Deutsche Macht, Ohnmacht der Deutschen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Seit sich die Herrschenden in Deutschland im Zug der Krise mehr denn je zur Fuehrungsmacht in der EU aufgeschwungen haben, die den "Partner"staaten diktiert, was Euro- und EU-Rettung zu bedeuten hat, ist diese neue deutsche Vormacht in aller Munde; am wenigsten in Deutschland selbst. Es gibt ja nach wie vor gewisse Erinnerungen, die es nicht angeraten erscheinen lassen, das Licht der deutschen Fuehrungsfackel allzu triumphierend zu schwenken. Das ist ja die Fackel, die im 20. Jahrhundert zweimal Europa in Brand gesteckt hat. Aber ringsum und jenseits des Atlantik bis hinueber in den Fernen Osten versucht man, genauer einzuschaetzen, wie sich die Gewichte der Machtverteilung in der EU verschoben haben, wie sich das auf die internationale Staatenkonkurrenz auswirken wird, welche Perspektive mit einer deutschen Dominanz in Europa verbunden ist. Die USA z. B. muessen sich fragen, ob und wie das mit ihrem eigenen Anspruch auf Oberaufsicht zusammengeht.

 

Deutsche Vormacht bedeutet natuerlich nicht Macht des deutschen Volkes. Wer sein gesundes Volksempfinden beherzter fuehlen will und meint, er sei Deutschland und zwischen Merkel-Deutscher Bank und dem Bandarbeiter bei Opel gebe es ein Wir, sollte sich das genauer ueberlegen. Deutschlands Macht wird groesser - und die Loehne werden schlechter und die Arbeit"geber" unverschaemter. Das ist kein Zufall.

 

Die deutsche Macht ist die Macht des deutschen Monopolkapitals, nach aussen  wie nach innen. Griechenland ruinieren und Leiharbeits-Hungerloehne sind nur die zwei Seiten der selben Medaille. Gestern sagte ein oetv-Kollege, der beim ersten Warnstreik in Berlin mitgemacht hat, er habe Kollegen, die Schichtdienst schieben und damit auf nicht einmal tausend Euro netto kommen. Das ist die gewachsene deutsche Macht, - die nach innen.

 

Zur selben Zeit haben 25 der EU-Regierungschefs - ohne den britischen und den tschechischen - beschlossen, den nationalen Parlamenten die Haushaltshoheit zu nehmen. Weil sich das nicht so gut anhoert, nennen sie es Schuldenbremse. Auch das ist deutsches Rezept, dem sich die meisten anderen nur deswegen beugen, weil sie muessen.

 

Die Hoheit ueber den Staatshaushalt wird aber nicht nur dem portugiesischen oder franzoesischen Parlament genommen, sondern auch dem deutschen. Es tut nichts zur Sache, dass die deutschen Parlamentarier, von der Linkspartei abgesehen, der Kastration des Bundestags selber zustimmen. Das zeigt bloss, welche Sorte von "Volksvertretern" sie sind, die ihre eigene Abdankung auch noch selber betreiben. Wie ernst sie die parlamentarische Kontrolle nehmen, illustriert das Abnicken des ad-hoc-Ausschusses von neun Abgeordneten, die an Stelle des Bundestags ueber zwei- und dreistellige Milliardensummen im Zug der "Euro-Rettung" bestimmen sollten - an Stelle des Parlaments, der Zeitersparnis und Vermeidung sonstiger Umstaendlichkeiten des Parlamentsbetriebs wegen. Es war das Verfassungsgericht, das der Selbstkastration des Parlaments in diesem Fall einen Riegel vorgeschoben hat. Die Blockparteien des Parlaments von CSU bis Gruene haetten das mit sich machen lassen.

 

Griechenland und andere zu neokolonialen Verwaltungsgebieten degradieren und gleichzeitig die buergerlich-parlamentarische Republik in Deutschland zur Farce machen, Unterdrueckung nach aussen und Entdemokratisierung nach innen - darum handelt es sich, wenn von der gewachsenen deutschen Macht die Rede ist.

 

In der Berliner Anstalt diskreditieren die buergerlichen Parteien die buergerliche Republik, indem sie den "1 Prozent" die Stiefel lecken. -Und schon schreien welche nach der Volkswahl des Bundespraesidenten. - Das ist der Schrei nach dem Fuehrer, der vermeintlich ueber allem "Parteiengezaenk" steht. Die Demontage der beiden letzten Bundespraesidenten passt dazu gut. Sie waren Parteien-Praesidenten und damit von deren faulem Fleisch. Die Schwatzbude muss aufgeraeumt werden, lanciert die aeusserste Reaktion, das toitsche Volk muss ausgerichtet werden wie ein Mann. So ein Fuehrer - was wollt ihr, doch ein richtig demokratisch gewaehlter ?! - haette womoeglich seine Vorteile. Dann koennten VW und Siemens und die Deutsche Bank diese aufreibende, zeitraubende und teuere Lobby-Arbeit mit dem ganzen Parteien-Gewirr sein lassen und muessten nur noch einem Fuehrer beibringen, wo es langgeht und wohin er zu fuehren hat.

