Eine Friedensbewegung, die sich nicht bewegt

Veröffentlicht auf von Sepp Aigner

Gegen den Libyenkrieg hat es in Deutschland kaum Proteste gegeben. Liegt das einfach daran, dass Deutschland nicht direkt mit eigenen Truppen an diesem Krieg beteiligt ist ? Damit hat es sicher zu tun. Aber andererseits - Deutschland ist Mitglied in der Kriegsverbrecher-Organisation namens NATO. Deutsche Militärs versehen ihren Dienst in den Kommandostrukturen dieser NATO und sind deshalb sehr wohl am Überfall auf Libyen beteiligt. Die Befehlszentrale des AFRICOM befindet sich in Stuttgart. Die USamerikanische Luftwaffe, ein Hauptinstrument des Luftterrors gegen Libyen, unterhält in Deutschland Stützpunkte. Und die deutsche Bundeskanzlein sagt, Deutschland beteilige sich zwar nicht militärisch am Libyenkrieg, das bedeute aber nicht, dass Deutschland neutral sei - sprich: Es ist Teil der Kriegsverbrecher-Koalition gegen Libyen. 

 

Die Tatsache, dass die Bundeswehr nicht direkt am Libyenkrieg beteiligt ist, macht es sicher nicht einfach, eine Bewegung gegen diesen Krieg zustande zu bringen. Aber das ist nicht die einzige Schwierigkeit. Eine andere ist, dass diejenigen, die eine solche Bewegung initiieren könnten, selbst unklare politische Positionen einnehmen.

 

Man erinnere sich an das doppelzüngige Verhalten des Linkspartei-Politikers Bisky in der Phase der Vorbereitung des Krieges. Man erinnere sich an die hinterhältige Schlitzohrigkeit eines Gysi, der sagt, die Forderung der Linkspartei nach Auflösung der NATO beinhalte ja schliesslich auch, dass die Linkspartei nicht den einseitigen Austritt Deutschlands aus der NATO fordere. Bei den Grünen, die als Partei der Friedens- und Anti-Atom-Bewegung gegründet wurden, handelt es sich schon nicht mehr um unklare Positionen zum Krieg, sondern im Gegenteil um sehr klare: Sie haben ihre ursprünglich deklarierten Ziele vollständig verraten und sind zu einer Partei der Kriegstreiber verkommen, zu einem Teil des herrschenden Blocks, der unter dem Vorwand der Veteidigung der Menschenrechte die imperialistische Einmischung in aller Welt betreibt.

 

All das scheint auch auf so bewährte und verdienstvolle Institutionen wie den den Friedensratschlag, bzw. dessen Bundesausschuss, einzuwirken.

 

So heisst es zum Beispiel in einer Presseerklärung dieses Bundesausschusses, in dessen Vetretung unterzeichnet von Lühr Henken und Peter Strutynski: "Der Westen muss die Rebellen dazu drängen, einem Waffenstillstand zuzustimmen ..." - Was für eine unsinnige Forderung ! Implizit wird damit die imperialistische Lügenpropaganda übernommen, nach der es in Libyen einen Volksaufstand gegen das Gaddafi-Regime gebe. Damit wird die wirkliche Rolle der sogenannten Rebellen und die der NATO geleugnet. Die sogenannten Rebellen sind und waren von Anfang an nichts anderes als ein Instrument der Aggressor-Staaten, deren Hilfstruppen auf libyschem Boden. Die NATO "missbraucht" nicht - wie in der Stellungnahme behauptet - die schändliche UN-Resolution 1973, sondern sie führt einen systematisch vorbereiteten und wohlgeplanten Angriffskrieg gegen einen souveränen Staat. Und dieser "Westen" "muss die Rebellen dazu drängen, einem Waffenstillstand zuzustimmen" ?! Der ganze Text der Presseerklärung steht hier: http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Libyen/100tage.html )

 

In der jüngsten Stellungnahme des Bundesausschusses Friedensratschlag vom 22. August 2011, wieder unterzeichnet von Henken und Strutynski, heisst es: "Freude über das Ende der Kämpfe/Keine Freude über den Sieg der NATO"

 

In einem Moment, in dem die Aggressoren noch gar nicht wirklich gesiegt haben, sondern die Propaganda über einen angeblichen Sieg ein Mittel ist, um die Verteidiger Libyens zur Unterwerfung zu bewegen, sich diese Propaganda zu eigen zu machen und als Tatsache hinzustellen, bedeutet, den Verteidigern Libyens in den Rücken zu fallen und die Aggressoren zu begünstigen.

