Elsaesser: Volksfront oder Querfront ?
Juergen Elsaesser, 12.01.2009, nach http://die-rote-fahne.eu/headline202.html :
"1. Die Krisenanalyse der meisten Linken ist falsch,da sie das imperialistiche Moment unterschaetzt. Die aktuell einsetzende Depression ist ERGEBNIS EINES BEWUSSTEN ANGRIFFS DES INTERNATIONALEN FINANZKAPITALS AUF DEN REST DER WELT. Dabei kommen "finanzielle Massenvernichtungsmittel" zum Einsatz, die NICHT AUS UEBERAKKUMULATION, SONDERN aus "fiktivem Kapital" ... munitioniert sind ...
2. Bei der ABWEHR DES ANGRIFFS spielt der NATIONALSTAAT DIE ENTSCHEIDENDE ROLLE. ...
3. In allen Staaten, auch in Deutschland, entwickelt sich ein zunehmender Widerspruch zwischen Industrie- und Bankkapital. Letzteres, ENG MIT DEN ANGLOAMERIKANISCHEN ANGREIFERN VERBUNDEN, erdrosselt ersteres in einer Kreditklemme.
4. HAUPTAUFGABE DER LINKE ist der AUFBAU EINER VOLKSFRONT, die das NATIONAL- BZW. "ALT-EUROPAEISCH" ORIENTIERTE INDUSTRIEKAPITAL EINSCHLIESST. Reduzierung auf KLASSENKAMPF IST SEKTIERERISCHER UNSINN.
5. HAUPTAUFGABE DER VOLKSFRONT ist die entschaedigungslose Eneignung des Finanzsektors und die ABDRAENGUNG DES ANGLOAMERIKANISCHEN FINANZKAPITALS AUS EUROPA, in der PERSPEKTIVE EINES EURASISCHEN BUENDNISSES ..."
(Hervorhebungen durch mich)
Was bedeutet Volksfront ?
Die Volksfront-Konzeption wurde in den 1930er Jahren entwickelt. In ihr waren die Erfahrungen der Arbeiter- und demokratischen Bewegungen im Kampf gegen den Faschismus verarbeitet. Kerngehalt: AKTIONSEINHEIT DER ARBEITERKLASSE ueber weltanschauliche, politische und im Detail unterschiedliche soziale Interessen hinweg; zweitens Herstellung eine Buendnisses einer politisch geeinigten Arbeiterklasse mit anderen Klassen und Schichten - Kleinbuergertum, Bauern, Intellektuellen, womoeglich Teilen der nicht-monopolistischen Bourgeoisie. (Vergl. dazu: Prager Manifest der SPD, 1934: http://www.harte--zeiten.de/dokument_396.html , Rede von Dimitroff auf dem VII. Weltkongress der Komintern, 1935: http://www.mlwerke.de/gd/gd_001.htm .)
Der ins Auge gefasste Gegner, der mit einer Volksfront-Politik bekaempft werden sollte, war der reaktionaerste Teil der Monopolbourgeoisie, das Finanzkapital und die Schwer- und Ruestungsindustrie, politisch repraesentiert vom Staat.
Der Begriff Volk wird also hier verwendet als Sammelbezeichnung fuer alle Klassen und Schichten, der Interessen gegen Letzteres stehen. Das politische Ziel der Volksfront ist, diesen reaktionaersten Teil der Bourgeoisie von der Macht zu verdraengen, ihn daran zu hindern, dass er die buergerlich-demokratische Variante der buergerlichen Herrschaft - die parlamentarische Republik - durch die faschistische Variante der Machtausuebung - die offene terroristische Diktatur - ersetzt, bzw., wo eine solche bereits installiert war, diese niederzumaempfen.
Bei Elsaesser wird das "Volk" etwas, das dem faschistischen Verstaendnis dieses Wortes nahekommt - "Volksgemeinschaft". Klassenkampf - der Ausgangspunkt der Volksfront-Konzeption, ist ihm "sektiererischer Unsinn". Das Problem der Einigung der Arbeiterklasse - die VORAUSSETZUNG einer Volksfront-Politik , deren WICHTIGSTES SUBJEKT die einig handelnde Arbeiterklasse ist - kommt bei ihm gar nicht vor. "Das Volk" steht bei Elsaesser fuer - Interessen des Staates, des deutschen, der einen AEUSSEREN Gegner hat, naemlich das "angloamerikanische Finazkapital". Einen inneren Gegner gibt es nur insofern, als es eine Finanzbourgeoisie gibt, die AGENT DES AEUSSEREN FEINDES ("mit den Angreifern ... verbunden") ist.