 

Es gibt gute Gruende fuer die Masse der Buergerinnen und Buerger, den Trugschluss zu vermeiden, ein maechtiges Deutschland mache sie selber maechtig. Das Gegenteil ist der Fall. Ein maechtigeres Deutschland macht das Volk ohnmaechtiger und aermer. Macht kostet, und es sind nicht die Maechtigen, die diese Kosten zahlen. Nationalgefuehl ist weder Macht noch sonderlich nahrhaft. Es ist bloss dumm. das ist wie griechische Staatsanleihen kaufen und meinen, man wuerde das Geld zurueckerhalten; - wie denn, wenn die Deutsche Bank es einsteckt ?

 

Das Alternativprogramm ist: ein anstaendiger gesetzlicher Mindestlohn, Verbot der Leiharbeit, keinen Cent fuer die Entschuldung der Banken und Fonds, Bundeswehr zurueck hinter die Grenzen, Enteignung der "1 Prozent", die sich jeden buergerlichen Politikaster gefuegig machen - egal ob Parlamentarier oder "vom Volk gewaehlter" Praesident. Das waere Macht - Volksmacht, wenigstens ein bischen davon.

 

 

 


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A
<br /> Danke für die ausführliche Antwort! Aber mir die Bundeswehr als Drohkulisse in Europa vorzustellen, das übersteigt meine Phantasie bei Weitem. Diese Vorstellung dürfte z.B. in England oder<br /> Frankreich eher Belustigung auslösen? Die Zeiten, wo Europa vor dem deutschen Militarismus zitterte, sind endgültig Geschichte!<br />
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S
<br /> <br /> Mit der Ueberwaeltigung der maechtigen luxemburgischen Armee durch die Bundeswehr ist tatsaechlich nicht so bald zu rechnen. Aber die Frieden-Krieg-Alternative, die in den "Grundsatzreden" immer<br /> haeufiger vorkommt, ist ernst zu nehmen. Ein Scheitern der EU wuerde die alten Konstellationen zum Teil wieder in Kraft setzen, die in verschiedenen Varianten von der Nach-Metternich-Ordnung bis<br /> zum II. Weltkrieg gewirkt haben und, teilweise verdeckt durch die EU, in gewisser Weise bis heute wirken. Uebrigens kaeme den USA Europa als Unruheherd nicht ungelegen. Das wuerde die jetzigen<br /> Ambitionen der kleineren Woelfe, mit Hilfe der EU auf Augenhoehe zu kommen, beenden und endlose Einmischungstitel produzieren.<br /> <br /> <br /> Ich habe gerade noch einmal Engels, Die Rolle der Gewalt in der Geschichte, (MEW, Bd. 21), gelesen. Da geht es zu einem Grossteil um die Herausbildung des Deutschen Reichs. Das ist ein<br /> lehrreicher Text, weil er u.a. vor Augen fuehrt, wie kompliziert und widerspruechlich solche Prozesse sind und wie sehr die jeweiligen Zeitgenossen sich taeuschen, indem sie ihre Urteile aus der<br /> "Ereignis-Oberflaeche" gewinnen und die zugrunde liegenden "grossen Linien" der Geschichte gerade dadurch nicht oder schlecht erfassen.<br /> <br /> <br /> <br />
R
<br /> @ almabu: Zur Struktur des deutschen Monopolkapitals vergleiche Beate Landefelds Untersuchung "Europäisiert sich die Bourgeoisie?":<br /> http://belafix.wordpress.com/2009/12/11/europaisiert-sich-die-bourgeoisie/ sowie von ders. "Finanzgetriebener Kapitalismus - Was macht eigentlich die Bourgeoisie":<br /> http://belafix.wordpress.com/2008/10/22/finanzgetriebener-kapitalismus-was-macht-eigentlich-die-bourgeoisie/<br /> <br /> <br />  <br /> <br /> <br /> Es ist eben nicht so, dass sich das deutsche Monopolkapital "transnationalisiert", wie manche behaupten. Die Daten widersprechen einer solchen These.<br /> <br /> <br /> Das Monopolkapital weiss sehr genau, wo der eigene "Heimathafen" liegt. Entsprechend nutzt es den eigenen bürgerlichen Staat im Konkurrenzkampf mit anderen nationalen (Monopol-)Kapitalen zu<br /> seinen Gunsten, sei es in Form von Subventionen, von außenpolitischen Interventionen oder militärischer Durchsetzung der eigenen Interessen.<br />
Antworten
S
