Diese Diktatur muss weg

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Die Reflexe, die der Tod des nordkoreanischen Staatschefs Kim Jong Il auslösen, machen mir ein mulmiges Gefühl. Weniger das, was aus den Mainstream-Medien kommt - das ist alles vorfabriziert und wird bei gegebenem Anlass halt abgerufen. Es gibt ein komplettes fiktives Nordkorea, das geheimdienstlich produziert ist und im wirklichen Nordkorea allenfalls nach Anknüpfungspunkten für seine Plausibilisierung sucht. Mulmig wird mir mehr deswegen, weil das Propagandabild in persönlichen Gesprächen oder z. B. in der "Blogger-Gemeinde" reproduziert wird, fast ohne Relativierung, fast ohne Reflexion, und dies in Kombination mit gründlichem Nichtwissen über Korea. Die "Abgeschottetheit" des Landes ist für Letzteres nicht der Grund. Erstens könnte jeder, der will und das Geld dafür hat, in dieses "abgeschottete Land" reisen, wenn es dort auch keine All-Inclusive-Angebote gibt. Zweitens gibt es genug Material, um durch Lesen ein Bild zu gewinnen. Fast niemand macht sich diese Mühe. Fast alle begnügen sich mit den Gräuelgeschichten aus der CIA-Küche, die von den Medien weitertransportiert werden.

 

Es zeigt sich, dass die Stereotypen der "westlichen Wertegemeinschaft" ungeachtet der Krise und der offenischtlicher werdenden Gebrechen der westlichen Gesellschaften in den Köpfen so fest verankert und so totalitär sind, dass auch diejenigen, die sich für kritisch halten und der Tagesschau nicht mehr alles glauben, davon kaum loskommen. Die "Wertegemeinschaft" besteht in Überheblichkeit und Dünkel, darin, auf alles, was nicht wie in Europa oder Nordamerika ist, von oben herabzusehen, eigentlich egal ob mit paternalistischer Freundlichkeit gegenüber peruanischen Indigenas oder mit hassvoller Feindschaft gegenüber "den Machthabern in Nordkorea". Das ist der ideologische Bodensatz, der es ermöglicht, die Bundeswehr nach Afghanistan zu schicken, ohne dass Massen deutscher Bürger das "Verteidigungs"ministerium stürmen. Das ist der ideologische Bodensatz für ständig neue Kriege, für die groteske Verkehrung der Realität in den Köpfen. Während die USA und ihre westeuropäischen Verbündeten, HiWis und Konkurrenten alle Welt bedrohen und jedes Land ausplündern, in dem sie Fuss fassen können, ist es in den Köpfen genau umgekehrt - da drohen der Islam, der Kommunismus oder, für die völlig Bescheuerten, die Ungeheuer aus dem Kosmos.

 

Hier der "demokratische Westen", dort die finstere, grausame, verrückte Diktatur in Nordkorea. Hier die freie Meinung, dort die totale Gleichschaltung. Ja ? Wieviele Personen bestimmen in Deutschland, was in den Zeitungen steht, aus dem einfachen Grund, dass sie deren Eigentümer sind ? Wieviele Leute stehen in den USA zur Wahl für die Präsidentschaft, wenn für eine aussichtsreiche Bewerbung eine Milliarde Dollar notwendig sind ? Wieviele von all den freien westlichen Bürgern können an ihrer Arbeitsstelle Kritik wagen, ohne den Job zu gefährden ? Wieviele trauien sich nicht, in die Gewerkschaft euinzutreten, weil der Boss es mitkriegen könnte ? ... Aber Diktatur ist natürlich in Nordkorea.

 

Na gut, aber diese PERSÖNLICHE Diktatur, die WILLKÜR eines Machthabers, die UNTERWERFUNG des ganzen Volkes unter seinen Willen ?! Wie könnte man so etwas hinnehmen ? 

 

Man kann noch ganz andere Sachen hinnehmen und tut es tatsächlich. Man nimmt zum Beispiel hin, dass angebliche SACHZWÄNGE unser Leben bestimmen. Man nimmt hin, dass "die MÄRKTE" über das Schicksal ganzer Völker entscheiden. Man nimmt hin, dass die europäischen Banken gerade mal wieder, eben in diesen Tagen, praktisch kostenlos mit weiteren fünfhundert Milliarden Euro "versorgt" werden, während eine Kassiererin ihren Job verliert, weil sie 1,59 Euro nicht korrekt abgerechnet hat.

 

Es gibt natürlich viele Gründe dafür, alles Mögliche und Unmögliche hinzunehmen. Alle bedeuten aber, sich demütigen zu lassen, sich zu ducken, das Maul zu halten, die Wut auf die Richtigen an den Falschen auzulassen, ein Leben in Anhängigkeit in mürrischem Gehorsam. Eine Sklaventreiberfirma verrechnet für eine Arbeitsstunde vielleicht dreissig Euro - und zahlt dem,. der sie leistet, sieben Euro ... Wer ist hier eigentlich verrückt ? Die Sklaventreiberfirma oder der Leiharbeiter, der sich das - Sachzwang - gefallen lassen muss ? - Ach nein. Der nordkoreanische Staatschef ist es, der verrückt ist. Und verglichen mit Nordkorea ist es doch hier bei uns immer noch erträglich. Diese Diktatur muss weg - die in Nordkorea ...

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Veröffentlicht in Merkwuerdiges

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R
<br /> Sepp, guter Kommentar. Spricht mir aus der Seele. Gerade in den scheinbar aufgeklärteren Kreisen wird meist heftiger und realitätsfremder gegen die Demokratische Volksrepublik Korea gepoltert als<br /> in den traditionell konservativ-rechten Kreisen. Geprügelt wird momentan Nordkorea, gemeint ist aber (im deutschen Kontext) weiterhin die DDR - selbst 21 Jahre nach ihrem Untergang noch beliebtes<br /> Feindbild des deutschen Imperialismus.<br /> <br /> <br /> Selbst in der Republik Korea, die sich ja seit mittlerweile 61 Jahren im Kriegszustand mit dem nördlichen Nachbarn befindet, scheint derzeit weniger Hass und Verachtung mitzuschwingen als in der<br /> bürgerlichen Presselandschaft der BRD, soweit ich das englischsprachigen Informationen der südkoreanischen Presse entnehmen kann.<br />
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