Ein Saatkorn ist aufgegangen

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

 

Die einzige überregionale Tageszeitung, die es heute in dem Wiener Traffik gab, an dem ich zufällig vorbeilief, war der Standard. Aufmacher: der Amoklauf in den USA, dem eine Abgeordnete der Demokratischen Partei, ein Bundesrichter und mehrere Bürgerinnen und Bürger zum Opfer gefallen sind, darunter ein 12jähriges Kind. Die Zutiefstbetroffenheit wird abgeleiert, für diese Woche sind im US-Kongress alle Abstimmungen ausgesetzt, Obama erklärt ... Zutiefstbetroffenheit. Ach ja.

 

Wieder ist es ein "psychisch labiler" Mensch, der das Blutbad abgerichtet hat, nein, kein gewöhnlicher US-Bürger, sondern ein Aussenseiter. Hitlers "Mein Kampf" soll zu seiner Lieblingslektüre gehören, ein Spinner, ein Psychopath also. Das wird schon so sein. Aber Leute, die so drauf sind, fallen nicht vom Himmel, und ihre Hassobjekte und Taten sind nicht zufällig. Der Mann hat Menschen einfach erschossen. Und  ? Ist das nicht genau das Selbe, was die privaten und staatlichen US-Mörderbanden tagtäglich, buchstäblich tagtäglich, in aller Welt tun, rund herum um den Globus ? Was unterscheidet ihn von den Hasstiraden des Mobs, der sich in der Tea-Party-Bewegung sammelt, von deren Wahinideen, dass z. B. ein Obama ein verkappter Sozialist (oder Muslim) sei - ein Mann, der in Europa ein rechter Sozialdemokrat oder "linker" CDU-Mann wäre ? Dass er das Magazin seines Gewehres leergeschossen hat, unterscheidet ihn, sonst nicht viel. Dass er, im Gegensatz zu den wütenden Spiessern, nicht auf seinen eigenen Hals bedacht war, unterscheidet ihn. Man wird ihn zu Tode spritzen. Es sei denn, er war bloss das dumme Werkzeug einer höheren Orts angesiedelten Verschwörung. In dem Fall wird er unter ungeklärten Umständen zuTode kommen. Das Übliche - der Widerpart des privaten Amoks ist der Staatsmord. Der Tea-Party-Mob wird auch den Staatsmord an dem Amokschützen beklatschen (und  die Hard-Core-Leute werden sich trotzdem klammheimlich freuen, dass er wenigstens ein paar von den "Richtigen" erwischt hat).

 

Ich kenne die USA nicht, bin auf Bücher, Filme, Zeitungen, die Berichte von Leuten, die dort waren, angewiesen. Aber das Bild, das sich mir so erschliesst, hat in den letzten Jahrzehnten einige neue Facetten bekommen. Natürlich war das Image vom Land der unbegrenzten Möglichkeiten, in dem Freedom & Democracy zu Hause sind, schon immer gelogen, auf Aussenwirkung berechnet oder einfach Ausdruck von Überheblichkeit und Selbstüberschätzung. Die "dunklen Seiten" gab es schon immer. Aber mir scheint, dass das, was sich heute entwickelt, diese "dunklen Seiten" immer gewichtiger macht. Der Amoklauf vor fünfzig Jahren war, obwohl vielleicht exakt das Selbe geschah, anders als es die heutigen sind. Es kommt etwas anderes zum Ausdruck. Ist, was heute zum Ausdruck kommt, die Agonie einer niedergehenden Macht, einer sich immer mehr zerrüttenden Gesellschaft ?

 

Vielleicht spanne ich den Bogen von einem Amoklauf zu der Gesellschaft, in der er passiert, zu weit. Aber was repräsentieren die Tea-Party-Spiesser ? Eine Palin, die - ich vermute mit aller Raffinesse von "erstklassigen" Image-Beratern gestylte - Kunstfigur, die Stereotype wie das patente Westerngirl, die sexy Blondine, die billige Hure und die tumbe Betschwester in sich integriert ? Wie können die reaktionäreren Kleinbürger zum dröhnenden Resonanzkörper der abgefeimten Fox-Manipulateure, einiger erzreaktionärer, zynischer Milliardäre, werden und sich auch noch einbilden, die in ihre Köpfe transportierten Wahnbilder seien die Welt, "wie sie ist", und diese sei gar eine "anständige" ?

 

Den Finger am Abzug, der nur noch nicht gekrümmt wird, weil es dann mit dem eigenen ach so ehrbaren, anständigen Leben auch vorbei wäre ... kennzeichnet das die heutige US-Gesellschaft ?

 

Falls hier der eine oder andere Deutschtümler lesen sollte, möchte ich eventuelles zustimmendes Kopfnicken anhalten. In Deutschland braucht niemand mit dem Kopf nicken, so lange hier noch Millionen Dummköpfe BILD, Welt oder EhNaMag lesen. In den USA passiert eh bloss alles immer ein paar Jahrzehnte früher - und nicht, weil es "typisch amerikanisch" wäre, sondern weil es in der Logik der kapitalistischen bürgerlich-demiokratischen Gesellschaften liegt.  Soll sich hier bloss niemand über Fox aufregen, der am nächsten Montag wieder Spiegel kauft und sich darüber "informieren" lässt, dass wieder einmal ein Amokläufer in den USA wieder einmal Zutiefstbetroffenheit ausgelöst hat.

 

 

 

 

 

 

Werbung

Veröffentlicht in Kultur und Gesellschaft

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post