Islamischer Sozialismus
In Le Grand Soir, Journal militant d`information alternative, http://www.legrandsoir.info/Le-socialisme-islamique-rourir-une-perspective.html vom 9.10.2009 habe ich einen Text von Youssef Girard gefunden, der mir wichtig zu sein scheint. Originaltitel: Le "socialisme islamique": Rouvrir une perspective. Nun habe ich nicht die Zeit, ihn "ordentlich" zu uebersetzen. Ich habe ihn daher "auf die Schnelle" ins Deutsch uebertragen. Der folgende deutsche Text ist aber trotzdem fast woertlich und in jedem Fall sinnentsprechend.
Girards Artikel scheint mir deswegen wichtig zu sein, weil er den ideellen und praktischen Zusammenhang heutiger politischer Bewegungen in arabischen und muslimischen Laendern mit den antikolonialen Kaempfen und der Gruendung der heutigen Nationalstaaten herstellt, die agierenden sozialen Klassen und ihre Ideologien und ihre Kaempfe gegeneinander thematisiert - all das, was in den westlichen Medien gewoehnlich unter den tumben Labeln "Fundamentalismus" und "Terror" abgehandelt wird.
Auch in der arbischen und muslimischen Welt geht es um die weltweite Krise und um eine historische Perspektive, die es lohnt, sich zu engagieren. Girard leuchtet das fuer den muslimischen Teil der Welt aus.
Hier der verdeutschte Text:
Die kapitalistische Krise wirft die Frage nach der Perspektive dieser sozio-oekonomischen Ordnung auf. Von der fuenfhundertjaehrigen Ausbeutung der Peripherie durch die Zentren und der Ausbeutung der Volksmassen in diesen selbst hat nur eine kleine Minderheit profitiert. Die Krise spitzt die Widersprueche des Kapitalismus zu und macht den Prozess, in dem sowohl die Menschen als auch die Materie und der Geist zur Handelsware werden, um so weniger hinnehmbar. Damit entsteht die Moeglichkeit, dass alle, die eine ethisch verantwortbare und im globalen Massstab gerechte Welt wollen, sich dazu gemeinsam bekennen und einheitlich und aufeinander abgestimmt handeln.
Im islamischen Diskurs wird vor allem abgestellt auf den Finanz-Aspekt und ein "islamisches Finanzwesen", das sich seit mehreren Jahrzehnten entwickelt. Aber dieses "islamische Finanzwesen" erscheint eher als Abguss des klassischen Finanzkapitalismus.. Die imperialistischen Zentren foerdern ihn angesichts der Krise und des Mangels an Liquiditaet sogar, in der Hoffnung, dass ihnen Mittel aus den muslimischen Oelstaaten zufliessen. Auf muslimischer Seite meidet die Mehrheit der Ulemas (muslimische Rechtsgelehrte; d. Ue.) und der Intellektuellen die Frage, wohin dieses "islamische Finanzwesen" fuehren soll, dessen Ziel sich in nichts vom klassischen Finanzsektor unterscheiden, und stellen auf eine formelle und juristische Betrachtung im islamischen Sinn ab. Wie das in der uebrigen kapitalistischen Oekonomie auch der Fall ist, ist diese Herangehensweise gelenkt von dem Wunsch, die Akkumulation von Kapital zu maximieren.
Wie dem auch sei, die Muslime sind nicht vom Rest der Welt isoliert und, ob das den Apologeten des "islamischen Finanzwesens" gefaellt oder nicht, es stellt sich fuer sie die Frage nach der Perspektive des Kapitalismus gerade so wie fuer den Rest der Welt. Es ist offensichtlich, dass die islamischen Gesellschaften von Klassengegensaetzen gepraegt sind, und dass die dominierenden Klassen, wie in der uebrigen Welt auch, sich der Infragestellung des Kapitalismus, dem sie ihre Dividenden verdanken, entgegenstellen. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte ist diese Opposition gegen eine Infragestellung des Kapitalismus haeufig mit einer scharf konservativen Interpretation des Islam im Dienst der Legitimierung einer einzigen (angeblich einzig moeglichen; d.Ue.) Ordnung verbunden. Gegen diese konservative Interpretation hat sich (aber) eine soziale entwickelt, die auf die nationale Berfreiung und die soziale Befreiung der Volksmassen der muslimischen Nationen abstellt. Daraus resultiert ein wahrer Klassenwiderspruch zwischen diesen beiden Lesarten des Islam, der zu gegensaetzlichen sozialen Zielen fuehrt. Um in der Diktion des Koran zu sprechen: Der Islam der Moustakabarin - der Hochmuetigen, der Herrschenden - stellt sich dem Islam der Moustadhafin - der Unterdrueckten entgegen ....
