Die 8 grossen Ideen fuer den chinesischen Aufstieg
von Prof. Zhang Wei Wei
Uebersetzung
... Die Kritiker Chinas behaupten, dass dieses Land, trotz seiner wirtschaftlichen Erfolge, keine "grossen Ideen" zu bieten habe. Ich meine dagegen, dass es gerade grosse Ideen waren, die den Rahmen fuer den spektakulaeren Aufstieg geschaffen haben.
1)
Die Wahrheit in den Tatsachen suchen. Das ist ein altes chinesisches Konzept, es war das Credo Deng Xiapings, der dafuer hielt, dass die Tatsachen, mehr als ideologische Dogmen seien es westliche, seien es oestliche - , das letzte Kriterium der Wahrheit sind. Peking hat daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass, unter Beruecksichtigung der Fakten, weder das sowjetische kommunistische Modell noch das westliche demokratische sich auf die Modernisierung eines Entwicklungslands anwendbar sind, und dass die Demokratisierung der Modernisierung nicht vorausgehen kann, sondern dieser gewoehnlich folgt. In der Konsequenz hat Peking 1978 beschlossen, einen eigenen Entwicklungsweg zu suchen und in einer pragmatischen Annaeherung, mittels Versuch und Irrtum, ein Programm der massiven Modernisierung zu entwickeln.
2)
Primat der Lebensbedingungen des Volkes. Peking hat ein altes chinesisches Regierungsprinzip angewendet, nach dem die Beseitigung der Armut das fundamentalste der Menschenrechte ist. Diese Idee hat den Weg zu dem grossartigen Erfolg Chinas geoeffnet, der, bei einem Ausgangspunkt von ungefaehr 400 Millionen Menschen in aeusserster Armut, in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel ist.
Man kann sagen, dass China eine historische Schwaeche der westlichen Menschenrechtskonzeption, ... die sich fast ausschliesslich auf die buergerlichen und politischen Rechte bezieht, ueberwunden hat. Das kann fur die Armen der Welt von grosser Bedeutung sein.
3)
Bedeutung eines holistischen Denkens. Unter dem Enfluss seiner philosophischen Tradition hat China eine holistische Strategie der Modernisierung ausgearbeitet, von den 1980er Jahren bis heute. Das hat es Peking erlaubt, ein Modell von Prioritaeten und Schrittabfolgen fuer die verschiedenen Etappen der Transformation aufzustellen, nach dem den leicht durchzufuehrenden Reformen die entscheidenden und schwierigen folgen sollen - im Unterschied zu den populstischen politischen Kurzzeit-Konzepten, denen der Grossteil der Welt folgt.
4)
Regieren als notwendige Tugend. In der Geschichte Chinas waren die Epochen der Prosperitaet immer mit einem starken und aufgeklaerten Staatswesen verbunden. Im Gegensatz zur amerikanischen Auffassung, der Staat sei ein notwendiges Uebel, wird die Transformation in China von einem Staat betrieben, der sich der Entwicklung verschrieben hat. Un im Gegensatz zu Michail Gorbatschow, der den alten Staat aufgegeben hatt und sich in einem in Truemmer gelegten Reich wiederfand, hat Deng Xiaoping den alten Staat neu orientiert, um von der maoistischen Utopie zur Modernisierung zu kommen.
Der chinesische Staat, was auch immer seine Maengel sein moegen, ist in der Lage, einen nationalen Konsens ueber die Modernisierung herzustellen und klare strategische Ziele zu verfolgen, wie die Reform des Banken-Sektors, die Entwicklung erneuerbarer Energien oder die Stimulierung der Wirtschaft im Angesicht der globalen Depression.
