Einige Klarstellungen zu Leo Mayers Gramsci-Interpretation
In diesem Blogeintrag http://kritische-massen.over-blog.de/article-leo-mayer-interpretiert-antonio-gramsci-89615897.html habe ich einen Artikel von Leo Mayer in junge welt gespiegelt, in dem er sein Verständnis von Antonio Gramsci darlegt und diesen Text von Hans Peter Brenner http://kritische-massen.over-blog.de/article-mit-gramsci-gegen-lenin-durchaus-keine-historische-debatte-83608443.html kritisiert. Dazu hat Hans Peter Brenner nun seinerseits eine Replik geschrieben, die zunächst in diesem Blog veröffentlicht wird. Hier der Text:
Noch einmal: Gedanken zu Gramsci und zum Gramsci-Mythos
von Hans Peter Brenner
Es gibt einige Minimalanforderungen an einen Disput:
a) Man sollte wissen, worüber man schreibt.
b) Man sollte wissen, was der Kritisierte geschrieben hat.
Das gilt auch für die kritische Reaktion von Genossen Leo Mayer auf meine zwei Beiträge zur „Rosa Luxemburg- Legende" und zum Gramsci-Mythos in der „jungen welt" vom 6./7.9.
Für Nicht-DKP-Mitglieder sei zunächst angemerkt: Seit Januar 2010 gibt es ein Papier „Thesen des Sekretariats der DKP", das in der DKP zu viel Widerspruch geführt hatte. Die Urfassung wurde deshalb zu Beginn einer Tagung des Parteivorstandes, der darüber ursprünglich beraten sollte, vom Sekretariat zurückgezogen. Der 19.Parteitag hat sich auch eine vom Sekretariat leicht geänderte Fassung nicht zu eigen gemacht. Die Thesen wurden vom Parteitag wegen diverser Einschätzungen, die zumindest in einem „Spannungsverhältnis" zum gültigen Parteiprogramm von 2006 stehen, nicht als Parteidokument und auch nicht als Material für die Bildungsarbeit angenommen. Sie wurden vom Parteitag als lediglich einer von mehreren Diskussionsbeiträgen im Vorfeld einer theoretischen Konferenz gewertet, die am 30.10.11 durchgeführt wurde.
In der dem Parteivorstand vorgelegten und nicht verabschiedeten Ur-Fassung hatte es die folgende Aussage zu den politischen und ideologischen Grundpositionen der DKP gegeben: „Die Theorien von Marx, Engels, Lenin, Luxemburg, Gramsci und andere (sic!) Denker des wissenschaftlichen Sozialismus, lassen uns vieles begreifen, wenn wir sie nicht als ´starre Orthodoxie`, sondern im kritischen und dialektischen Sinne verstehen und anwenden."
Rosa Luxemburg und Antonio Gramsci sollten also nach Auffassung der Ursprungsthesen auf dem selben politischen und theoretischen Rang wie die „Klassiker des Marxismus-Leninismus", Marx, Engels und Lenin, stehen. In der dann veröffentlichten Fassung wurde diese behauptete Gleichrangigkeit von R. Luxemburg und A. Gramsci mit Marx, Engels und Lenin formal etwas abgeschwächt.
Es hieß jetzt: „Die Theorien von Marx, Engels, Lenin und anderer Denker des wissenschaftlichen Sozialismus wie Luxemburg, Gramsci, lassen uns vieles begreifen, …"
Aber es bleibt auch nach der Endversion der „Thesen" bei fünf nahezu gleichrangigen Haupttheoretikern des Marxismus .
Marxismus-„Anderismus" statt „Marxismus-Leninismus"?
Darauf bezogen sich meine beiden jw-Beiträge. Ich stellte die rhetorische Frage, warum dann nicht andere prominente Kommunisten, von Franz Mehring, K. Liebknecht über Stalin, Trotzki, Bucharin, Dimitroff bis zu HoTschi Min, Mao Tse Tung, A, Cunhal etc. genannt worden seien. Mich hat also nicht eine „einzelne Aussage der Thesen" des damaligen Sekretariats der DKP in „Rage" gebracht, sondern ich habe eine geplante „von oben" oktroyierte substantielle Änderung der theoretischen Grundlagen und des Selbstverständnisses der DKP hinterfragt und kritisiert.
