Deutsche Fahnen in Deutschland und anderswo
Gestern habe ich eine Veranstaltung besucht, auf der zwei Teilnehmer einer Delegationsreise nach Türkisch-Kurdistan über ihre Eindrücke berichteten. Sie waren zur Zeit der Newroz-Feiern dort gewesen und hatten einige Videos und viele Fotos gemacht. Gesamteindruck: Kurdistan ist ein Gebiet im Ausnahmezustand. Na klar, dachte ich, in den Bergen gibt es die Guerilla, es ist Krieg. Aber wie geht der türkische Staat gegen die Partisanen vor ? - Er verbreitet Angst und Schrecken unter der Masse der Bevölkerung. Er herrscht mit Massenterror. Bilder von einer Newroz-Feier, der in Djarbakir: Eine Million Menschen auf einem riesigen Platz am Rand der Grosststadt, die 1,4 Millionen Einwohner zählt. "Das Volk feiert" ist hier buchstäblich zu nehmen. Armee und Polizei haben alle Fahrzeuge des öffentlichen Verkehrs beschlagnahmt, um den Leuten das Hinkommen schwer zu machen. Sie belegen ganze Viertel und den Platz selbst mit Tränengas, abgeschossen aus Helikoptern, Salven, die aus den gepanzerten Polizeifahrzeugen gefeuert werden, mit Wasserwerfern, deren Wasser mit Reizgas vermischt ist. Sie verhaften willkürlich, ohne Ansehen von Alter und Geschlecht, egal,ob jemand demonstriert oder gerade zum Einkaufen geht. Die Verhaftungswelle rund um Newroz hat zehntausend Menschen ins Gefängnis gebracht. Dort wird gefoltert. Die Ordnungshüter brauchen nicht einmal selber zu vergewaltigen. Halbwüchsige werden in die Zellen von Gewaltätern gesetzt.
Auf der Veranstaltung anwesende Immigranten aus Kurdistan erzählen, dass es praktisch keine Familie gibt, in der nicht ein oder mehrere Mitglieder entweder im Gefängnis sitzen oder in die westlichen Gebiete der Türkei oder ins Ausland geflohen sind - oder sich, anstatt zu fliehen, der Guerilla angeschlossen haben. Die Einheiten der Spezialpolizeitruppen für die Unterdrückung sind alle Freiwillige, erzählen sie. Diese Ordnungshüter kommen aus der ganzen Türkei, weil sie an der Unterdrückung teilnehmen wollen, weil sie türkische Nationalisten und Faschisten sind. Entsprechend führen sie sich auf. Zu ihrer Ausrüstung gehören übrigens Radpanzer und Schnellfeuergewehre aus Deutschland, solide deutsche Wertarbeit. Die deutsche Regierung unterstützt die türkische Unterdrückungspolitik in Kurdistan ganz handfest und praktisch.
Während in Kurdistan diese Dinge vor sich gehen, werden wir jeden Tag mit "Nachrichten" über ein Unterdrücker-Regime gefüttert, das etwas weiter südlich liegt, in Syrien. Über Kurdistan - so gut wie kein Wort.
Mehr: Die Türkei ist eine der Mächte, die angeblich helfen, "das syrische Volk zu befreien". Dass sie ihr Grenzgebiet zu Syrien zu einem Aufmarschgebiet der bewaffneten Banden macht, die Syrien ins Chaos treiben, dass diese Banden auf türkischem Boden von USamerikanischen und westeuropäischen Armee- und Geheimdienstspezialisten trainiert und auf ihre Einsätze vorbereitet werde, dass ihre Bewaffnung über die türkische Grenze nach Syrien geschleust wird,macht die Türkei zu einem sympathischen Bündnispartner. Ein Staat, der die gesamte Bevölkerung seiner östlichen Gebiete aufs Schwerste unterdrückt, "kämpft für Demokratie und Freiheit" - in Syrien ...
Nach der Veranstaltung bin ich im Auto unterwegs und höre Nachrichten: Syrien hat einen türkischen Tornado abgeschossen. Schnell ist klar: Die Maschine befand sich in syrischem Hoheitsgebiet. Tenor, hoffnungsvoll: Das wird die Lage verschärfen. Die Türkei wird zur Vergeltung gegen Syrien "vorgehen". Kommentatoren von FAZ-Artikeln schwadronieren über den NATO-"Verteidigungsfall", also die "Pflicht" der NATO-Partner der Türkei zur "Hilfe" für ein angegriffenes Mitgliedsland. Allerdings wird sogar von vielen FAZ-Kommentatoren festgestellt, dass es sich doch wohl gerade umgekehrt verhält, dass nicht Syrien die Türkei, sondern die Türkei Syrien provoziert habe und Syrien nur sein Recht auf Selbstverteidigung wahrgenommen habe. Die Geschichte ist nicht so einfach, aber worauf es ankommt, ist: "Verschärfung der Lage". - Hetze zu noch einem Krieg mehr.
Die deutsche Kanzlerin sitzt am selben Abend in der Ehrenloge des Fussballstadions in Gdansk, das in den deutschen Medien durchgängig wieder auf gut Deutsch Danzig heisst, und applaudiert den "deutschen Jungs", die es ins Halbfinale der EM schaffen. Zehntausende ?, Hunderttausende ? deutsche Bürger schmieren sich die "deutschen Farben" ins Gesicht. Autokorsos überfluten deutsche Grossstädte, ein Meer von deutschen Fahnen.
Ach, es geht doch bloss um Fussball. Was hat das mit deutschen Panzern in der Türkei, mit deutschen Geheimagenten in Syrien, mit deutschen Hilfszahlungen an die Mörderbanden in Syrien zu tun ?
- Gute Frage, finde ich. Was hat das miteinander zu tun ? "Nichts" ist die falsche Antwort. Wahrend eine Masse deutscher Bürger sich im "völlig unpolitischen" nationalen Fussballtaumel hysterisiert und dazu die deutsche Fahne schwenkt, kreuzt die deutsche Flotte vor der syrischen Küste, unter der selben Fahne.