeren der Staaten gegeneinander sind so wirksam wie das ganze 20. Jahrhundert hindurch. Die konkreten Konstellationen aendern sich, die Kraefteverhaeltnisse aendern sich, Kooperation und Konkurrenz gegeneinander verflechten sich in der Wirklichkeit zu einem komplizierten Knaeuel, aber die Konkurrenzen zwischen den Staaten bleiben bestehen. Die bestaendige Aufteilung der Welt und die wechselseitigen Ueber- und Unterordnungsverhaeltnisse folgen der selben Logik wie vor hundert Jahren: "nach dem Kapital, nach der Macht".

 


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Veröffentlicht in Vom Besten im Westen

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