Das von Leo Mayer so intensiv beworbene „Thesen"-Papier, das nach Einschätzung unserer Partei in wichtigen Passagen insgesamt in einem nicht zu tolerierenden „Spannungsverhältnis" zum gültigen Parteiprogramm steht, ist für mich als Text ansonsten eigentlich relativ bedeutungslos, weil es trotz seines Anspruchs „neue Fragen" zu beantworten, unoriginell ist.
Vieles daraus gibt es mehr oder minder seit langem aus früheren eurokommunistischen, heute aus linkspluralistischen Strömungen/ Organisationen zu hören, die sich im ideologischen Umfeld des Links-Sozialdemokratismus und des „demokratischen Sozialismus" bewegen- darunter die Partei Die Linke.
Unoriginell auch deswegen, weil diese „neuen Fragen" häufig uralt sind.
Ich habe in meinen Luxemburg/Gramsci Artikeln die Funktionalisierung von Mythen und Legenden, die seit Jahrzehnten um A. Gramsci und R. Luxemburg, zweier Vertreter des revolutionären Marxismus und Kommunismus, gestrickt werden, zurückgewiesen. Und ich habe kritisiert, dass diese Legendenbildung und Mythologisierung heute offenbar auch von führenden Repräsentanten der DKP - mit welcher Intention auch immer- „bedient" wird.
Darf ich diese Frage nicht stellen? Was ist daran „orthodox" oder ein Hang zu einer mir nicht zustehenden „Hierarchisierung" von intellektuellen Leistungen? Wenn man wie L. Mayer anstelle des „Marxismus-Leninismus" quasi einen Marxismus-„Anderismus" propagiert, muss man sich fragen lassen, was denn diese „Anderen" dazu qualifiziert, in die Reihe der „Klassiker" Marx, Engels, Lenin eingestuft zu werden. Dass es dabei nicht um eine abstrakte" Hierarchie" geht, nicht um Schönheit, Beredsamkeit, Alter oder Geschlecht, sondern um Inhalte und um die politische Funktionalisierung historischer Persönlichkeiten für eine aktuelle, offenbar über die Kommunisten hinaus wichtige Kontroverse, das dürfte L. Mayer genauso gut wissen wie ich. Warum tut er dann so, als ginge es um eine willkürliche und subjektivistische Rangordnung und Abqualifizierung, die ich in die Diskussion eingeführt hätte?
Im übrigen: Was ist falsch daran, die politische und wissenschaftliche Leistung von Intellektuellen zu bewerten - egal ob sie Kommunisten sind oder nicht? Ist der Intellektuelle Karl Marx genauso so zu beurteilen wie sein Fast-Namensvetter Reinhard Marx, der Kardinal aus München, der sich vor einiger Zeit auch zu ökonomischen Fragen glaubte äußern zu müssen und nicht über allgemeine Plattheiten hinaus kam?
Ist die Leistung eines Thomas Mann gleichrangig mit der eines x-beliebigen Modeautoren, den in 5 Jahren niemand mehr kennt? Was soll dann das von L. Mayer verkündete Verdikt, dass man nicht Bedeutende und weniger Bedeutende auch unter marxistischen Theoretikern feststellen könne?
Selbst ein Friedrich Engels sprach von sich im Vergleich zu K. Marx als „2. Violine". Ist das etwa keine „Rangordnung"?
Dann darf man/auch ich – mit und ähnlich wie der kommunistische Philosoph H. H. Holz - sagen, dass es bei dem theoretischen Erbe des Kommunisten A. Gramsci Wichtiges und weniger Wichtiges, Richtiges und Falsches, Hervorragendes und Fragwürdiges gibt.