<br /> <br /> Die Untersuchung von Beate Landefeld ist wirklich sehr lesenswert, weil sie die Eigentumsverhaeltnisse in D konkret untersucht hat und ihre Schlussfolgerungen auf Fakten beruhen.<br /> <br /> <br /> Das Globalisierungs-Gerede stuetzt sich im wesentlichen in oekonomischer Hinsicht auf zwei Erscheinungen: 1. die Tatsache, dass Konzerne Produktionsstandorte in mehreren oder sogar vielen Staaten<br /> betreiben (Mode-Wort: "internationale Wertschoepfungsketten"); 2. das (relativ) freie Vaganbundieren von "Finanzkapital". Dem steht entgegen: 1. Nach wie vor ueberwiegt (von Ausnahmen abgesehen)<br /> der "Heimatmarkt". Die Export-Quote Deutschlands ist nicht Regel, sondern Ausnahme. Und auch dies erfordert nicht "Heimatlosigkeit" der betreffenden Konzerne, sondern gerade einen starken<br /> "Heimatstaat". 2. Was es mit dem "Finanzkapital" auf sich hat, erweist sich in der Krise. - Es ist zum groessten Teil "Luft", Reichtumsanspruch, der keine materielle Entsprechung hat, Kapital,<br /> das sich eben gerade nicht verwerten kann und daher fiktiv ist und in der Zirkulationssphaere verbleibt, wo es mit Schwindel und der Erfindung immer neuer "innovativer Finaanzprodukte" immer<br /> weiter aufgeblaeht wird. Die "Internationalisierung" von Zettelbergen begruendet keine "Globalisierungs-Phase" des Kapitalismus.<br /> <br /> <br /> Von der oekonomischen Seite abgesehen, genuegt in politischer Hinsicht schon der blosse Augenschein, um zu konstatieren, dass die Staaten nicht in eine "Weltgemeinschaft" hinueberwachsen. Das<br /> gilt auch fuer das Verhaeltnis der imperialistischen Staaten untereinander. Ihre "Gemeinsamkeiten" ergeben sich aus den Machtverhaeltnissen zwischen ihnen, dem Grad der Ueber- und Unterordnung,<br /> zu dem sich die einzelnen aufschwingen bzw. dem sie sich fuegen muessen. Leithammel wie die USA oder Deutschland betreiben offensichtlich eine hoechst aggressive nationale (im Sinne "ihres"<br /> Monopolkapitals) Interessenspolitik. Beispiel Deutschland - EU: Es sind nicht geschichtsphilosophische Betrachtungen, wenn Erfolg oder Scheitern der EU eine "Frage von Krieg und Frieden" genannt<br /> wird. Aus deutschem Mund ist das eine Drohung, aus dem Mund anderer eine Befuerchtung. Die undiplomatische Formulierung heisst aus deutschem Mund an die Adresse der "Partnerstaaten": Kuscht oder<br /> wir ziehen andere Seiten auf !<br /> <br /> <br /> <br />
A
<br /> Sepp, zu deinem Artikel zwei Fragen:<br /> <br /> <br /> Du sagst, die deutsche Macht hätte das deutsche Monopolkapital und zwar nach außen wie nach innen.<br /> <br /> <br /> Wer ist/sind die, das deutsche Monopolkapital?<br /> <br /> In praktisch jeder deutschen Kapitalgesellschaft stecken internationale Gelder. Die Besitzverhältnisse sind oft nicht offen erkennbar, aber das Kapital ist längst internationalisiert. Dazu haben<br /> die Dummbatzis Schröder/Fischer/Eichel kräftig beigetragen. Die Deutsche Bank ist nur dem Namen nach Deutsch.<br /> <br /> <br /> Merkel, als Synonym für die deutsche Politik, macht die Politik der Finanzindustrie, aber doch nicht nur die der deutschen Finanzindustrie, oder wie siehst Du das?<br /> <br /> <br /> Ausgehend von den USA, wo Politik und Finanzwirtschaft eine Faschismusähnliche Symbiose eingegangen sind und von UK wo ganz ähnliche Verhältnisse herrschen, spricht Merkel eben nicht für deutsche<br /> Finanzinteressen. Diese sehe ich eher durch Sparkassen und Volks- und Raiffeisen-Banken gekennzeichnet, die den bürgerlichen Mittelstand bedienen.<br /> <br /> <br /> Die deutsche EU-Politik des kaputtsparens könnte noch in diesem Jahr vor die Wand fahren.<br /> Camerons jüngste Initiative gegen Merkels EU-Pläne wurde zwar erst einmal von 25 Staaten zähneknirschend unterstützt, nicht von UK und Tschechien, aber Camerons Initiative wurde von 13 Staaten<br /> wohlwollend begleitet, darunter Niederlande und Dänemark. Darüber hört man hier nichts. Jedenfalls ist die Einigkeit weit geringer als man es uns glauben machen möchte und in vielen Ländern muss<br /> die Sparorgie noch von Parlament oder Volk abgesegnet werden. Das ist noch nicht durch!<br /> <br /> <br /> ASozialabbau und Gewaltsparexzesse sind in Zeiten von Rezession besonders dämlich weil kontraproduktiv, sonst sind sie natürlich generell stets unmoralisch und kriminell...<br />
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