 

Es heisst weiter: "Meldungen, wonach "die Rebellen" über das Gaddafi-Regime gesiegt hätten, entbehren jeglicher Grundlage. Es war die NATO, die das militärisch nicht eben starke Land sturmreif geschossen hat." Das ist richtig. Aber damit widersprechen die Autoren ihrer eigenen weiter oben zitierten Stellungnahme, in der die "Rebellen" noch Rebellen ohne Anführungszeichen waren und der "Westen" aufgefordert wird, mässigend auf sie einzuwirken - der selbe "Westen", der in der Erklärung vom 22. August zum SIEGER erklärt wird ... "Vergessen" wird allerdings die Tatsache, dass die NATO Libyen nicht nur "sturmreif geschossen" hat, sondern dass es mindestens zu einem bedeutenden Teil auch verdeckt operierende NATO-Spezialeinheiten waren, die Tripolis erobert haben, und dass die "Rebellen"-Einheiten und der sogenannte Übergangsrat von Offizieren und Agenten der Aggressorstaaten geführt werden.

 

"Freude über den militärischen Sieg der NATO kann in den Reihen der Friedensbewegung nicht aufkommen. Dazu sind den Bombenangriffen der NATO eine zu große Zahl von Zivilpersonen zum Opfer gefallen, Häuser, Schulen, Rundfunkstationen und andere Infrastruktureinrichtungen zerstört worden.", heisst es weiter. Ach ja, DESWEGEN kann keine Freude aufkommen ? Und wenn weniger zerstört worden wäre, müsste Freude aufkommen ? Freude über einen "Sieg der NATO" ? Im selben Sinn heisst es weiter: "... weigert sich der Bundesausschuss Friedensratschlag, in die Jubelchöre des Westens über den entmachteten Despoten Gaddafi einzustimmen. Der Preis, den das libysche Volk zahlen musste, ist hierfür zu hoch." - Der Preis war also zu hoch ... Wäre er nicht so hoch, müsste, könnte der Bundesausschuss Friedensratschlag "in die Jubelchöre des Westens" einstimmen ?! ( Der ganze Text dieser Stellungnahme steht hier: http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Libyen/baf4.html )

 

Nun ist es in der Geschichte der (west-)deutschen Friedensbewegung nicht das erste Mal, dass neben richtigen Forderungen auch allerlei "Schräges" steht. Wenn und soweit nur wirklich darauf hingearbeitet wird, Bewegung zu entwickeln, die in ihrer Grundrichtung richtig ist und dem Kampf gegen den Krieg dient, ist "Schräges" "nicht so schlimm". Eine andere Sache ist es, wenn die eigene politische Unschlüssigkeit oder gar der Einfluss von Leuten, die unbedingt "ankommen" wollen und Leuten, die schon längst "angekommen" sind und die Seite gewechselt haben, dazu führen, dass eine Mobilisierung gegen einen Krieg gar nicht mehr ernsthaft betrieben und durch windelweiche oder sogar direkt den Kriegstreibern gegenüber unterwürfige Erklärungen "ersetzt" wird.

 

Ich verweise hier auf zwei Kritiken an Repräsentanten der Friedensbewegung, denen ich mich weitgehend anschliesse:

 

Bernd Duschner, Solidarität mit dem libyschen Volk und seiner rechtmässigen Regierung http://haraldpflueger.com/de/blog/libyen/48665-solidaritaet-mit-dem-libyschen-volk-und-seiner-rechtmaessigen-regierung-.html 

 

und

 

Harald Pflüger, Als in Libyen Krieg war, ist die Friedensbewegung austreten gegangen http://haraldpflueger.com/de/blog/deutschland/49196-antikriegstag-als-in-libyen-krieg-war-ist-die-friedensbewegung-austreten-gegangen-.html