5)
Gutes Regieren ist wichtiger als Demokratisierung. China weist die stereotype Dichotomie von Demokratie und staatlicher Autoritaet zurueck und haelt dafuer, dass die Natur des Staates und seine Legitimitaet von der Substanz her definiert werden muessen, d. h. unter dem Gesichtspunkt des guten Regierens, und dass er danach beurteilt werden muss, wie weit er dieses realisieren kann. Ungeachtet der Maengel hinsichtlich Transparenz der Rechts-Institutionen, hat der chinesische Staat das schnellste Wirtschaftswachstum weltweit erreicht und die Lebensbedingungen des Volkes auf spektakulaere Weise verbessert. Nach Umfragen aus dem Jahr 2008 blicken 76 % der Chinesen, was ihr persoenliches Fortkommen betrifft, optimistisch in die Zukunft. ...
6)
Legitimitaet des Wandels. In der Tradition der konfuzianischen Meritokratie wendet Peking - nicht immer erfolgreich - fuer den Wandel im gesamten politischen Raum das Prinzip der Legalitaet an. Kriterien wie die schrittweise Ueberwindung der Armut oder des Umweltschutzes sind die Schluesselfaktoren fuer Karrieren in oeffentlichen Aemtern. Die chinesischen Fuehrer sind kompetent, beschlagen und werden auf den verschiedenen Verantwortungsebenen permanent kontrolliert.
7)
Gezielte Erziehung und Anpassung. Die saekulaere Kultur Chinas stellt darauf ab, von anderen zu lernen. Die Chinesen haben eine bemerkenswerte Faehigkeit der gezielten Assimilierung und der Anpassung an neue Herausforderungen entwickelt, wie die Schnelligkeit zeigt, mit der die technologische Revolution der Informatik angeeignet wurde ...
8)
Harmonie in der Vielfalt. Peking hat das alte konfuzianische Ideal einer umfassenden und komplexen Geellschaft wiederbelebt. Unter Zurueckweisung der auf Konflikt angelegten westlichen Herangehensweise hat Peking grosse Anstrengungen unternommen, um die Gemeinsamkeit der Interessen der verschiedenen Gruppen zu staerken, die aus den schnellen Veraenderungen resultierenden sozialen Spannungen zu entschaerfen und schnellstmoeglich eine soziales Netz fuer alle zu knuepfen.
China steht noch vor zahlreichen Herausforderungen, wie dem Kampf gegen die Korruption und der Angleichung der regionalen Unterschiede. Aber es ist wahrscheinlich, dass die Entwicklung, anstatt einer Uebernahme der westlichen liberalen Demokratie, auf der Grundlage seiner (eigenen) Ideen fortgesetzt werden wird, weil diese Ideen augenscheinlich fruchtbar sind und sich relativ gut mit dem gesunden Menschenverstand und der einzigartigen politischen Kultur des Landes vetragen - einer Kultur, die das Resultat von Jahrtausenden und von mehr als 20 Dynastien ist, von denen 7 laenger existierten als heute die USA in ihrer gesamten Geschichte.
So, wie China weiterhin von den Lektionen des Westens profitieren wird, waere es fuer den Westen vielleicht an der Zeit, nach der beruehmten Formel Dengs von der "Emanzipation des Denkens" zu verfahren und, zum eigenen Wohl, ein wenig mehr von den grossen Ideen Chinas zu lernen, so andersartig diese auch sein moegen.
Dies nicht nur, um nicht an der falschen, ideologischen, Sichtweise auf diese grosse Nation haengen zu bleiben,sonder auch fuer die Verbesserung der Faehigkeit im Weltmasstab, die Herausforderungen kuehn anzunehmen, von der Beseitigung der Armut ueber den Klimawandel bis zum Aufeinanderprallen der Zivilisationen.
Zhang Wei Wei ist Professor an der Ecole de diplomatie et des relations internationales in Genf und an den Universitaeten Tsinghua und Fudan. In den 1980er Jahren war er Dolmetscher fuer Englisch Deng Xiaopings und anderer chinesischer Fuehrer.
Dieser Artikel erschien zuerst in der New York Times, am 1.Oktober 2009. Louis Dalmas hat ihn ins Franzoesische uebersetzt. Ich habe die franzoesische Fassung, mit geringfuegigen Kuerzungen, ins Deutsche uebersetzt.