Anhaenger des Letzteren, bestimmte Intellektuelle und politische Fuehrer, ueberlegen einen moeglichen Ausweg aus dem Kapitalismus mit dem, was sie "islamischen Sozialismus" nennen. In der zweiten Haelfte des 19. Jahrhunderts sprach der religioese und politische Fuehrer Djamal ed-Din al-Afghani bereits von der "sozialen Rolle des Propheten" und entwickelte Vorstellungen von einer radikalen Sozialreform mit sozialistischer Perspektive. Den Ueberlegungen al-Afghanis folgend, ist der Islam fuer die Anhaenger des "islamischen Sozialismus" eine urspruenglich egalitaere Religion, die den Keim des Sozialismus in sich traegt. Dieser Sozialismus wurde direkt aus den Prinzipien des Koran und aus dem Gestus des Propheten und seiner Gefaehrten abgeleitet.
Die intellektuellen und politischen Fuehrer bedienten sich dieser theologischen und historischen Bezuege, um die These vom "islamischen Sozialismus" zu verteidigen. 1964 sagte Gamal Abdel-Nasser: "Wir haben erklaert, dass unsere Religion eine sozialistische Religion ist und dass der Islam im Mittelalter zu den ersten sozialistischen Erfahrungen in der Welt ueberhaupt gelangt ist." Und der syrische Theologe Mustafa Siba´ i : "Der islamische Sozialismus ist im Mittelalter dazu gelangt, eine sozialistische Gesellschaft aufzubauen, die erste sozialistische Gesellschaft auf der Welt." Der pakistanische Fuehrer Zulfikar Ali Bhutto kam in seinen Reden immer wieder darauf zurueck, dass der Islam eine Religion der Gleichheit sei und sich der islamische Sozialismus - dessen gluehender Verfechter er war - sich darauf gruende. ...: "Die Gleichheit ist ein kardinaler Grundsatz des Islam. Die Gleichheit ist die Botschaft unseres Propheten. Die Khulafa-e-Rashedeen (die ersten vier Nachfolger Mohameds) haben ihre Regierung nach diesem Grundsatz ausgerichtet. Diejenigen, die gegen die Gleichheit sind, vertreten nicht das Anliegen des Islam."
Will man diese Bekenntnisse einer formellen Kritik unterziehen, muss man sie (als Ausdruck des) Willens verstehen, eine bestimmte Idee vom Sozialismus im Rahmen islamischer Bezuege zu legitimieren. Es handelte sich darum, die Wiederaneignung des Islam auf die Tagesordnung zu setzen im Sinne einer politisch-sozialen Theologie, in Gegensatz zu einer politischen Theologie des Kapitalismus., die sich haeufig nicht offen als solche auswies. Der "islamische Sozialismus" als Idee, die zahlreichen Publikationen zugrunde leigt, versuchte, sich einer doppelten Herausforderung zu stellen;
1. Dieser besondere Sozilismus wollte sich vom westlichen Sozialismus absetzen und unterscheiden, indem er sich als Teil der spirituellen und zivilisatorischen Identitaet des Islam definierte und nicht als exogene Bezugnahme auf diese Zivilisation. Dieser besondere Soziliasmus war untrennbar eingebettet in die Kaempfe fuer nationale Befreiung und in die Dynamik der national-kulturellen Wiedergeburt der arabischen und muslimischen Laender und gleichzeitig ein Mittel der Herstellung sozialer Gerechtigkeit und der Sicherung der oekonomischen Unabhaengigkeit der unterworfen und abhaengig gewesenen Nationen.