Gramsci als ein Theoretiker des Marxismus-Leninismus
Ja ,es ist völlig unbestritten: Es gibt manch Bedeutsames im Werk von A. Gramsci. HH Holz hat in vielen Publikationen den „Leninismus" von Gramsci gewürdigt und seinen Beitrag als Funktionär der italienischen und internationalen kommunistischen Bewegung, seinen „Bolschewismus" und seinen Streit gegen den damaligen Reformismus und Revisionismus. Er hat ihn gewürdigt als Politiker und als einen Theoretiker der III. Internationale, als einen „Leninist klassischen Typs, der Vertreter des Konzepts der Weltanschauungspartei". (HH Holz Philosophische Reflexion und politische Strategie bei Antonio Gramsci. In HH. Holz/Guiseppe Prestipino (Hg.): Antonio Gramsci heute. Aktuelle Perspektiven seiner Philosophie. Bonn, [1991], S.9)
Dies sind Bewertungen, die ich teile, die aber meilenweit von dem entfernt sind, was L. Mayer mit Gramsci verbindet, der ihn zu einem Antipoden zum „angeblich „orthodoxen" Marxismus-Leninismus aufbaut..
L. Mayer ist innerhalb der DKP derjenige führende Funktionär, der am heftigsten und häufigsten die Bedeutung des Leninismus zu relativieren sucht. Er tut dies – das ist ihm gutzuhalten - auch öffentlich, zuletzt auf der theoretischen Konferenz der DKP am 30.10.11. Er relativiert Lenins Bedeutung sowohl für die ökonomische Analyse des Imperialismus, für die Strategie des offensiven antimonopolistischen Kampfs und der antimonopolistischen Bündnisse, die nach seiner Konzeption durch eine klassenunspezifische, „anti-neoliberale Block-Politik" ersetzt werden soll, als auch für die kommunistische Parteitheorie.
HH Holz hat dagegen Gramscis unter Isolation, Zensur und schwerer Krankheit geschriebene, in der Kerkerhaft entstandene Werk (teilweise nur bruchstückhafte Texte zur Selbstreflexion) insgesamt als eine Bereicherung der marxistischen Philosophie gewürdigt. Er hat zugleich zu einer „differenzierten Analyse seines gesamten Werkes" aufgefordert, zu einer „Analyse, die auch die Einseitigkeiten und Schwächen dieses Werkes sorgfältig untersucht, um seine Stärken umso klarer hervortreten zu lassen." (ebenda)
HH Holz hatte gemeinsam mit H.J. Sandkühler 1980 den Band „Betr.: Gramsci. Philosophie und revolutionäre Politk in Italien herausgegeben. Im Vorwort schrieben sie: man „müsse der Tendenz widerstehen, Gramsci entweder als Klassiker zu verallgemeinern oder in seinem Werk Rezepte zu suchen für konkrete Aktionen. ..
Aus diesem Grund stellen wir die Gramsci- Diskussion in die Perspektive Palmiro Togliattes und dessen Gramsci-Einschätzung. ´Gramsci war ein Politiker der Politik, vor allem aber war er ein praktischer Politiker, das heißt ein Kämpfer … Togliatti ging es nicht darum, Gramsci zu kanonisieren und in eine ´heilige Tradition` einzureihen, um sei Werk der kritischen Aneignung zu entziehen."(a.a.O., S.11)
Es geht mir wie HHH um die „kritische Aneignung" anstelle der Kanonisierung, die L. Mayer mit Gramsci betreibt. Und dann muss man unter anderem auch die Frage stellen, welche Bedeutung überhaupt im Gesamtwerk und im Leben des Kommunisten und Marxisten-Leninisten Gramsci die während seiner Kerkerhaft entstandenen Ausarbeitungen und Notizen besitzen, auf die sich L. Mayer vorrangig ( wie auch viele andere „Gramscianer") beruft.