Quelle: http://www.michelcollon.info/index.php?view=article&catid=6&id=2364&option=com_content&idemid=11
Uebersetzung
... Die Kritiker Chinas behaupten, dass dieses Land, trotz seiner wirtschaftlichen Erfolge, keine "grossen Ideen" zu bieten habe. Ich meine dagegen, dass es gerade grosse Ideen waren, die den Rahmen fuer den spektakulaeren Aufstieg geschaffen haben.
1)
Die Wahrheit in den Tatsachen suchen. Das ist ein altes chinesisches Konzept, es war das Credo Deng Xiapings, der dafuer hielt, dass die Tatsachen, mehr als ideologische Dogmen seien es westliche, seien es oestliche - , das letzte Kriterium der Wahrheit sind. Peking hat daraus die Schlussfolgerung gezogen, dass, unter Beruecksichtigung der Fakten, weder das sowjetische kommunistische Modell noch das westliche demokratische sich auf die Modernisierung eines Entwicklungslands anwendbar sind, und dass die Demokratisierung der Modernisierung nicht vorausgehen kann, sondern dieser gewoehnlich folgt. In der Konsequenz hat Peking 1978 beschlossen, einen eigenen Entwicklungsweg zu suchen und in einer pragmatischen Annaeherung, mittels Versuch und Irrtum, ein Programm der massiven Modernisierung zu entwickeln.
2)
Primat der Lebensbedingungen des Volkes. Peking hat ein altes chinesisches Regierungsprinzip angewendet, nach dem die Beseitigung der Armut das fundamentalste der Menschenrechte ist. Diese Idee hat den Weg zu dem grossartigen Erfolg Chinas geoeffnet, der, bei einem Ausgangspunkt von ungefaehr 400 Millionen Menschen in aeusserster Armut, in der Geschichte der Menschheit ohne Beispiel ist.
Man kann sagen, dass China eine historische Schwaeche der westlichen Menschenrechtskonzeption, ... die sich fast ausschliesslich auf die buergerlichen und politischen Rechte bezieht, ueberwunden hat. Das kann fur die Armen der Welt von grosser Bedeutung sein.
3)
Bedeutung eines holistischen Denkens. Unter dem Enfluss seiner philosophischen Tradition hat China eine holistische Strategie der Modernisierung ausgearbeitet, von den 1980er Jahren bis heute. Das hat es Peking erlaubt, ein Modell von Prioritaeten und Schrittabfolgen fuer die verschiedenen Etappen der Transformation aufzustellen, nach dem den leicht durchzufuehrenden Reformen die entscheidenden und schwierigen folgen sollen - im Unterschied zu den populstischen politischen Kurzzeit-Konzepten, denen der Grossteil der Welt folgt.
4)
Regieren als notwendige Tugend. In der Geschichte Chinas waren die Epochen der Prosperitaet immer mit einem starken und aufgeklaerten Staatswesen verbunden. Im Gegensatz zur amerikanischen Auffassung, der Staat sei ein notwendiges Uebel, wird die Transformation in China von einem Staat betrieben, der sich der Entwicklung verschrieben hat. Un im Gegensatz zu Michail Gorbatschow, der den alten Staat aufgegeben hatt und sich in einem in Truemmer gelegten Reich wiederfand, hat Deng Xiaoping den alten Staat neu orientiert, um von der maoistischen Utopie zur Modernisierung zu kommen.
Der chinesische Staat, was auch immer seine Maengel sein moegen, ist in der Lage, einen nationalen Konsens ueber die Modernisierung herzustellen und klare strategische Ziele zu verfolgen, wie die Reform des Banken-Sektors, die Entwicklung erneuerbarer Energien oder die Stimulierung der Wirtschaft im Angesicht der globalen Depression.