2. Der "islamische Sozialismus" sollte ein Antwort sein auf diejenigen konservativen sozialen Kraefte, die mit dem westlichen Imperialismus liiert waren und in der islamischen Welt die Idee des Sozialismus als solche angriffen, indem sie sie als "importiert" behandelten und Sozialismus mit Atheismus gleichsetzten. Insbesondere das Zentrum der arabischen und muslimischen Reaktion, Saudi-Arabien, spielte eine bedeutende Rolle im Kampf gegen die Verbreitung des "islamischen Sozialismus" und finanzierte dessen Gegner. Die US-Hegemonie ueber dieses Koenigreich tat dem offebar nicht gerade Abbruch.
Die Gegner der sozialistischen Idee in der arabisch-muslimischen Welt verzeichneten zahlreiche Erfolge, als die verheerende Niederlage vom Juni 1967 (Israelisch-aegyptischer "Sinai"-Krieg; d. Ue.) in einer Reihe arabischer und muslimischer Laender das Tor fuer eine wahre "konservative Revolution" aufstiess. Die Konservativen beschuldigten die Verfechter des Sozialismus, die Hauptverantwortlichen fuer diese tragische Niederlage zu sein. Nach dem Tod Gamal Abdel-Nassers im September 1970 setzte Ansuar as-Sadat seine Infitah-Politik, die er in allen wichtigen westlichen Hauptstaedten vorstellte, ins Werk, liquidierte die sozialen Errungenschaften der Nasser-Aera und stellte die nationale Unabhaengigkeit Aegyptens unter den Vorbehalt seiner Gefolgschaft gegenueber den USA. In Pakistan wurde Zulfikar Ali Bhutto, der die Idee vetrat, in seinem Land einen "islamischen Sozialismus" zu etablieren, im Juli 1977 von General Zia-ul-Haq ersetzt, mit aktiver Unterstuetzung der USA und Saudi-Arabiens. Am 4. April 1979 machte man mit Zulfikar Ali Bhutto ein Ende, und mit ihm mit der Idee von "islamischen Sozialismus", den General Zia-ul-Haq zund seine maechtigen Verbuendeten ebenfalls zu ermorden trachteten.
Dieser Rueckschritt der Bewegungen fuer soziale und nationale Befreiung weltweit setzte in den Jahren 1980 - 1990 die sozialistischen Ideen in den arabischen und muslimischen Laendern in Paranthese. Die liberalen Ideen setzten sich durch, mit ihrer Privatisierung, insbesondere in den strategischen Energiesektoren, und dem Abbau sozialer Rechte, dessen erste Opfer die Volksmassen waren. Aber, wie Mustafa Siba `i sagte: "Der Sozialismus ist keine voruebergehende Mode, er ist eine Menchheitstendenz, die sich in der Lehre des Propheten ausdrueckt, in den Reformen der Gerechten, von Anfang der Geschichte an. Die Voelker der Welt von heute - vor allem die zurueckgebliebenen - trachten, ihn tatsaechlich zu realisieren, um sich von den Ablagerungen der sozialen Ungerechtigkeit und der Ungleichheit der Klassen zu befreien ...."
Die weltweite kapitalistische Krise und die Erfahrungsprozesse, die heute in Suedamerika, in Laendern wie Venezuela und Bolivien, gemacht werden, werfen fuer die Muslime die Frage auf, welches oekonomische Modell sie verfolgen und sich aneignen wollen. Desgleichen stellt ihnen die Erfahrung der Theologie der Befreiung im Rahmen der neuen Linksentwicklung in Suedamerika die Frage nach einer antikapitalistischen Ethik, wie sie die "Christen fuer die Befreiung" von ihrem religioesen Bezugspunkt aus entwickeln. Das muss zu einer Neubewertung ueber die Konsequenzen der kapitalistischen Wirtschaft fuehren, und zwar nicht nur, indem man die formellen (islamisch-)juristischen Gesichtspunkte, wie zum Beispiel das Zinsverbot, ins Auge fasst. In diesem Zusammenhng koennte der Rueckgriff auf den "islamischen Sozialismus" neue Perspektiven eroeffnen. Fernab der demagogischen Slogans von "Islam ist die Loesung", koennte der "islamische Sozialismus" einer der spezifischen Beitrage der Muslime in der globalen Denatte ueber die Auswege aus dem Kapitalismus sein.
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