Der italienische Herausgeber der in der DDR1980 und 1987 erschienen zweibändigen Ausgabe von Arbeiten Gramscis „Zu Politik, Geschichte und Kultur" bzw. „Gedanken zur Kultur" schrieb im Nachwort des zweiten Bandes: „Man widerspricht Gramscis eigener Intention, wenn man den Politiker vom Philosophen Gramsci trennt. Es wird oft behauptet, Gramscis Hauptwerk bestehe in seinen in den Gefängnisheften niedergelegten Gedanken philosophischen, linguistischen, literaturkritischen usw. Charakters statt in der Verbreitung des Leninismus in Italien, in der Schaffung der Kommunistischen Partei Italiens und in seinem Kampf gegen den Revisionismus und das Sektierertum, mit einem Wort, in seinem politischen Kampf. Aber sein ganzes Werk, angefangen von seinen Jugendartikeln für den ´Grido de Popolo` bis zu seinen Überlegungen über Amerikanismus und ´Fordismus` in den letzten Kerkerheften, ist durchströmt von einer leidenschaftlichen Suche nach einer revolutionären Lösung der sozialen Krise seiner Zeit." (a.a.O., S. 266)
Und in einem Beitrag für das Holz-Sandkühler-Buch schrieb Zamis: „Es ist sonderbar, dass sich so viele Kommunisten in ihren Arbeiten ausschließlich mit den Gedanken beschäftigen die in seinen Kerkerheften niedergelegt sind, und sie zu interpretieren versuchen. Dabei ist dies nicht ganz einfach da sie wegen der Zensur durch die Gefängnisdirektion in einer recht verschlüsselten Sprache abgefasst sind. Vielen kommt es nicht in den Sinn, den Schlüssel zu ihrem Verständnis im praktischen Leben Gramscis vor seiner Verhaftung zu suchen, obwohl Gramsci selbst dazu den Hinweis gegeben hat, indem er für den Marxismus in seinen Heften das Tarnwort ´Philosophie der Praxis`gebraucht. Für ihn war die praktische Arbeit, das Schaffen, zugleich Erkenntnis und die Quelle der Theorie. ..
Man tut Gramsci Unrecht, wenn man ihn in erster Linie oder gar ausschließlich auf Grund seiner Gefängnishefte beurteilt. Am schlimmsten ist es aber, wenn man die wichtigste Periode im Leben Gramscis unterschlägt (manchmal geschieht dies auch bewusst), als er im Kampfe gegen das Sektierertum die Linie der Komintern in der KPI durchsetzte, um sie zu einer Partei neuen Typus, zu einer leninistischen Partei zu formen." (a.a.O., S. 96/97)
Gramsci als Schüler Lenins
Nichts anderes habe ich in meinem Gramsci-Beitrag ausgedrückt. Es geht mir um die Würdigung des realen, historischen Gramscis mit seinen theoretischen Stärken und Schwächen. Die Hypostasierung zu einer Art „neuem Marx oder neuem Lenin" ist in meinen Augen eine Entwertung seiner tatsächlichen historischen Tätigkeit.
Ich habe meine Kritik am Gramsci-Mythos – nicht am realen, historischen Gramsci - verbunden mit inhaltlichen Hinweisen auf die Leninschen Beiträge zur Strategie und Taktik und zu seinem - teilweise schon vor ihm von G. Plechanow ausgearbeiteten - Hegemonie-Konzept, um daran zu zeigen, dass die Überlegungen von A. Gramsci zur Hegemonie-Frage in dieser Konzeption Lenins und des russischen Marxismus wurzeln und kein theoretisches „Erstgeburtsrecht" besitzen. Auf den noch zu Lenins Lebzeiten stattgefundenen ersten vier Weltkongressen der Kommunistischen Internationale wurde diese Strategie der Hegemonie und der Hegemonie-Erringung konkretisiert und differenziert weiter ausgearbeitet. Ich nenne die Stichworte proletarische Einheitsfront, Arbeiter- und Bauern-Regierungen und die Konzeption des Erkämpfens von „Übergängen zum Sozialismus" mit Hilfe breiter „Bündnisse" der Arbeiterklasse.
Ich denke auch an Lenins Formulierung des sog. „Grundgesetzes der Revolution", in dem er die Frage der subjektiven Voraussetzungen und Bedingungen für den revolutionären Bruch mit dem Kapitalismus definierte.
Ich denke an seine genialen Gedanken kurz vor der Oktoberrevolution , die später zur Ausarbeitung der Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus und zur Strategie der antifaschistischen Volksfront und später zur Konzeption der antimonopolistischen Demokratie verholfen haben.