5)
Gutes Regieren ist wichtiger als Demokratisierung. China weist die stereotype Dichotomie von Demokratie und staatlicher Autoritaet zurueck und haelt dafuer, dass die Natur des Staates und seine Legitimitaet von der Substanz her definiert werden muessen, d. h. unter dem Gesichtspunkt des guten Regierens, und dass er danach beurteilt werden muss, wie weit er dieses realisieren kann. Ungeachtet der Maengel hinsichtlich Transparenz der Rechts-Institutionen, hat der chinesische Staat das schnellste Wirtschaftswachstum weltweit erreicht und die Lebensbedingungen des Volkes auf spektakulaere Weise verbessert. Nach Umfragen aus dem Jahr 2008 blicken 76 % der Chinesen, was ihr persoenliches Fortkommen betrifft, optimistisch in die Zukunft. ...
6)
Legitimitaet des Wandels. In der Tradition der konfuzianischen Meritokratie wendet Peking - nicht immer erfolgreich - fuer den Wandel im gesamten politischen Raum das Prinzip der Legalitaet an. Kriterien wie die schrittweise Ueberwindung der Armut oder des Umweltschutzes sind die Schluesselfaktoren fuer Karrieren in oeffentlichen Aemtern. Die chinesischen Fuehrer sind kompetent, beschlagen und werden auf den verschiedenen Verantwortungsebenen permanent kontrolliert.
7)
Gezielte Erziehung und Anpassung. Die saekulaere Kultur Chinas stellt darauf ab, von anderen zu lernen. Die Chinesen haben eine bemerkenswerte Faehigkeit der gezielten Assimilierung und der Anpassung an neue Herausforderungen entwickelt, wie die Schnelligkeit zeigt, mit der die technologische Revolution der Informatik angeeignet wurde ...
8)
Harmonie in der Vielfalt. Peking hat das alte konfuzianische Ideal einer umfassenden und komplexen Geellschaft wiederbelebt. Unter Zurueckweisung der auf Konflikt angelegten westlichen Herangehensweise hat Peking grosse Anstrengungen unternommen, um die Gemeinsamkeit der Interessen der verschiedenen Gruppen zu staerken, die aus den schnellen Veraenderungen resultierenden sozialen Spannungen zu entschaerfen und schnellstmoeglich eine soziales Netz fuer alle zu knuepfen.
China steht noch vor zahlreichen Herausforderungen, wie dem Kampf gegen die Korruption und der Angleichung der regionalen Unterschiede. Aber es ist wahrscheinlich, dass die Entwicklung, anstatt einer Uebernahme der westlichen liberalen Demokratie, auf der Grundlage seiner (eigenen) Ideen fortgesetzt werden wird, weil diese Ideen augenscheinlich fruchtbar sind und sich relativ gut mit dem gesunden Menschenverstand und der einzigartigen politischen Kultur des Landes vetragen - einer Kultur, die das Resultat von Jahrtausenden und von mehr als 20 Dynastien ist, von denen 7 laenger existierten als heute die USA in ihrer gesamten Geschichte.
So, wie China weiterhin von den Lektionen des Westens profitieren wird, waere es fuer den Westen vielleicht an der Zeit, nach der beruehmten Formel Dengs von der "Emanzipation des Denkens" zu verfahren und, zum eigenen Wohl, ein wenig mehr von den grossen Ideen Chinas zu lernen, so andersartig diese auch sein moegen.
Dies nicht nur, um nicht an der falschen, ideologischen, Sichtweise auf diese grosse Nation haengen zu bleiben,sonder auch fuer die Verbesserung der Faehigkeit im Weltmasstab, die Herausforderungen kuehn anzunehmen, von der Beseitigung der Armut ueber den Klimawandel bis zum Aufeinanderprallen der Zivilisationen.
Zhang Wei Wei ist Professor an der Ecole de diplomatie et des relations internationales in Genf und an den Universitaeten Tsinghua und Fudan. In den 1980er Jahren war er Dolmetscher fuer Englisch Deng Xiaopings und anderer chinesischer Fuehrer.
Dieser Artikel erschien zuerst in der New York Times, am 1.Oktober 2009. Louis Dalmas hat ihn ins Franzoesische uebersetzt. Ich habe die franzoesische Fassung, mit geringfuegigen Kuerzungen, ins Deutsche uebersetzt.
Quelle: http://www.michelcollon.info/index.php?view=article&catid=6&id=2364&option=com_content&idemid=11
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