Werbung

Veröffentlicht in Deutschland

Um über die neuesten Artikel informiert zu werden, abonnieren:
Kommentiere diesen Post
K
<br /> <br /> „AG Friedensforschung, Veranstalter des Friedenspolitischen Ratschlags“ und so wurde eben ein Ratschlag gegeben, welcher letztlich nicht gegen den Krieg war, ihn relativierte und in seinem Ausmaß<br /> kritisierte. Ja Sepp, ich gebe zu, dass ich falsch liegen kann, aber nicht muss, vielleicht habe ich meine Aussage auch etwas zu absolut formuliert, kann sein, muss aber nicht. In jedem Fall gab<br /> es keine wirkungsvolle Friedensbewegung welche gegen den Krieg in Libyen angetreten ist!<br /> <br /> <br /> Und so sind sie orientierungslos und irren umher, nicht wissend was sie tun sollen, weil Zweifel tief verankert wurden, weil ihnen beigebracht wurde in Schemen zu denken, schwarz und weiß, gut<br /> und böse, Diktator und Demokrat etc. hatten wir an anderer Stelle schon. Ja, auf einmal passt nicht mehr alles zusammen, da tauchen Widersprüche auf, da gibt es doch einen bösen Staatslenker, den<br /> gilt es zu vertreiben, das Volk zu befreien, es mit Demokratie zu segnen! Dann kommt noch dazu, das eine gewisse Gewohnheit eingesetzt hat, an das führen von Kriegen, die Gesellschaft seit Jahren<br /> militarisiert wird, allmählich, nicht alles auf einmal, so nach und nach, damit es nicht so auffällt wird die Dosis allmählich erhöht und auf einmal hat man eine Waffe in der Hand und marschiert!<br /> <br /> <br /> Nun, es lohnt sich schon über die Ursachen des Versagens der Friedensbewegung im Zusammenhang mit dem NATO Krieg in Libyen nachzudenken, ich werde es weiter tun!<br /> <br /> <br /> Nächtlichen Gruß<br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
K
<br /> <br /> Ja Sepp,<br /> <br /> <br /> so ist es und die Illusion von einer unabhängigen Friedensbewegung in diesem Land ist erst einmal geplatzt. Es wäre auch schwerlich anzunehmen, dass in Zeiten sich verschärfender Widerspruche und<br /> damit verbundener Auseinandersetzungen, die Kräfte des Kapitals zusehen würden, wie sich ein wirkungsvolles Instrument gegen ihre Interessen entwickelt. Dabei steht es einem Staat wie der<br /> Bundesrepublik gut zu Gesicht, wenn es so etwas wie eine Friedensbewegung hat, dieses bedeutet aber lange noch nicht, dass nicht versucht wird Einfluss auf die Entwicklung einer solchen Bewegung<br /> zu nehmen. Das sich diese Friedensbewegung gerade in einem Krieg wie den gegen Libyen entzaubert, verwundert zwar etwas, aber ist auch nicht schlecht, da es taugt die Hoffnungen zu zerstört,<br /> welche sich mit dieser Bewegung verbinden. Letztlich wird zerstörte Hoffnung neues Suchen zeugen, um Interessen zu Artikulieren, um Friedenswillen den nötigen Nachdruck zu verleihen.<br /> <br /> <br /> Und machen wir uns doch nichts vor, sicher gab es genügend Menschen, welche auf ein klares Wort, verbunden mit den Aufruf zu entsprechenden Aktionen, von dieser Bewegung, gewartet haben. Aber es<br /> war keiner da, es war keine politische Kraft da, welche sich den Hut aufgesetzt hätte und die notwendigen Proteste organisiert. Jene, welche zu Proteste aufgerufen haben sind noch zu unbedeutend<br /> und jene, welche durchaus bedeutend genug gewesen wären, haben sich zurückgehalten, gar kontraproduktiv agiert.<br /> <br /> <br /> Dabei liegt es auch an uns, Zusammenhänge aufzuzeigen, das Versagen anzuprangern und Hintergründe aufzudecken. Das System des Kapitals entzaubert sich selbst, wie dieses ins Bewusstsein der<br /> Menschen dringt und ihr bewusstes Sein beeinflusst, liegt letztlich auch an uns! Wobei zu bemerken wäre, erfolgreich kann eigentlich nur eine Friedensbewegung sein, welche die Ursachen von<br /> Kriegen bekämpft und sich nicht nur mit zu führenden, geführten Kriegen und deren Folgen befasst, so richtig und wichtig letzteres auch ist!  <br /> <br /> <br /> Gruß<br /> <br /> <br /> Die von Dir kritisierte Friedensbewegung hat bewiesen, dass sie ein integraler Bestandteil im Funktionsmechanismus des Systems des Kapitals in seiner höchsten Ausprägung, welches beständig die<br /> Verschärfung von Auseinandersetzungen bedingt und Kriege hervorbringt, ist! Und den Beweis dafür hat sie selbst erbracht!  <br /> <br /> <br /> <br />
Antworten
S
<br /> <br /> Hallo Thomas.<br /> <br /> <br /> So weit gehe ich nicht.  Ich denke schon, dass es Einflüsse gibt, die ich angesprochen habe, und dass diese auf politische Unsicherheiten treffen, die dann zusammen diese<br /> Wischiwaschi-Haltung erzeugt haben. Für Kalkül halte ich das aber nicht, sondern, wie gesagt, für Orientieungslosigkeit, die halt überwunden werden muss. Es gibt in Deutschland immer noch viele<br /> Menschen, die sich der Friedensbewegung verbunden fühlen, und die diesmal den A... nicht hochgekriegt haben. Die darf man nicht abschreiben.<br /> <br /> <br /> <br />