Davon profitierte dann auch Gramsci, der damalige und zeitweilig führende Funktionär der Komintern bei der Reflexion und Selbstverständigung in den Jahren seiner Haft. Gramsci war „Marxist" und „Leninist" und er forderte seine Partei und die Komintern auf das geistige Erbe Lenins, den Leninismus zu studieren. Wie Palmiro Togliatti, sein Nachfolger in er Komintern und in der Spitze der IKP schreibt, stimmte Gramsci auch Stalins Vorlesungen zum „Leninismus" und seiner Systematisierung der wichtigsten Gedanken Lenins zu: „Es gibt in den Quaderni eine sehr klar zustimmende Bemerkung zur Darlegung der Grundprinzipien des Leninismus durch Stalin, ." (P. Togliatti in Holz/Pristino: a.a.O., S. 148. Togliattit zitiert hier aus A. Gramsci . Note sul Machiavelli, sulla politica e sullo Stato moderno, Turin, Einaudi 1949, S.114)
Gramscis positive Stellung zur Oktoberrevolution, in der er den Beginn der sozialistischen Revolution im Weltmaßstab sah, führte ihn dazu, in Italien mit all seiner Kraft für die Verbreitung der Politik der Bolschewiki, des Leninismus und für die Formierung einer von den damaligen Sozialisten autonomen revolutionären Kommunistischen Partei zu kämpfen, die den Weg, den die Oktoberrevolution gewiesen hatte, ebenfalls gehen sollte. L. Mayer schreibt dagegen: „Gramsci kommt zu der Schlussfolgerung, dass das russische Revolutionsmodell grundsätzlich nicht auf den Westen zu übertragen ist." Er behauptet eine Distanz Gramscis zur Oktoberrevolution, die nur in seiner Phantasie besteht. Gramsci sagte (im Januar 1921) „Die große russische Revolution ist die erste große proletarische Revolution, die siegreich mit der Eroberung der Macht durch das Proletariat im größten kapitalistischen Land der Welt und mit der erstmals in der Geschichte vollendeten Diktatur des Proletariats ihren Abschluss fand. Diese historische Erfahrung der russischen revolutionären Klasse hat eine gewaltige Bedeutung für das internationale Proletariat und für dessen Kampf um die Befreiung." (zit. n. Harald Neubert: Die historische Bedeutung Gramscis für die internationale Arbeiterbewegung. In Holz/Sandkühler ; a.a.O., S. 124)
Und Gramscis Nachfolger in der Führung sowohl der Komintern wie in der IKP, Palmiro Togliatti, schrieb anlässlich seines Todes 1937: „Gramsci war der erste, der in Italien die internationale Bedeutung der Lehre Lenins, die internationale Bedeutung des Bolschewismus und der Großen Oktoberrevolution begriff."
Insofern gehört Gramsci natürlich auch heute zu uns Kommunisten und nicht zu den verschiedensten Schattierungen des Reformismus, die seine analytischen und konzeptionellen Schwächen, von denen HH Holz bei Gramsci spricht, gegen den revolutionären Marxismus und Kommunismus ausnutzen wollen.
Weder die Mythologisierung von Gramsci noch seine jetzt beabsichtigte „Ikonisierung" zu einem vierten Klassiker des „Marxismus" wird dem historisch-realen Kommunisten Gramsci gerecht.
„Retter in der Not"?
Ich streite mit L. Mayer über eine Aussage nicht, weil ich sie sehr wichtig finde. „Es muss einen doch umtreiben, dass die Krise immer weiter eskaliert, aber nicht zur Stunde der Linken und Kommunisten wird."
Aber ist der Frust über diese Lage, vor der Dutzende Generationen von Kommunisten standen und stehen, Grund genug , aus willkürlich zusammengeklaubten, mittlerweile auch nicht mehr so taufrischen Schlagwörtern wie „Hegemonie", „societá civile", „Alltagsphilosophie", „Bewegungs- und Stellungskrieg", „blocco storico" etc. den ganz großen Wurf zusammenzubasteln, der „endlich den Knoten zum Platzen bringt"?
Ich bin seit fast 40 Jahren in der DKP, man komme mir nicht mit solchen idealistischen Reden und Versprechungen. Man kann noch so schöne Wortspiele betreiben - auch auf Italienisch – die arbeitenden Menschen werden sich nicht primär nach unseren Slogans und Vokabeln richten, sondern nach ihren eigenen Interessen und Notwendigkeiten.
Wenn wir diesen nicht eine nachvollziehbare Perspektive verleihen - d.h. Klassenzusammenhänge vermitteln, kollektive Erfahrungen der Arbeiterbewegung über den Zusammenhang von Kapital und Staat , von Eigentum und Macht vermitteln, eben das „kleine ABC des Marxismus-Leninismus"- können wir noch bis zum 250.Todestag oder Geburtstag von A. Gramsci in seinen unter den Bedingungen der Gefängniszensur entstandenen Texten oder Textteilen wühlen und philologische Exegese betreiben.