Elsaesser betreibt damit, wenn er en Begriff Volksfront benutzt, Etikettenschwindel. Der offenbare Zweck ist, mit diesem Begriff sein Anliegen als "links" auszuweisen und Linke, die diesen Begriff irgendwie ungenau im Ohr haben, ueber eben dieses zu hauen.
Elsaessers und der Imperialismus
Imperalismus-Definitionen gibt es viele. Fuer die Linke hat ihn Lenin am klarsten definiert. Er verwendet ihn fuer die Bestimmung einer bestimmten EPOCHE der kapitalistischen Entwicklung, die dadurch charkterisiert ist, dass der Kapitalismus der freien Konkurenz von monopolistischer Konkurrenz abgeloest ist, dass Monopole sich zur oekonomischen und politischen Vorherrschaft aufgeschwungen haben, dass Finanz- und monopolistisches Industriekapital miteinander verschmelzen, dass die Notwendigkeiten des Kapitalexports zur bestaendigen Neuaufteilung der Macht- und Einflusssphaeren zwingen, was logischerweise das Mittel des Krieges beinhaltet.
Elsaesser macht aus dieser analytischen Kategorie, die oekonomische und politische Momente einschliesst und miteinander verbindet, eine POLITISCHE. (Das machen buergerliche Imperialismus-Theorien auch.) Das wird deutlich bei seiner Vorstellung von Krise. Er interpretiert einen normalen Bestandteil des kapitalistischen Verwertungszyklus, der neben Phasen der Prosperiatet eben genauso die Krise beinhaltet, als VERSCHWOERUNG: "Bewusster Angrifff des internationalen Finazkapitals auf den Rest der Welt".
Aber nicht nur das. Er bleibt nicht dabei stehen, dass es danach dann logischerweise alle moeglichen Imperialisten geben muesste. Es gibt nur einen Imperialismus: das angloamerikanische Finanzkapital. Das bedeutet: Elsaesser hat nicht nur einen oberflaechlichen, buergerlichen Imperialismus-Begriff, sondern er verwendet diesen als Kampfbegriff, als Verortung eines angeblichen auesseren Feindes, der aus Deutschland und "Alt-Europa" "verdraengt" werden muesse. Dieser angeblich notwendige Kampf ist fuer ihn ein GEOPOLITISCHER zwischen STAATEN, und zwar zwischen den boesen "anglomaerikanischen" und den guten, dem deutschen und eventuell den "alt-europaeischen" - "mit der Perspektive eines eurasischen Buendnisses". Was an einem solchen weniger imperialistisch sein sollte als an einem "angloamerikanischen Imperialismus" wird nicht mitgeteilt.
Fuer Elsaesser ist demnach Antiimperialismus Kampf gegen die USA/Grossbritannien, und zwar als Kampf ZWISCHEN STAATEN, im gegebenen Fall also DEUTSCHLANDS, und zwar mit dem Mittel der Aufrichtung einer Macht, die der "angloamerikanischen" ebenbuertig ist - "eurasisches Buendnis". - Kriegsprogramm, zu Ende gedacht !
Man lese nach, was "Nationalbolschewisten" und "Querfront"-Denker in der Zeit der Weimarer Republik gedacht haben. Man wird manche Aehnlichkeit finden. (Hinweis fuer Elsaesser: Das geht schief, wenn es geht. Strasser war zwar nuetzlich fuer die Zerstoerung der Weimarer Republik, aber ein Jahr nach seiner Machteinsetzung hat Hitler ihn liquidieren lassen. Der "linke Fluegel" der "Voelkischen" hatte sein Funktion erfuellt und stoerte danach bloss noch.)
Internationalisierung
Im Zug der "Globalisierungs"-Diskussionen hat sich in der Linken eine gewisse Uebertreibung des Internationalisierugs-Aspekts ausgebreitet, verbunden mit einer gewissen Vernachlaessigung der Rolle der angeblich schwaecher werdenden Nationalstaaten, die von vielen als nur noch Agenten des "internationalen Finanzkapitals" vorgestellt werden. Daran knuepft Elsaesser an und interpretiert den in Wirklichkeit ziemlich kraeftigen und zunehmend unverschaemten deutschen Staat zum underdog um, den die Volksgemeinschaft, ach nein: die Volksfront, gegen den angloamerikanischen Feind schuetzen muesse. Das hatten wir so aehnlich schon mal.
Eine differenzierte Sicht auf Internationalisierung/Nationalstaat vermittelt dieser Text: Klaus von Raussendorf: Wer regiert die Welt ? ... http://www.freidenker.org/cms/dfv/index.php?option=com_content&view=article&id=136:wer-regiert-die-welt-oder-wie (kucaf
hat ihn in seinem Diskussionsbeitrag zu AmSeL schon verlinkt. Hierher passt er auch sehr gut.)
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