Aber zum Glück entscheidet sich der Klassenkampf sowieso nicht zwischen meinen Auffassungen und denen von L. Mayer und anderen „Marxisten-Anderisten".
Zu einigen substantiellen Fragen im Gramsci-Werk
Die Erhebung zum „Klassiker" des Marxismus an dem wir uns heute zu orientieren hätten, wirft die Frage nach den Konsistenz, Originalität und der praktischen Bedeutung des Gesamtwerkes oder zumindest seiner wichtigsten Bestandteile auf.
Die Originalität des Werkes von Gramsci auf dem Gebiet von Kultur und Literatur will ich nicht diskutieren- sie ist in vielerlei Hinsicht gegeben und der kommunistische Kulturtheoretiker Th. Metscher hat dazu Erhellendes in dem Holz/Prestipino-Band geschrieben. Ich verweise aber auf den ungarischen Kommunisten und Philosophen Andras Gedö der in seiner wissenschaftlich sehr gediegenen Beurteilung der Philosophie Gramscis und des „Gramscianismus" zu einer sehr differenzierten Beurteilung von Gramsci als marxistischer Philosoph kommt.
Er stuft Gramscis philosophische Arbeiten ein als ein Beschreiten von „Denkwege(n) in einem spannungsvollen, mehrdeutig ausgeschilderten, dichten und heterogenen Feld". Diese Gedankengänge waren „bald spitalförmig, bald unterbrochen". Die Darstellung des Gedankens vermengte sich mit der Beschreibung oder eher der Andeutung der den Gedanken implizierenden bzw. einschränkenden ihm widersprechenden Meditationen." Etliche Denkwege mündeten in neuen Fragen oder führten zu den ursprünglichen zurück. Hier und da fehlten „Zeit und die Kraft, die eigenen Gedanken zu Ende zu denken." (A. Gedö „Der Marxismus als geschichtliche Philosophie. Gramscis Denkwege im Spannungsfeld von ´absolutem Historismus` und materialistischer Dialektik." In HH Holz/ G. Prestipino., S. 120)
Die Geschichte der Gramsci-Rezeption (nicht nur) in Italien spiegelt das Fragmentarische in Gramscis Werk auf sehr unterschiedliche Weise wider. Verallgemeinernd, lässt sich jedoch mit Gedö sagen, ist dem „Gramscianismus" die „übergreifende Tendenz inhärent, das Nicht-Materialistische, das im Idealismus-Befangene in Gramscis Gedanken hervorzuheben und als sein Werk kennzeichnendes Endergebnis darzustellen." Begünstigt wurde diese generelle Tendenz dadurch, dass Gramscis Marxismus-Verständnis zwei Besonderheiten und „Eigentümlichkeiten" (Gedö) auszeichnet: das Überwiegen der politischen Theorie und das Konzept des Marxismus als „geschichtlicher Philosophie". Gedös Urteil lautet, dass „die Begriffe von Philosophie, Geschichtlichkeit und Praxis, mit denen er (Gramsci ) sein Konzept des Marxismus als Philosophie umschrieb, zu Denkwegen führte, „die in einem „Spannungsfeld (verblieben), dem auch das Element des Inkonsistenten, Schwebenden, Inkohärenten anhaftete." (a.a.O., S. 124
Ich kann als Kommunist beurteilen, ob für die Analyse des heutigen Imperialismus Unverzichtbares oder gar bislang nicht Bekanntes – im Vergleich zu Marx, Engels und Lenin - enthalten ist. Ich finde nichts dergleichen. Das ist nicht so schlimm. Gramsci hat nie behauptet, ein Ökonom zu sein und die Leninsche Imperialismustheorie, in ihrer Weiterentwicklung durch kommunistische Ökonomen, die sich um die Theorie des staatsmonopolistischen Kapitalismus verdient gemacht haben, bietet genügend Wissen für die Analyse des heutigen Monopolkapitalismus-Imperialismus.
Ich kann als Kommunist auch beurteilen, ob in der Parteitheorie von Gramsci Tiefsinnigeres und Wichtigeres zu finden ist als bei Lenin. Ich finde nichts Bedeutenderes. Im Gegenteil Gramsci verweist selbst auf das Vorbild der von Lenin geprägten Bolschewiki und der Leninschen „Partei neuen Typus".
Ich kann als Kommunist auch prüfen, ob in der Frage der Macht und des Staates bei Gramsci Überlegungen zu finden sind, die den Bruch mit diesem „Produkt der Unversöhnlichkeit der Klassengegensätze" erleichtern. In der Zeit vor seiner Haft finde ich bei Gramsci das wohlbekannte von Marx, Engels, Lenin erarbeitete theoretisch Wissen um die Notwendigkeit des Kampfs gegen illusionistische Vorstellungen von Klassenharmonie und die Parlamentsfixiertheit der damaligen Sozialdemokratie. Der führende KPI- und Komintern-Politiker Gramsci, der als Leninist gegen die damaligen Varianten der reformistischen Transformationsstrategie und des Reformismus auftrat, ist mir sehr sympathisch.
Sein deutscher Zeitgenosse Ernst Thälmann, unter dessen Führung die KPD zur Massenpartei wurde, ist mir jedoch nicht nur aus Traditionsgründen näher, sondern weil wir – trotz aller Schwächen („Sozialfaschismustheorie", die aber von allen Komintern-Parteien vertreten wurde) und Überschätzung der damaligen Möglichkeiten für den „Sturm" auf die Zentren der Macht) - viel mehr Konkreteres und Brauchbareres bei ihm zum Thema Bündnis- und Klassenpolitik gegen die kapitalistische Krise finden , als in den (zwangsläufig ) sehr abstrakten Überlegungen der „Gefängnishefte" des so lange in Isolationshaft und in Krankheit lebenden Italieners.
Das gilt gerade jetzt, wo sich eine nichtproletarische, in Teilen bewusst auch nicht antikapitalistische Kritik am jetzigen Finanzsystem entwickelt. Die „occupy"- Bewegung, die L. Mayer jetzt so heftig begrüßt, stellt m.E. jedoch ganz andere Anforderungen als die, die er sieht, und legt ganz andere Schlussfolgerungen nahe, als die seinen. L. Mayer sagt: „Zwingt das nicht dazu, unsere Formen und Methoden der Organisation, unsere Konzepte und gesellschaftlichen Diskurse auf den Prüfstand zu stellen?"
Ich frage: „Warum so bescheiden?"
Ich antworte: „"Occupy", deren differenzierte personelle, ideologische und organisatorische Zusammensetzung und Ziele ich hier gar nicht näher thematisieren will, bestätigt etwas ganz anderes. Sie bestätigt die Richtigkeit der jahrzehntelang von uns Kommunisten propagierten antimonopolistischen Strategie. Es sind unsere Losungen, die von einem Teil der Banken-Kritiker jetzt entdeckt worden sind.
„Brecht die Macht der Banken und Konzerne" - das ist unsere Losung.
Wobei ein anderer Teil der „occupy"-Bewegung aber nur für eine „andere Art" von Banken - ohne deren spekulative Auswüchse - eintritt.
So wie wir seit Jahrzehnten als DKP in der Friedensbewegung, in der Bewegung gegen die Atom- und Rüstungsindustrie, in der Bewegung der Frauen, in der Demokratie-Bewegung und in der Solidaritätsbewegung mit unseren eigenen Vorstellungen tätig sind, so ist es für mich selbstverständlich, dass auch Kommunisten in der neuen Bewegung der Kritik am Finanzsystem aktiv vertreten sind.
Wir haben Positionen, Grundlagen, Analysen - gerade in diesem Sektor gestützt auf die Imperialismus- und Kapitalismus-Analysen von Marx, Engels, Lenin.
Wieso uns ausgerechnet dabei das nicht vorhandene ökonomische Werk des Kommunisten Gramsci, der auf Teilgebieten wichtige Anregungen geben kann, den besonderen „Kick" geben wird und die „Massen" in Strömen auf die Seite der politischen Linken und Arbeiterbewegung bringt, diese Logik erschließt sich mir nicht.
____
Hans Peter Brenner ist Mitglied des Parteivorstands der DKP, Leo Mayer einer der stellvetretenden Vorsitzenden der Partei.